Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes

  Ein kaputtes Leben

Coronabedingt war Kanada unter dem Motto „Singular Plurality – Singulier Pluriel“ 2020 und 2021 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Meine schönsten Entdeckungen in dieser Zeit waren Die Unschuldigen von Michael Crummey und Das weite Herz des Landes von Richard Wagamese (1955 – 2017), einem der wichtigsten indigenen Autoren Kanadas. Wie er in seiner Danksagung schreibt, wurde der Roman, der 2014 unter dem Originaltitel Medicine Walk erschien, „in langen Nächten der Selbsterforschung und Reflexion“ geboren.

Der letzte Weg
Franklin gehört den kanadischen First Nations an, wuchs aber bei einem alten weißen Farmer auf. Erst mit sieben Jahren erfährt er, wer sein leiblicher Vater ist: Eldon Starlight, Halb-Ojibwe, Wanderarbeiter, verwahrloster Alkoholiker ohne Halt und Bezug zu den eigenen Traditionen: 

„Das Indianerzeug ist irgendwie hinten runtergefallen, weil wir so damit beschäftigt waren, in der anderen Welt den Kopf über Wasser zu halten.“ (S. 60)

Während der fürsorgliche Alte den Jungen alles lehrt, was er für ein freies Leben mit und in der Natur braucht, enttäuscht ihn sein Vater bei jedem der sporadischen Zusammentreffen. Doch als Eldon Anfang der 1970er-Jahre den Tod nahen fühlt, bittet er seinen sechzehnjährigen Sohn, ihn zum Sterben auf einen 60 Kilometer entfernten Bergkamm zu begleiten und lockt ihn mit einem Versprechen:

„Du sollst mich mit dem Gesicht nach Osten begraben“, sagte der Vater. „Im Sitzen, wie einen Krieger.“
„Du bist kein Krieger.“ […]
Er wandte sich dem Jungen zu, schwankte ziemlich, stützte sich haltsuchend auf die Tischplatte und sah seinen Sohn aus halb geschlossenen Lidern an. „Früher schon“, sagte er. „Davon muss ich dir erzählen. Muss dir vieles erzählen.“ (S. 32/33)

© B. Busch

Mit dem sterbenden Vater auf dem Rücken seines Pferdes macht Franklin sich zu Fuß auf den Weg ins Hinterland von British Columbia. Eine atemberaubende Natur, Franklins Erinnerungen an seine Kindheit auf der Farm mit den immer ausgedehnteren Ausflügen alleine in die Wildnis sowie Eldons Erzählung bilden den Kern dieses sehr berührenden Romans, in dem eigentlich nicht viel passiert, der aber trotzdem von einer starken Spannung getragen wird. Eldons Geschichte ist voller Dramatik: Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, als Eldon dreizehn Jahre alt war, fortan musste er als Tagelöhner an wechselnden Orten schuften. Seine ungeplante Flucht weg von der Mutter und sein persönliches Trauma aus dem Koreakrieg versuchte er im Alkohol zu ertränken. Als unerwartet das Glück anklopfte, versagte er. Nicht nur Franklins anfängliche Wut auf den Vater schlägt während der abenteuerlichen Reise in Mitleid um, sondern auch meine.

„Geschichten zu teilen heißt Dinge zu verändern“ (S. 228)
Obwohl Eldon schon als Kind die Magie des Geschichtenerzählens erlebte, kann er selbst sich erst kurz vor seinem Tod dem Sohn öffnen:

„Es lag immer eine Last auf ihm, als würde er Kornsäcke bergauf schleppen, aber er hat nie davon gesprochen.“ (S. 273)

Anrührend, aber nie rührselig
Das weite Herz des Landes ist eine äußerst bewegende, bild- und sprachmächtige Geschichte über die heilende Wirkung des Erzählens, über Zugehörigkeit und Traditionen, Familienbande und Fürsorge, Schuld und Vergebung, Rassismus und Naturverbundenheit. Mir hat dieses Kammerspiel mit den drei männlichen Protagonisten und den starken Dialogen ausnehmend gut gefallen. Es ist eines der Bücher, die mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben.

Richard Wagamese: Das weite Herz des Landes. Aus dem kanadischen Englisch von Ingo Herzke. Mit einem Nachwort von Katja Sarkowsky. Blessing 2020
www.penguinrandomhouse.de

 

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