Brian Sewell: Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

  Very british und leicht schräg

Seit wir im Sommer 2020 zwei wundervolle Wochen in einem Ferienhaus  mit dem Namen „Les trois ânes“ im Béarn verbrachten, bin ich bekennende Esel-Liebhaberin. Maximus, Raffa und Milly waren ebenso unterhaltsame wie anschmiegsame und angenehme Nachbarn, dankbar für jedes Grünzeug oder für Streicheleinheiten. Ein Buch über einen ganz besonderen Eselfreund müsste deshalb genau zu mir passen, meinte meine Freundin, und traf mit Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt von Brian Sewell voll ins Schwarze.

Maximus, Raffa und Milly. © M. A. Busch
Maximus macht eine Rolle. © M. Busch

 

 

 

 

 

 

Ein verrückter Einfall
Mr B, ein sehr englischer, kleiner und drahtiger Gentleman von 50 Jahren, Spezialist für antike Geschichte mit Schwerpunkt Alexander der Große, Liebhaber von Büchern und Teppichen, erblickt bei Dreharbeiten im chaotischen Stoßverkehr von Peschawar ein viel zu schwer beladenes, verängstigtes Eselsfohlen. Spontan beschließt der Tierfreund zum Entsetzen des Filmteams, mit Pawlowa, wie er das Tier wegen seiner langen Beine in Erinnerung an die russische Ballerina Anna Pawlowa später nennen wird, zu Fuß nach England zurückzukehren:

„Was sollen wir den Leuten sagen, wenn wir wieder in London sind?“ fragte der Regisseur […].
„Die Wahrheit: dass ich eine kleine Eselin gefunden habe und mit ihr zu Fuß nach Hause gehe.“
„Sie sind verrückt“, sagte der Regisseur.
„Mag sein“, sagte Mr. B. „Aber es ist eine anständige Art von Verrücktheit, zu der Sie nicht fähig sind. […]“ (S. 13/14)

© B. Busch

Es wird ein langer, abenteuerlicher Weg, aber Fußmärsche bleiben ihnen weitgehend erspart und sie brauchen nur gut 30 Tage für die gut 4000 Meilen. Überall treffen sie auf verständnisvolle, hilfsbereite und gastfreundliche Menschen, Apotheker, Buchhändler, Teppichverkäufer, Diplomaten, Bus- oder Lieferwagenfahrer, Botschaftschauffeur, Schaffner oder Camper, bis sie schließlich den letzten Teil der Reise im bequemen Rolls Royce des schottischen Antiquars Hector zurücklegen können. Nur einmal droht Gefahr, als sie einem Heroinschmuggler über die pakistanisch-iranische Grenze als Tarnung dienen, aber davon ahnen sie glücklicherweise nichts. Sie schlafen an ungewöhnlichen Orten, genießen die Landesküchen (wobei es „Handkäs mit Musik“ wohl im Rhein-Main-Gebiet, nicht aber in Karlsruhe gibt!), genießen die abwechslungsreiche Natur und die Kulturen ihrer Gastländer.

30 gemeinsame Jahre sind ihnen anschließend noch in Mr Bs Villa in Wimbledon vergönnt, bis sie beide hochbetagt sterben und Mrs B ihre Geschichte zu Papier bringt.

Wiedergutmachung in Buchform
„Mit einem schlechten Gewissen wegen jenes Esels in Peschawar“, wie es in der Widmung des Büchleins zu lesen ist, hat der laut Guardian „berühmteste und umstrittenste“ Kunstkritiker und Kolumnist Großbritanniens und große Tierfreund Brain Sewell (1931 – 2015) diesen kleinen Roman kurz vor seinem Tod verfasst. Es ist die anrührende Geschichte eines Mannes mit großer Tier- und Menschliebe, mit Mut, Selbstlosigkeit, Gottvertrauen und einer gesunden Portion Naivität, charmant-altmodisch und mit viel britischem Humor erzählt. Die wirklich entzückenden, mit einem Augenzwinkern gezeichneten kleinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen stammen von der Cartoonistin Sally Ann Lasson. Vermisst habe ich lediglich eine Landkarte, die es nur in der englischen Originalausgabe The White Umbrella gibt, benannt nach Mr Bs wichtigstem Utensil.

Wen dieses zauberhafte Büchlein nicht anrührt, hat kein Herz für Tiere und Sonderlinge und hatte sicher noch nie einen Esel als Nachbarn.

Brian Sewell: Pawlowa oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. Insel 2017
www.suhrkamp.de

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