Anne Müller: Sommer in Super 8

  Kein Ostsee-Bullerbü

Das Cover zu Anne Müllers Debütroman Sommer in Super 8 passt wunderbar zu dieser Geschichte über eine Kindheit in Schleswig-Holstein während der 1970er-Jahren. Eine Strandszene, stahlblauer Himmel, blaues Meer, offensichtlich ein typischer Ausschnitt aus einem Super-8-Film der Familie König. Heile Welt? Eine Bullerbü-Kindheit im abgeschiedenen kleinen Dorf Schallerup unweit der dänischen Grenze? So hatte ich es auf den ersten Seiten empfunden und lag weit daneben.

Clara, die uns ihre Geschichte erzählt, ist 1963 geboren, ein Sandwichkind, das sich mit zwei älteren Geschwistern und jüngeren Zwillingsbrüdern oft wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen fühlt. Der Vater, aus dem Ruhrgebiet stammend, ist Hausarzt mit eigener Dorfpraxis, ein Partylöwe, Anekdotenerzähler, charmanter und geistreicher Gastgeber, der als Student bezeichnenderweise den Spitznamen „Pirsch“ trug. Clara hängt besonders an ihm, vielleicht, weil die Mutter mehr mit den kaum zehn Monate jüngeren Zwillingen beschäftigt war. Sie ist seine „Königstochter“ und darf ihn schon als kleines Mädchen bei Hausbesuchen begleiten. Instinktiv spürt sie schon als Sechsjährige seine hinter einer Maske verborgene tiefe Traurigkeit. Auch die Mutter ist nicht glücklich in ihrer Ehe. Der Traum von einer Schauspielausbildung scheiterte an ihrem Vater, das Sportstudium hat sie früh zugunsten der Familie aufgegeben und nun führt sie das zeittypische Leben einer gutsituierten Arztgattin mit Villa, Auto, Ansehen, schönen Kleidern und regelmäßigen Friseurbesuchen. Sie ist eine „Meisterin im Drüber-hinweg-Gehen“, hält immer die Fassade aufrecht und schweigt, auch wenn sie wütend ist. Sie bleibt auch als Romanfigur im Schatten ihres Mannes und scheint machtlos angesichts der Familientragödie.

Claras Bericht über eine Kindheit und Jugend in den 1970er-Jahren dürfte in allererster Linie die begeistern, die diese Zeit erlebt haben. Die Mondlandung, der Unfalltod Alexandras, die dramatischen Ereignisse während der Olympiade in München, erste Diskobesuche, Schlager und Tritop – als nahezu Gleichaltrige wurden viele Erinnerungen bei mir wach. Sehr gut gefallen hat mir, wie Clara ihre Beobachtungen innerhalb der Familie beschreibt, wie sie für manches erst mit zunehmendem Alter Worte findet, die Geschwister instinktiv spüren, worüber nach außen Schweigepflicht gilt, und die Fassade trotz kollektiver Bemühungen schließlich nicht mehr aufrecht zu halten ist. Diese Teile des Buches sind ausgezeichnet gelungen, besser als Claras ausführliche pubertäre Auslassungen, die mich weniger interessiert haben. Die Sprache des Romans ist eher einfach, manchmal habe ich Übergänge zwischen Absätzen vermisst und der Text wirkte etwas aneinandergereiht, aber schließlich erzählt eine zu Beginn Sechs-, am Ende Fünfzehnjährige.

Sommer in Super 8 ist trotz leichter Lesbarkeit kein leichter Roman. Die Lektüre lohnt sich, vor allem – aber nicht nur – für die Generation 50 plus.

Anne Müller: Sommer in Super 8. Penguin 2018
www.randomhouse.de

Katja Reider & Henrike Wilson: Saumüde!

  Ein Ferkel, das nicht schlafen will

Eltern können ein Lied davon singen: Sobald die lieben Kleinen abends ins Bett sollen, drehen sie nochmal so richtig auf. Bei Ferkel ist das kein bisschen anders als bei Menschenkindern. Während Mutter Schwein nach einem langen, aufregenden Tag abwechselnd seufzt, gähnt und keucht, ist Ferkel übermütig, voller Unternehmungslust und absolut gar nicht müde. Es stattet Hühnern, Schafen, Fröschen, der Eule und den Kühe einen Abendbesuch ab. Wie gut, dass Mutter Schwein ihr Ferkelchen trotz Müdigkeit überallhin begleitet, sonst hätte es im Kuhstall so richtig gefährlich werden können. So aber hat Ferkel nun endlich genug erlebt und ist im Bewusstsein vollkommener Geborgenheit bei der Mutter endlich, endlich saumüde.

Die großflächigen, klaren Tierzeichnungen von Henrike Wilson sind für kleine Betrachter ab etwa drei Jahren bestens geeignet und spiegeln deutlich die Gemütslage der Tiere wider. Wer das ebenso schöne Bilderbuch Das Schaf Charlotte kennt, wird die Illustratorin sofort anhand der Schafe wiedererkennen. Der kurze Text von Katja Reider ist klar verständlich und passt genau in die Erlebniswelt von Kindergartenkindern. Auch die erwachsenen Vorleser kommen dank des Humors auf ihre Kosten und fühlen mit der erschöpften Mutter.

Ein rundum empfehlenswertes Bilderbuch zum Thema Einschlafen.

Katja Reider & Henrike Wilson: Saumüde! Coppenrath 2019
www.coppenrath.de

Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter

  Familienterror

Großmütter gelten gemeinhin als eher lieb, fürsorglich und verständnisvoll. Genau das Gegenteil ist Alina Bronskys Protagonistin Margarita, denn sie terrorisiert nicht nur ihren gutmütigen Mann Tschingis, sondern auch den Enkel Maxim, genannt Mäxchen. Dass sie ihm grundlos Krankheiten andichtet, ihn mit pürierter Kost traktiert, mit einem wahren Desinfektionswahn gegen Keime ankämpft und ein Schulfest für ebenso gefährlich hält wie eine Grippeepidemie, könnte man noch unter dem Schlagwort „Überbehütung“ verbuchen. Beschimpfungen wie „Du bist ein Idiot“ oder „formloser Rotz“ passen dazu jedoch definitiv nicht, und dass sie ihm eintrichtert, „körperlich schwach und geistig minderbemittelt“ zu sein, entspricht mit Sicherheit nicht dem Erziehungsideal der Stärkung von Kindern. „Ein Klotz am Bein“ sei er, versichert sie ihm beständig, und schuld daran, dass für sie „jedes Lebensjahr für zwei“ zählt. „Niemand auf der ganzen Welt würde sich jemals so für mich interessieren wie sie“ versichert sie dem Ich-Erzähler Maxim, der zu Beginn fünf Jahre alt und gerade mit den Großeltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland übergesiedelt ist. Zunächst wehrt sich der intellektuell überlegene Enkel nicht, denn: „Ich käme ja sonst zu nichts anderem mehr“, aber allmählich durchschaut er sie doch und beginnt, „am Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen zu zweifeln“ – ein erster Schritt auf dem Weg zur Emanzipation.

Einen anderen Ausweg aus der Unterdrückung findet der Großvater mit den asiatischen Gesichtszügen. Zwar kann Margarita ihn mit Schuldzuweisungen an sich binden, doch verliebt er sich kurz nach der Ankunft in Deutschland. Maxim, der die Situation instinktiv erfasst, deckt ihn, und so ist ausgerechnet die alles kontrollierende Margarita lange ahnungslos. Umso erstaunlicher reagiert sie, als sie mit der Wahrheit konfrontiert wird: Sie gründet kurzerhand eine Patchwork-Familie. Am Krankenbett des Großvaters ergibt sich deshalb ein verwirrendes Bild: „Wenn ich auf Station war, riefen mich die Schwestern … und fragten, wer die beiden Frauen an Großvaters Bett seien und wer von ihnen mich und meinen kleinen Bruder aus Korea adoptiert habe.“

Leider hat der Humor in der stark 200 Seiten umfassenden Geschichte selten so wie an dieser Stelle bei mir gezündet. Obwohl ich skurrile Protagonisten prinzipiell mag, war mir die Egozentrik Margaritas einfach zu viel. Erklärungsansätze für ihr Verhalten werden zwar im Laufe der Geschichte sichtbar, ihre Einsamkeit, die Entwurzelung, ihre Angst, nicht gebraucht zu werden, und ihre Schuldgefühle, trotzdem kam kein Mitgefühl bei mir auf. Durch die Ich-Perspektive Maxims – es blieb mir unklar, ob er rückblickend aus der Erwachsenenperspektive oder zeitnah erzählt – konnte ich außerdem nicht einschätzen, inwieweit er diese traumatische Kindheit tatsächlich so locker wegsteckt, wie er uns glauben machen will. Darüber hinaus kam das Ende relativ plötzlich, unspektakulär und mit größeren Zeitsprüngen im letzten Drittel des Romans.

Für mich reicht Alina Bronskys neuer Roman Der Zopf meiner Großmutter nicht an Baba Dunjas letzte Liebe heran. Unterhaltsam, kraftvoll geschrieben und gut zu lesen ist er jedoch allemal.

Alina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter. Kiepenheuer & Witsch 2019
www.kiwi-verlag.de

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

  Ein Leben, überdunkelt von der Vergangenheit

„Alles wird jetzt zusammengekratzt“ heißt es in Ralf Rothmanns 2015 erschienenem Roman Im Frühling sterben, als die Freunde Walter Urban und Friedrich „Fiete“ Caroli im Februar 1945 von der Waffen-SS zwangsrekrutiert werden. Walter ist Melkergeselle, Fiete nach seinem Rauswurf aus dem Gymnasium Melkerlehrling auf einem Holsteinischen Gut. Beide sind 17, lassen ihre Mädchen zurück und kommen  nach nur drei Wochen Grundausbildung ins ungarische Kampfgebiet. Während Walter als Fahrer hinter der Front bleibt, schickt man Fiete mitten hinein. Früh schon denkt der zarte Junge, der so gut mit Kühen umgehen, seine Zunge aber nicht hüten kann, an Flucht, die ihm der vernünftigere Walter angesichts des kurz bevorstehenden Kriegsendes ausreden kann. Doch während Walter, für einige Tage beurlaubt, das Grab seines in der Nähe gefallenen Vaters sucht, setzt der verwundete Fiete seinen aussichtslosen Plan in die Tat um. Bei Walters Rückkehr ist Fiete bereits verurteilt und Walters Stube soll das Urteil vollstrecken.

Ralf Rothmann bettet die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung ein. Walter, inzwischen 60 Jahre alt, hat nie über den Krieg gesprochen, der ihn bis in seine Träume verfolgt. Nach 30 Jahren als Bergmann ist er in der Frührente dem Alkohol verfallen und im finalen Stadium einer Krebserkrankung. Er hat selten gelächelt, war stets ernst, beliebt, aber ohne Freunde. „Überdunkelt von der Vergangenheit“ war sein Leben, die Beziehung zu seinem Sohn, einem Schriftsteller, der die Rahmenhandlung aus der Ich-Perspektive erzählt, distanziert. Doch was der Vater nie erzählen konnte, erzählt nun der Sohn.

Das Besondere an diesem Roman, Antikriegs- und Vater-Sohn-Geschichte, von der wir nicht wissen, ob sie ganz oder teilweise autobiografisch ist, ist das Fehlen jeglicher Wertung. Die Frage nach einer Schuld wird vollständig in das Ermessen des Lesers gestellt. Großartig sind vor allem Rothmanns Dialoge, beispielsweise bei der Zwangsrekrutierung, dem Gnadengesuch Walters an den Sturmbannführer, beim Abschiedsbesuch mit Fiete oder mit dem Gutsverwalter bei Walters Heimkehr. Bei den geschilderten Kriegsverbrechen und Orgien hätte ich dagegen auf manches Detail gerne verzichtet, eine diskretere Schilderung ist für mich oft eindrücklicher. Insgesamt hat mich der Roman jedoch sehr berührt, mehr noch die Rückblende als die knappe, trotzdem wichtige Rahmenhandlung. Poetisch und wunderschön ist Rothmanns Sprache, etwa wenn es über die Stille heißt: „Eine Stille, die noch zunahm, wenn man sie bemerkte.“

Den Sprecher Thomas Sarbacher kenne ich aus seinen knappen Lesungen im Schweizer Literaturklub, der für mich besten Literatursendung im Fernsehen, und schätze ihn sehr. Nun konnte ich ihm sechs CDs und ca. 400 Minuten lang zuhören und habe das sehr gern getan. Thomas Sarbacher fängt die Stimmungen des ungekürzt wiedergegebenen Romans ausgezeichnet ein und liest besonders die vielen Dialoge sehr lebendig, teilweise sogar im jeweiligen Dialekt.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Gelesen von Thomas Sarbacher. Hörbuch Hamburg 2015
www.hoerbuch-hamburg.de

Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou

  Ein beispielloser Fall

Mit Beginn des Herbstes kehrt normalerweise in Le Lavandou Ruhe ein. Die Bar „Chez Miou“ gehört wieder den Einheimischen und traditionell gibt es bei der Polizei und im rechtsmedizinischen Institut mit der Abreise der letzten Touristen weniger Arbeit. Nicht so in diesem Jahr. Was mit der Vermisstenanzeige einer jungen Frau beginnt, führt kurz darauf zu einem makabren Fund: Ein abgetrennter Fuß mit Schuh taucht auf, kurz danach der Rest der Leiche. Laut dem Befund von Dr. Leon Ritter, Gerichtsmediziner am  rechtmedizinischen Institut von Saint-Sulpice, deutscher Abstammung und Lebenspartner von Capitaine Isabelle Morell, verblutete das Opfer infolge der dilettantisch durchgeführten Verstümmelung. Offensichtlich hatte der Täter es darauf angelegt, dem Opfer ein Höchstmaß an Schmerzen zuzufügen: „Allerdings liegt in diesem Fall ein Maß an Aggressivität vor, wie ich es in meiner fünfundzwanzigjährigen Berufspraxis nur selten gesehen habe.“ Kurz nach der ersten verschwindet eine weitere Frau. Frankreichweit erregen die Vorgänge in Le Lavandou Aufsehen: „Dieser Fall war ohne Beispiel und darum eine Sensation“ und „lockt die Medien an wie reife Beeren die Wespen“, dabei möchte der Polizeichef, „dass Le Lavandou für seine Blumenpracht bekannt wird und nicht für seine abgesägten Füße“.

Wie immer schickt die Staatsanwaltschaft Toulon bei Kapitalverbrechen eine Kommissarin nach Le Lavandou, sehr zum Ärger von Polizeichef Zerna. Begeistert ist auch niemand über die Psychologin Dr. Claire Leblanc, die die Kommunikationsstruktur der Gendarmerie national verbessern soll – außer dem médecin légiste, der prompt einen Flirt mit der attraktiven Frau beginnt.

Dr. Leon Ritter steht noch mehr als gewöhnlich im Mittelpunkt dieses fünften Falls. Nicht nur, dass alle Opfer bei ihm in der Gerichtsmedizin landen, scheint der Täter ihn ganz persönlich herausfordern zu wollen. Trotz seiner Beteuerungen, dass er nur für die Fakten, die Polizei dagegen für die Schlüsse zuständig sei, kann er das Ermitteln wieder einmal nicht lassen und stellt die Ergebnisse der Polizei immer wieder in Frage. Doch plötzlich ist Leon noch viel mehr in den Fall involviert, als er es sich hätte träumen lassen, und zu den beruflichen Problemen kommen nun auch noch private.

Remy Eyssens Provence-Krimis gehören zu einer der wenigen Reihen, von denen ich mir keinen Band entgehen lasse. Trotz der schaurigen Mordfälle sind es „Wohlfühlbücher“ in herrlicher Umgebung, mit französischem Flair und sehr sympathischen Protagonisten. Allerdings habe ich auch bei Mörderisches Lavandou, genau wie beim Vorgängerband Das Grab unter Zedern, den Täter vorzeitig entlarvt, dieses Mal nach knapp zwei Dritteln des Buches. Etwas weniger blutige Details hätten für meinen Geschmack genügt und der Showdown war, wenn man die Vorgängerbände kennt, nicht besonders originell, aber ansonsten hat mich der leicht lesbare Krimi wieder gut unterhalten und ich freue mich auf meinen nächsten Besuch in Le Lavandou, wenn vielleicht sogar Hochzeitsglocken läuten.

Remy Eyssen: Mörderisches Lavandou. Ullstein 2019
www.ullstein-buchverlage.de

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und die Sache mit den Schulklos

  Immer dieser Mattis

Mattis Hansen ist wahrlich nicht zu beneiden. Kaum setzt er eine seiner genialen Ideen in die Tat um, missversteht ihn sein gleichermaßen fantasie- wie humorloser Klassenlehrer und schreibt einen Beschwerdebrief an die Eltern. Anstatt sich die Geschichte aus Mattis‘ Sicht anzuhören, sammelt die Mutter die „Lügenbriefe“ lieber in einem schwarzen Aktenordner und prophezeit ihrem achtjährigen Sohn eine Karriere als Schwerverbrecher. Doch zum Glück ist Mattis schon in der 3c und kann die Wahrheit zu den Briefen, die seine Mutter partout nicht hören will, aufschreiben: „Damit Mama sie lesen kann. Und nicht mehr an den Schwerverbrecher glaubt. Sondern wieder an mich.“

In Mattis und die Sache mit den Schulklos soll er gegen die goldene Schulregel Nummer neun, „Wir gehen mit Personen und Gegenständen unserer Schule stets sorgsam um“, verstoßen haben. Dabei hatte der Schulleiter ausdrücklich alle Klassen dazu aufgefordert, Pläne gegen die stark verschmutzten Schultoiletten zu erarbeiten. Eine solche Herausforderung ist wie für Mattis gemacht und prompt hat er eine seiner pfiffigen Ideen. Mit einem Edding, einer Flasche Badreiniger, einem Glitzischwamm, einer Wäscheklammer für die Nase und einem ausgeklügelten Schlachtplan will Mattis das Problem während der nächsten Deutschstunde auf eigene Faust lösen. Auch wenn nicht alles ganz nach Plan verläuft, rechnet Mattis fest mit einem großen Lob, aber weit gefehlt…

In zwölf Kapiteln auf 61 Seiten wird Erstlesern und Erstleserinnen ab der zweiten Klasse eine sowohl komplexe als auch gut verständliche, sehr humorvolle und altersgerechte Geschichte aus der Perspektive des achtjährigen Mattis erzählt, die sich wohltuend vom Durchschnitt der Erstleserliteratur abhebt. Obwohl ich nicht zur Zielgruppe gehöre, leide ich mit, wenn Mattis‘ gute Absichten wieder einmal in die Hose gehen und amüsiere mich darüber, wie er Aussagen von Erwachsenen wiedergibt und manches gar zu wörtlich nimmt. Die Freude an Silke Schlichtmanns Erzählkunst und ihren sprudelnden Einfällen ist eben auch bei diesem Buch wieder keine Frage des Alters. Maja Bohn hat erneut sehr aussagekräftige Illustrationen beigesteuert, wobei mir Mattis‘ pubertierender Bruder Jonathan mit seiner betont coolen Körperhaltung besonders gut gefallen hat.

Wie schön, dass die Mattis-Bände so zügig erscheinen und für August 2019 bereits der dritte Band innerhalb von nur acht Monaten angekündigt ist. Der Titel Mattis – Schnipp, schnapp, Haare ab! klingt nach neuem Ärger.

Silke Schlichtmann & Maja Bohn: Mattis und die Sache mit den Schulklos. Carl Hanser 2019
www.hanser.de

Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?

  Das Vergessen aufhalten

Die Romane von Arno Surminski begleiten mich seit vielen Jahren und ich habe sie alle gerne gelesen: Polninken oder Eine deutsche Liebe, Fremdes Land oder Als die Freiheit noch zu haben war, Malojawind oder Vaterland ohne Väter. Erstaunlicherweise kannte ich bisher sein so erfolgreiches Debüt Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?  nicht, weder den Roman aus dem Jahr 1974 noch die dreiteiligen ZDF-Fernsehserie von 1986. Nun habe ich mir das Buch von Peter Striebeck vorlesen lassen und war vom Text ebenso begeistert wie von der Stimme. Sehr schade nur, dass das Hörbuch auf vier CDs mit 300 Minuten nur eine gekürzte Fassung wiedergibt, gerne hätte ich länger zugehört.

Der stark autobiografisch geprägte Roman schildert aus der Sicht des wie der Autor im August 1934 geborenen Hermann Steputat eine Kindheit und Jugend in Ostpreußen und erzählt zugleich die Geschichten eines ostpreußischen Dorfes. Hermann ist der Sohn des Schneiders und Bürgermeisters von Jokehnen, einer Gemeinde mit „200 deutschnationalen Seelen“ im hintersten Ostpreußen. 1933 lässt sich der Vater zum Eintritt in die NSDAP überreden, doch ansonsten ändern Machtübernahme und Krieg fast nichts am ruhigen Leben in Jokehnen. Zwar verschwindet der einzige Jude des Dorfes über Nacht, wird Ostpreußen „heimgeholt ins Reich“, kommen die ersten polnischen Zwangsarbeiter und später russische Kriegsgefangene nach Jokehnen, werden Königsberg und Insterburg zerstört und sieht man schließlich die ersten Flüchtlingstecks, doch bleibt in Jokehnen die Arbeit auf den Feldern wichtiger als alle äußeren Ereignissen. Weit weg scheint bis zuletzt die Hauptkampflinie, aber der Krieg erreicht am Ende auch dieses beschauliche Dorf, in dem so lange nichts vom „Geist der neuen Zeit“ zu spüren war, und im Winter 1945 gehört Hermann zu den wenigen verbliebenen Dorfbewohnern, die in Güterwagen verladen und nach Deutschland „ausgesiedelt“ werden.

In einem Gespräch mit der Zeitschrift Sezession aus dem Jahr 2012 sagte Arno Surminski: „Ich möchte die Fakten hinnehmen, so, wie sie sind, daraus aber keine weiteren Vorwürfe oder gar Ansprüche ableiten… Es geht darum, das Vergessen aufzuhalten.“ Wichtig ist für ihn, „dass man alles genau beschreibt und festhält, aber das darf niemals verknüpft werden mit irgendwelchen Ansprüchen auf Entschädigung oder Rückgabe, das wäre friedensgefährdend!“. Dass es ihm „nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Fakten“ geht, hat mir an diesem Ostpreußen-Roman neben der Kinderperspektive besonders gut gefallen, genauso wie die gänzlich pathosfreie, durchgehend sehr ruhige Erzählweise, die ostpreußischen Ausdrücke und die detaillierte Schilderung des dörflichen Lebens in Ostpreußen bis zur Vertreibung.

Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland. Gelesen von Peter Striebeck. Ullstein Hörverlag 2001
www.ullstein-buchverlage.de

Jane Gardam: Bell und Harry

  Landleben in Yorkshire

Wieviel leichter es Kindern gelingt, Gräben zwischen unterschiedlicher Herkunft und Lebensumständen zu überbrücken, davon erzählt Jane Gardam in ihrem erstmals 1981 erschienenen kurzen Roman Bell und Harry.

Bell Teesdale ist der Sohn einer Farmerfamilie aus Yorkshire und in der ersten Episode acht Jahre alt, Harry Bateman, geringfügig jünger, ist Sohn intellektueller Londoner. Während es unter den Erwachsenen immer wieder zu Missverständnissen kommt und die Verständigung zwischen Dorfbewohnern und ruhebedürftigen Sommerfrischlern zu Beginn schwierig ist, werden die beiden Jungen schnell zu Freunden und bewahren ihre Freundschaft bis ins Erwachsenenalter. Erst allmählich fühlen sich alle Batemans in Light Trees, dem gepachteten Bauernhaus der Teesdales, so wohl, dass sie nicht nur ihre Sommer dort verbringen, sondern auch im Winter in ihr zweites Zuhause kommen. Sie lernen die manchmal äußerst schrulligen Dorfbewohner kennen und verstehen, schließen Freundschaften und hören die teils gruseligen, teils mystischen Geschichten und Legenden, die die Bewohner so gerne erzählen.

Für mich war Bell und Harry der erste Roman von Jane Gardam. Er hat mir vor allem stilistisch und wegen der ruhigen, humorvollen Erzählweise gefallen: „«Sagt mal gleich im Dorf Bescheid. » «Die wissen das anscheinend schon» sagte Harry. «Dabei hat meine Mutter es nur im Fish und Chips Shop erzählt.» «Sollte reichen», sagte Mr Teesdale.“ Jane Gardams Art, in eine Szene die Gedanken der Nicht-Anwesenden einzublenden, ist äußerst raffiniert. Während Harry und Bell verbotenerweise in einen aufgegebenen Stollen eindringen und sich großer Gefahr aussetzen, denkt die ahnungslose Mrs Bateman: „Der einzige Grund, weshalb ich es bereuen würde, hierhergekommen zu sein, wäre, wenn einer der Jungs in die Minen einsteigen würde“, und Bells Großvater warnt Harrys Bruder vor eben diesen Minen: „Wer auch nur halbwegs bei Verstand ist, würde sich nie in die Nähe wagen.“ Ganz besonders mochte ich, wie Jane Gardam die neun Kapitel miteinander verwebt. Was an einer Stelle völlig nebensächlich erscheint, wird an anderer bedeutsam und bildet die Klammern, mit denen die einzelnen Episoden aus über 20 Jahren zusammengehalten werden. Die wechselnde Erzählperspektive – zu Beginn berichtet der achtjährige Bell, am Ende dessen elfjährige Tochter Anne, meist jedoch ein auktorialer Erzähler – macht die Lektüre abwechslungsreich.

Einzig den Blick ins Jahr 1999, während der Entstehungszeit des Romans ein Blick in die Zukunft, mit einer neuen Energiekrise und einer Rückkehr zu Pferd und Dampfzug, fand ich weniger gelungen. Abgesehen davon ist das auch optisch wunderschöne Buch jedoch sehr lesenswert.

Jane Gardam: Bell und Harry. Hanser Berlin 2019
www.hanser-literaturverlage.de

Bernard MacLaverty: Cal

  Eindrückliche Mahnung an alle, die in Nordirland wieder zündeln

Bei einem Besuch in Londonderry und Belfast im Sommer 2018 war ich schockiert über die noch deutlich sichtbaren Spuren des Nordirlandkonflikts, nicht zuletzt über die Mauer in Belfast. Gleichzeitig hat mich der spürbare Wille der Menschen dort begeistert, den Frieden, der seit dem Karfreitagsabkommen vom April 1998 herrscht, zu bewahren. Nun ist die offene Grenze zwischen Irland und Nordirland im Zuge des Brexits erneut in Gefahr und der Mord an der Journalistin Lyra McKee durch die militante New IRA im April 2019 in Londonderry sowie zahlreiche neue Bombenattentate machen nicht nur vielen Iren und Nordiren Angst. Bernard MacLavertys Roman Cal aus dem Jahr 1983 ist daher aktueller denn je und eine Warnung an alle, die leichtfertig zündeln.

Der 19-jährige Cal Mc Cluskey, arbeitslos wie viele seiner Altersgenossen, schlägt sich im tristen, vom Bürgerkrieg gebeutelten Nordirland der 1970/80er-Jahre mühsam durch. Zusammen mit seinem Vater Shamie, einem Schlachthausarbeiter, lebt er in einem protestantischen, loyalistisch geschmückten Viertel irgendwo in der Provinz Ulster. Als letzte Katholiken dort erhalten sie massive Drohungen, die dazu führen, dass der friedliche Shamie von militanten IRA-Anhängern einen Revolver zur Selbstverteidigung annimmt. Doch die IRA gibt nichts umsonst, fortan muss Cal als Fahrer bei Überfällen fungieren. Als dabei ein protestantischer Farmer und Reservepolizist vor den Augen seiner Familie erschossen wird, will Cal, der „nie richtig eingestiegen“ ist, die Gruppe verlassen. Sein Gewissen lässt ihn nicht mehr zur Ruhe kommen, doch mitten im Krieg duldet die IRA keine Aussteiger: „Nicht zu handeln – weißt du – heißt handeln… Dadurch daß du nichts tust, trägst du dazu bei, daß die Engländer hierbleiben.“

Ein Jahr nach dem Anschlag lernt Cal in der örtlichen Bibliothek Marcella Morton kennen, „ausgerechnet die eine Frau, die ihm verboten war“, und verliebt sich, doch „Von Liebe zu sprechen, das wußte er, erforderte Offenheit und Wahrhaftigkeit. Wegen dem, was er getan hatte, war er für sie eine einzige Lüge“.

Bernard Mac Laverty zeigt in Cal eindringlich, wie ausweglos die Situation für den Einzelnen in einem gewalttätigen Konflikt sein kann. Auch wenn der Roman keine ganz große Literatur ist und die ständig beschriebene exzessive Raucherei Cals mich zunehmend genervt hat, ist die Perspektive auf den nordirischen Alltag und die Frage nach Schuld, Verantwortung und Vergebung gut gelungen.

Der Roman wurde 1984 von Pat O’Connor mit John Lynch und Helen Mirren in den Hauptrollen verfilmt.

Bernard MacLaverty: Cal. Diogenes 1986
www.diogenes.ch

Bernd Gunthers: Die Kuh kennt keinen Feiertag

  In Hohenlohe ist alles möglich

Regionalkrimis gibt es inzwischen zuhauf, aber längst nicht immer gelingt die Verbindung zwischen Region und Verbrechen so gut wie in Bernd Gunthers‘ Hohenlohe-Debüt Die Kuh kennt keinen Feiertag. Sprachwitz und Augenzwinkern haben mir beim Lesen viel Spaß gemacht, daneben die spannende, durchdachte Krimihandlung, die Informationen über kriminelle Machenschaften auf dem Kunstmarkt und die ebenso detail- wie nebensatzreichen Beschreibungen von Personen und Orten. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass eine Bäuerin – pardon: Landwirtin – so intensiv bei polizeilichen Ermittlungen mitmischen kann? „In Hohenlohe ist alles möglich“, lautete die spontane Antwort meiner Freundin, und sie muss es wissen, denn sie hat jahrelang im benachbarten Crailsheim gelebt.

An Milka Mayrs 35. Geburtstag stürzt ihr alter Schulfreund Max Holl beim Überbringen des Geburtstagsgeschenks mit seinem Leichtflugzeug in Bühlerzell bei Schwäbisch Hall ab. Während die Polizei lange von einem Pilotenfehler ausgeht, hat die ebenso durchsetzungsfähige wie sture Milka von Anfang an Zweifel und beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen – als Teilzeitermittlerin, denn Milka ist, mehr aus Verantwortungsbewusstsein als aus Neigung, nach dem Abitur auf dem elterlichen Hof hängengeblieben und die Kühe müssen bekanntlich jeden Tag gemolken werden. Als Milka ihren alten Freund Paul Eichert, Kriminalhauptkommissar in Schwäbisch Hall, von ihrer Mordtheorie überzeugt hat, nehmen die polizeilichen Ermittlungen endlich Fahrt auf. Doch Milka wird Paul nun nicht mehr los: „Entweder wir machen das zusammen, und ich übernehme Dinge, die ich kann, oder ich mache das ohne dich und deine Polizei! Egal, wie gefährlich es sein mag. Besser der Gefahr wissend ins Augen sehen als zu Hause hocken und die Augen verschließen.“ Wohl oder übel lässt Paul sich, nicht ohne gewissen Spielregeln aufzustellen, darauf ein, denn wer könnte Milkas Entschlossenheit und ihrem Charme schon widerstehen? Ihre gemeinsamen Ermittlungen gehen in zwei Richtungen: Privat hatte Max Probleme mit seinem Bruder, dessen angestrebter Verkauf des elterlichen Hofes an Max‘ beharrlicher Weigerung scheiterte, in seinem Beruf als Kunstsachverständiger bekam er es mit mafiösen Strukturen zu tun. Aber welche Rolle spielte er hierbei, war er Artnapping, Kunstfälschung, Versicherungsbetrug und falschen Gutachten auf der Spur oder war er gar Teil dieser betrügerischen Machenschaften?

Man spürt beim Lesen, wie gut sich Bernd Gunthers in der Region und auf dem Kunstmarkt auskennt und wieviel Empathie er seinen Protagonisten und seiner Heimat Hohenlohe entgegenbringt. Ich freue mich deshalb auf weitere Bände, nicht zuletzt, weil ich wissen möchte, wie es mit Milka, Paul, dem Mayrschen Hof und natürlich den Kühen weitergeht.

Ich kann diesen Regionalkrimi, der zu meiner Freude überraschenderweise bis in meine Heimatstadt Ludwigsburg führt, als vergnügliche Lektüre sehr empfehlen. Allerdings sollte man ihn keinesfalls mit leerem Magen lesen, denn er ist nicht nur Reise-, sondern auch Restaurantführer. Mein Favorit war in dieser Hinsicht der Ochsen in Geifertshofen, dessen Alblinsen ich unbedingt bei einem Ausflug ins Hohenlohische probieren möchte!

Bernd Gunthers: Die Kuh kennt keinen Feiertag. Gmeiner 2019
www.gmeiner-verlag.de