Diana Evans: Leute wie wir

  Paare am Scheideweg

Zwei Romane mit dem Titel Leute wie wir erscheinen im Literaturfrühling 2021, eines von Diana Evans im Imprint Atlantik bei Hoffmann und Campe, eines von Noa Yedlin bei Kein & Aber. Die 1973 geborene Britin Diana Evans, Tochter eines Engländers und einer nigerianischen Immigrantin, hat den Originaltitel Ordinary People von einem John-Legend-Song entliehen. Sie erzählt die Geschichte zweier multiethnischer Mittelschicht-Paare Ende 30 in London, deren Schmetterlinge-im-Bauch-Phase endgültig vorbei ist. Beide Paare, Melissa und Michael ebenso wie ihre Freunde Stephanie und Damian, haben es nicht geschafft, ihrer Liebe nach der Geburt ihrer Kinder eine neue Form zu geben. Beide stehen am Scheideweg, denn ihre Lebensentwürfe scheinen so zerbrechlich wie der immer wieder erwähnte, 1936 nach langem Niedergang zerstörte Crystal Palace.

Weitermachen oder gehen?
Diana Evans dritter Roman spielt zwischen der Silvesternacht 2008 nach der ersten Wahl Barack Obamas und der Silvesternacht 2009 nach dem Tod Michael Jacksons.

Melissa und Michael galten lange als Traumpaar ohne Trauschein, doch was als große Liebe begann, hält nach 13 gemeinsamen Jahren den Belastungen des Alltags nicht mehr stand. Michael vermisst die frühere Leidenschaft, die einst beruflich erfolgreiche Mode- und Lifestyleredakteurin Melissa hat sich selbst zwischen Kindergeschrei, Küche und Staubwischen verloren und weiß nicht mehr, wer sie eigentlich ist:

Als sie das Haus betrat, verwandelte sie sich in die Frau, die darin lebte, und ließ die Frau, die draußen gelebt hatte, vor dem Eingang zurück, denn die Tür war zu schmal und der Flur zu eng, um zu zweit hindurchzugehen (S. 361)

Alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben, selbst das schmale viktorianische Haus im tiefsten Süden Londons, die Mäuse und die in ungünstigsten Momenten zusammenbrechende Kleiderstange. Melissa glaubt gar an Spuk.

Stephanie und Damian ergeht es nicht besser. Er trauert im vermeintlich sichereren und kindergeeigneteren Dorking der pulsierenden Hauptstadtatmosphäre nach, sie geht, anders als Melissa, völlig in ihrer Mutterrolle auf:

Meine Kinder unterdrücken mich nicht. Sie befreien mich. Der Mann ist das Problem. (S. 312)

Der Tod seines Vaters, zu dem er kaum Kontakt hatte, wirft Damian endgültig aus der Bahn. Er langweilt sich in seiner Ehe, fühlt sich von den Schwiegereltern missachtet, träumt von einer Karriere als Schriftsteller und ist trotz beständiger Ehestreitigkeiten zu lethargisch für einen Aufbruch. Heimlich denkt er an Melissa.

Als auch die Kinder mit somatischen Anzeichen auffällig werden, müssen nach zermürbenden Monaten Entscheidungen gefällt werden.

Nicht spektakulär, aber erfrischend erzählt
Ohne zu werten, erzählt Diana Evans von ganz gewöhnlichen Paaren in Umbruchsituationen, ihrem Schmerz und ihren Zweifeln. Obwohl die Thematik nicht neu ist, lohnt die Lektüre wegen der diffenzierten, bisweilen humorvollen, originellen Erzählweise und der Vielzahl der Aspekte bis hin zum unterschiedlichen Umgang mit farbiger Identität. Ich hätte mir als Randfiguren einen Gegenentwurf zu den beiden Paaren gewünscht, eine Familie, in der Kinder und Partnerschaft zusammengehen, die Glücksmomente mit ihren Kindern erleben, denn fast könnte man beim Lesen vergessen, dass es solche Beziehungen glücklicherweise gibt.

Großen Raum nimmt die Beschreibung diverser Londoner Stadtviertel ein, so bunt wie das wunderschöne Cover, und sicher ein besonderer Lesegenuss für London-Kennerinnen und -Kenner. Dasselbe gilt für die eingebauten Popsongs, für die man eine Playlist auf der Website der Autorin findet.

Ob die Filmproduzenten bei so vielen leinwandtauglichen Zutaten nicht Schlange stehen?

Diana Evans: Leute wie wir. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Atlantik 2021
hoffmann-und-campe.de

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