Falsche Abzweigungen

Es gibt Bücher, über deren Inhalt man zu Beginn der Lektüre am besten gar nichts weiß. Grüne Welle, der zweite Roman der 1993 geborenen Juristin und Autorin Esther Schüttpelz, ist ein Beispiel dafür. Kaum mehr als die Ausgangssituation und der Inhalt des ersten der 24 Kapitel soll deshalb in dieser Rezension verraten werden, vor allem nicht das Kernthema, damit sich mögliche Leserinnen und Leser bei der Lektüre ebenso überraschen lassen können wie ich.
Die Umleitung
Im Radio läuft „Life is a Rollercoaster“ (Das Leben ist eine Achterbahn) des irischen Sängers Ronan Keating aus dem Jahr 2000, als „die Frau“, ungefähr Mitte 40, nach dem monatlichen Kinobesuch mit ihrer Freundin in ihr Auto steigt, um nach Hause zu fahren. Sie kennt den Weg, aber dann zwingen eine Baustelle und ein Umleitungsschild sie zum Abweichen von der bekannten Route. Zunächst weiß sie noch, wo sie ist, erkennt die Straße, in der sie als junge Künstlerin ihre erste Einzelausstellung hatte, aber je weiter sie fährt, desto weniger vertraut ist ihr die Umgebung. Als sie gar an einem missverständlichen Schild die falsche Abzweigung nimmt, hat sie die Orientierung gänzlich verloren. Sie beschließt, an der nächsten roten Ampel ihren sicher längst besorgten, wahrscheinlich wütenden Mann zu informieren und zu wenden, aber jede Ampel wird, wie sie erstaunt feststellt, spätestens beim Draufzufahren grün:
[…], und der Frau blieb nichts anderes übrig, als wieder mehr Gas zu geben und weiterzufahren. (S. 17)
Sie passiert das Ortsausgangsschild, kommt auf die Landstraße, überlässt sich dem Zufall der Ampelschaltungen und fährt und fährt und fährt…

Außen und innen
24 Stunden lang begleiten wir die Frau, sitzen mit ihr im Auto, erleben sie an der Tankstelle, bei einem Wildunfall, mit zwei jungen Tramperinnen und schließlich wieder allein. Vor allem aber folgen wir ihrem inneren Monolog, ihren Erinnerungsfetzen, die umso dichter werden, je weiter sie sich von ihrem Zuhause entfernt, den Entscheidungen, die sie in ihrem Leben getroffen hat, und erleben, wie sie sich immer mehr an ihre Gefühle, Ängste und Schmerzpunkte herantastet.
Ein Roman mit enormem Sog
Obwohl Grüne Welle vordergründig harmlos beginnt und sich erst allmählich entfaltet, hatte ich sofort ein Gefühl der Bedrohung, das mich nicht mehr verließ. Die innere Reise der Frau, deren wirklichen Namen, Aussehen und genaues Alter wir nicht erfahren, hat bei mir einen anhaltenden Sog entfaltet. Dazu tragen der äußerst raffinierte Aufbau der Geschichte und die besondere Erzählweise von Esther Schüttpelz bei, die ein perfektes Gefühl für Tempoveränderungen, Schwebezustände, Entfernung und Nähe sowie Bildsprache hat, sei es beim Motiv der Rahmen, aus denen heraus die Künstlerin ihre Bilder entwickelt, beim Umleitungsschild oder beim überfahrenen Reh. Die Sprache ist konzentriert, der Stil lebt von Wiederholungen, die das Gesagte umso stärker einbrennen. Die personale Erzählperspektive wechselt in sieben der Kapitel zur Freundin und ergänzt die Sicht der Frau im Auto von außen. Auch die Freundin bleibt, wie alle Figuren im Buch, namenlos, genau wie der Ort der Handlung, was darauf hinweist, dass es der Autorin nicht nur um ein Einzelschicksal geht, sondern vielmehr um ein gesellschaftliches Muster.
Ein überaus raffiniert erzählter, überraschender, nur gut 200 Seiten umfassender Roman und eine große Leseempfehlung.
Esther Schüttpelz: Grüne Welle. Diogenes 2026
www.diogenes.ch