Kein gewöhnlicher Krimi, sondern eine Gesellschaftsstudie im Mikrokosmos Insel
Meiner ausdrücklichen Empfehlung für Sylvia B. Lindströms Debütroman möchte ich eine Warnung voranstellen: Dies ist kein typisch skandinavischer Krimi, vielleicht sogar überhaupt kein Krimi, und der Aufkleber des Verlags „Spannung aus Schweden“ passt nicht und führt in die Irre. Wer also Spannung à la Mankell, Thursten oder Läckberg sucht, die ich alle auch sehr schätze, wird möglicherweise enttäuscht sein.
Dabei habe ich den Roman, der eine gekonnt komponierte Gesellschaftsstudie über ein öländisches Dorf und seine Bewohner ist, als ausgesprochen spannend empfunden, aber eben nicht wegen der Krimihandlung, die für mich nur der Katalysator für das Schreiben, nicht aber der Mittelpunkt des Geschehens war.
Wer Öland als Sommertourist kennt, mag sich die Düsternis und Abgeschiedenheit im Winter kaum vorstellen. Ein Fremder wird dort auch nach vielen Jahren nicht vollwertig in die Gemeinschaft aufgenommen, in der sich alle seit Generationen kennen, miteinander verwandt sind, und trotz des ausgiebigen Tratsches doch über Wesentliches schweigen.
Und so tragen die vielen Protagonisten des Romans, die man Stück für Stück kennenlernt, alte, unausgesprochene und unbewältigte Verletzungen mit sich herum, die sich durch das Nicht-Ausweichen-Können im Mikrokosmos Insel noch verstärken. Aktuelle Geschehnisse, wie die eher im Hintergrund ablaufende Brand- und Mordserie, können deshalb nur mit Kenntnis der Lebensgeschichten verstanden und aufgeklärt werden. Alasca Rosenberg und Stellan Qvist, die beiden auf der Insel lebenden, aber auf dem Festland tätigen Rechtsanwälte, sind aus diesem Grund sowohl beruflich als auch privat betroffen.
Ich habe eine Weile zwischen vier und fünf Sternen geschwankt, weil mich das in meinen Augen verfehlte Marketing und die erhebliche Anzahl an Druckfehlern, die ich bei dem von mir sehr geschätzen Aufbau Verlag ungewöhnlich fand, gestört haben. Aber letztlich haben der Sog der Geschichte, die besondere Atmosphäre, der fein komponierte Erzählrhythmus, die durchdachte Auflösung und die sensible Schilderung unterschiedlichster Charaktere vor einer außergewöhnlichen Kulisse den Ausschlag für die Premiumbewertung gegeben. Ich werde bei weiteren Bänden der Serie um Alasca Rosenberg und Stellan Qvist jedenfalls gerne wieder dabei sein.
Sylvia B. Lindström: Inselfeuer. Aufbau 2016
www.aufbau-verlag.de
Die Pappenheimer sind Papierfiguren und tragen Namen wie „Schnipsel“, „Zettel“, „Folia“ oder „Blöckchen“. Als Neuerscheinungen kommen sie zur Welt und werden zu Klassikern.
Alice und Jules waren über 50 Jahre verheiratet. Seit sie beide in Rente sind, ist das gemeinsame Frühstück ein Ritual: Jules bereitet es zu, Alice darf liegen bleiben und wird vom Kaffeeduft geweckt. Doch an einem Morgen ist alles anders: Zwar ist der Tisch liebevoll gedeckt und es duftet wie immer, aber Jules sitzt tot in seinem Sessel.
Diese fiktive Biografie der letzten Ehefrau Maos, mit der er von 1939 bis zu seinem Tod 1976 verheiratet war, ist einerseits geschichtlich-politisch hochinteressant, andererseits gibt es so wenig gesicherte Informationen über diese Frau, dass sehr vieles in den Bereich der Fantasie eingeordnet werden muss.
Überraschend gewinnt die schüchterne 14-jährige Jarven aus einer norddeutschen Kleinstadt ein Filmcasting, an dem sie trotz des Verbots ihrer alleinerziehenden, extrem ängstlichen Mutter teilnimmt. Mit dem Filmteam fliegt sie nach Skogland, einem fiktiven Land im Norden, das aus zwei Inseln besteht: Südskogland mit seiner reichen, blonden Bevölkerung und dem Regierungssitz und Nordskogland mit seinen Bodenschätzen, wo die Menschen arm, rechtlos und dunkelhaarig sind. Jarven soll keineswegs in einem Film mitwirken, sondern die verschwundene Prinzessin Malena doubeln, die untergetaucht ist und sich den nordskogischen Rebellen angeschlossen hat.
Bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht kommen eine junge Frau und ihre sechsjährige Tochter ums Leben.
Meret ist vierzig, hat mit Dres einen familienfreundlichen, zupackenden Mann, der sie liebt, und zwei aufgeweckte Jungs von drei und vier Jahren. Finanziell ist die Familie gut gestellt, objektiv sind alle Voraussetzungen für ein glückliches Familienleben gegeben, und doch fühlt sich Meret seit der Geburt des zweiten Kindes verzagt, ausgelaugt, überfordert, verkraftet die Verantwortung nicht und fühlt sich so in Anspruch genommen, dass sie keine eigenen Bedürfnisse mehr hat. Sie leidet darunter, kein eigenes, unabhängiges Leben mehr zu haben und den alleinigen Preis für die Familie zu bezahlen.
Michel Bussi, Geograf und Politologe an der Universität von Rouen, ist inzwischen ein vielprämierter Autor. Seine Bücher fallen bei mir in die Gattung „Hängematte“, was bedeutet, dass ich stilistisch keine allzu großen Höhenflüge erwarte, aber spannend und gekonnt unterhalten werden will.