Ende einer Ferienidylle

Es ist August und Hochsaison im bereits leicht verfallenden Landschloss aus hellem Sandstein mit blau gestrichenen Fensterläden am Rand der Pyrenäen. Fünf der sechs Gästezimmer sind belegt, die zufällig gemischte Urlauberschar teilt sich zwanglos eine Gemeinschaftsküche. Wer möchte, kocht und isst zusammen und genießt den Gleichklang, die Kinder finden sich beim Spiel.
Der Paukenschlag
Marie und ihr Mann Franz sind Stammgäste und machen auf der Durchreise zum Atlantik für einige Tage Station. Vor der Weiterfahrt hat Marie gewaschen. Nach dem fröhlichen Beisammensein am Vorabend noch schlaftrunken, trägt sie den blauen Plastik-Wäschekorb die Treppe zur Terrasse hinauf, rutscht auf einer liegengebliebenen Spielzeuglokomotive aus, fällt mit dem Kopf auf das Metallrohr eines steinernen Schirmfußes und ist sofort tot:
Gewissheit breitet sich aus, eine alles durchdringende, messerscharfe Gewissheit, wie ein dumpfer, wie ein farbloser Ton. Die Hektik auf höchster Alarmstufe, waren es drei, waren es zehn Minuten, ist einer Zeitlupenstille gewichen, die eng ist, wie zusammengeschnürt […] (S. 20)

Bis ein Lieferwagen Marie am frühen nächsten Morgen zum Rücktransport in die Schweiz abholt, begleiten wir Franz und die Schlossgemeinschaft durch die ersten 24 Stunden nach der Tragödie: Dorothea und Mauro mit den neunjährigen Zwillingen Rosa und Emil, Stephan mit seiner etwa gleich alten Tochter Lara, Pierre, den Schlossbesitzer, einen bildenden Künstler, der außerhalb der Saison als Barkeeper in der Schweiz lebt, seinen kleinen Sohn Gian, seine Dauermieterin Odile, eine Musikerin Mitte 50, und den 15-jährigen Nick, der hier sein Französisch verbessern soll. Im Laufe des Tages trifft außerdem Maries beste Freundin Sabine ein, um sich von ihr zu verabschieden und Franz nach Hause zu begleiten.
Ein Mosaik der Reaktionen
In ihrem nur knapp 160 Seiten starken Debütroman Windstill, eigentlich eher einer Novelle, fängt die 1961 geborenen Schweizer Grafikerin und Hochschullehrerin Ilia Vasella die Reaktionen aller auf das Unglück ein, die je nach Charakter und Betroffenheit sehr unterschiedlich ausfallen. Wir erleben Nähe und Distanz, Emotionalität und Abgeklärtheit, Fassungslosigkeit, Pragmatismus, Hilflosigkeit und Lähmung, Schuldgefühle und Ärger über den verlorenen Urlaubstag, aber auch vorsichtige Rückkehr zur Normalität. Niemand kann sich entziehen, alle werden unvorbereitet mit der Endlichkeit auch des eigenen Lebens konfrontiert und müssen sich damit auseinandersetzen, während Marie aufgebahrt im abgedunkelten, gekühlten, mit Kerzen und Blumen geschmückten Musiksalon liegt. Man versucht, die Kinder fernzuhalten:
Wir schoben die Kinder vor, befürchteten Schäden, Unverdaubares. Wir waren es.
Die nicht wussten, welche Worte, welche Nähe. Wie viel Distanz. (S. 87)
In die allwissende Perspektive mischt sich immer wieder die Stimme der Ich-Erzählerin Dorothea, die über den Schock und die Spätfolgen des verhängnisvollen Sturzes nachdenkt:
Wir merkten es erst später.
An jenem Morgen im August wurden wir hinauskatapultiert aus unserer gut eingerichteten Blase, in einen Zustand, der das Unbedachte aussperrt, jeden sorglosen Handgriff, gewaltsam, rücksichtslos. (S. 40)
Der kaum 160 Seiten umfassende Debütroman Windstill der 1961 geborenen Schweizer Grafikerin und Hochschullehrerin Ilia Vasella ist eher eine Novelle und hat mich vor allem durch detaillierte Beschreibungen der Landschaft und der Atmosphäre überzeugt, mehr noch als durch die teils knappe Figurenzeichnung. Der gelungenen Bildsprache merkt man die bildende Künstlerin deutlich an. Die Sprache ist konzentriert, manche Sätze bleiben unvollendet, passend zu den Gedanken der Betroffenen.
Ein kluges kleines Büchlein, sehr gut lesbar trotz des gerne verdrängten Themas, das unaufdringlich die eigene Positionierung einfordert.
Ilia Vasella: Windstill. Dörlemann 2021
doerlemann.ch