Tove Ditlevsen: Kindheit

  Der Zwang zu schreiben

Die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917 – 1976) ist hierzulande leider bisher viel weniger bekannt als in ihrem Heimatland. Nach ihrem Selbstmord trauerten Tausende vor allem Däninnen an ihrem Sarg, während nur wenige ihrer Bücher überhaupt je ins Deutsche übersetzt worden waren. Von der Kopenhagen-Trilogie, die der Aufbau Verlag in sehr ansprechender Aufmachung  im Januar und Februar 2021 auf den Markt bringt, gab es nur den dritten Teil, der nun unter dem Titel Abhängigkeit neu übersetzt wurde. Die beiden ersten Bände, Kindheit und Jugend, erscheinen dagegen erstmals auf Deutsch.

© B. Busch

Schreiben als Therapie
Gerade einmal 115 Seiten umfasst Kindheit, den ich fast ohne Unterbrechung lesen musste, so stark ist der Sog dieser aus kindlicher Perspektive, ohne erläuternde Zusätze, erzählten Erinnerungen. Tove Ditlevsen schrieb die beiden ersten Teile, die 1967 erstmals erschienen, während eines Aufenthalts in einer Entzugsklinik auf ihrer Schreibmaschine. Kindheit reicht von den frühesten Erinnerungsschnipseln bis zum Alter von 14 Jahren, als die begabte Schülerin die Schule beenden und eine Stelle als Hausmädchen antreten muss.

Schutzhülle aus Wörtern
Dazwischen liegen prekäre Jahre in einer Hinterhaus-Zweizimmerwohnung im Kopenhagener Arbeiterstadtteil Vesterbro, ohne Rückzugsmöglichkeit und ohne die Möglichkeit, das wertvolle Poesiealbum mit den ersten eigenen Gedichten vor den Augen des spottenden Bruders zu verbergen. Die Liebe zur Literatur stammt vom Vater, Sozialist, Gewerkschafter und während der Weltwirtschaftskrise arbeitslos gewordener Heizer, der ihr Grimms Märchen schenkt, jedoch Gedichte als Schwärmerei verachtet und ihr als Mädchen jede Möglichkeit einer Zukunft als Dichterin abspricht. Dabei sind Wörter schon früh ihre Mauer gegen die unberechenbare, distanzierte Mutter:

Ich trug die Tassen in die Küche, und in meinem Inneren krochen lange, merkwürdige Wörter hervor und legten sich wie eine Schutzhülle über meine Seele. Ein Lied, ein Gedicht, etwas Linderndes, Rhythmisches und unendlich Melancholisches, das jedoch nie so leidvoll und traurig war, wie es der Rest meines Tages unweigerlich sein würde. Wenn mich diese hellen Wogen von Wörtern durchströmten, wusste ich, dass meine Mutter mir nichts mehr anhaben könnte, denn in diesem Moment hörte sie auf, für mich von Bedeutung zu sein. (S. 8)

Schreiben gegen Trauer und Sehnsucht
Während einer Kindheit, die nicht zu ihr passt, die „lang und schmal wie ein Sarg [ist], aus dem man sich nicht allein befreien kann“ (S. 31), die „winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat“ (S. 34) und die an ihrem Ende „dünn und platt wie Papier“ (S. 73) wird, werden ihr die Liebe zur Literatur und der Glaube an das eigene Talent zum Rettungsanker:

Doch selbst wenn sich niemand sonst für meine Gedichte interessiert, bin ich gezwungen, sie zu schreiben, denn sie dämpfen die Trauer und Sehnsucht in meinem Herzen. (S. 107)

Und doch ein Roman
Tove Ditlevsen hat für ihr Schreiben immer aus dem Vorrat eigener Erinnerungen geschöpft. Indem sie das Geburtsdatum ihrer Ich-Erzählerin jedoch um exakt ein Jahr nach hinten verlegte, macht sie deutlich, dass es sich trotz allem um einen – wenngleich autofiktionalen – Roman handelt.

Was für eine lohnende Entdeckung eines über 50 Jahre alten modernen Klassikers, dessen klare, ebenso anrührende wie unsentimentale Erzählweise mit den treffsicheren Bildern mich sogleich gepackt hat. Ein Glück, dass wir nicht lange auf die Folgebände warten müssen!

Tove Ditlevsen: Kindheit. Aus dem Dänischen und mit einem Nachwort von Ursel Allenstein. Aufbau 2021
www.aufbau-verlag.de

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