Thomas Montasser: Der Sommer der Pinguine

Nicht nur das Erwartbare sehen

Ich habe es doch immer schon geahnt: Besuche in Buchhandlungen können das Leben auf den Kopf stellen. Im Falle von Mrs. Annetta Robington, Geographielehrerin mittleren Alters, Chorleiterin von St. Peter & Paul und Samstagsbibliothekarin der Gemeindebibliothek von Great Missenden nahe London, ist es eine ganz besondere Londoner Buchhandlung, die nicht nur ein wie auf sie zugeschnittenes Sortiment führt, sondern in Person von Basil Snow auch einen Pinguin als Buchhändler hat. Für eine Angestellte im öffentlichen Dienst des Vereinigten Königreichs, die dem Übersinnlichen eher wenig zugeneigt ist, eine verstörende Entdeckung, denn leben Pinguine nicht nur am Südpol?

Als wäre diese Begegnung nicht schon genug für eine Frau, die sonst nie etwas Ungeplantes unternimmt und ein friedliches Leben in ihrem Dorf nahe London führt, verpasst sie wegen des Bahnstreiks auch noch den letzten Zug nach Hause und landet ausgerechnet im Harriet’s Inn. Hier hat sie als junge Bibliothekspraktikantin der London Library vor vielen Jahren eine unvergessliche Nacht verbracht. Auch jetzt werden der Abend und die Nacht unvergesslich, denn plötzlich gibt es Pinguine überall: der Concierge, ein Orchestermitglied der Albert Hall, Napoleon, Mozart, Mephistopheles, James Bond, ja sogar die Mona Lisa entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Angehörige der Species Pinguin. Doch warum kann nur Mrs. Robington sie erkennen? „Die meisten Menschen sehen nur, was sie erwarten. Aber die Welt ist doch viel mehr als nur das Erwartbare, nicht wahr?“ (Basil Snow).

Während Mrs. Robington in diesen Stunden mehr über die Geheimnisse der Pinguine und deren Sicht auf die Species Homo sapiens erfährt (allen Interessierten seien hier wärmstens „Die Entdeckung des Menschen“ von P.G. Iceberger und „Pinguine – Ein Wegweiser von A – Z“ von Fjodor F. Rostowitsch empfohlen), droht deren Geheimnis große Gefahr: Laut einem Bericht im Independent wurden ausgerechnet im Cottage ihres Intimfeindes Mr. Bullford Pendrick in Great Missenden, ihrer Meinung nach der „unzivilisierteste Mensch der zivilisierten Welt“, Briefe des berühmten Polarforschers Anthony Arlington gefunden. Nun muss Annetta Robington natürlich handeln…

Wer eine realistische Geschichte erwartet, die sich an den Gesetzen der Logik orientiert, dem muss ich von diesem reizenden Büchlein entschieden abraten. Wer sich aber der überbordenden Erzählfreude, der Fantasie und dem Witz des Autors Thomas Montasser und den charmanten Zeichnungen von Isabel Pin im Sempé-Stil vorbehaltlos ausliefern möchte, dem sei dieses moderne Märchen wärmstens empfohlen. Mir hat es einerseits Spaß gemacht, einen Blick auf die Welt durch Pinguinaugen zu werfen, andererseits fand ich den Stil des Buches entzückend und so ganz und gar zur Protagonistin passend: etwas altmodisch, etwas umständlich und sehr detailverliebt. Schön auch, dass der Leser am Ende explizit dazu animiert wird, die Geschichte weiterzuspinnen, was bei mir übrigens zu einem romantischen Happy End führte. Aber aufgepasst: eine ganz leichte Lektüre ist es nicht, Konzentration ist gefragt, sonst verpasst man schnell ein wichtiges Detail oder eine Anspielung. Ich habe es deshalb gleich zweimal gelesen, beide Male mit Gewinn.

Thomas Montasser: Der Sommer der Pinguine. Insel 2018
www.suhrkamp.de/insel-verlag

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