Bernhard Schlink: Die Enkelin

  Ein folgenschweres Geheimnis

Im Mai 1964 beginnt beim Pfingsttreffen der deutschen Jugend in Ostberlin eine Liebe, die es aus Sicht der DDR-Funktionäre nicht hätte geben dürfen. Kaspar Wettner, Geschichts- und Germanistikstudent aus Westberlin, verliebt sich in Birgit, eine ostdeutsche Ökonomiestudentin. Während Kaspar Birgits Flucht in den Westen plant, ahnt er nichts von ihrem Geheimnis, das wie ein Schatten auf ihrer etwa 50 Jahre währenden, keineswegs unglücklichen Ehe lasten wird:

Es hatte zwischen ihnen bei aller Nähe eine tiefe Distanz gegeben, er hatte sie mehr geliebt als sie ihn, sie hatte sich finden wollen und war ohne ihn auf die Suche gegangen, sie hatte Geheimnisse vor ihm gehabt, hatte mit anderen Männern geschlafen, hatte vieles angefangen und wenig vollendet – na und? Tiefdrinnen und tiefdrunten hatte er nicht alles gewusst, aber doch, dass sie sich nie ganz geben konnte und dass er sie nie ganz hatte. (S. 132) 

Erster Teil: Ein deutsch-deutscher Eheroman
Der Roman Die Enkelin von Bernhard Schlink beginnt mit dem Abend, an dem der 71-jährige Berliner Buchhändler Kaspar seine alkoholkranke, depressive Frau Birgit tot in der Badewanne findet. Von einem Verleger nach Birgits Romanmanuskript gefragt, macht er sich auf die Suche und findet wenige Seiten, die ihm, der immer weggesehen hat, um seine Frau nicht zu verlieren, den Grund für Birgits Ruhe- und „Ortslosigkeit“ enthüllen. Um seine Trauer zu betäuben, will er vollenden, wozu sie nicht den Mut hatte: die Suche nach ihrer in der DDR zurückgelassenen Tochter Svenja.

© B. Busch

Zweiter und dritter Teil: Die neue Rechte
Nach erstaunlich glatt verlaufenden Recherchen findet Kaspar nicht nur die mit einem Neo-Nazi in einem völkischen Dorf in Mecklenburg lebende Svenja und erfährt deren dramatisch verlaufene Lebensgeschichte, sondern auch die von der rechtsnationalen Ideologie durchdrungene Enkelin Sigrun. Mit schier endlosem Verständnis und voller Vertrauen in die heilende Kraft von Kunst, Literatur und besonders Musik beginnt Kaspar, Sigrun behutsam Alternativen zur völkischen Gesinnung nahezubringen.

Wenn die Latte zu hoch hängt
Auf neue Romane von Bernhard Schlink freue ich mich vor allem wegen des immer gut gewählten und recherchierten historischen Bezugs. Entsprechend waren meine Erwartungen groß, erfüllten sich jedoch dieses Mal nur teilweise, obwohl der zeitgeschichtliche Hintergrund wieder ausgesprochen erhellend ist, sowohl hinsichtlich der deutsch-deutschen Frage als auch der mir bisher unbekannten, kurios anmutenden völkischen Gemeinschaften. Bedauerlicherweise ist jedoch der Brückenschlag zwischen beiden Themen zu konstruiert. Die schablonenhaften, seltsam emotionslos agierenden Figuren wurden vor meinen Augen nie lebendig, seien es der bis zur Unglaubwürdigkeit gutmütige, duldsame Schöngeist Kaspar, die in ihrer Rastlosigkeit überzeichnete Birgit, Sigruns klischeehafte Nazieltern, die ihre Tochter aus finanziellen Erwägungen bedenkenlos wochenweise einem Wildfremden mit völlig konträren Ansichten überlassen oder Sigrun selbst, die zwar in ihrer rechten Verblendung, nicht jedoch als Teenagerin an einer normalen Schule glaubhaft ist. Sowohl die steifen Dialoge mit einem Hang ins Didaktische als auch Kaspars mit rhetorischen Fragen gespickte innere Monologe gingen mir auf die Nerven. Positiv überrascht hat mich dagegen das Ende, das glücklicherweise ohne Rührseligkeit auskommt.

Die Enkelin wird mir nicht so im Gedächtnis bleiben, wie es die zweifellos interessanten Themen verdient hätten. Das ist schade, denn Bernhard Schlink kann es besser.

Bernhard Schlink: Die Enkelin. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

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