Silke Schlichtmann: Pernilla oder Warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten

Ganz normaler Familienwahnsinn

Wow, was für eine sympathische, nimmermüde achtjährige Buxtehuder Quasselstrippe, diese Pernilla Petersen, die uns auf knapp 300 Seiten erzählt, wie sie und ihre Brüder die Familie vor dem finanziellen Ruin und einem Umzug vom Haus in eine Vierzimmerwohnung bewahren.

Dabei sieht am Anfang alles ganz traurig aus: Der Vater, Bestattungsunternehmer Petersen, bekommt seit knapp drei Monaten keine Aufträge mehr und die Mutter, Krimiautorin, hat die Verleumdungsklage eines angeblich wegen ihres neuen Buches um seine Umsätze gebrachten Obstbauern am Hals. Kleinere Katastrophen wie ein Strafreferat über den Harz, Massennachwuchs beim vermeintlich männlichen Mäusepaar Ernie und Bert und ähnliches kommen dazu.

Doch Pernilla und ihre Brüder, der fünfzehnjährige Lars, der zehnjährige Ole und der einjährige Sten, lassen sich so leicht nicht unterkriegen. Eine Arbeitsgruppe mit dem Namen „Goslar go home“ wird gebildet und die Probleme werden systematisch – oder wie Pernilla sagt: multiperspektivisch – angegangen: Observierung der Bestatterkonkurrenz und Ermittlung und Auskundschaftung des klagenden Obstbauers. Jedes Kind stellt seine Talente in den Dienst der guten Sache, kleinere Projekte wie die Regenwurmrettung müssen erst mal auf die lange Bank geschoben werden und obwohl die Mission zwischendurch fast zur „Mission impossible“ wird, heißt es schließlich doch: Ende gut, alles gut!

Obwohl ich nicht zur Zielgruppe gehöre, hat mir das Lesen dieses vor Fantasie nur so sprühenden, fröhlichen Kinderbuchs um eine leicht skurrile Großfamilie einen Heidenspaß gemacht. Der Autorin merkt man eine geradezu überbordende Schreibfreude an, die sich in einer unglaublichen Zahl von Einfällen bis hin zum Buchtitel und den Kapitelüberschriften niederschlägt. Allein die Szenen am Frühstückstisch lohnen bereits das Lesen! Gut gefallen hat mir außerdem die für ein Kinderbuch durchaus anspruchsvolle Sprache. Da Pernilla neue Wörter sowie die Sprüche ihrer Oma Hilde gerne mit Erklärungen versehen weitergibt, dient das Buch so ganz nebenbei und unbemerkt auch der Erweiterung des kindlichen Wortschatzes.

Hervorheben möchte ich außerdem die wieder einmal hervorragend zum Text passenden, sehr ausdrucksstarken Illustrationen von Susanne Göhlich und die gewohnt wertige Herstellung durch den Hanser Verlag, die das Buch auch optisch zu einem Genuss machen.

Obwohl ich Band eins, Pernilla oder Wie die Beatles meine viel zu große Familie retteten, noch nicht kenne, war das Lesen problemlos möglich. Empfehlen möchte das Buch zum Vorlesen ab ca. sieben Jahren, zum Selberlesen für gute Leser beiderlei Geschlechts ab der dritten Klasse.

Silke Schlichtmann: Pernilla oder Warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten. Hanser Kinderbuch 2016
www.hanser-literaturverlage.de

Andrea Maria Schenkel: Als die Liebe endlich war

Es gibt immer ein Gestern

Drei Handlungsstränge und zwei Zeitebenen, erzählt in sieben Teilen und einem kunstvollen Prolog, die sich erst nach und nach in Beziehung zueinander bringen lassen, bilden das Gerüst dieses ausgesprochen empfehlenswerten Romans.

Da ist zum einen das Schicksal der deutsch-jüdischen Familie, die 1938 zu viert nach Shanghai aufbricht, aber nur die Mutter Grete, der knapp zwölfjährige Carl und die drei Jahre jüngere Ina betreten schließlich in Genua das Schiff. Erwin, der jüdische Arzt und Familienvater, kann sich nicht entschließen, seine deutsche Heimat zu verlassen. Kurzentschlossen kehrt er um im festen Glauben, ihm, dem zum Katholizismus konvertierten Juden, würde nichts passieren. Während seine Frau und die Kinder die Kriegsjahre unter immer schwierigeren Bedingungen, aber mit Hilfe eines älteren Paares in der von Japanern besetzten Stadt verbringen, wird Erwin in Dachau interniert.

Im zweiten Handlungsstrang verbringt die junge Erna die ersten Kriegsjahre bei ihrer schillernden Tante Marga in München, einer Anhängerin der Nationalsozialisten und Wahrsagerin der besseren Kreise, die sich nebenbei ganz pragmatisch ein Zubrot durch Abtreibungen und als Kindsvermittlerin verdient. Dank ihrer Vermittlung wird Erna die Gehilfin des Arzt Dr. Sauer, bei dessen Experimenten sie in Dachau assistiert.

In drei Kapiteln dazwischen treffen wir Carl als alten Mann in New York. Er ist nach dem Krieg nicht mit seiner Mutter und der Schwester nach Deutschland zurückgekehrt, fühlt sich nicht an ein Land, eine Rasse oder einen Glauben gebunden, und hat mit Emmi eine deutsche, ebenfalls nach dem Krieg eingewanderte Frau gefunden, die ihm die Wärme, Geborgenheit und Liebe geschenkt hat, nach der er sich sehnte. Eigentlich möchte er nur einen ruhigen Lebensabend mit ihr verbringen, doch dann holt die Vergangenheit beide ein…

Hätte ich nur den Titel des Romans gehört, so hätte ich einen eher seichten Liebesroman vermutet und mich nicht weiter dafür interessiert. Zum Glück hat mich aber der Name Andrea Maria Schenkel neugierig gemacht, von deren erfolgreichen Krimis ich schon viel gehört hatte, und tatsächlich wurde ich sehr positiv überrascht. Der Stil und die Souveränität der Autorin haben mir überaus gut gefallen. Äußerst gekonnt, mit der nötigen Distanz und trotz des schwierigen Themas auch mit dem ein oder anderen Augenzwinkern erzählt sie die unterschiedlichen Lebensschicksale spannend und nachvollziehbar und verknüpft sie mit spielerischer Leichtigkeit.

Eine Geschichte mit Nachhall!

Andrea Maria Schenkel: Als die Liebe endlich war. Hoffmann und Campe 2016
www.hoffmann-und-campe.de

Linda Winterberg: Das Haus der verlorenen Kinder

Die Schatten der Vergangenheit

Dieses Buch hatte mich wegen des interessanten Themas sofort angesprochen. Über die sog. „Deutschenmädchen“ in Norwegen und den „Lebensbornverein“ hatte ich schon gehört, wusste aber nicht genau Bescheid. Hier habe ich in diesem Roman durchaus Neues erfahren, v. a. auch durch das interessante Nachwort der Verfasserin.

Exemplarisch für die jungen Norwegerinnen, die sich während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Soldaten verliebten und von ihnen schwanger wurden, stehen die beiden Freundinnen Lisbet und Oda aus dem südnorwegischen Loshavn. Als die deutschen Besatzer 1941 in das malerisch an der Schärenküste gelegene Städtchen kommen, verliebt sich die besonnene Lisbet in den ruhigen Erich, die eher spontane, leichtsinnige Oda in den Draufgänger Günther. Beide Männer werden kurz darauf an die Ostfront versetzt, während die schwangeren Freundinnen, von ihren Familien verstoßen und von der norwegischen Gesellschaft als „Deutschenmädchen“ geächtet, in einem Heim des deutschen Lebensbornvereins nahe Oslo landen. Doch während das Kind der arischen Lisbet als „Zuchtkind“ ein hohes Ansehen genießt und mühelos Adoptionseltern im Deutschen Reich fände, kommt für Odas Tochter als Kind einer minderwertigen Halbsamin nur ein norwegisches Waisenhaus in Betracht. Beide Mütter möchten jedoch ihre Kinder behalten und Lisbet, die von Erich regelmäßig Liebesbriefe aus Russland erhält, träumt sogar von einer gemeinsamen Zukunft. Da verändert ein schrecklicher Streit zwischen den Freundinnen im Dezember 1942 mit einem Schlag alles…

Ein zweiter Handlungsstrang spielt 2005 in einem Altersheim mit NS-Vergangenheit in Wiesbaden und führt drei Personen zusammen, deren Leben von Verlusten geprägt sind: Marie, die junge Waise, die ein soziales Jahr in diesem Heim ableistet, dessen Foto sie in den Hinterlassenschaften ihrer Mutter gefunden hat, den jungen norwegischen Küchenhelfer Jan und Betty, eine charismatische Bewohnerin.

Die Zusammenhänge zwischen Lisbet, Oda, Marie, Jan und Betty werden wie in einem Puzzlespiel stückchenweise erkennbar. Der Roman entwickelt dadurch eine Spannung, der ich mich nicht entziehen konnte, auch wenn die Zufälle mir im Handlungsstrang der Jetzt-Zeit deutlich zu gehäuft waren. Hier wirkte mir vieles zu konstruiert. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Schreibstil. Die Handlung ist an sich schon sehr berührend und geht wirklich zu Herzen. Das Schicksal der Deutschenmädchen und die bis in die heutige Zeit reichenden Folgen, die gut herausgearbeitet werden,  berühren tief. Dass auch der Autorin das Schicksal ihrer Figuren sehr naheging, kann ich gut verstehen, trotzdem hätte ein etwas distanzierterer Stil mit weniger „Tränen in den Augen“ dem Roman sehr gut getan. Weniger  wäre an dieser Stelle eindeutig mehr gewesen.

Obwohl ich aufgrund der genannten Kritikpunkte nur drei Sterne vergeben kann, habe ich die Lektüre insgesamt nicht bereut und bin davon überzeugt, dass der Roman bei vielen vor allem Leserinnen Anklang finden wird.

Linda Winterberg: Das Haus der verlorenen Kinder. Aufbau 2016
www.aufbau-verlag.de

Ute Wegmann & Birgit Schössow: Dunkelgrün wie das Meer

Manchmal braucht es Blitz und Donner

Dunkelgrün wie das Meer ist ein thematisch, sprachlich und gestalterisch wunderbares Kinderbuch in hochwertiger Aufmachung, wie es das Feuilleton und Eltern lieben. Vielleicht greifen Kinder nicht spontan danach, denn es ist weder grellbunt, noch verspricht es die ganz große Spannung, aber wir sollten sie dazu ermutigen, es zu lesen, denn hier werden Gefühle thematisiert, die sicher jedes Kind schon einmal erlebt hat.

Die neunjährige Linn hat sich so auf die Ferien im Schiffhaus am Strand in Holland und auf ihre Freundin Smilla gefreut. Aber dann geht von Anfang an alles schief: Die Eltern, die sich kurz zuvor beim zehnten Hochzeitstag noch so liebhatten, streiten, weil der Vater während der ersten beiden Urlaubstage noch einmal zurück ins Büro muss, und die sonst so gemütliche Rückbank des Autos fühlt sich an „wie ein Fach im Kühlschrank“. Die Eltern sitzen in einer „Zornkabine, mit langen Gesichtern und einem Schweigen von der Größe eines Containerschiffs“. Kaum angekommen, muss Linn erkennen, dass die drei Jahre ältere Smilla eine neue beste Freundin hat und sie mit Verachtung straft. Mit der Mutter kann sie nicht reden, denn die führt endlose Handytelefonate, in denen sie sich über das Verhalten des Vaters beklagt, und weint, und in Linn wird die Angst vor einer Trennung der Eltern immer größer. Nichts ist wie im letzten Sommer, selbst die Wiese ist nicht so bunt und die Steine sind nicht so außergewöhnlich gemustert. Nicht einmal ihr altes Kindergartengutelaunelied kann Linn Trost spenden. Eindringlich schildert die kleine Ich-Erzählerin ihre Verlustängste und als Erwachsener ahnt man, dass neben den vordergründigen Sorgen um die Eltern und die Freundin auch eine Ahnung vom Ende der Kindheit heraufzieht.

Doch dann kommt erst einmal in Form eines ungeheuerlichen Gewitters buchstäblich Hilfe von oben. Hagel, Blitz und Donner reinigen nicht nur die Luft. Die Eltern vertragen sich wieder und Linn nimmt sich vor, sich am nächsten Tag mit Smilla auszusprechen…

Ich bin mir sicher, dass am Ende, als Linn endlich zwischen ihren Eltern im Bett liegt und der Urlaub richtig beginnt, nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen aufatmen. Die tiefe Traurigkeit des Buches ist einer fröhlich-optimistischen Stimmung gewichen und wer wollte daran zweifeln, dass Linns Versöhnungsversuch mit der Freundin erfolgreich verläuft?

Ein leises, eindrucksvolles Kinderbuch für Mädchen ab acht mit einer perfekten Symbiose zwischen dem Text von Ute Wegmann und den in braun-orange-türkis gehaltenen Bildern von Birgit Schössow.

Ute Wegmann & Birgit Schössow: Dunkelgrün wie das Meer. dtv 2016
www.dtv.de

Isabel Allende: Das Siegel der Tage

Isabel Allende ganz privat

Als säße Isabel Allende hier an meinem Kaffeetisch erzählt sie über ihr Familienleben und die Zeit nach dem frühen Tod ihrer Tochter Paula 1992. Insofern ist Das Siegel der Tage die Fortsetzung ihres Romans Paula, geschrieben für ihre Tochter („Ich will dir erzählen, was seit 1993 aus uns geworden ist“), kein magischer Realismus wie in Das Geisterhaus, sondern eine detaillierte Beschreibung der Trauer und des Neubeginns.

Durch ihre gewohnt empathische Erzählweise, mal lustig, mal traurig, spannend und immer sehr direkt und ehrlich ist der Familienbericht leicht zu lesen. Isabel Allende lässt uns teilhaben am Entstehungsprozess ihrer Bücher, an ihrer Ehe, am Leben ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter, an den Enkel und an allem, was sie täglich bewegt. Ihre Meisterschaft zeigt sich für mich vor allem darin, dass das Buch trotz des überaus persönlichen Inhalts nie peinlich wirkt.

Eine empfehlenswerte Lektüre, auch wenn ich frühere Bücher von Isabel Allende noch mehr geschätzt habe.

Isabel Allende: Das Siegel der Tage. Suhrkamp 2009
www.suhrkamp.de

Ursula Salentin: Acht Wege in die Präsidentenvilla

Die Frauen der Bundespräsidenten

Während ihre Ehemänner im Rampenlicht stehen, werden die Frauen der Bundespräsidenten meist nur wegen ihrer Ehrenämter wahrgenommen. Dass alle acht hier porträtierten „Amtsinhaberinnen“ mehr konnten als nur Spenden sammeln, dass alle eine eigene Karriere zugunsten des Amtes ihres Mannes aufgaben, kann man den sowohl unterhaltsamen als auch informativen Kurzbiografien von Ursula Salentin entnehmen.

Eine lohnende Lektüre über acht sehr unterschiedliche Frauen von Elly Heuss-Knapp bis Christina Rau, die aber auch zeigt, dass es höchste Zeit für eine Frau im höchsten Amt der Bundesrepublik Deutschland ist!

Ursula Salentin: Acht Wege in die Präsidentenvilla. Herder 2002
www.herder.de

Robert Scheer: Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück

Dem Grauen ein Gesicht geben

Wenn wir Augenzeugenberichte über den Holocaust dokumentieren möchten, so ist dies leider nur noch kurze Zeit möglich. Robert Scheer hat es kurz vor dem Tod seiner Großmutter Elisabeth Scheer, genannt Pici, noch gemacht und hat ein Gesprächsprotokoll niedergeschrieben, das durch seine Einfachheit und Ehrlichkeit tief berührt.

Der Bericht beginnt mit Picis frühesten Kindheitserinnerungen, blendet aber auch auf das Leben ihrer Eltern zurück. Pici wurde 1924 in Carei, Rumänien, geboren. Erste Diskriminierungen wegen ihres Judentums erfuhr die Familie auch schon zu dieser Zeit, doch erst als Carei im September 1940 unter ungarische Herrschaft kam, begann die Verfolgung. Die intelligente Schülerin konnte nicht weiter die Schule besuchen und musste eine Schneiderlehre machen, dem Vater wurde der Handel mit Brennholz verboten und der Familie dadurch die Haupteinnahmequelle entzogen. Trotzdem war ihre Kindheit mit sehr liebevollen Eltern, mit drei älteren Schwestern und dem jüngeren Bruder, Großeltern und zahlreichen Onkeln, Tanten usw. harmonisch und behütet.

Nachdem die Deutschen im März 1944 nach Carei gekommen waren, wurden die Juden im Mai ins Ghetto geschickt und verloren ihr Zuhause. Diese zweite Hälfte des Buches war nicht nur für Pici unglaublich schwer zu erzählen, auch als Leser ist sie kaum zu ertragen: der Verlust der Eltern in Auschwitz, die Odyssee durch mehrere Arbeits- und Konzentrationslager, später der Verlust der Geschwister. Pici überlebte als einzige aus der Familie die unvorstellbare Tragödie und kam im August 1945 zurück nach Carei. Auch ihren Glauben verlor sie in dieser Zeit und war am Ende ihres Lebens ziemlich überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Dass sie über 90 Jahre alt werden würde, hätte sie selber nie gedacht, doch müssen mit ihrem Mann, ihrem Sohn und vor allem mit den geliebten Enkeln glückliche Jahre darunter gewesen sein, auch wenn das Grauen und der Verlust immer wie ein Schatten darüber lagen. Mit 91 Jahren ist sie in ihrer Wahlheimat Israel 2015 verstorben, nachdem sie die erste Niederschrift dieses Buches noch erleben durfte.

Hoffnung macht, dass der Enkel und Autor Robert Scheer sich frei entschieden hat, in Deutschland, einem Land, das seiner Familie dies alles angetan hat, zu leben.

Dem Verlag Marta press und der Verlegerin Jana Reich, von der auch das interessante Nachwort stammt, ist es zu verdanken, dass das Manuskript veröffentlicht werden konnte. In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Buch trotz des relativ hohen Preises wohl keinen wirtschaftlichen Erfolg verspricht, ist dies sehr löblich. Allerdings hätte ich mir bei einer Verlagsproduktion ein deutlich besseres Lektorat gewünscht. Die sehr große Anzahl von gravierenden Rechtschreib- und Grammatikfehlern, Wortdopplungen, falschen Wörtern und anderen Unsauberkeiten  hat mich beim Lesen ausgesprochen gestört und verärgert. Sie ist definitiv nicht dem Autor anzulasten, hätte aber beim sorgfältigen Korrekturlesen leicht vermieden werden könnten.

Robert Scheer: Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück. Marta press 2016
www.marta-press.de

Dagmar Geisler: Die Tintenkleckser – Mit Schlafsack in die Schule

Mit den Tintenkecksern kann man was erleben…

Die Autorin und Illustratorin Dagmar Geisler, bekannt vor allem für ihre exzellenten Kindersachbücher und die von Kindern, Eltern und Buchhändlern gleichermaßen geliebte Wanda-Reihe, hat mit Die Tintenkleckser – Mit Schlafsack in die Schule erneut einen sehr empfehlenswerten Auftaktband zu einer Reihe für alle ab ca. sechs Jahren zum Vorlesen, ab der dritten Klasse zum Selberlesen, geschrieben und illustriert. Besonders gut gefallen hat mir, dass die Reihe sowohl für Jungs als auch für Mädchen geeignet ist, da eine ganze Klasse im Mittelpunkt steht. Die sehr zahlreichen, schwarz-weiß-blauen, comicartigen Zeichnungen ergänzen den Text wunderbar, die ausführliche Vorstellung aller Kinder hilft beim Kennenlernen der Klasse, die Schrift ist groß und sehr deutlich und die Textmenge pro Seite und pro Kapital für Achtjährige durchaus zu bewältigen.

Kurz vor der heißersehnten Lesenacht in der Schulbibliothek verschwindet im Klassenzimmer Jana-Inas kleiner weißer Gummitiger. Gibt es etwa einen Dieb bei den Tintenklecksern? Gehörte der Tiger überhaupt Jana-Ina oder nicht vielmehr Zilly? Die Klassenlehrerin, Frau Fauser, ist enttäuscht über den Vorfall, möchte aber die Lesenacht nicht absagen. Und so kommen am Abend eine ganze Menge Kinder mit einem schlechten Gewissen in die Schule, die nichts mehr möchten, als den unglücklichen Vorfall aus der Welt zu schaffen. Dazu schleichen sie sich nach und nach aus der Bibliothek, während die Lehrerin vorliest. Doch wer hätte gedacht, dass ein dunkles Schulhaus so überaus gruselig sein kann! Nicht nur der empfindliche Fisch Balduin im Aquarium von Frau Fauser erschreckt sich in dieser Nacht fast zu Tode…

Die Geschichte ist rund und kindgerecht erzählt, ist spannend, gruselig und anregend und nimmt die ganz normalen Interaktionen einer dritten Klasse auf. Themen wie Vertrauen, Freundschaft und Ängste spielen eine große Rolle im Buch. Dass zuletzt alles wieder in Ordnung kommt, ist nicht zuletzt der verständnisvollen Klassenlehrerin zu verdanken, die nicht nur klare Regeln vorgibt, sondern auch viel Empathie im Umgang mit ihren Schülerinnen und Schülern zeigt.

Ich freue mich schon auf den nächsten Band und ein Wiedersehen mit der 3a!

Dagmar Geisler: Die Tintenkleckser – Mit Schlafsack in die Schule. dtv junior 2016
www.dtv.de

Timm Milan & Susanne Göhlich: Kaninchenschmuggel oder Wie ich Mehlchen vor dem Verschimmeln rettete

Kindernöte und Kinderglück

Granola heißt nicht nur wie ein Schokoladenkeks, sie ist genauso zuckersüß und sympathisch. Die Grundschülerin und Ich-Erzählerin in Timm Milans Kinderbuch Kaninchenschmuggel oder Wie ich Mehlchen vor dem Verschimmeln rettete ist mir wegen ihrer Direktheit, ihrer Ehrlichkeit und ihrem sonnigen Gemüt schnell ans Herz gewachsen, obwohl sie manchmal Ideen hat, bei denen sie sich selbst nicht sicher ist, ob sie gut sind. Dabei hätte sie jede Menge Gründe dafür, traurig und schlecht gelaunt zu sein: Ihre Lieblingslehrerin, Frau Mehl, wird nach einem Unfall durch die desinteressierte, handyspielende Frau Korn ersetzt, die absolut nichts davon mitbekommt, dass Granola und andere in der Klasse gemobbt werden, ihre beste Freundin Jule hat sich von ihr ab- und Vanessa zugewandt, die Mutter erlaubt kein Kaninchen als Haustier und darüber hinaus kämpft Granola gegen das, was sie als „Grammatik-Intoleranz“ bezeichnet: Wortverdrehungen, -verwechslungen und Rechtschreibprobleme.

Ein Klassenausflug in den Streichelzoo, bei dem Granola ein Kaninchen vor dem Regen rettet und einfach heimlich mitnimmt, bringt die Wende. Alleine kann sie dieses Geheimnis nicht hüten, aber da kommt unverhofft Hilfe von ganz unerwarteter Seite und am Ende wird doch noch alles gut…

Das Kinderbuch um die tapfere kleine Granola, die trotz aller Probleme nicht aufgibt, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Die angesprochenen Kindersorgen werden sehr gut thematisiert, so dass sie eine gute Steilvorlage für Gespräche mit Kindern liefern können. Trotzdem hat das Buch eine positive Grundtendenz und zeigt Wege auf, wie die angesprochenen Konflikte gelöst werden können, nämlich durch ein gemeinsames Projekt.

Auch die Gestaltung ist der Illustratorin Susanne Göhlich und dem Thienemann Verlag sehr gut gelungen. Die Granola auf dem Einband hat genau das Aussehen und vor allem die Ausstrahlung, die ich mir nach der Lektüre vorgestellt habe.

Trotz meiner absolut positiven Gesamtbewertung möchte ich aber auch eine „Warnung“ aussprechen. Die „Grammatik-Intoleranz“ von Granola schlägt sich in insgesamt 55 verdrehten, verwechselten und ab und zu auch falsch geschriebenen Wörtern nieder. Meist fand ich das sehr lustig, z. B. bei „Stuhlpreis“ statt „Stuhlkreis“, „Pfreunde“ statt „Freunde“ oder „schmeicheln“ statt „streicheln“. Allerdings hätte ich auf die wenigen falsch geschriebenen Wörter wie „Kwatsch“ oder „kwer“ angesichts der jungen Leser vielleicht eher verzichtet oder sie nicht nur in einer granolisch-deutschen Wörterliste am Ende aufgeführt, sondern auch im Text gekennzeichnet. Insgesamt fällt das für mich aber so wenig ins Gewicht, dass es dem Buch keinen Abbruch tut. Wen dies allerdings stört, sollte seinen Kindern ab ca. sechs Jahren das Buch lieber vorlesen. Ansonsten können Kinder, vor allem Mädchen, aber sicher auch Jungen, die Textmenge ab der dritten Klasse alleine bewältigen.

Ich freue mich auf weitere Bände mit Granola!

Timm Milan & Susanne Göhlich: Kaninchenschmuggel oder Wie ich Mehlchen vor dem Verschimmeln rettete. Thienemann 2016
www.thienemann-esslinger.de

Alexandra Burt: Remember Mia

Viel Potential verschenkt

Ich hatte zugegebenermaßen hohe Erwartungen an diesen Thriller, aber er hat mich enttäuscht. Weder hat er gehalten, was die Leseprobe oder der Klappentext versprochen haben, noch kann ich die euphorischen Kommentare wie „ein Pageturner, der süchtig macht“ (oprah.com) oder „temporeich und packend“ (The Independent) wirklich nachvollziehen. Vielmehr war die Autorin einer an sich sehr guten Idee nicht so richtig gewachsen und hat viel Potential verschenkt. Trotz aller Kritik hätte ich das Buch aber nicht weglegen wollen, dazu war ich dann doch zu neugierig auf das Ende.

Die Ausgangslage hört sich spannend an: Die sieben Monate alte Mia ist spurlos aus ihrem Bettchen verschwunden, die von diesem Schreibaby hoffnungslos überforderte, psychisch angeschlagene Mutter Estelle Paradise wird drei Autostunden entfernt von ihrem Wohnort New York angeschossen und schwer verletzt mit ihrem Wagen in einer Schlucht gefunden. Sie kann sich an nichts erinnern. Ihr Mann, die Polizei und die Öffentlichkeit vermuten, dass sie am Verschwinden von Mia beteiligt ist. Estelle willigt ein, sich in die Klinik Creedmore zu einem Spezialisten für Gedächtniswiederherstellung zu begeben, voller Angst vor den möglichen Entdeckungen, denn allzu viel spricht für sie als Täterin.

Während ihrer Gespräche mit Dr. Ari erfährt man nicht nur, wie Estelle früh ihre Eltern und ihre neugeborene Schwester bei einem Unfall verlor und schon als Kind unter einer leichten Depression litt, er stellt auch die Diagnose einer postpartalen Depression, die durch die Nichtbehandlung in eine Psychose umgeschlagen ist. Haben Estelles beständige Überforderung durch das schreiende Kind, die fehlende Unterstützung durch ihren Mann und ihr mangelndes Selbstbewusstsein zu einer Katastrophe geführt?

Wie bereits eingangs gesagt, hat die Autorin aus dieser spannenden Ausgangssituation in meiner Wahrnehmung viel zu wenig Kapital geschlagen. Der Thriller, geschrieben aus der Ich-Perspektive Estelles, im Präsens und in einer sehr einfachen Sprache erzählt und durch und durch amerikanisch, konnte mich nicht so fesseln, wie ich das erwartet hatte. Vor allem aber konnte mich das Schicksal Estelles und Mias nur ungenügend berühren, was vor allem daran liegt, dass mir die Geschichte zu unglaubwürdig erscheint.

Mit weniger hohen Erwartungen könnte das Buch vielleicht besser unterhalten, deshalb gebe ich trotzdem knappe drei Sterne.

Alexandra Burt: Remember Mia. dtv 2016
www.dtv.de