Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Man erfasst einen Menschen nie ganz

Wer war Lempi und was ist mit ihr geschehen? Zu Beginn erscheint sie verschwommen wie die Frau auf dem unscharfen Cover, das hervorragend zu diesem Roman passt. Drei Personen erzählen in der Du-Perspektive und im Präsens über sie: ihr Mann Viljami, mit dem sie ein halbes Jahr bis zu seiner Einberufung zusammengelebt hat, ihre Magd Elli und ihre Zwillingsschwester Sisko. Mit jeder Stimme wird das Bild schärfer – und doch hat Sisko sicher recht: „Man erfasst einen Menschen nie ganz.“

Das ausgezeichnete Nachwort der Übersetzerin Elina Kritzokat hilft bei der historischen Einordnung des Romans, denn über das Schicksal Lapplands im Zweiten Weltkrieg wusste ich leider wenig. Um sich nach dem Winterkrieg gegen Russland 1939 und dem Verlust von Teilen Ostkareliens vor weiteren russischen Angriffen zu schützen, ging Finnland von 1941 bis 1944 eine Waffenbruderschaft mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich ein. Finnen und Deutsche lebten und kämpften gemeinsam, bevor sie 1944 zu Feinden wurden. Finninnen, die sich mit Wehrmachtssoldaten eingelassen hatten, waren nun plötzlich Huren und Landesverräterinnen, ihre Kinder Bälger.

Während Sisko sich in einen Deutschen verliebt und von einer Zukunft in Hamburg träumt, will Lempi lieber einen Mann, der am Leben ist und Finnisch spricht. Sie, die temperamentvolle, mutige Kaufmannstochter mit Abitur, heiratet mehr oder weniger zufällig den jungen Bauern Viljami und zieht nach Pusuoja am See Korvasjärvi. Der traut seinem Glück kaum, stellt die Magd Elli ein und verbringt einige traumhafte Monate mit Lempi auf seinem Hof. Als er seine Einberufung erhält, bleibt die schwangere Lempi mit der Magd auf dem Hof zurück. Er sieht seine Frau nie wieder, denn als er äußerlich unversehrt, aber durch die Nachricht von Lempis Verschwinden als gebrochener Mann zurückkehrt, findet er nur seinen Sohn Aarre, Lempis Pflegekind Antero und die Magd Elli vor.

Die drei Erzählstimmen des Romans liefern ganz unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen. Viljami berichtet in anrührender Weise über sein unfassbares Glück und die anschließende tiefe Verzweiflung und Trauer, Ellis legt ein Zeugnis des Hasses und der Eifersucht ab und präsentiert eine ganz andere Lempi, eine „nichtsnutzige Stadtgöre“, verwöhnte, faule, wichtigtuerische „Samtsaumschlampe“, und Sisko, die elf Minuten jüngere Schwester, erzählt als alte Frau im Rückblick von der gemeinsamen Jugend und der innigen Verbundenheit, aber auch Rivalitäten, bis sie sich beide für so ganz unterschiedliche Männer entschieden. Ihr Bericht umfasst den größten Zeitraum und ist zugleich ein berührendes Dokument über das Schicksal der finnischen Wehrmachtsbräute.

Lempi, das heißt Liebe ist ein vielschichtiger Roman mit immer neuen überraschenden Wendungen, raffiniert aufgebaut und großartig erzählt. Es lohnt sich, nach dem Ende einige Stellen nochmals zu lesen, denn ich habe manches Detail erst beim zweiten Mal voll und ganz verstanden. Je mehr ich über Lempi erfuhr, deren Name im Altfinnischen „Liebe“ bedeutet, desto faszinierter war ich von diesem Debütroman der 1974 geborenen finnischen Bloggerin und Autorin Minna Rytisalo, die dafür zu Recht in ihrer Heimat mit Preisen bedacht wurde. Die Verflechtung individueller Schicksale vor dem Hintergrund der finnischen Geschichte ist großartig gelungen und eindeutig eines meiner Lesehighlights 2018.

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe. Carl Hanser 2018
www.hanser-literaturverlage.de

Michael Schulze: Lübeck an einem Tag

Der passende Reiseführer für den kurzen Stadtbesuch

Zum ersten Mal habe ich mich bei einem Städte-Kurztrip für einen Reiseführer aus dem Verlag Lehmstedt entschieden und war damit sehr zufrieden. Die Unterkunft für zwei Nächte war vorgebucht, Shopping nicht geplant und Restaurants suchen wir uns sowieso lieber spontan vor Ort, sodass „Lübeck an einem Tag – Ein Stadtrundgang“ genau das versprach, was ich gesucht hatte: die 31 wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Mit 47 Seiten ist der kleine Stadtführer handlich und leicht, trotzdem sind alle beschriebenen Punkte farbig bebildert und für die Kürze der Zeit ausführlich genug beschrieben. Zusätzlich finden sich an den Seiten farblich abgesetzte kleine Texte zu verschiedenen Themen, wie zum Beispiel „Travemünde“, „Hanse“, „Salz“, „Niederegger“, „Willy Brandt“, „Günter Grass“ oder „Thomas Mann“. Die angegebenen Öffnungs- und Führungszeiten waren, soweit ich es überprüfen konnte, korrekt, Eintrittspreise werden allerdings nicht genannt. In der vorderen Klappe findet man eine tabellarische Kurzübersicht über Lübecks Geschichte, in der hinteren einen Stadtplan der Innenstadt mit dem eingezeichneten Rundgang und den 31 beschriebenen Sehenswürdigkeiten. Da es kein Inhaltsverzeichnis gibt, dient diese Auflistung ersatzweise zum schnellen Einstieg, was ich leider erst nach einer Weile verstanden habe.

Vermisst habe ich lediglich ein alphabetisches Stichwortregister. Ich war mir sicher, bei der Vorbereitung etwas über Figuren von Ernst Barlach gelesen zu haben, konnte aber vor Ort die Stelle im Text nicht mehr finden und leider nicht gezielt danach suchen. Erst zu spät stieß ich durch Zufall wieder darauf, doch da hatten wir die Katharinenkirche mit den Skulpturen schon verpasst. Macht man den kompletten Rundgang in der beschriebenen Reihenfolge, so passiert dies nicht, allerdings haben uns Öffnungs- und Führungszeiten zu Abweichungen und Auslassungen gezwungen.

Kurzreiseführer aus dieser Reihe gibt es für zahlreiche deutsche Städte, außerdem für Genf, Bern und Zürich. Für Tagesaufenthalte sind sie prima geeignet und ich werde bestimmt noch öfter auf sie zurückgreifen, zumal sie mit nur 4,95 bis 6 Euro pro Band unschlagbar preisgünstig sind. Mit einem Stichwortregister wären sie absolut perfekt.

Michael Schulze: Lübeck an einem Tag. Lehmstedt 2017
lehmstedt.de

Kathrin Rohmann & Yayo Kawamura: Glückstage unterm Apfelbaum

Schöne Vorlesegeschichten zwischen Realität und Fantasie

28 kurze Vorlesegeschichten für Mädchen ab fünf Jahren hat Kathrin Rohmann unter dem Titel Glückstage unterm Apfelbaum zusammenfasst. Im Mittelpunkt steht die fantasiebegabte siebenjährige Minna, die jede Menge aufregende Dinge erlebt. Nicht immer sehen die Erwachsenen, was Minna sieht, nicht Willi mit dem Ruderboot, der nachts von Kartoffelpuffer-Insel zu Kartoffelpuffer-Insel durch ihr Zimmer rudert, nicht Anton, der mit seinem rauchenden, kaputten Auto unter ihrem Kleiderschrank hervorrumpelt und dringend eine Mechanikerin braucht, nicht die Blaubeer-Prinzessin, die entführt werden möchte, nicht den Chor der Wassergeister am Strand und nicht den kleinen Großwesir mit seinem Kamel, der einen neuen fliegenden Teppich braucht. Minna sieht sie alle – und noch viele mehr -, hilft ihnen kreativ aus der Patsche und kann sich nur darüber wundern, wie wenig Ahnung doch die Erwachsenen haben!

Wenn Minna keine Fantasieabenteuer erlebt, ist sie ein ganz normales, liebenswertes Mädchen mit guten Freunden, verständnisvollen Eltern, einer tollen Oma, Schule, Ferien am Meer und Alltagsproblemen, mit denen sich die kleinen Zuhörerinnen gut identifizieren können. Mal ist Minna traurig wegen der Oma, die weit weg ans Meer gezogen ist, mal glücklich, als sie sie besuchen kann, mal freut sie sich über die Kartoffelpuffer, die die Mutter für sie gemacht hat, mal muss sie einen Streit ihrer Eltern aushalten und mal freut sie sich, ihre Freunde nach den Ferien wiederzusehen. Auch die erwachsenen Vorleser kommen auf ihre Kosten, wenn Minna und ihre Mutter beim täglichen Weg zum Strand trotz Papas Protesten nie an Herrn Plastikowskis Strandparadies vorbeikommen…

Yayo Kawamura hat mit ihren sehr zahlreichen, fröhlich-bunten Illustrationen den Ton der Geschichten gut getroffen, sodass nicht nur das Zuhören, sondern auch das Betrachten des Buches Spaß macht – und für gute Leserinnen ab Ende der zweiten Klasse natürlich das Selberlesen.

Kathrin Rohmann & Yayo Kawamura: Glückstage unterm Apfelbaum. dtv junior 2018
www.dtv.de

Klemens Pütz & Dunja Batarilo: Unverfrorene Freunde

Zwischen zwei Welten

Seit fast 30 Jahren arbeitet der Meeresbiologe Klemens Pütz als Pinguinologe und verbringt dafür jedes Jahr mehrere Monate im subantarktischen Raum, dem entlegensten, kältesten, stürmischsten, trockensten, isoliertesten und lebensfeindlichsten Kontinent. Damit ist er gleich seinen Forschungsobjekten ein Wanderer zwischen zwei Welten: Während er zwischen Bremerhaven und der Antarktis pendelt, wechseln die Pinguine zwischen Land und Meer. Kein Job für Weicheier, eher unromantisch, dafür aber auch niemals langweilig, wie er selbst es zusammenfasst, denn Pinguine leben unter extremen Bedingungen und vollbringen dafür unglaubliche Anpassungsleistungen. Als freier Pinguinforscher ist Klemens Pütz keiner universitären Bürokratie unterworfen und kann sich seine Themen selbst aussuchen, unterstützt von der Stiftung Antarctic Research Trust (ART), an deren Gründung er 1997 beteiligt war. Er betreibt Grundlagenforschung, Schwerpunkt ist das Verhalten der Pinguine auf See, wo sie 70 Prozent ihrer Zeit verbringen. Mit Sendern werden die Wanderungsrouten aufgezeichnet, mittels Magenspülungen untersucht, was sie unterwegs fressen. Die Arbeit besteht aus einer für mich erstaunlichen Mischung aus Hightech und sehr kreativer Improvisation, beides gut verständlich beschrieben. Ziel ist die Gewinnung von Daten, die sich vor allem für den Artenschutz einsetzen lassen, denn fast überall gehen die Pinguinpopulationen zurück. Dabei ist Klemens Pütz kein Aktivist, sondern Pragmatiker durch und durch, sucht überall Mittel und Wege zur Mitgestaltung und kennt keine Berührungsängste zu Wirtschaft, Politik und Tourismus. Trotz aller Sorgen um das Klima und die Folgen für „seine“ Pinguine erkennt er auch Erfolge, was mir beim Lesen Hoffnung gemacht hat.

Ein Hauptanliegen des Autors ist es, mit Märchen und Mythen über Pinguine aufzuräumen, denn die Realität ist spannender als jedes Klischee. So habe ich beispielsweise erfahren, dass die befrackten Vögel keineswegs treu und monogam leben, dass Pinguinkolonien keine sozialen Verbände, sondern Zweckgemeinschaften sind, und dass man die charaktervollen Vögel weder nett noch niedlich nennen darf. Wahr ist dagegen, dass in der Pinguincommunity die Gleichberechtigung dank der bei beiden Geschlechtern vorhandenen Brutfalte vollständig umgesetzt ist, womit sie uns eindeutig eine Schnabellänge voraus sind.

Unverfrorene Freunde besteht hauptsächlich aus drei Teilen: „Pinguine an Land“, „Pinguine im Wasser“ und „Welt im Wandel – Pinguine in Gefahr“,  zwischendurch bleibt Zeit für den interessanten persönlichen Werdegang des Autors. Zwei ausführliche Bildteile, die einerseits die arktische Tierwelt, andererseits den Forscher in Aktion zeigen, mehrere Zeichnungen und Karten, graue Kästen mit Informationen zu Begriffen wie „Subantarktis“, „Krill“, „Falklandkrieg“ oder „Antarktisvertrag“, eine Übersicht über den Grad der Gefährdung der 18 Pinguinarten sowie ein kleines Literaturverzeichnis runden dieses ebenso informative wie ausgesprochen unterhaltsame, oft in flapsigem Ton verfasste Sachbuch ab. Und da laut Klemens Pütz der Mensch das am ehesten zu schützen bereit ist, was er kennt, leistet dieses Buch hoffentlich auch einen wichtigen Beitrag zum Überleben der Pinguine. Ohne sie wäre unsere Welt um eine bedeutende Attraktion ärmer.

Klemens Pütz & Dunja Batarilo: Unverfrorene Freunde. Ullstein 2018
www.ullstein-buchverlage.de

Frankfurter Buchmesse und Buchblog-Award 2018

Erfüllte Tage, viele interessante Gespräche und Veranstaltungen und jede Menge neue Eindrücke liegen nach drei Messetagen hinter mir. Auch wenn es am Ende nicht zum Buchblog-Award 2018 in der Kategorie „Allesleser“ gereicht hat: Es war ein großartiges Erlebnis, dabei zu sein. Ich danke den Ausrichtern für eine schöne Veranstaltung am Buchmesse-Freitag im neuen Frankfurt Pavilion und allen, die für mich gestimmt habe. Glückwunsch an die Gewinner!

Donatella Di Pietrantonio: Arminuta

Zwei Mütter und doch Waise

Im Sommer 1975 gerät das Leben der 13-jährigen namenlosen Ich-Erzählerin ohne Vorwarnung aus den Fugen. Die Menschen, die sie bisher für ihre Eltern gehalten hat, die ihr ein sorgloses Leben mit Ballett- und Schwimmunterricht und ein bequemes Haus am Meer geboten haben, schicken sie zu ihren unbekannten biologischen Eltern zurück, von denen sie bisher nichts wusste. Oder fordern ihre wirklichen Eltern, die sie mit sechs Monaten diesem entfernt verwandten, ungewollt kinderlosen Paar überlassen haben, sie zurück? In der fremden Umgebung und bei der neuen „Zwangsfamilie“ fühlt sie sich „aufgenommen wie ein Unglück“, „allen im Weg, nur ein Esser mehr“. Das Leben im Dorf unter bitterarmen, bildungsfernen und oft gewalttätigen Verhältnissen ist ihr fremd. Als Einzelkind hat sie es nicht gelernt, sich gegen ihre neuen Geschwister zu verteidigen. Selbstzweifel plagen sie: Hat sie etwas falsch gemacht, wurde sie deshalb zurückgeschickt? Oder ist die Adoptivmutter, die zuletzt krank war, inzwischen gar gestorben? Sie vermisst schmerzlich ihre Freundin, ihr altes Leben, aus dem sie so plötzlich verbannt wurde, und natürlich ihre „Meermutter“: „Mit zwei lebenden Müttern wurde ich zum Waisenkind.“ „Arminuta“ wird sie im Dorf genannt, „die Zurückgekommene“.

Arminuta ist ein psychologisch sehr anrührender Roman über die Folgen von Geheimniskrämerei der Erwachsenen gegenüber Kindern. Eigentlich möchte man das Mädchen schonen („Du warst noch viel zu klein für die Wahrheit.“), doch ist gerade dieses Verschweigen neben den äußeren Umständen des Ortswechsels die Hauptursache für ihre Verzweiflung. Sie fühlt sich zurecht als Spielball zwischen zwei Familien und von den Erwachsenen verraten. Da ich genau wie das Mädchen die wahren Umstände sehr lange nicht durchschaut habe, war die Geschichte äußerst spannend und rätselhaft für mich.

Sehr gut gefallen hat mir neben der klaren Sprache, wie die Ich-Erzählerin trotz ihrer Verzweiflung nie im Selbstmitleid versinkt, sondern an den Umständen wächst. Ihre schulischen Leistungen, ihr Fleiß und die Aussicht auf den Besuch des Gymnasiums geben ihr Halt, genauso wie die enge Beziehung zu ihrer jüngeren, praktisch veranlagten Schwester, die sich während der Turbulenzen als größter Gewinn entpuppt. Nicht überzeugt hat mich dagegen die Darstellung der sexuellen Übergriffe durch den 18-jährigen Bruder, die die 13-Jährige unbegreiflicherweise nicht zurückweist. Die fehlende Geschwisterbeziehung war für mich hier als Begründung unbefriedigend. Außerdem hätte ich gerne mehr über das weitere Leben der Ich-Erzählerin erfahren, die auf die Jahre 1975 und 1976 zurückschaut, aber leider nur ganz wenige Andeutungen über die Zeit danach macht. Viel mehr, als dass Schlaflosigkeit, Leere und Angst zu ihren ständigen Begleitern gehören, erfahren wir nicht.

Insgesamt kann ich diesen in Italien bereits preisgekrönten, knapp über 200 Seiten starken Roman jedoch unbedingt empfehlen. Ich werde ganz sicher noch weitere Bücher von Donatella di Pietrantonio lesen.

Donatella Di Pietrantonio: Arminuta. Kunstmann 2018
www.kunstmann.de

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emmi & Einschwein – Im Herzen ein Held!

Es kommt nicht auf die Körpergröße an

Der erste Band dieser Reihe, Emmi & Einschwein –  Einhorn kann jeder! war mein Kinderbuch-Highlight 2018, mit Emmi & Einschwein – Im Herzen ein Held! geht es nun genauso spannend, abenteuerlich und witzig weiter. Allerdings empfehle ich, den Einstiegsband zuvor zu lesen, um auch wirklich das ganze Vergnügen zu haben.

Seit Emmi wie alle Bewohner von Wichtelstadt zu ihrem zehnten Geburtstag ein Fabelwesen bekommen hat, geht es in der Familie Brix noch turbulenter zu. Ihr Einschwein hat einfach gar zu viel Blödsinn im Kopf und seine magischen Kochfähigkeiten scheinen ausbaufähig, zumindest wenn man nicht ständig „Rutschi-Matschi“ essen möchte.

Emmi hat sich nach dem ersten Schock über dieses vermeintlich peinliche Fabelwesen bestens arrangiert und ist glücklich mit ihrem Einschwein, denn es hat das Herz auf dem rechten Fleck und Langeweile ist nun ein Fremdwort! Anders jedoch Antonia, denn am Ende des ersten Bandes ist es beim Showdown in der Drachenhalle zu einer tragischen Verwechslung gekommen: Sie hat ihre liebliche Flussjungfrau Alva eingebüßt und muss sich seither mit dem ultrapeinlichen zweiköpfigen Mini-Spuckewurm Spuckizucki des fiesen Herrn Bockel herumschlagen. Ihre Stellung in der Klasse hat dadurch merklich gelitten, oder um es mit Einschweins Worten zu sagen: Ihre „Tollung“ ist weg. Klar, dass sie den Tausch unbedingt rückgängig machen will – und zwar schnell! Aber geht das überhaupt? Und wie soll man Herrn Bockel vom Rücktausch überzeugen, wo doch der Wurm offensichtlich über keinerlei Fähigkeiten verfügt? Oder hat man sie bisher nur noch nicht entdeckt? Ein Glück, dass Emmis Opa Erwin ein Fabelwesen-Experte ist, aber leider kann er nicht auf Lolita von Schnops grundlegendes Werk: „Die Kleinsten der Kleinen – Erste vollständige Liste aller Fabelwesen unter fünfzehn Zentimeter“ zurückgreifen, denn sämtliche Exemplare sind spurlos verschwunden…

Wie Emmi, Einschwein und Antonia schließlich in letzter Sekunde einen Ausweg finden, der alle glücklich macht, und wie sowohl der Wurm als auch Herr Bockel sich als ganz anders entpuppen als gedacht, erzählt Anna Böhm wieder mit sehr viel Einfühlungsvermögen, Witz und in schöner, klarer Sprache. Besonders hervorheben möchte ich auch die Schwarz-Weiß-Illustrationen meiner Lieblingsillustratorin Susanne Göhlich, die den Ton der Geschichte wieder optimal treffen.

Die Geschichte eignet sich ab der dritten Klasse zum Selberlesen, ab sechs Jahren zum Vorlesen. Wetten, dass die Vorleser genauso viel Spaß daran haben wie die jungen Zuhörer, Mädchen und Jungs gleichermaßen? Gemein nur, dass die im Anhang abgedruckte Leseprobe zu Band drei so abrupt abbricht und wir uns bis zum nächsten Abenteuer noch gedulden müssen. Bis dahin können wir uns aber zum Glück die Zeit mit dem Rezept für Einschweins Wurmküchlein vertreiben.

Anna Böhm & Susanne Göhlich: Emmi & Einschwein – Im Herzen ein Held! Oetinger 2018
www.oetinger.de

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Plötzlich ist alles anders

Ein Brief erinnert Victor, Lehrer am Gymnasium und erfolgreicher Romanautor, glücklicher Ehemann und Familienvater, an eine unvergessene Katastrophe 30 Jahre zuvor. Er war damals knapp 19, Student im Vorbereitungskurs für den Concours, die Aufnahmeprüfung für eine der Grandes Écoles. Obwohl kein Überflieger innerhalb dieser Elite, hatte er zu seinem eigenen Erstaunen die Versetzung ins zweite Jahr geschafft, allerdings ohne jeden sozialen Kontakt, immer außen vor und als Provinzler aus bildungsfernem Elternhaus unsichtbar. Doch nun, im Herbst 1984, hatte er einen Schüler der Eingangsklasse kennengelernt: Mathieu, mit dem ihn nicht nur – wie er selbst meint – die gleiche Zigarettenmarke verbindet, sondern in meinen Augen auch die gleiche Einsamkeit und das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Bevor die beiden sich jedoch näher kennenlernen und gerade als er ihn zu seinem Geburtstag einladen will, springt Mathieu im Schulhaus in den Tod: „…das Schimpfwort, der Schrei, der dumpfe Aufprall, das Kreischen der Bibliothekarin… Es war unser ganz persönlicher Horrorfilm.“ Das Drama reißt Victor aus seiner Unsichtbarkeit, denn als vermeintlicher Freund des Opfers ist er plötzlich gefragt: „Mein Leben hatte sich ordentlich bevölkert.“ Plötzlich interessiert sich der Klassenprimus für ihn, eine umschwärmte Studentin wird seine Freundin, Mathieus Vater sucht bei ihm nicht nur Erklärungen, sondern einen Ersatz für seinen Sohn, und er erlangt Macht über den verhasstesten Lehrer der Anstalt.

Es ist nicht ganz einfach, zu beschreiben, was mich an Ein Winter in Paris  begeistert hat. Einmal ist es natürlich Jean-Philippe Blondels kritische Betrachtung der unmenschlichen Bedingungen in den Vorbereitungskursen auf den Concours, die er aus eigener Erfahrung kennt. Die Mischung aus Drill, brutalem Leistungsdruck, erbarmungsloser Konkurrenz, Erwartungshaltung der Eltern und Arroganz vieler Lehrer ist für sensible Jugendliche schwer erträglich. Der Selbstmord Mathieus führt in der Schule nicht zu einem Innezuhalten, zur Suche nach Erklärungen oder gar zum Überdenken der Methoden und die Schüler rebellieren gegen dieses Schweigen nicht. Andererseits fand ich aber auch die Unterschiede zwischen Parisern und „Provinzlern“, also dem Rest der französischen Bevölkerung, interessant, der erstaunlicherweise noch schwerer wiegt als das soziale Gefälle. In erster Linie ist es jedoch der Reifungsprozess Victors, über den er selbst in der Rückschau melancholisch, doch ohne Pathos reflektiert. Großartig ist sein Gespräch mit Mathieus Mutter, die ihm klarsichtig seinen Profit aus der Tragödie vor Augen führt, ihm vorwirft, beim Vater den Toten ersetzen zu wollen, und ihm unmissverständlich klarmacht, dass er niemanden retten muss und kann und stattdessen mit dem eigenen Leben beginnen soll.

Dieses kleine, noch nicht einmal 200 Seiten starke Büchlein mit dem sehr gut zur Stimmung passenden Schwarz-Weiß-Cover ist ein ruhig erzählter, einfühlsamer Roman über das Erwachsenwerden, Eltern-Kind-Beziehungen, Einsamkeit und den Wunsch dazuzugehören, unmenschliche Bildungseinrichtungen, Schuldgefühle und Trauer, Ursachenforschung für einen Selbstmord und über das Leben mit einer traumatischen Erfahrung.

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris. Deuticke 2018
www.hanser-literaturverlage.de

Sabine Kalwitzki & Betina Gotzen-Beek: Zottel tanzt Ballett

Extra-Applaus für Zottel

Nina liebt ihren kleinen Hund Zottel, auch wenn der immer mal Quatsch macht. Zottel ist klug, zerfetzt Papas Zeitung, verbuddelt Mamas Schal im Blumenbeet, singt zu Ninas Flötenspiel, übt mit ihr tanzen – nur zur Ballettaufführung darf er leider nicht mit. Aber Zottel wäre nicht Zottel, wenn er nicht einen Weg in den Ballettsaal fände, und so bekommt er am Ende einer fröhlich-ungewöhnlichen Aufführung sogar Extra-Applaus.

Zottel tanzt Ballett von Sabine Kalwitzki gehört als Teil der Reihe Lesespatz zur zweiten Stufe der Loewe Leseleiter. Mit fünf kleinen Kapiteln, großer Fibelschrift, kurzen Zeilen im Flattersatz, Abschnitten mit maximal fünf Zeilen und vielen lustig-bunten Illustrationen von Betina Gotzen-Beek ist es gut als erste Lektüre für Leseanfänger geeignet. Auch wenn das Thema und das pinkfarbige Cover wahrscheinlich eher Mädchen ansprechen – lachen können hier auch Jungs.

Sabine Kalwitzki & Betina Gotzen-Beek: Zottel tanzt Ballett. Loewe 2007
www.loewe-verlag.de

Dmitry Glukhovsky: Text

  Was bleibt?

Bei russischer Literatur denke ich gewöhnlich eher an Klassiker als an zeitgenössische Autoren, deshalb war ich sehr gespannt auf diesen siebten Roman des 1979 in Moskau geborenen Dmitry Glukhovsky. Sein internationaler Millionenbestseller Metro hätte mich als dystopische Science-Fiction-Trilogie nicht interessiert, aber dieser neue Roman Text klang vielversprechend. Dass er mich jedoch so sehr fesseln würde, hat mich überrascht. Vielleicht liegt es daran, dass Text  Dostojewskis immer aktuelle Frage nach Schuld und Sühne – oder in der modernen Übersetzung Verbrechen und Strafe – in modernem Gewand wiederaufwirft.

Sieben Jahre Straflager Solikamsk, von denen jedes dreifach zählte, liegen hinter dem Ex-Studenten Ilja, als er 2016 in seinen Heimatort Lobnja bei Moskau zurückkehrt. Er verdankt sie einem korrupten jungen Beamten, Pjotr Chasin, der ihm bei einer Drogenkontrolle Kokain untergeschoben hat. Nur die Mutter hat Ilja die Treue gehalten, hat an den nun 27-jährigen Sohn und dessen Zukunft geglaubt, doch als er heimkehrt, ist sie gerade einem Herzinfarkt erlegen. Die Kohlsuppe für ihn steht noch in der geplünderten Wohnung, rührendes Indiz der Wiedersehensfreude. Seine Ex-Freundin, die er bei der Razzia gegen die Zudringlichkeiten Chasins verteidigt hat, ist längst anderweitig liiert, der beste Freund fremd geworden. Was ihm bleibt, ist der Hass auf Chasin, „das Schwein“, inzwischen Major. In der ersten Nacht in Freiheit sucht Ilja ihn angetrunken auf, stellt ihn zur Rede, ersticht ihn aus schierer Verzweiflung im Affekt und entsorgt die Leiche unter einem Deckel der Kanalisation. Sein iPhone nimmt er mit und dank der darauf gespeicherten Chats, Mails, intimen Bilder und Videos wird er sich in den nächsten Tagen in Chasins Leben hacken, dessen Rolle weiterspielen und über den Toten in der Kanalisation sagen: „Da oben, da spiele ich dich, und ich weiß gar nicht mehr, wo du aufhörst und wo ich anfange.“ Nun ist Ilja der, der Chasins Angelegenheiten regelt, mit dessen zunehmend besorgteren Mutter, der schwangeren Freundin Nina, dem wütenden Vater und den Kontaktleuten aus dem Drogenmilieu kommuniziert und entscheidende Weichen stellt. Einige Tage lassen sich alle hinhalten, denn der Major tauchte immer wieder ab, beruflich oder wegen dubioser Geschäfte. Doch dann zieht sich die Schlinge um Ilja immer enger zusammen, denn „Ilja war allein, sie unendlich viele“.

Was mich beim Lesen so begeistert hat, ist die personale Erzählweise rein aus Iljas Sicht, die nur durch die Textnachrichten der Handypartner unterbrochen wird. Obwohl kein Krimi, war die Handlung für mich doch unglaublich spannend und hat mich wie ein Sog erfasst. Auch wenn das Zusammenbasteln von Chasins Leben aus digitalen Puzzleteilen manchmal etwas konstruiert wirkt, hat mich das kaum gestört. Die fortschreitende Verschmelzung Iljas mit seinem Peiniger ist psychologisch dafür umso besser gelungen, besonders wenn Ilja vergisst, dass Nina nicht seine, sondern die Freundin seines ermordeten Kontrahenten ist. Alles gipfelt in einem finalen Gewissenskonflikt und im Showdown, in dem es nur Verlierer gibt.

„Es gibt Menschen, von denen bleibt etwas, und von anderen Menschen bleibt nichts“, schließt dieser ebenso düster-bedrückende wie großartige Roman. Menschen wie Ilja, die dem System Putin chancenlos ausgeliefert sind, gehören zu den Letzteren.

Dmitry Glukhovsky: Text. Europa Verlag 2018
www.europa-verlag.com