Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

  Oben und unten

Nach dem Welterfolg ihrer Neapolitanischen Saga in Form einer Tetralogie ist Das lügenhafte Leben der Erwachsenen der erste neue Roman der immer noch geheimnisumwitterten italienischen Autorin Elena Ferrante. Zwischendurch veröffentlichte der Suhrkamp Verlag ihre älteren Romane, die mir unterschiedlich gut gefielen. Auch das neue Buch reicht in meinen Augen nicht ganz an die Tetralogie heran, doch ist Ferrantes knapper, kompromissloser und lakonischer Stil unverkennbar. Parallelen gibt es bei der erneut weiblichen Ich-Perspektive, der Erzählweise aus der Rückschau, dem Thema Bildung als Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg und vor allem Neapel als Handlungsort. Allerdings spielt der neue Roman in den 1990er-Jahren und nur während der kurzen Zeitspanne von drei Jahren. Im Zentrum steht ein jugendliches Innenleben, es fehlt der historisch-politische Kontext, der die Tetralogie besonders auszeichnete.

Ende der Gewissheit
Mit knapp 13 hadert Giovanna mit ihrer beginnenden Pubertät und den damit verbundenen körperlichen Veränderungen: 

Mein einziger Trost in dieser Zeit, meine einzige Gewissheit, war, dass mein Vater absolut alles an mir liebte. (S. 13)

 Eine zufällig belauschte Bemerkung lässt jedoch ihre Welt zusammenbrechen: 

Zwei Jahre bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich. Der Satz wurde leise gesprochen, in der Wohnung, die sich meine Eltern, frisch verheiratet, im Rione Alto, oben in San Giacomo dei Capri, gekauft hatten. (S. 9)

Dabei waren die Worte des Vaters eigentlich andere. Doch seine Aussage, sie gleiche nun immer mehr seiner älteren Schwester Vittoria, musste Giovanna so interpretieren, denn Vittoria ist sein verhasstes Schreckgespenst. Sie, die Putzfrau, hat es nie aus dem Viertel der Unterprivilegierten herausgeschaffte. Giovannas Eltern dagegen arbeiteten sich durch Bildung nach oben, wohnen in gehobener Lage, sind Gymnasiallehrer und der Vater obendrein ein angesehener Intellektueller.

Zwei Welten
Giovannas Neugier ist geweckt und damit ihr Wunsch, die geheimnisvolle Tante zu treffen. Fortan lernt sie ein neues Neapel kennen und bewegt sich in zwei gänzlich unterschiedlichen Welten Neapels: der höher gelegenen, bürgerlich-geordneten, von Klassendünkel geprägten des Rione Alto mit den links-intellektuellen Ansichten ihrer Eltern und deren Freunde und der unten liegenden, schmutzig-chaotischen, vulgären der Zona Industriale mit ihren unverblümt und im derben Dialekt redenden Bewohnerinnen und Bewohnern. Vittoria mit ihrer eigenen Version der Familiengeschichte bleibt nicht ihre einzige Bekanntschaft dort. Schnell lernt Giovanna, was sie bisher nicht konnte: lügen und heucheln wie die Erwachsenen. Zuerst ist es die Mutter, deren Verhalten Giovanna nicht zu deuten vermag, dann verlässt der Vater wegen einer langjährigen Geliebten die Familie. Weil die Erwachsenen mit sich selbst beschäftigt sind, muss Giovanna sich alleine zurechtfinden. Als scharfsinnige Beobachterin beider Welten zieht sie Schlüsse aus deren Verhalten, erkennt Scheitern und Verrat, in dessen Mittelpunkt immer wieder ein Armband steht. Ein neu entstehender Kompass hilft ihr, die Fehler der Erwachsenen zu vermeiden. Ihr Weg aus den Selbstzweifeln in die Emanzipation soll selbstbestimmt sein:

Ich habe es satt, den Worten anderer ausgesetzt zu sein. Ich muss wissen, wer ich wirklich bin und was für ein Mensch ich werden kann […]. (S. 377)

Ungewisse Zukunft
Möglich, dass auch dieser Roman fortgesetzt wird, denn am Ende bricht die 16-jährige Giovanna in eine ungewisse Zukunft nach Venedig auf. Ich wäre gespannt, zu erfahren, wie es weitergeht!

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp 2020
www.suhrkamp.de

 

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