Christa von Bernuth: Tief in der Erde

  Fakten und Fiktion

Die Fakten
Im September 1981 ereignete sich am Ammersee ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes Verbrechen. Die zehnjährige Ursula Herrmann, viertes und jüngstes Kind einer nicht vermögenden Familie, wurde entführt und in einer im Boden eines Waldstücks vergrabenen Kiste versteckt, um Lösegeld zu erpressen. Ursula erstickte aufgrund mangelhafter Belüftungsrohre, drei Wochen später fand die Polizei ihre Leiche. Erst im März 2010, kurz vor der Verjährung des „erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge“, wurde in einem reinen Indizienprozess ein mutmaßlicher Täter zu lebenslanger Haft verurteilt. Nicht nur der Bruder des Opfers, Michael Herrmann, zweifelt dessen Beteiligung an.

Die Fiktionalisierung
Zu den Skeptikern gehört auch die Autorin Christa von Bernuth, die bis kurz vor der Tat selbst ein Internat nahe der Fundstelle besuchte. In ihrem ersten True-Crime-Krimi, basierend auf dem wahren Fall, fiktionalisiert die erfahrene Krimischreiberin das Geschehen und findet eigene Antworten auf das Wie, Weshalb und Wer. Bei ihr heißt das entführte Kind Annika Schön, das Waldstück Traubenhain und der Wohnort Salbrunn. Die Geschehnisse des Entführungstags, dem 15.09.1981, bis zum Auffinden Annikas am 04.10.1981 bilden den ersten Teil des Romans. Sie wirken durch die kurzen Kapitel und die Angabe von Uhrzeiten und Personen – Familienmitglieder, Ermittler und die namenlosen Täter – wie ein Protokoll. Unterbrochen wird die Abfolge durch Abschnitte in anderer Schriftart aus der Ich-Perspektive der Gerichtsreporterin Julia Neubauer, die zwischen dem 28.05.2010 und dem 06.08.2010 den Prozess gegen den angeklagten Karl Leitmeir verfolgt.

Dieselben Zeitsprünge finden sich auch im zweiten Teil. Einerseits begleitet er zwischen dem 09.10.2010 und der Urteilsverkündung im Februar 2011 den Prozess, anderseits die Ermittlungen nach dem Leichenfund. Weite Teile spielen im angrenzenden Internat, einer „Schule für Kinder von Großkopferten“, wie ein Polizist formuliert. Diese Schilderung des Schullebens empfand ich als zu detailliert.

Ganz anders der abschließende dritte Teil, in dem die Handlung wieder enorm an Fahrt gewinnt. In einer weiteren Zeitebene zwischen dem 13.08.2019 und dem 20.11.2019 nimmt Martin Schön, Ursulas älterer Bruder, Kontakt zu Julia Neubauer auf. Er zweifelt noch immer an der Schuld von Karl Leitmeir und präsentiert neue Ermittlungsansätze.

Gut recherchiert und klug aufgebaut
Tief in der Erde war meine erste Begegnung mit dem Genre True Crime. Meine anfänglichen Bedenken bezüglich der Legitimität, ein so schweres, perfide geplantes Verbrechen als Thema für einen Unterhaltungsroman zu wählen, zerstreute ein Interview mit der Autorin. Ursula Herrmanns Bruder suchte selbst den Kontakt zu ihr, begleitete nach anfänglichem Zögern die Fiktionalisierung und war schließlich vom Ergebnis sehr angetan war.

Christa von Bernuths „Kriminalroman nach einer wahren Begebenheit“ ist, wie sie selbst vorausstellt, „ein Werk der Fantasie, in dem Fakten und Fiktion, Geschehenes wie Erfundenes, eine untrennbare künstlerisch verfremdete Einheit bilden“. Sie befasste sich spürbar intensiv mit den Fakten, studierte Prozessakten, sprach mit Beteiligten und kennt die Örtlichkeiten und den Internatsbetrieb. Besonders gelungen ist die Darstellung der Vielzahl von Opfern dieser sinnlosen Tat, neben der Toten in erster Linie Familienangehörige, Ermittler, aber eventuell auch der Verurteilte. Es könnte so gewesen sein, wie Christa von Bernuth es beschreibt – oder eben auch nicht. Spannend, interessant und empfehlenswert ist ihr flott geschriebener True-Crime-Krimi allemal.

Christa von Bernuth: Tief in der Erde. Goldmann 2021
www.penguinrandomhouse.de

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