Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille

  Perspektivwechsel

Stephen Crane (1871 – 1900), früh an Tuberkulose verstorbener Sohn eines Methodistenpredigers und keinem Skandal abgeneigt, erlangte in Deutschland nie gleiche Bekanntheit wie im angelsächsischen Raum. Dabei wurde sein bekanntestes Werk aus dem Jahr 1895, das bis heute Pflichtlektüre in US-Schulen und -Universitäten ist, The Red Badge of Courage, mehrfach unter verschiedenen Titeln ins Deutsche übersetzt. Er beeinflusste Erich Maria Remarque und Ernest Hemingway wie H. G. Wells waren von seiner großen Bedeutung überzeugt.

Pulverdampf und Kanonendonner
Während des amerikanischen Bürgerkrieg meldet sich der einzelgängerische Schüler und Bauernsohn Henry Fleming freiwillig zur Unionistenarmee und kommt zum 304. Regiment. Die Geduld der „Frischlinge“ wird auf eine harte Probe gestellt, im Lager herrscht Monotonie und Henry versinkt in Grübeleien:

Wusste er wirklich mit hundertprozentiger Sicherheit, dass er im Zweifelsfall nicht türmen würde? (S. 21)

Er schwankt zwischen Extremen, ist zerrissen zwischen Stolz, Zweifeln, Verzweiflung, Euphorie, Wut auf die Vorgesetzten, Weltschmerz, Heimweh, Neugier und Sehnsucht:

Der Krieg, hatte der Junge einmal gelernt, mache aus jedermann einen echten Mann. Er hatte darin immer seine Rettung gesehen und all seine Hoffnungen auf die entscheidende Schlacht gesetzt. (S. 49)

Doch kaum kommt es zur Feindberührung, ergreift Henry panisch die Flucht. Seine Verwundung, die „rote Medaille der Tapferkeit“, zieht er sich ironischerweise bei der Auseinandersetzung mit einem anderen Flüchtenden zu. Zwar bleiben ihm Strafe und Hohn erspart, doch leidet sein Selbstbewusstsein:

Die moralische Rechtfertigung lag dem Jungen sehr am Herzen. Ein Freispruch musste her, weil er sonst nicht in der Lage sein würde, mit der abstoßenden Medaille der Feigheit durchs Leben zu gehen. Da ihn sein Herz immer wieder der Feigheit beschuldigte, mussten wohl oder übel seine Taten das Gegenteil beweisen. (S. 119/120)

Scham und die erlauschte Verachtung der Vorgesetzten für seinen Truppenteil werden für Henry zum Wendepunkt.

Ein Blick aus der Distanz
Erst der nachgestellten Erzählung Der Veteran kann man das Geschehen historisch verorten. Dies genauso wie ihr Ausgang sind für Stephen Crane nicht von Bedeutung, liegt sein Fokus doch ausschließlich auf den Befindlichkeiten des nicht immer sympathischen personalen Erzählers. Der macht im Alter keinen Hehl mehr aus seiner anfänglichen Flucht und erschüttert damit nachhaltig den Heldenglauben seines Enkels.

© B. Busch

„Roman plus“
Die Neuübersetzung von Stephen Cranes bekanntestem Roman durch Bernd Gockel unter dem Titel Die rote Tapferkeitsmedaille im Pendragon Verlag wird hervorragend ergänzt durch die Erzählung Der Veteran sowie ein kurzes interpretierendes Nachwort von Thomas F. Schneider und ein 68 Seiten umfassendes Porträt Cranes von Rüdiger Barth. Diese Beigaben waren äußerst hilfreich für mich, denn den metaphern-, farb- und teilweise pathosgesättigten Klassiker, der nahezu komplett auf dem Schlachtfeld spielt, las ich dadurch zwar nicht mit Genuss, aber doch mit spürbarem Gewinn. Erst mit Hilfe dieser Ergänzungen verstand ich das revolutionär Neue am Schreiben Cranes, der bis dato weder den amerikanischen Bürgerkrieg noch eine andere Schlacht je erlebt hatte: die konsequente Darstellung des Krieges aus der Sicht eines einfachen Rekruten, Achterbahnfahrt der Gefühle anstatt Kriegstaktik, aber leider keine grundsätzliche Infragestellung von Kriegen.

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille. Übersetzt von Bernd Gockel mit einem Nachwort von Thomas Schneider und einem Crane-Porträt von Rüdiger Barth. Pendragon 2019
www.pendragon.de

 

Rezension zu einem biografischen Roman mit Stephen Crane auf diesem Blog:

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