Pep Bras: Das Mädchen, das nach den Sternen greift

Von Brasilien nach Paris

Die Geschichte beginnt mit einem großen Schiffsunglück vor der Küste der kleinen brasilianischen Insel Ilhabela, bei der Joan Bras, Urgroßvater des Autors, unter unglaublich anmutenden Umständen wieder zum Leben erwacht, nachdem man ihn bereits irrtümlich bestattet hatte. Ohne Erinnerung und geplagt von ständig wiederkehrenden Alpträumen findet er sein Glück schließlich mit Catarina, seiner Retterin und großen Liebe. Mit der Geburt der Tochter Sión scheint das Glück perfekt, doch als Catarina tödlich verunglückt, verliert Joan jeden Halt und muss das Mädchen in eine Pflegefamilie geben.

Jahre später scheint sich das Schicksal zu wenden. Joan lernt bei der Arbeit auf der Baustelle eines Luxushotels den millionenschweren Bauherrn, den Franzosen Maurice Carrière, und dessen Tochter Isabelle kennen. Als er Isabelle heiratet, kann er Sión mit nach Paris nehmen. Für beide beginnt ein neuer, glücklicher Lebensabschnitt. Doch als Sión, die schon immer Puppen geliebt hat, den Bauchredner und Puppenspieler Julien kennenlernt und von ihmunterrichtet wird, nimmt das Verhängnis seinen Lauf…

Der Roman wird in zwei Zeitabschnitten zwischen 1909 und 1920 auf Ilhabela und von 1920 bis 1930 in Paris erzählt. Dabei wird immer wieder auf parallele Geschehnisse der Zeit Bezug genommen, was sich sehr spannend liest. In Paris tauchen Zeitgenossen wie Picasso und Gertrude Stein an er Peripherie kurz auf und werden mit wenigen charakterisierenden Sätzen lebendig.

Ich musste beim Lesen immer wieder an Romane von Isabel Allende denken, was vielleicht auch daran liegt, dass die Übersetzerin, Svenja Becker, auch diese Autorin übersetzt. Die Anklänge an den magischen Realismus und die Welt der Fabel erinnern mich an die Literatur Südamerikas, obwohl der Autor, Pep Bras, Spanier ist. Das farbenprächtige Bild, das Bras vom Leben seiner Protagonisten zeichnet und das im Cover gut wiedergegeben wird, macht den sehr unterhaltsamen Roman absolut lesenswert.

Pep Bras: Das Mädchen, das nach den Sternen greift. Insel 2015
www.suhrkamp.de

Marc Buhl: Dreisiebenfünf

Erinnern oder vergessen?

November 2007: Paul Cremer, erfolgreicher Antiquitätenhändler aus dem Schwarzwald,40 Jahre alt, fährt mit seinem Mercedes auf den Schauinsland undschießt sich eine Kugel in den Kopf. Warum? Diese Frage kann er, als er nach langem Koma in der Universitätsklinik Freiburg allmählich erwacht und in eine neuropsychiatrische Rehaklinik in Badenweiler verlegt wird, nicht beantworten, denn es fehlen ihm in seiner Erinnerung 18 Jahre.

Paul Cremer wähnt sich Frühjahr 1989, 22-jährig, als einer der letzten politischen Gefangenen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Und Hannah, von der er immer wieder spricht, kennt hier niemand. Sein Psychiater weiß nur von Christiane, der Frau, mit der Paul Cremer verheiratet ist, und dem gemeinsamen 17-jährigen Sohn Thomas. Und die wieder sind Cremer gänzlich unbekannt.

Die Erlebnisse Cremers in Hohenschönhausen als Häftling 375 sind bruchstückhaft in die Geschichte eingestreut und setzen sich für ihn wie für den Leser wie ein Puzzle zusammen. Marc Buhl hat für diesen Teil seines Romans ein Jahr lang recherchiert und zahlreiche Gespräche mit Exinsassen von Hohenschönhausen geführt.

Ein Roman, der mich tief beeindruckt hat und den ich mir als Schullektüre wünschen würde. Es ist mir unverständlich, warum der Eichborn Verlag das Buch nicht mehr auflegt und keine Taschenbuchlizenz vergeben hat.

Marc Buhl: Dreisiebenfünf. Eichborn 2008
www.luebbe.de

Charlotte Brontë: Jane Eyre

Ein bedeutender Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts

Die Ich-Erzählerin Jane Eyre wächst als ungeliebte Waise im Hause einer Tante auf. Mit zehn Jahren kommt sie in die berüchtigte  protestantische Anstalt Lowood. Doch nicht der hartherzige puritanische
Geistliche, der die Anstalt leitet und für die harten äußeren Bedingungen verantwortich ist, sondern die gütige Vorsteherin Miss Temple prägt für Jane Eyre diese acht Jahre. Als Miss Temple Lowood
verlässt, sucht auch Jane sich eine Stelle als Erzieherin und kommt auf den Herrensitz Thronfield des egozentrischen und vermeintlich ledigen
Gutsherrn Mr. Rochester, in den sie sich bald verliebt. Obwohl sie äußerlich unscheinbar ist, verliebt auch Rochester sich in die intelligente, zeilstrebige junge Frau. Doch am Tag der Hochzeit wird Rochesters schreckliches Geheimnis offenbar und Jane Eyre flieht…

Wie die Romane von Jane Austen gilt auch Jane Eyre als bedeutender Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts, obwohl er viele Elemente des Trivial- und Schauerromans seiner Zeit aufweist. Die Titelheldin verfolgt geradlinig ihren Weg, geleitet nicht von ihrem Gewissen, sondern von ihrem Selbstbewusstsein, ausgestattet mit einer scharfen Beobachtungsgabe.

Charlotte Brontë ist die älteste der drei Schriftsteller-Schwestern. Ihren Roman Jane Eyre, der ihr zum Durchbruch verhalf, veröffentlichte sie 1847 zunächst unter dem Pseudonym eines Mannes. Als ihre wahre Identität bekannt wurde, warf man ihr zeitlebens moralischen Umsturzwillen vor.

Charlotte Brontë: Jane Eyre. Manesse 2016
www.randomhouse.de

Lida Dijkstra & Marijke Tolman: Guck mal, wie niedlich!

Eine zauberhafte Liebesgeschichte

Nichts findet Tobi, der kleine, weiche, wuschelige Hase lästiger, als wenn ihn alle für niedlich halten. Und so tut er einiges dafür, cool zu sein: Er kauft sich eine fetzige Brille, einen Ohrring sowie ein knatterndes, qualmendes Motorrad und lässt sich ein Tattoo stechen. Doch gerade als er es geschafft hat, läuft ihm Tine über den Weg, eine süße, kleine, knuddelige Häsin, die leider überhaupt nichts für coole Hasen übrig hat…

Ein niedliches Bilderbuch mit klaren, detailreichen Illustrationen und einer zauberhaften Liebesgeschichte für Kinder ab drei Jahren und Verliebte.

Lida Dijkstra & Marijke Tolman: Guck mal, wie niedlich! Beltz 2013
www.beltz.de

Verena Carl: Lillie nie ohne Leonie – Meerschweinchen bringen Glück

Eine Reihe für Mädchen ab acht Jahren

Lilli ist schweren Herzens mit ihrer Familie von München nach Hamburg gezogen und hat alle ihre Freunde zurückgelassen. Das Meerschweinchen, das sie sich so lange gewünscht hat, wird ihr großer Trost, denn der Start in der neuen Klasse ist mehr als schwierig. Nicht nur ihr Dialekt, auch ihre Kleidung sort dafür, dass über die gelacht wird. Besonders schwer machen es ihr zunächst die Nebensitzerin Leonie und Malte, der gerne das große Wort führt. Doch dann bringt Lillis zunächst völlig missglückte Geburtstagsfeier die Wende…

Ein einfühlsames Buch über den hindernisreichen Beginn einer großen Mädchenfreundschaft.

Verena Carl: Lillie nie ohne Leonie – Meerschweinchen bringen Glück. Planet Girl 2010
www.thienemann-esslinger.de

Adriana Stern: Hannah und die Anderen

Ein Jugendroman zum Thema „Multiple Persönlichkeiten“

Hannah ist 15 und auf der Flucht, doch warum und wovor weiß sie nicht. Für Noa vom Mächenhaus, wo sie Aufnahme findet, sind Hannahs „Filmrisse“ erklärlich. Behutsam und durch Tagebuchschreiben lässt sie Hannah die „Anderen“ entdecken und erklärt ihr das Phänomen der „Multiplen Persönlichkeit“. Nur mit Hilfe der „Anderen“, die jeder einen Namen, eine eigene Persönlichkeit und eine eigene Geschichte haben, konnte Hannah so lange Zeit die Misshandlungen und den sexuellen Missbrauch durch die eigene Familie durchstehen. Doch was Hannah geschützt hat, nützt auch ihren Peinigern, denn sobald Hannah ein „Anderer“ ist, kann sie sich später an nichts erinnern.

Adriana Stern versteht es, die Themen Misshandlung, Missbrauch und Drogen so deutlich wie nötig anzusprechen, ohne sie jedoch unnötig detailliert zu beschreiben. Der Wechsel der Perspektiven zwischen dem objektiven Fortgang der Geschichte und den subjektiven Tagebucheinträgen der verschiedenen Persönlichkeiten Hannahs macht den besonderen Reiz des Romans aus.

Für mich und meine 13-jährige Mitleserin war Hannah und die Anderen  spannend wie ein Krimi, und obwohl wir viel zum Thema „Multiple Persönlichkeiten“ erfahren haben, haben wir uns nie „belehrt“ gefühlt.

Adriana Stern: Hannah und die Anderen. Ariadne 2001
www.argument.de

Hjalmar Söderberg: Doktor Glas

  Ein amoralischer Roman?

Hjalmar Söderberg (1869 – 1941) war Schwedens meistgelesener Autor des Fin de Siècle. Dem Manesse-Verlag ist es zu verdanken, dass sein wichtigstes Werk wieder auf Deutsch erhältlich ist.

Tyko Gabriel Glas, Arzt, der „gelegentlich anderen hilft, sich selbst aber nie hat helfen können und sich mit 33 Jahren noch keiner Frau genähert hat“, ein einsamer, unglücklicher Melancholiker, träumt von einer großen Tat. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, greift er in das Schicksal der heimlich geliebten Pastorengattin ein, eine schwerwiegende Tat, die am Ende ohne Sinn bleibt.

Der großartige, in Tagebuchform verfasste Roman mit seinem amoralischen Helden wurde von den Kritikern als Angriff auf Ehe und Religion verstanden und Söderberg als unsittlicher Dichter gebrandmarkt.

Hjalmar Söderberg: Doktor Glas. Manesse 2012

www.randomhouse.de

Huldar Breiðfjörð: Liebe Isländer

Eine Reise gegen die Langeweile

Was macht ein gelangweilter junger Isländer, der die Nase voll hat von seinem Leben, von Partys, alkoholvernebelten Wochenenden und Plänen, die nie Realität werden? Der vom grauen Himmel genauso angeödet ist wie von sich selber?

Junge Leute aus anderen Ländern würden vielleicht eine Weltreise antreten, der isländische Literaturwissenschaftlicher Breiđfjörđ begab sich vor zehn Jahren in dieser Situtation auf eine Reise um seine Insel und machte viele Abstecher in abgelegene Siedlungen und Fjorde. Er wählte dafür die Monate Januar und Februar, die für eine solche Unternehmung sicherlich ungeeignetste Zeit, und brach mit einem uralten Volvo Lappländer auf, in dem er – obwohl eher von zimperlicher Natur – manchmal sogar übernachtete.

Sein Reisebericht ist kein Islandführer geworden. Vielmehr erzählt er von seinen alltäglichen Problemen auf eisigen Straßen, katastrophalen Wetterbedingungen, Kämpfen mit dem Wagen und in Werkstätten, seinen Bemühungen zur Selbstfindung und vor allem über seine Begegnungen mit den eigenen Landsleuten. Diese spielten sich meist in den überall vorhandenen Tankstellenkiosken ab und blieben zu seinem Bedauern äußerst wortkarg, aber „Du weißt, du bist im Grunde genauso“.

Ein Buch für alle, die auf liebevoll-ironische Art mehr über Island und vor allem über seine Bewohner erfahren möchten.

Leider bin ich mit dem Buch nicht so recht warm geworden, vielleicht weil es mir zu viel Selbstdarstellung war.

Huldar Breiðfjörð: Liebe Isländer. Aufbau 2011
www.aufbau-verlag.de

Leland Bardwell: Mutter eines Fremden

Drei sind einer zuviel

Nan, erfolgreiche Konzertpianistin, und Jim McDonald, Archäologe und Hobbylandwirt, beide Mitte 40, führen eine scheinbar glückliche Ehe im Nordwesten Irlands.  Ihre Welt gerät schlagartig aus dem Gleichgewicht, als der vor 30 Jahren heimlich zur Adoption freigegebene Sohn Nans, den sie mit 16 Jahren heimlich in London entbunden hat, plötzlich auftaucht. Schweigen und Unverständnis prägen nun die Situation und als jener Charles sogar nach Irland kommt, sind drei einer zuviel.

Wie psychologisch einfühlsam und unparteiisch Bardwell die Überforderung der drei, ihre Sprachlosigkeit und ihr Gefangensein in Selbstvorwürfen, Schuldzuweisungen und Selbstmitleid schildert, hat mich bis zur letzten Seite gefesselt.

Eine Dreiecksgeschichte der besonderen Art.

Leland Bardwell: Mutter eines Fremde. C.H. Beck 2004
www.chbeck.de

Laurent de Brunhoff: Mit Babar im Museum

Mit den Elefantenkindern ins Museum

Die Bücher von Jean de Brunhoff und seinem Sohn sind klassische Kinderbücher mit einer Tradition von über 70 Jahren. In jedem Bilderbuch gehen die großen und kleinen Leser mit dem Elefantenkönig Babar und seiner Familie auf eine Entdeckungsreise, in diesem Band auf Entdeckungsreise in das neue große Kunstmuseum im ehemaligen Bahnhof.

Für Kinder ist das ein witziger Spaziergang durch die berühmten Gemälde von der „Geburt der Venus“ bis zu von Gogh, und zwar auf elefantisch. Für Erwachsene liegt der Reiz in der Frage, ob man die allesamt mit Elefanten bevölkerten Motive wiedererkennt – ein Verzeichnis am Ende hilft dabei. Aber die Elefantenmutter verbittet sich die belehrenden Kommentare des Museumsführers und lässt lieber ihre Kinder erzählen, was sie über die Blder denken.

Ein sehr vergnügliches Bilderbuch, witzig und originell, für alle ab fünf Jahren.

Laurent de Brunhoff: Mit Babar im Museum. Knesebeck 2004
www.knesebeck-verlag.de