Magdalena Skala: Sachen

  Ein preisgekröntes Entdecker-Bilderbuch

Den Bilderbuchillustrationspreis „Der Meefisch“, hochdeutsch: „Der Mainfisch“, habe ich erst vor Kurzem kennengelernt. Er wird jedoch bereits seit 2005 alle zwei Jahre von der Stadt Marktheidenfeld am Main für ein unveröffentlichtes Bilderbuchprojekt vergeben. Die ausgezeichnete Vorlage wird seit dem Preisjahr 2009 im Würzburger Kinder- und Jugendbuchverlag Arena veröffentlicht, der Gewinner oder die Gewinnerin erhält zusätzlich ein Preisgeld von 2000 Euro. Begleitend findet eine Ausstellung der 18 besten Beiträge im Kulturzentrum Franck-Haus in Marktheidenfeld statt, während der die Besucherinnen und Besucher ein Werk mit einem eigenen, mit 500 Euro dotierten Publikumspreis auszeichnen.

Meefisch-Preisträgerin 2019 unter über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde die Grafikdesign-Studentin Magdalena Skala. Ihr Bilderbuch Sachen. Mein 200-Bilder-Buch hat nicht nur die Fachjury, sondern auch mich mit seinen klaren Illustrationen und den leuchtenden Farben Blau, Gelb, Rot und Orange überzeugt. Auf acht glänzenden Doppelseiten aus Pappe mit abgerundeten Ecken sind – geordnet nach den Räumen eines Hauses – Alltagsgegenstände aus Garderobe, Kinderzimmer, Wohnzimmer, Küche, Speisekammer, Bad, Keller und Waschküche abgebildet, auf weiteren zwei Doppelseiten Gartenutensilien sowie Bauernhoftiere.

Die Perspektive ist jeweils so günstig gewählt, dass die Gegenstände gut erkennbar sind, allerdings braucht es wegen der Beschränkung der Farben trotzdem Fantasie, denn die Katze ist rot, der Kaktus blau und das Brot zitronengelb. Anspruchsvoll ist die Doppelseite mit der Speisekammer, besonders einfach und auch für ganz kleine Betrachterinnen und Betrachter zu benennen sind demgegenüber die Gegenstände in der Waschküche und die Tiere.

Pfiffig ist die Idee, auf jeder Doppelseite einen kleinen Marienkäfer zu verstecken, mal krabbelnd, mal fliegend oder als Dekoration, der nicht immer leicht zu finden ist. Man muss also schon genau hinsehen bei diesem Bilderbuch ohne Text, bei dem es für Kinder ab eineinhalb Jahren jede Menge zu entdecken und zu erzählen gibt.

Magdalena Skala: Sachen. Mein 200-Bilder-Buch. Arena 2020
www.arena-verlag.de

#einlesezeichensetzen

In dieser besonderen Situation kommt es mehr denn je darauf an, sich gegenseitig zu unterstützen und Mut zu machen. Viele Buchhandlungen haben ihre Läden geschlossen, aber sind weiterhin für ihre Kundinnen und Kunden da. Sie bieten dafür die Möglichkeit zur Bestellung über den Onlineshop, per E-Mail oder Telefon an, oft mit kostenloser Lieferung zu Fuß, per Rad, mit dem PKW oder DHL. Bitte nutzen Sie diese Chance und unterstützen Sie den unabhängigen lokalen Buchhandel. Amazon und die großen Ketten werden die Krise überleben, die kleinen Indie-Buchhandlungen aber sind in größter Gefahr.

Damit wir auch nach der Corona-Krise noch den großartigen Service, die Veranstaltungen, das Angebot zum Anfassen und die vielen innovativen Ideen unserer individuellen Buchhandlungen vor Ort haben!

Hier findet man Buchhandlungen in der eigenen Umgebung:
www.geniallokal.de
www.mybookshop.de
www.buchhandlung-finden.de

Liz Moore: Long Bright River

  Familiendrama – Gesellschaftsroman Krimi

Michaela „Mickey“ Fitzpatrick ist Streifenpolizistin in Kensington, einem Stadtteil von Philadelphia, der heute als größter Drogenmarkt im Osten der USA gilt. Eigentlich müsste sie längst Detective sein, doch möchte sie auf diese Weise ihre jüngere Schwester Kacey im Auge behalten. Kacey ist seit dem Teenageralter drogenabhängig und finanziert ihre Sucht wie so viele in Kensington mittels Prostitution. Doch nun ist sie seit einigen Wochen wie vom Erdboden verschluckt, während gleichzeitig ein Frauenmörder sein Unwesen in diesem elenden Stadtteil treibt. Seine Opfer sind junge Prostituierte und Mickey befürchtet bei jeder weiteren Leiche, es könnte sich um ihre Schwester handeln. Verzweifelt sucht sie zugleich nach Kacey und nach dem Killer.

Eine kontrollierte Ich-Erzählerin
Warum die beiden Schwestern seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr zueinander haben, obwohl eine lieblose Kindheit bei ihrer Großmutter sie zuvor zusammengeschweißt hatte, erfährt man erst allmählich. Die Ich-Erzählerin Mickey rückt spät mit überraschenden Wahrheiten heraus, ein gelungener Kunstgriff der 1983 geborenen US-amerikanischen Autorin Liz Moore. Abwechselnd handeln die Kapitel vom „Jetzt“ und vom „Damals“. In der Gegenwart geht es um Mickeys doppelte Suche sowie um ihren Alltag als alleinerziehende Mutter, in der Vergangenheit um die schwierigen Kindheit und Jugend der Schwestern nach dem Drogentod der Mutter und dem Verschwinden des Vaters, die zu frühe Verantwortung Mickeys für ihre jüngere Schwester und deren Abgleiten ins Drogenmilieu. Scheinen die Rollen als „saubere“ Polizistin im Kampf gegen Drogen, Gewalt und polizeiliche Korruption einerseits und drogenabhängige Schwester andererseits zunächst klar verteilt, so bekommt das Bild der Ich-Erzählerin mit der Zeit immer mehr Risse:

Ich denke an die Entscheidungen, die meine eigene Mutter getroffen hat – und mir wird schmerzlich klar, dass ich mich gar nicht so sehr von ihr unterscheide. Nur die Art unserer jeweiligen Abhängigkeit war eine andere. Die ihre war Rauschgift, eindeutig, klar definiert. Meine ist amorph, aber nicht weniger ungesund. Hat mit Selbstgerechtigkeit oder meinem eigenen Selbstbild oder Stolz zu tun.

Krimi oder Roman?
Jede Leserin und jeder Leser wird für sich selbst entscheiden müssen, ob Long Bright River für sie oder ihn mehr Krimi oder mehr Roman ist, als den ihn der Verlag C.H. Beck bezeichnet. Stand für mich zunächst die Frage nach dem Serienkiller im Vordergrund, so wurde dies im Verlauf immer mehr vom Schicksal der beiden Schwestern überlagert. Beides zusammen hat bei mir einen Sog ausgelöst, der mich das sehr flüssig geschriebene Buch nicht mehr aus der Hand legen ließ. Der Roman ist also – neben der Krimihandlung – vieles zugleich: ein Familienroman über eine erschreckend dysfunktionale Familie, ein schonungsloses Gesellschaftsdrama über desaströse Verhältnisse in einem von Drogen gefluteten Umfeld mit sehr atmosphärischen Ortsbeschreibungen und nicht zuletzt ein Roman über alleinerziehende Frauen und ihren täglichen Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung. Obwohl keines dieser Themen in Deutschland weniger aktuell ist, erschien mir das Buch sehr amerikanisch und in Teilen klischeehaft. Für die Spannung und das gekonnte Spiel der Ich-Erzählerin mit der Wahrheit war das jedoch von untergeordneter Bedeutung.

Liz Moore: Long Bright River. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. C.H. Beck 2020
www.beck.de

Hendrik Lambertus: Die Mission der tollkühnen Bücher

  Ein buchiges Fantasy-Abenteuer

Das Antiquariat Dinas Bücherhort in der Papyrusgasse 13 ist das Hauptquartier der Buchagenten und -agentinnen. Hier sind die tollkühnen Beschützer und Beschützerinnen der gesamten Buchheit zuhause, die bei Alarm unschuldige bekritzelte oder zerfledderte Bücher retten, verlorene Bücher unter dem Sofa hervorziehen, durcheinandergeratene Geschichten neu ordnen oder auch mal ein Taschentuch vorbeibringen, wenn ein Buch unter Staub-Allergie leidet. Alle Buchagenten und -agentinnen waren selbst einst normale Bücher, bevor sie von der machtvollen Magie des Buchvaters und Zauberers Hermes Trismegistos erfüllt und lebendig wurden, ausgestattet mit hauchdünnen Armen und Beinen und einem Gesicht auf dem Buchrücken.

Das Zauberbuch Hedy Hexensocke, das Piratenbuch Paulchen Piratenkind und die Detektivgeschichte Reginald Ratlos sind Nachwuchs-Buchagenten frisch vom Trainings-Parcours, als sie zu ihrer ersten richtigen Mission gerufen werden. Der vermeintliche Routinefall entpuppt sich schnell als Bedrohung für die gesamte Buchheit, denn ein geheimnisvoller Zensor geht um und liest unschuldige Bücher leer. Zurück bleiben Bücher, deren spannendste und fantasievollste Teile verschwunden sind, und zwar zugleich in allen Exemplaren auf der ganzen Welt. Als dann auch noch die Chefin des Antiquariats, die erste Buchagentin Tabula Smaragdina, entführt wird, herrscht Alarmstufe Rot. Statt der Regel Nummer zwei: „Menschen dürfen uns nicht sehen – wo immer wir auch schleichen und stehen“ gilt nun die Ausnahmeregel 27c: „Wird die Not am größten sein, weihen wir auch Menschenkinder ein“. Die buchbegeisterten Geschwister Melusine und Arthur Gutenberg unterstützen die Jungagenten tatkräftig bei ihrer Rettungsaktion.

Viele „buchige“ Stationen müssen die fünf Abenteurer besuchen, eine alte Klosterbibliothek, eine Buchhandlung, die Stadtbibliothek und meinen absoluten Lieblingsort, den „Zeichenwald in den Buchlanden“. Hier leben die gefährlichen „Papiertiger“, wachsen „Buchstablumen“, „Silbüsche“ und „Wortweiden“, von hier kommen auf dem „Schreibfluss“ Buchstaben, Silben und Wörter in die Menschenwelt und verursachen Biber die gefürchteten Schreibblockaden.

Das Fantasy-Abenteuer von Hendrik Lambertus ist in erster Linie ein Buch für Jungen und Mädchen ab acht Jahren, die beim Lesen kräftig miträtseln können. In einer zweiten, durchaus auch für Erwachsene interessanten Ebene geht es darüber hinaus um die Frage, ob man Texte vor der Fantasie ihrer Leserinnen und Leser bewahren muss, oder ob die Vorstellungskraft nicht vielmehr unbeschränkt bleiben soll, wie es der Buchvater Hermes Trismegistos vehement vertritt:

Aber sie [die Geschichten] sind nun einmal veränderlich, das ist ihre Natur – wie bei allem, was lebendig ist. Es gibt nicht nur den einen Robinson. Er wird jedes Mal neu erschaffen, wenn wieder ein Mensch seine Geschichte liest.

Die Mission der tollkühnen Bücher ist eine genau solche Geschichte, die die Fantasie kleiner wie großer Leserinnen und Leser anregt, nicht nur wegen des vielschichtigen Textes, sondern auch wegen der vielen detailreichen wie atmosphärisch passenden Illustrationen von Alica Räth. Deshalb hoffe ich, dass es nicht bei dieser einen Mission für die Buchagenten „mit und ohne Einband“ bleibt!

Hendrik Lambertus: Die Mission der tollkühnen Bücher. Mit Illustrationen von Alica Räth. Ueberreuter 2020
www.ueberreuter.de

Wolfgang Schorlau & Claudio Caiolo: Der freie Hund

  Commissario mit Utopie

Commissario Antonio Morello, Spitzname „Der freie Hund“, neuer Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen in Venedig, wird von den Kollegen nicht gerade warm empfangen. Vorurteile gegen Süditaliener, Misstrauen wegen seiner geheimnisvollen Versetzung von Sizilien in den Norden und Neid schlagen ihm entgegen. Auch Morello ist nicht begeistert, erscheint ihm doch die angeblich „schönste Stadt der Welt“ eher wie Dantes Inferno, „stinkig, kalt, nass und unfreundlich“. Er ist nicht freiwillig hierhergekommen, vielmehr dient die Maßnahme zumindest vorgeblich seinem Schutz, denn er hat mehr als 40 Mafiosi in den Knast gebracht, Bande zwischen der Cosa Nostra und der Politik aufgedeckt, privat bitter bezahlt und „steht auf der Todesliste von halb Cefalù und ganz Palermo“.

Der erste Mordfall
Beginnt sein erster Arbeitstag noch mit einem vergleichsweise harmlosen Taschendieb, so gibt es am zweiten bereits eine Leiche. Der Student Francesco Grittieri aus reicher venezianischer Familie, einer der Gründer des Studentenkomitees „Studenti contro navi da crociera“ wurde mit zahlreichen Messerstichen getötet. Dass er sich gegen die Kreuzfahrtschiffe im Herzen Venedigs, und gegen den Massentourismus engagierte, passte nicht jedem. Seine Familie, mit der er im Streit lag, ist Teilhaberin der Hafengesellschaft, Hafenarbeiter fürchten um ihre Jobs. Seine Freundin war krankhaft eifersüchtig, sein bester Freund zugleich Rivale in Liebesangelegenheiten und in der Führung der Protestbewegung. Die neuen Kollegen halten Moretti für paranoid und zwangsneurotisch, als er hauptsächlich in Richtung der Hafengesellschaft und der Familie Grittieri ermittelt und sogar seinen „Mafiaspleen“ auslebt – wo es doch nach ihrer Ansicht in Venedig zwar Korruption, aber keine ehrenwerte Gesellschaft gibt…

Noch nicht ganz rund
Das Autorenduo Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo verfolgt Commissario Morellos 17 erste Tage an neuer Wirkungsstätte und mischt den Kriminalfall mit viel venezianischer Geografie und Architektur, aktuellen politischen und ökologischen Problemen der Stadt, der Küche sowohl Venedigs als auch Siziliens, einer Liebesgeschichte und den Verflechtungen zwischen Mafia und Politik. Leider bleibt gerade Letzteres sehr an der Oberfläche und Morettis Monologe zu diesem Thema erschienen mir seltsam distanziert, obwohl er doch für seine Utopie, den Sieg über die Mafia, angeblich brennt. Dass die Investigativjournalistin und Mafia-Expertin Petra Reski ihre Nennung in der Danksagung gerichtlich untersagen ließ, stimmt mich ebenfalls nachdenklich. Der Fall des ermordeten Studenten tritt immer wieder sehr in den Hintergrund und konnte mich nicht so packen, wie ich es erwartet hatte, zumal relativ schnell klar war, worauf die Auflösung schließlich hinauslaufen würde. Überzeugt hat mich dann allerdings der Showdown, als es so richtig spannend und dramatisch wurde – mit einer gut eingefädelten, unerwarteten Wendung. Sprachlich eher einfach, hat das Buch mit den Seitenzahlen am jeweils äußeren Rand und der Coppola, Morellos geliebter Schiebermütze, als Trennung zwischen den Abschnitten ein originelles Layout, ist aber durch den Druck bis weit nach innen nur mit Kraft offen zu halten, was das Lesen erschwert.

Auch wenn mich dieser erste Fall Morellos in Venedig noch nicht überzeugen konnte, würde ich der Reihe vor allem wegen der interessanten Ermittlergruppe noch eine Chance geben, nun, wo sich das Team endlich zusammenzuraufen scheint.

Wolfgang Schorlau & Claudio Caiolo: Der freie Hund. Kiepenheuer & Witsch 2020
www.kiwi-verlag.de

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser

  Familiensumpf

Zwölf Jahre haben Edith und Mae nichts von ihrem Vater Dennis Lomack gehört, als er sie nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter Marianne von New Orleans nach New York holt. Die 14-jährige Mae begrüßt die Befreiung aus der Umklammerung ihrer psychisch kranken Mutter und hofft auf einen Neuanfang bei ihrem fremden Vater, einem gefeierten Schriftsteller. Ganz anders die 16-jährige Edith, die noch weiß, wie der Vater nach Mariannes erstem Suizidversuch die Familie verließ. Sie misstraut ihm, gibt ihm die Schuld am Leiden der Mutter und wirft ihm vor, seine Töchter damit alleine gelassen zu haben. Nun fühlt sie sich vom Vater gekidnappt und möchte so schnell wie möglich zu ihren Freunden, vor allem aber aus Verantwortungsbewusstsein zu ihrer Mutter zurück. Als der Vater dies ablehnt, macht sie sich heimlich auf den Weg und lässt Mae allein bei ihm zurück. Für beide Schwestern nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Viele Stimmen, mehrere Zeitebenen und doch nie verwirrend
Der Debütroman Je tiefer das Wasser der in Moskau geborenen, mit drei Jahren in die USA eingewanderte Autorin Katya Apekina hat mich von der ersten Seite in Bann geschlagen. Anders als das eine Augenpaar auf dem dekorativen Cover suggeriert, wird hier aus der Sicht vieler erzählt. Am häufigsten hören wir Ediths und Maes Stimmen, Ediths im Präsens parallel zum Geschehen im Jahr 1997 aus unmittelbarer Betroffenheit, Maes dagegen aus der Rückschau 2012, ruhiger, abgeklärter und im Perfekt. Dazwischen erhebt sich ein polyfoner Chor aus mehr oder weniger direkt von der Familientragödie Betroffenen, ergänzt durch weit in die Vergangenheit zurückreichende Briefe, Gesprächsprotokolle und Tagebucheinträge. So ergibt sich ein farbiges Mosaik aus manchmal sich ergänzenden, manchmal sich widersprechenden Steinchen, mit dem ich mir allmählich ein eigenes Bild machen konnte. Interessant ist die Rolle der Kunst als Mittel der Unterdrückung für die einen, Weg in die Freiheit für andere.

Täter und Opfer
Marianne himmelte den wesentlich älteren, smarten Dennis schon als Kind an. Nach dem Tod ihres Vaters heiratete sie ihn mit 17 in der Hoffnung auf Rettung vor ihren Dämonen, ein Wunsch, der sich nie erfüllte. Stattdessen missbrauchte Dennis seine „Kindsbraut“, die selbst Gedichte schrieb, rücksichtslos als Muse für seine Kunst. Beide, Vater wie Mutter, beuteten die Kinder für ihre Bedürfnisse aus. In Mae, die ihrer Mutter verblüffend ähnelt, hoffte Dennis, erneut Inspiration zu finden – mit fatalen Folgen, wie Mae rückblickend erzählt:

Ich wollte ihm nur gefallen. Ich wollte ständig seine Aufmerksamkeit. Wenn seine Gedanken bei Mom waren – und das waren sie oft -, dann wurde ich eben Marianne. […] Und ich hatte ein unglaubliches Talent dafür, Dads Muse zu sein. Ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzumachen, dass seine Gefühle für Mom mir galten, weil ich ihre Zweitbesetzung war.

Bei der Lektüre habe ich fast atemlos verfolgt, wie unterschiedlich die beiden Schwestern mit den unheilvollen Familienabhängigkeiten umgehen und welch schwere Opfer sie bringen müssen für ein vergleichsweise hoffnungsvolles, aber sehr glaubwürdiges Ende.

Was für ein lesenswertes Debüt!

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. Suhrkamp 2020
www.suhrkamp.de

Tanya Tagaq: Eisfuchs

  Wenn Zeit und Handlung spazieren gehen

Eisfuchs war mein Einstieg in die Literatur des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2020: Kanada. Tanya Tagaq, Inuit und 1975 in Cambridge Bay, heute Nunavut, geboren, ist Musikerin und bekannt für ihre indigenen Kehlkopfgesänge, die sie mit modernen Elementen mischt.

Genauso ungewöhnlich wie diese traditionelle Musik ist ihr Romandebüt, das nun auf Deutsch im Verlag Antje Kunstmann erschien. Das Äußere des Buches verdient besondere Beachtung: ein schlichtes Schwarz-Weiß-Cover, die leichte Prägung des Umschlags, die Großbuchstaben in Serifenschrift und der rotgefärbte Schnitt, der für ein leises Knacken beim Durchblättern sorgt, erzeugten bei mir ein wohliges Gänsehautgefühl.

Damit war es jedoch bereits bei der Widmung vorbei:

Für die verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas, und für die Überlebenden der Residential Schools.

Kindheit und Jugend in der Arktis
Eine namenlose Ich-Erzählerin berichtet in kurzen Sequenzen und Gedichten über ihr Aufwachsen am Rand des kanadischen Eismeeres. Drei Jahresangaben gliedern den Text: 1975 ist sie elf, 1978 und 1982. Es ist ein langweiliges 1200-Einwohner-Dorf, wo Kälte und Dunkelheit die Zeit monatelang anhalten, die Häuser wegen des Permafrosts auf Stelzen stehen, ab minus 50 Grad gefühlter Temperatur die Schule ausfällt und erst im Frühling das Leben zurückkehrt:

Wir Kinder dürfen im Frühling frei durch den Ort streifen. Wir sind das ständige Zusammensein mit den Eltern genauso leid wie sie, die ein halbes Jahr lang unser Herumtoben im Haus aushalten mussten.

Für die sich selbst überlassenen Kinder ist die Tundra ein gefährlicher Abenteuerspielplatz. Dazu schnüffeln sie Butangas und Lösungsmittel, Mobbing und Gewalt sind allgegenwärtig. Die traumatisierte Elterngeneration hat durch Umsiedlung, den Übergang zum Kapitalismus und Zwangschristianisierung jeden Halt verloren, trinkt, feiert und missbraucht die Kinder:

Ich funktioniere nur von der Taille aufwärts
Psychologische PDA
Taub
Zu jung wurde ich missbraucht
Zu jung wurden wir missbraucht
In eine Teergrube geworfen
Je mehr ich strample desto tiefer sinke ich…

Unscharfe Konturen
Mit dem Fortschreiten des Romans löst sich die Handlung immer mehr auf, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Durch die Hinwendung zu alten Mythen und Gebräuchen der Inuit und zu den Kräften der Natur findet die Ich-Erzählerin zu Stärke und Selbstbewusstsein:

Das Trauma sucht sich uns nicht aus; man entscheidet selbst, ob etwas zum Trauma wird, oder etwa nicht?

Zwiespältiges Fazit
Es ist mir unmöglich, den Inhalt des Romans auch nur annähernd wiederzugeben, zu verschwommen und abstrakt ist die Erzählung, zu fremd die mythische Welt der Inuit. Ergreifende, großartige Naturschilderungen wechseln ab mit schockierenden Gewaltszenen und vielen Passagen, die ich schlicht nicht verstanden habe. Sicherlich ist das Buch für Menschen mit einem besseren Zugang zu Esoterik und Mystik besser geeignet als für mich, die ich mir einen weniger experimentellen, zugänglicheren Text über Geschichte, Leben und Kultur der Inuit gewünscht hätte. Dem sprachlichen Sog und den einfachen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Jaime Hernandez konnte ich mich jedoch nie entziehen, selbst nicht in mir unverständlichen Textsequenzen, und die Grundidee der Heilung durch die Natur ist einfach wunderbar, genauso wie solche Formulierungen:

Wie lang ich auf dem Eis liege, weiß ich nicht, die Zeit ist spazieren gegangen.

Tanya Tagaq: Eisfuchs. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger. Illustrationen von Jaime Hernandez. Kunstmann 2020
www.kunstmann.de

Alexandra Fröhlich: Dreck am Stecken

  Eine Räuberpistole

Unsere Mutter rauchte und trank. Beides nicht zu knapp. Und sie war ein lustiger Vogel, wenn sie nicht gerade einen ihrer Schübe hatte. Dann rauchte und trank sie noch mehr und sprach kein Wort, sondern starrte tagelang lieber stumpfsinnig aus dem Fenster. Alles in allem aber war sie ziemlich in Ordnung. Sie war nur anders als andere Mütter.

Die Frau, die der Ich-Erzähler Johannes am Beginn von Alexandra Fröhlichs Romans Dreck am Stecken charakterisiert, ist Mutter von vier Söhnen mit vier verschiedenen Vätern. Vier Sommer vor der großen Katastrophe“ stößt auch noch Opa Heinrich zur Familie im Osdorfer Born, einer Hamburger Plattenbau-Großsiedlung. „Die Katastrophe“ ist der Selbstmord der Mutter, einen Tag nach Johannes‘ 18. Geburtstag:

Als hätte sie beschlossen, dass es nun gut war. Dass sie alles getan hatte, um uns auf den richtigen Weg zu bringen. Und dass nun jemand anderes dran war, für das Weitere zu sorgen.

Vier Enkel und ein schräger Großvater
Offiziell ist es der Großvater, der sich um die Enkel kümmert, doch hauptsächlich übernimmt Johannes die Verantwortung für seine Brüder Jakob, Philipp und Simon, unterstützt von Jakobs finanzkräftigem Vater, den der Sohn nach Strich und Faden erpresst. Alle vier Brüder schaffen ihr Abitur, Johannes wird Journalist, Jakob ein erfolgreicher Banker, Philipp Herzchirurg mit eigener Familie und Simon lebt als Künstler auf einem Bauernhof. Doch die Kindheit hat bei allen Narben hinterlassen: Johannes stottert je nach Aufregung mal mehr, mal weniger, Jakob überspielt seine Unsicherheit mit fast unerträglicher Großspurigkeit, Philipp ist Alkoholiker und Simon leidet unter Krampfanfällen und Stimmungsschwankungen. Der enge Kontakt zwischen den Brüder löst sich mit den Jahren auf, nachdem Simon mit einer polnischen Pflegekraft und Opa Heinrich im Heim versorgt ist.

Die Wende
Als der Großvater stirbt, hinterlässt er seinen Enkeln nicht nur eine geheimnisvolle Kiste mit einem vergilbten Tagebuch, es kommen auch erstaunlich viele Unbekannte zu seiner Beerdigung. Allmählich dämmert den Brüdern, warum weder er noch ihre Mutter über die Vergangenheit sprechen wollten. Ein Schock, doch auch die Chance, den alten Zusammenhalt wiederherzustellen, gilt es doch, bei einer gemeinsamen Tour nach Argentinien zu retten, was zu retten ist…

Zwischen Tragödie und Komödie
Wie schon in ihrem letzten Roman, Gestorben wird immer, der mir noch besser gefallen hat, findet Alexandra Fröhlich auch dieses Mal wieder einen leichten, schwarzhumorigen Ton für eine tragische Thematik, wird aber dabei nie seicht, rührselig oder sprachlich banal. Allerdings geht mir die Verarbeitung des Holocaust-Themas als nicht ganz ernst gemeinte Komödie bisweilen deutlich zu weit und insbesondere den Titel des Buches, Dreck am Stecken, empfinde ich als unzulässige Verharmlosung. Mit den vier unterschiedlichen Brüdern hatte ich jedoch meinen Spaß, denn hier sind Alexandra Fröhlich vier ganz besondere Protagonisten gelungen, die mit der lebensklugen, sympathischen polnischen Pflegekraft Ania ein wahrlich außergewöhnliches Team bilden. Die Erzählstruktur mit den drei Ebenen „Damals“, „2008“ und „San Miguel de Tucumán“ erhöht die Spannung und das hochaktuelle Thema generationenübergreifende Traumatisierung lohnt die Lektüre allemal.

Alexandra Fröhlich: Dreck am Stecken. Penguin 2019
www.randomhouse.de

Peter Zantingh: Nach Mattias

   Nicht nur Schatten

Der Aufbau des Romans Nach Mattias des Niederländers Peter Zantingh erinnert an Simone Lapperts lesenswertes Buch Der Sprung aus dem Diogenes-Programm des Jahres 2019. Ist es bei Lappert die Frau auf dem Dach, die das Schicksal vieler Wartender nachhaltig beeinflusst, so gibt bei Zantingh der plötzliche Tod eines jungen Mannes dem Leben der acht Ich-Erzählerinnen und -Erzählern schlagartig eine neue Richtung. Nicht alle sind so direkt mit Mattias verbunden wie seine Freundin Amber, die Großeltern, die Mutter Kristianne oder der beste Freund Quentin. Manche kannten ihn gar nicht, wie Quentins blinder Tandemjogger Chris, Issam war nur über das Internet mit ihm in Kontakt und bei Nathan und Tirra habe ich sogar eine ganze Weile gerätselt, worin die Verbindung zu Mattias besteht. Aber ganz egal, wie nah oder fern sie ihm standen und wie groß dementsprechend ihre Trauer ist, ihr Leben nimmt mit seinem Tod eine Wende oder beeinflusst wenigstens ein bisschen dessen Verlauf.

Was geschah
Erst im siebten der neun Kapitel erfahren wir, welche tragischen Umstände zu Mattias‘ plötzlichem Tod führten, was mich zu ebenso wilden wie vergeblichen Spekulationen angeregt hat. Bis es dazu kommt, haben wir bereits sieben der acht Stimmen gehört, nur Amber sind mit dem ersten und letzten gleich zwei Kapitel vorbehalten. Mit Chris, dem blinden Familienvater, der Dank Quentins verzweifelter Lauferei einen Tandemjogger findet, ist es ausgerechnet einer, der Mattias nicht kannte, der die Todesumstände in Worte fassen kann. Neben ihm ist mir Amber besonders ans Herz gewachsen, Mattias‘ Freundin, die ihre Trauer zu Beginn so in Worte fasst:

Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgens anders als abends. […] In diesen ersten Wochen wusste ich manchmal nicht, ob ich meinen eigenen Schatten sah oder den von jemandem, der sich mit den besten Absichten dicht neben mich gestellt hatte.

Viele Stimmen
Nicht nur die Todesumstände bleiben lange rätselhaft, auch die Person Mattias muss sich der Leser oder die Leserin aus dem multiperspektivischen Chor deren, die ihn oder zumindest Menschen aus seinem Umfeld kannten, erst allmählich zusammensetzen. Nicht alle schildern ihn gleich. Seine Mutter Kristianne hätte den Nachruf auf ihren Sohn bei der Trauerfeier ganz anders gehalten, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre. Allmählich entsteht trotzdem das Bild eines energiegeladenen jungen Mannes voller Pläne, der Ideengeber für andere war, seine Freundin trotz Differenzen liebte, allen zugewandt, gesellig und empathisch war, das Leben genoss und vor allem gut zuhören konnte.

Trotz allem auch ein hoffnungsvoller Roman
Auch wenn ich stilistische Unterschiede der verschiedenen Erzählstimmen kaum gespürt habe, sondern immer eher der Autor sprach, hat es mir doch viel Freude bereitet, die Verbindung der verschiedenen Erzählerinnen und Erzähler zu Mattias zu entschlüsseln und sein Bild aus Puzzleteilen zusammenzusetzen. Obwohl es ein Roman über Trauer ist, ist es kein tieftrauriges Buch. Vielmehr entwickeln alle Zurückbleibenden Überlebensstrategien, so dass es trotz der großen Lücke „nach Mattias“ für alle Hoffnung gibt.

Peter Zantingh: Nach Mattias. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

  Eine Enttäuschung

Auf Pascal Merciers neuen Roman Das Gewicht der Worte hatte ich mich ganz besonders gefreut. Nachtzug nach Lissabon war 2004 mein Lieblingsbuch und auch Lea hat mir 2007 gut gefallen. Lange mussten wir auf ein neues Buch warten, entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Dass der Protagonist ein Sprachenenthusiast und Übersetzer sein würde, hat meine Vorfreude zusätzlich befeuert. Doch dann die Enttäuschung: Pascal Mercier konnte mich mit der Geschichte um Simon Leyland überhaupt nicht begeistern, ich entwickelte beim Hören der mehr als 22 Stunden umfassenden vollständigen Lesung Überdruss ob der beständigen Wiederholungen und Widerwillen gegen den eitlen Leyland und die Blase, in der er sich ausschließlich bewegt. Kein Satz über das Weltgeschehen oder Politik auf über 600 Seiten – Leyland kreist ausschließlich um seine eigene Befindlichkeit, seine gleichgesinnten Freunde und seine ihm ähnlichen erwachsenen Kinder.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst. Simon Leyland, Anfang 60, Übersetzer, Verlagsleiter, seiner verstorbenen Frau Livia und deren Verlag zuliebe von London nach Triest umgezogen, wird das Opfer einer ärztlichen Verwechslung. 77 Tage lang hat er den schnellen Tod vor Augen, eine Zeit, in der er seinen Verlag verkauft und den Suizid plant. Dann klärt sich der Irrtum auf, Leyland bezieht ein soeben in London geerbtes Haus in London und ordnet, „jetzt, da er wieder eine Zukunft hat“, sein Leben neu.

Leider hat mir vieles die Freude an diesem Roman vergällt. Da war gleich zu Beginn das völlig unrealistische Gespräch mit dem Triester Chefarzt, der dem MRT-Bild nicht nur die Diagnose Hirntumor, sondern gleich auch noch die Histologie entnimmt. Verständlich, dass Leyland mit der Verwechslung hadert und wütend ist, doch trifft ihn, der sofort jede Mitarbeit verweigert, eine Mitverantwortung. Weniger Selbstmitleid und mehr Empathie für den Hauptleidtragenden, den tatsächlich betroffenen Patienten, dem die Therapie vorenthalten wird, wäre angebracht gewesen. Dass ihn auch nach der Aufklärung des Irrtums seltene Anfälle wegen zeitweiliger Durchblutungsstörungen im Gehirn mit vorübergehendem Verlust der Sprache treffen, beklagt er wortreich, ohne daraus Konsequenz zu ziehen. Er und alle anderen Figuren rauchen so fortgesetzt, wie ich das in dieser Intensität und Ausführlichkeit noch nie gelesen habe.

Ebenso konstruiert wie Leyland wirken auf mich seine Freunde, alle tiefsinnig, mit höchst dramatischen, außergewöhnlichen Lebensläufen, stets aus edelsten Motiven handelnd, selbst wenn dies eine Gefängnisstrafe nach sich zieht. Nur ein einziger Kritiker zieht Leylands Übersetzungen in Zweifel, doch ihn bügelt er als „kleinen, unbedeutenden Mann“ ab und unterstellt ihm einen „kleinen, miesen Rachefeldzug“. Alle anderen denken wie er und bestätigen in Gesprächen seine Gedankengänge, die Leyland in Briefen an seine tote Frau noch einmal wiederholt. Selbst interessante Themen wie das Wesen der Zeit, Krankheit, Tod, das Erlernen von Sprachen, das Handwerk des Übersetzens, Jurisprudenz und Gesundheitswesen werden so zerredet und wirken flach.

Gehadert habe ich auch mit der Stimme von Markus Hoffmann, die zwar deutlich ist und warm klingt, aber leider das Pathos des Textes überbetont.

Vielleicht hätte mir das Buch etwas besser gefallen als die Hörfassung und natürlich ist Pascal Merciers sprachliches Vermögen wieder beeindruckend. Leider hat das aber nicht ausgereicht, um mich über die kritisierten Aspekte hinwegzutrösten.

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. Gelesen von Markus Hoffmann. HörbuchHamburg 2020
www.hoerbuch-hamburg.de