Tatsachenroman über einen Kriegsverbrecher auf der Flucht

Wie konnte es geschehen, dass der berüchtigte Lagerarzt von Auschwitz, der die Gefangenen an der Rampe selektierte, Hunderttausende in den Tod schickte oder als „verwendungsfähiges Menschenmaterial“ für seine medizinischen Experimente auswählte, bis zu seinem natürlichen Tod am 7. Februar 1979 verhältnismäßig unbehelligt in Südamerika lebte? Der französische Journalist, Buch- und Drehbuchautor Olivier Duez spürt in seinem Roman, und nur als solchen konnte und wollte er dem „makaberen Leben des Nazi-Arztes möglichst nahekommen“, seinem Schicksal des Dr. Josef Mengele ab 1949 nach. Akribisch zeichnet er alle Stationen auf und nennt die Helfer. Kein anderer Nazi auf der Flucht genoss eine solche Unterstützung, die Günzburger Familie, der Kindheitsfreund und Familienvertraute Hans Sedlmeier und ein weitverzweigtes Netz von Nazi-Seilschaften vor Ort hielten ihm lebenslang die Treue und Informanten in der deutschen Polizei schützten die Helfer in der Heimat.
Obwohl er auf der amerikanischen Kriegsverbrecherliste stand, gelang es Mengele, nach 1945 zunächst auf einem Bauernhof in Bayern unterzutauchen und 1949 nach Argentinien zu fliehen, wo Perón sein Land Abertausenden von Nazis, Faschisten und Kollaborateuren öffnete. Während dieser ersten Jahre auf der Flucht war, wie Guez Teil eins des Romans überschreibt, Mengele „Der Pascha“, er hatte Freiheit, Geld und Erfolg. Kaum zu glauben ist, dass er 1956 unter falschem Namen in Günzburg zu Besuch war und kurz darauf sogar im westdeutschen Konsulat in Buenos Aires einen Pass mit seinem richtigen Namen erhielt. Nach einer schmerzhaften Scheidung konnte er auf Wunsch des Vaters, eines angesehenen Günzburger Bürgers und Besitzers einer weltweit operierenden Agrartechnikfabrik, eine Ehe mit der Frau seines verstorbenen Bruders eingehen. Erst mit Peróns Sturz, den Aktivitäten des deutschen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer sowie der Entführung Eichmanns durch den Mossad nach Israel mit Verurteilung und Hinrichtung beginnt im zweiten Teil des Romans, „Die Ratten“, Mengeles „Höllenfahrt“, ein Katz- und Maus-Spiel zunächst in General Stroessners Paraguay, dann ab 1960 in Brasilien. Von Angst zerfressen, ein gehetztes Tier, verbrachte der Unbelehrbare, der „exzentrische Manipulant“, diese letzten Jahre. Im dritten Teil, „Das Phantom“, geht es um die stückweise Entdeckung der Wahrheit in den letzten 35 Jahren.
Bei der Schilderung von Mengeles Angstzuständen, seinem Verfolgungswahn und seinen immer armseligeren Lebensbedingungen stellte sich bei mir eine Genugtuung ein, die jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass für die Überlebenden seiner Verbrechen und die Hinterbliebenen der Opfer ein Prozess mit einer Verurteilung elementar wichtig gewesen wären. Dass es nie dazu kam, ist sowohl einer Verkettung unglücklicher Umstände und einer Verschiebung von Prioritäten innerhalb des israelischen Geheimdienstes als auch dem unentschuldbaren Willen zur Reintegration von Führungskräften und Handlangern des Nationalsozialismus in der BRD geschuldet. Mengeles Mentoren Eugen Fischer und Otmar Freiherr von Verschuer verhalf das wie vielen anderen zu Ansehen.
Guez‘ Roman liest sich flüssig und präsentiert die Ergebnisse seiner Recherchearbeit, deren Umfang man anhand der langen Literaturliste erahnen kann, gekonnt. Lediglich eine deutlichere Kennzeichnung der fiktionalen Anteile dieses in Frankreich mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Tatsachenromans und Bestsellers hätte ich mir gewünscht.
Dem Buch vorangestellt ist ein Zitat von Czesław Miłosz: „Ihr, die ihr Leid über den einfachen Mann brachtet, ihr, die ihr über sein Leid lachtet, fühlt euch nicht sicher. Der Dichter erinnert sich.“ Gut so!
Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau 2018
www.aufbau-verlag.de








Zum ersten Mal habe ich mich bei einem Städte-Kurztrip für einen Reiseführer aus dem Verlag Lehmstedt entschieden und war damit sehr zufrieden. Die Unterkunft für zwei Nächte war vorgebucht, Shopping nicht geplant und Restaurants suchen wir uns sowieso lieber spontan vor Ort, sodass „Lübeck an einem Tag – Ein Stadtrundgang“ genau das versprach, was ich gesucht hatte: die 31 wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Mit 47 Seiten ist der kleine Stadtführer handlich und leicht, trotzdem sind alle beschriebenen Punkte farbig bebildert und für die Kürze der Zeit ausführlich genug beschrieben. Zusätzlich finden sich an den Seiten farblich abgesetzte kleine Texte zu verschiedenen Themen, wie zum Beispiel „Travemünde“, „Hanse“, „Salz“, „Niederegger“, „Willy Brandt“, „Günter Grass“ oder „Thomas Mann“. Die angegebenen Öffnungs- und Führungszeiten waren, soweit ich es überprüfen konnte, korrekt, Eintrittspreise werden allerdings nicht genannt. In der vorderen Klappe findet man eine tabellarische Kurzübersicht über Lübecks Geschichte, in der hinteren einen Stadtplan der Innenstadt mit dem eingezeichneten Rundgang und den 31 beschriebenen Sehenswürdigkeiten. Da es kein Inhaltsverzeichnis gibt, dient diese Auflistung ersatzweise zum schnellen Einstieg, was ich leider erst nach einer Weile verstanden habe.