Eine Krise kommt selten allein

Wer den 2023 erschienenen Roman Mittsommertage von Ulrich Woelk gelesen hat, kennt Ruth Lember bereits, Philosophie-Professorin an der Berlin Humboldt-Universität, die auch in Hellere Tage im Mittelpunkt steht. Wer ihn, wie ich, noch nicht gelesen hat, sollte sich nicht schrecken lassen, denn Hellere Tage ist auch ohne Vorkenntnisse problemlos zu verstehen.
Stürmische Zeiten
„Ohne Geheimisse kommst du nicht durchs Leben“ (S. 66), hat Ruths Mutter ihr mit auf den Weg gegeben. Was allerdings passiert, wenn ein 30 Jahre lang sorgsam gehütetes Geheimnis öffentlich wird, musste die Tochter in den letzten 18 Monaten schmerzlich erfahren. Die Berufung in den Deutschen Ethikrat scheiterte, weil Ruths Anschlag auf einen Strommast aus umweltbewegten Studienzeiten plötzlich ans Licht kam und einen Skandal auslöste. Die Universität verordnete Ruth ein Forschungssemester, beschnitt den Kern ihres Lehrbereichs, indem sie die Ethik aus dessen Namen entfernte, und ihr Mann Ben Hartung nahm sich eine junge Geliebte. Seitdem gärt ein Scheidungsstreit um die gemeinsame Luxuswohnung am Lietzensee, in dem Ruth keinesfalls zurückstecken will:
Sie wollte als Siegerin mit erhobenem Haupt vom Platz gehen und ihn als den moralischen Verlierer dastehen lassen. (S. 41).
Das gute Verhältnis zu ihrer Stieftochter Jenny, die mit der Trennung nicht klarkommt und orientierungslos durchs Leben torkelt, hat zu Ruths Kummer gelitten. Nicht nur die Scheidung der Eltern, auch die Unerreichbarkeit der Über-Mutter Ruth setzt Jenny zu:
Allein dadurch, wie und was ich bin, setze ich Jenny unter Druck. Sie ist auf der Suche – in jeder Hinsicht. (S. 208)
Zuletzt stirbt auch noch Ruths Vater und hinterlässt Briefe, die ein völlig neues Licht auf ihn und die Ehe ihrer Eltern werfen.

Die Vergangenheit als Bumerang
Mit Mitte 50, finanziell weich gebettet, hat Ruth wieder eine eigene Wohnung in Moabit bezogen, ihr Schneckenhaus. Äußerlich gleicht ihr Leben dem vor 20 Jahren, innen sieht es anders aus:
Damals empfand sie sich nicht als einsam, sondern als eigenständig. Heute ist es umgekehrt. (S. 8)
Vor allem die Trennung hat sie verletzt, ihr Selbstbewusstsein geschwächt und sie bedürftig gemacht. Sie sehnt sich nach “Zärtlichkeit, Lust und Sex“ (S. 167), versucht, sich neu zu positionieren, taxiert ihre Chancen und trifft, obwohl eine reflektierte Frau, nicht immer rationale Entscheidungen. Regelmäßig bricht die Vergangenheit wie ein Bumerang in ihr Leben ein, sei es, als die RAF-Terroristin Daniela Klette am 26.02.2024 verhaftet wird, oder durch den linksradikalen Ex-Kommunarden Harald, Jennys Nachbarn in einem ehemals besetzten Haus.
Vorsichtiger Optimismus
Ulrich Woelk erzählt in Hellere Tage von einer intelligenten Frau mittleren Alters, die nach multiplen Krisen ihr Leben neu ordnen muss, und dabei glücklicherweise weniger jammert als kämpft. Der optimistische Romantitel drückt allerdings eher eine sich vage abzeichnende Zukunftshoffnung als eine Beschreibung der Gegenwart aus. Kaum ein Aufreger-Thema des aktuellen Zeitgeistes wird ausgespart, von Hafermilch über Vegetarismus, toxische Beziehungen, Schminktipps und Tradwifes bis zu unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Erträglich wird diese Ballung durch gut dosierte, treffsichere Ironie.
Ich bin dem 1960 geborenen, sehr routinierten Autor Ulrich Woelk bei seinen psychologisch genauen Betrachtungen zu Ruths schwierigem Neubeginn überwiegend gern gefolgt, von gelegentlichen Exkursen zu Nebenschauplätze und Albträumen abgesehen. Die Frage, wie wir uns neu finden, wenn alte Gewissheiten wegbrechen, trägt durch das ganze Buch – Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Ich wäre dabei.
Ulrich Woelk: Hellere Tage. C.H. Beck 2026
www.chbeck.de
Weitere Rezension zu einem Roman von Ulrich Woelk auf diesem Blog:
