Fernando Aramburu, geboren 1959 im spanischen Baskenland, lebt seit Mitte der 1980er-Jahre in Hannover, schreibt jedoch trotzdem auf Spanisch und gehört zu den renommiertesten Autoren seines Geburtslandes. Ausgangspunkt für seinen Roman Der Junge ist ein reales Unglück, das sich am 23.10.1980 im baskischen Dorf Ortuella unweit von Bilbao ereignete. Damals lösten Schweißarbeiten im Keller einer Schule aufgrund einer defekten Propangasleitung eine Explosion aus, bei der 50 Kinder und drei Erwachsene umkamen.
Mutter, Vater, Großvater
Nicht die Folgen für die traumatisierte Dorfgemeinschaft stehen im Mittelpunkt des Romans, vielmehr konzentriert sich Fernando Aramburu ausschließlich auf eine fiktive Familie, deren sechsjähriger Sohn Nuco bei der Katastrophe sein Leben verlor. Seine Mutter Mariaje entledigt sich rasch fast aller Andenken an ihr einziges Kind, leidet unter großer Erschöpfung und Leere und kann nicht über ihre Trauer sprechen. Mit der Entschädigungszahlung kauft sie sich in den Friseursalon ihrer Freundin ein und entflieht immer wieder aus ihrem „privaten Kummergefängnis“ (S. 112) nach Bilbao. Vater José Miguel will die Tragödie auf unbedingt hinter sich lassen und schnellstmöglich ein weiteres Kind, was für Mariaje zur „sexuellen Plackerei“ (S. 154) wird. Der verwitwete Großvater Nicasio, der ein besonders inniges Verhältnis zu seinem Enkel hatte, findet seine ganz eigene Weise im Umgang mit der Tragödie, indem er sie leugnet. Während die Dorfbewohnerinnen und -bewohner an seinem Verstand zweifeln, ist Mariaje überzeugt, dass „im Augenblick der Tragödie für ihn die Zeit auseinandergebrochen ist und seither in zwei verschiedene Richtungen führt“ (S. 174). Einerseits besucht er Nuco jeden Donnerstag im Urnenhain auf dem Friedhof und spricht mit ihm, andererseits spaziert er, die imaginäre Hand des Enkels haltend, durchs Dorf und baut in seiner Wohnung dessen Kinderzimmer originalgetreu nach:
Nicasio erklärt, dass er, von Nucos Möbeln und Spielsachen umgeben, eine körperliche Nähe zu dem Jungen verspürt, die er auf dem Friedhof nicht fühle, oder jedenfalls, so sagt er, nicht auf dieselbe Art und Weise. (S. 225)
Drei Erzählstimmen Fernando Aramburu wählt für den Roman in der ausgezeichneten Übersetzung von Willi Zurbriggen zwei unterschiedliche Erzählstimmen, ergänzt durch zehn kursiv gedruckte Einschübe. Abwechselnd berichten ein allwissender Erzähler und die inzwischen über 70-jährige Mariaje von der Zeit vor, während, aber vor allem nach dem Unglück. Die Einschübe aus der Perspektive des Buches, das hier mit eigener, menschlicher Stimme spricht, bringen Bedenken, Kritik und Dank zur Sprache, geben Erklärungen für Entscheidungen seines Autors ab, rechtfertigen die Wahl des Themas und ersetzen Vor-, Nachwort und Danksagung gleichermaßen, ein ebenso origineller wie genialer Kunstgriff.
Teilweise herzzerreißend, aber nicht sentimental Obwohl Fernando Aramburu großes Einfühlungsvermögen, Taktgefühl und Respekt für die völlig unterschiedlich trauernden Familienmitglieder zeigt, wird der Text dank der sehr kargen Sprache, dem Verzicht auf überzogene Dramatik und der Distanz schaffenden Einschübe nie sentimental. Für mich hätte es die komplizierte Ehegeschichte von Mariaje und José Miguel mit den durchaus interessanten ethischen Fragen nicht gebraucht, da sie mich in der zweiten Hälfte des Buches von den spannenderen Themen Verlust, Trauer, Erinnerung und Weiterleben abgelenkt hat. Zweifellos ist Der Junge jedoch trotzdem eine sehr lohnende Lektüre, von der mir vor allem das reale Unglück, die einzigartige Figur des Großvaters mit seiner herzzerreißenden Trauer-Strategie und die Einschübe aus der Perspektive des Buches in Erinnerung bleiben werden.
Fernando Aramburu: Der Junge. Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen. Rowohlt 2025 www.rowohlt.de
Weitere Rezensionen zu Romanen von Fernando Aramburu auf diesem Blog:
Die 1959 in Oslo geborene Autorin Vigdis Hjorth gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen Norwegens und ist Teil der Gastlanddelegation auf der Leipziger Buchmesse 2025. In Deutschland ist sie vor allem für ihr autofiktionales Schreiben bekannt. Ihr autobiografisch gefärbter Roman über familiären Kindesmissbrauch Arv og miljø von 2016 verursachte in ihrem Heimatland einen Skandal. Er erschien auf Deutsch, vorzüglich übersetzt von Gabriele Haefs, erstmals 2019 unter dem Titel Bergljots Familie im Osburg Verlag und 2024 in einer von der Übersetzerin überarbeiteten Ausgabe als Ein falsches Wort im S. Fischer Verlag.
Alles, was du vergessen willst, kehrt zu dir zurück (S. 5)… … so beginnt Vigdis Hjorths schmaler Roman Wiederholung, der das zentrale Thema von Arv og miljø erneut aufgreift. Nun schaut eine erfolgreiche Autorin auf das ahnungslose 16-jährige Mädchen zurück, das sie 48 Jahren zuvor war:
Wenn jedoch alles wiedererlebt und durchlebt ist, wenn der lähmende Schmerz abnimmt, wirst du vermutlich erkennen, dass du eine neue Einsicht in die Bedeutung dieser spezifischen Erinnerung gewonnen hast; deshalb ist sie zu dir zurückgekehrt: um dir etwas zu erzählen.
Warum schreibe ich du, wenn ich ich meine? (S. 5)
Coming-of-Age unter ungewöhnlichen Bedingungen Die zufällige Beobachtung eines Elternpaars mit seiner halbwüchsigen, offensichtlich unglücklichen Tochter beim Besuch eines Konzerts löst den Flashback in den November 1975 aus, als ihre Mutter sie mit neurotisch anmutender Besessenheit überwachte. Mit der Pubertät der Tochter verfiel die Mutter in einen hysterischen Kontrollwahn, fieberhaft fixiert auf deren aufkeimende Sexualität und die Gefahren durch Alkohol, Zigaretten und Drogen. Das mütterliche Verhalten wirkte sich fatal auf die Identitätsbildung der Tochter aus und löste einerseits tiefe Selbstzweifel und Ängste, andererseits den Wunsch nach Grenzüberschreitung aus:
Sie witterte offenbar einen Abgrund in mir, und sie brachte mich dazu, ihn ebenfalls zu spüren. (S. 17)
Warum kam die Mutter überhaupt nicht mit der Pubertät der Tochter zurecht?
Während der kühl-distanzierte Vater die Übergriffe einzudämmen versuchte, schienen sich deren schlimmste Befürchtungen schließlich im Tagebuch der Tochter zu bewahrheiten. Unerwartet reagierte der Vater jedoch ungleich heftiger als sie auf das schriftliche Geständnis eines Geschlechtsverkehrs, der ironischerweise so nie stattgefunden hatte. Indem die Mutter sich unmissverständlich auf die Seite ihres Mannes stellte, keimte bei der Tochter erstmals der Vorgeschmack eines Verdachts auf:
… ich war auf die Spur meines eigentlichen Traumas gebracht worden, denn intuitiv begriff ich, mit dem Körper begriff ich, dass das, was geschehen war, eine Nachwirkung von etwas Früherem war… (S. 128)
Das erste Puzzlestück Obwohl Wiederholung Szenen aus dem wesentlich umfangreicheren Arv og miljø aufgreift, die mir gut im Gedächtnis waren, ist das Buch dennoch völlig eigenständig und hat mich mit seiner großen Verdichtung mitgerissen. Die klaustrophobische Familienatmosphäre und die Einsamkeit des jungen Mädchens, das den ersten Puzzlestein auf dem Weg zum Erkennen seines Traumas findet und die Macht des geschriebenen Wortes entdeckt, übertragen sich beim Lesen auf Gänsehaut auslösende Weise. Andererseits beweist die Autorin in der gescheiterten Beischlafszene der Ich-Erzählerin mit dem auf ganzer Linie versagenden Möchtegernliebhaber Finn Lykke (deutsch: „Glück finden“) ihr außergewöhnliches Talent für Situationskomik. Selten habe so intensiv mit einer jugendlichen Protagonistin gelitten wie in diesem wirklich meisterhaften Roman.
Gjentakelsen, deutsch: Wiederholung, wurde 2023 mit dem sehr renommierten norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet, genau wie Arv og miljø 2016.
Hitzewelle ist Teil drei der zunächst als Trilogie geplanten Neshov-Saga über die gleichnamige Familie und ihren Hof in Byneset nahe Trondheim. Platzte in Teil eins, Das Lügenhaus, nach dem Tod der alten Mutter die große Familienlüge und schockierte ihre drei völlig unterschiedlichen Söhne, so zerschlug sich in Teil zwei, Einsiedlerkrebse, die kurzzeitige Hoffnung auf familiäre Aussöhnung. Rasch kehrte jeder der Brüder zu seinem alten Leben zurück: Tor zum heruntergekommenen Hof mit den unrentablen Schweinen, der überkorrekte Margido zu seinem spartanischen Leben trotz seines erfolgreichen Bestattungsunternehmens und der hysterische Exzentriker Erlend mit seinem Partner Krumme zum ausschweifenden Kopenhagener Luxusalltag. Einzig der Kontakt zwischen Tor und seiner Tochter Torunn, die als Tierarzthelferin und Hundetrainerin in Oslo lebt, ist enger geworden.
Torunn ist auf dem Hof, als sich am Ende von Teil zwei eine Katastrophe ereignet. Der Cliffhanger wird zu Beginn von Hitzewelle aufgelöst: Tor hat sich aus Verzweiflung das Leben genommen und Torunn gibt sich die Schuld daran, weil sie ihm nicht das erhoffte Versprechen für eine Übernahme des Hofes gegeben hat.
Alle sind mit sich beschäftigt Über Norwegen liegt ein großes Hochdruckgebiet, alle stöhnen unter der ungewohnten Hitze. Auch auf Torunn lastet ein unerträglicher Druck, der sie immer depressiver macht. Während sie mit dem nicht nur an den Schweinen interessierten Helfer Kai Roger den Hof am Laufen hält und Großvater Tormod pflegt, sind Margido und Erlend wie immer mit eigenen Problemen beschäftigt. Margido versucht zwar zu helfen, ist aber mit den vielen Hitzetoten, Betriebserweiterung und dem Umzug seines Sarglagers nach Byneset ausgelastet. Erlend meidet wie üblich Unannehmlichkeiten, feiert wilde Partys und fiebert seiner und Krummes Vaterschaft mit dem lesbischen Paar Lizzi und Jytte entgegen. Zusammen mit einem Stararchitekten treffen die vier zukünftigen Eltern auf Byneset ein, um den Umbau des Silos zur Luxus-Ferienwohnung zu planen. Doch wieder einmal endet das familiäre Zusammentreffen im Desaster. Ausnahmslos alle Männer sehen in Torunn die Lösung für ihre Zukunftspläne, aber was will sie?
Weniger Humor, viele Tränen
Auch diesen dritten Teil der Neshov-Reihe habe ich mir vorlesen lassen, leider wieder gekürzt auf 5 CDs mit 376 Minuten und 96 Tracks, aber gewohnt souverän interpretiert von Matthias Brandt (Margido), Gustav Peter Wöhler (Erlend) und Wiebke Puls (Torunn).
Die 1957 bei Trondheim geborene Autorin Anne B. Ragde hat mich mit diesem dritten Teil nicht ganz so überzeugt wie zuvor. Die Charaktere haben sich kaum weiterentwickelt, lediglich in ihrer Skurrilität und Klischeehaftigkeit verstärkt, und es passiert wenig Neues. Besonders der schwule Dekorateur und Alkoholiker Erlend verkommt zunehmend zur Parodie. Torunns Abwehr aller Hilfsangebote ist schwer zu begreifen, der trockene Humor der vorhergehenden Teile hat mir gefehlt und insgesamt wurde mir rundum zu häufig geweint. Trotzdem laufen die Fäden in diesem letzten Teil gut zusammen und das Ende ist, wenn auch nicht vergnüglich, so doch glaubhaft und passend.
Nach einer mehrjährigen Pause liegen inzwischen drei weitere Teile der Neshov-Reihe auf Deutsch vor: Sonntags in Trondheim (2017), Der Liebhaber (2019) und Rückkehr (2022), allerdings leider nicht als Hörbücher.
Anne B. Ragde: Hitzewelle. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Gekürzte Lesung von Matthias Brandt, Wiebke Puls und Gustav Peter Wöhler. Hörbuch Hamburg 2010 www.hoerbuch-hamburg.de
Weitere Rezensionen zu Hörbüchern der Neshov-Reihe von Anne B. Ragde auf diesem Blog:
Kaum auf der Welt, schmiegen sich der runzlig-rote Hannes und die flaumig-dunkle Polina„wie zwei Maulwurfsbabys“ (S. 16) aneinander. Ihre alleinerziehenden, überglücklichen Mütter sind Zimmergenossinnen in einer Hannoveraner Entbindungsklinik und fortan beste Freundinnen. Fritzi Prager steht kurz vor dem Abitur und begräbt ihren Traum vom Jura-Studium, die türkischstämmige Güneş holt auf der Abendschule ihr Abitur nach und beide putzen nun gemeinsam Netto-Markt. Fritzi findet ein 90-Quadratmeter-Zimmer in einer halbverfallenen Villa im Bissendorfer Moor beim schrulligen, 60-jährigen Ex-Klavierstudenten und Möchtegernschriftsteller Heinrich Hildebrand, der sich widerwillig von ihr und Hannes als Mietern überzeugen lässt. Nachdem auch Polina sein „Gletscherherz“ (S. 33) zum Schmelzen gebracht hat, sind sie und Güneş häufige Besucherinnen in der Moorvilla und die grundverschiedenen Kinder wachsen wie Geschwister auf. Hannes ist still, verträumt, langsam und beinahe lethargisch, Polina laut, wach und lernt schnell. Sie ist Hannes in allen Belangen überlegen, bis der Achtjährige Hildebrands altes Klavier entdeckt:
Er fühlte das Instrument, bevor er es verstand. (S. 43)
Mit Hildebrands Unterricht macht das musikalische Wunderkind schnelle Fortschritte:
So dömelig der Junge mit allem anderen war, so schnell begriff er am Klavier. (S. 45)
Und noch etwas hat Hannes Polina als Dreizehnjähriger voraus: Er lernt seinen Vater kennen, während sie dauerhaft unter dieser Leerstelle leidet.
Ein Ziel gerät aus dem Blick Auch wenn Polina sich vorläufig – trotz Hannes‘ für sie komponierter Klaviersonate „Für Polina“ – anderweitig verliebt, hätte alles gut werden können, doch nach einem Drittel des Romans hat Hannes verloren, was sein Leben ausmacht. Ans Klavier mag er sich nicht mehr setzen, doch weil er nicht ganz davon lassen kann, wird er trotz seines ungeeigneten Körperbaus Klavierträger in Hamburg. Das Schicksal beschert ihm einen hünenhaften Arbeitskollegen, der zum Freund wird, eine Lebenspartnerin und eine trügerische Alltagsroutine:
Er vermisste die Musik nicht, sie war ja noch da, auch wenn es nicht seine war, die erklang. Wenn er genug arbeitete, gelang es ihm, diese Lüge zu glauben. (S. 137)
Seine übermächtige Leerstelle bleibt Polina, sein Ausdrucksmittel Töne. Als er sich eines Tages spontan auf der Straße ans Klavier setzt und ein Video davon viral geht, könnte sein in Vergessenheit geratenes Ziel plötzlich wieder näherrücken…
Einfach verzaubern lassen! Man kann Für Polina mit dem strengen Blick des Feuilletons beurteilen, eine Verletzung der Kitschgrenze, fehlenden Raum für Fantasie, statische Charaktere oder Überkonstruktion kritisieren und sich den Zauber, der sich bei mir ab dem ersten Satz einstellte, dadurch gründlich vermiesen. Arme Kritikerinnen und Kritiker! Glücklicherweise ging es mir völlig anders. Zwar meide ich sonst Liebesromane, besonders, wenn die pastelligen Cover eine Frau von hinten zeigen, aber mit dieser an ein Märchen erinnernden, manchmal aus der Zeit gefallenen Liebes- und Freundschaftsgeschichte hatte mich der 1985 geborene, für seine Reportagen vielfach ausgezeichnete ehemalige Spiegel-Journalist Takis Würger sofort am Haken. Ein bisschen Kitsch darf sein, wenn er, wie hier, immer rechtzeitig ironisch gebrochen wird, oder, wie der Titel des Videos, eindeutig Satire ist. Meiner Fantasie bietet das gelungene Ende reichlich Platz und die von seinen Freunden unterstützte Wandlung Hannes‘ vom Objekt zum Subjekt war mir Entwicklung genug. Die geschickte Romankonstruktion mit linearer, leichtfüßiger Erzählweise, Wendungsreichtum, urigen Nebenfiguren, gekonnt platzierten Zeitsprüngen und Details zum Klavierträger- sowie Klavierstimmerhandwerk hat mir ausgezeichnet gefallen.
Ich kann Für Polina allen empfehlen, die sich gerne von einem gut geschriebenen, keinesfalls trivialen, dafür hoffnungsvollen musikalischen Liebes- und Freundschaftsmärchen verzaubern lassen möchten. Bei mir hat das hervorragend geklappt.
„Eine akustische Reise durch Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island“ lautet der Untertitel der Sammlung von Features aus den Ländern des Nordens. Da ich Sehnsucht Italien und Sehnsucht Frankreich bereits kannte, wusste ich, was mich erwartet. Anders als im Radio, wo ich Reisefeatures zwar leidenschaftlich gerne, aber immer nur zufällig höre, erlaubt der Hörverlag bei diesen Zusammenstellungen Features am laufenden Band, geordnet nach Regionen. Bei Sehnsucht Skandinavien sind es 31 Beiträge des Bayerischen Rundfunks 2 aus den Jahren 2011 bis 2023 auf 5 CDs, je einer für Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island zusammen mit den Färöer-Inseln, sechs Stunden und 45 Minuten Hörspaß ohne Ermüdungssymptome.
Bekanntes und Unbekanntes Gleichermaßen Reportage wie Dokumentation, greifen die Features Aspekte aus der Kunst und Architektur, der Natur, der Geschichte, der Literatur, der Küche und der Gesellschaft heraus, vor allem aber vermitteln sie viel vom Lebensgefühl der glücklichen Skandinavierinnen und Skandinavier. Hörend begleitet man die vorzüglichen Sprecherinnen und Sprecher an bekannte und unbekannte Orte, erfährt von einheimischen Stimmen Wissenswertes aus erster Hand, lauscht Musikeinspielungen oder typischen Geräuschen. Schwer für mich zu entscheiden, was mir besser gefällt: Einerseits sind da die Features über Reiseziele oder Landestypisches, die oder das ich aus eigenem Erleben kenne, wie die finnischen Ålandinseln und die Opernstadt Savonlinna, schwedische Zimtschnecken, Oslo auf den Spuren Edvard Munchs, die norwegische Fjordlandschaft und die Vesterålen, die nun allesamt mit den neu gewonnenen Erkenntnissen einen weiteren Besuch lohnen. Andererseits gibt es sehr viel mir bisher Unbekanntes, wie beispielsweise die Hans-Christian-Andersen-Stadt Odense, die dänischen Erbseninseln und die Steilküste von Møn, die schwedische Insel Ven im Öresund mit ihrem Observatorium, den Radweg Kattegattleden, Spitzbergen, die Färöer-Inseln oder Island, letzteres gerne im Winter und auf den Spuren der alten Sagas. Jedes der letztgenannten Ziele hat es spielend auf meine Wunschliste geschafft, auf der ganz oben nun allerdings eine Fahrt mit der Fährlinie 40 durch Stockholms Schärengarten steht.
Hören und träumen Es ist die Mischung aus lebendig gestalteter Information und atmosphärischem Hörerlebnis, die diese Reisefeatures für mich so ungemein interessant, inspirierend und unterhaltsam machen. Nebenbei kann man sich auf der hübsch gestalteten Landkarte orientieren, im Booklet blättern oder einfach die Augen schließen und vom nächsten Urlaub träumen.
Wer beim Romantitel Frau Hempels Tochter an das sprichwörtliche Chaos unter dem Hempelschen Sofa denkt, liegt falsch. Als Portiersfrau in einem Berliner Mietshaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts sorgt Lina Hempel tatkräftig, mit viel Übersicht für Ordnung und ist überall zugleich. Sie sprüht vor Schaffenskraft, Durchsetzungsvermögen und Zielstrebigkeit. Ihr Mann ist Schuster, ein bescheidener Partner, der seine Lebensweisheiten vor allem aus dem Umfeld seines Handwerks schöpft, seine Frau liebt und klaglos akzeptiert, dass sein Wille nur in den ersten Ehejahren anerkannt wurde. Triebfeder für die mit viel Humor, Lebensklugheit, Pragmatismus und Herz ausgestattete Frau Hempel ist die Zukunft ihrer hübschen, vielversprechenden Tochter Laura, die es aus der Kellerwohnung herausschaffen soll:
Von dem Augenblick an, wo Frau Hempel das zierliche Wesen zum ersten Mal im Arm gehalten hatte, war es ihr klar gewesen, dass es das Mädchen besser haben sollte als sie. (S. 9)
Viele Träume Mehrere Sparkassenbücher auf Lauras Namen liegen gut verwahrt im untersten Schub von Frau Hempels Kommode, als das Mädchen mit 16 Jahren aus der Schule kommt. Nun gilt es, den richtigen Beruf und vor allem den zum ersehnten Aufstieg passenden Ehemann zu finden. Frau Hempel hat (fast) alles unter Kontrolle und träumt nebenher vom Landleben:
Aber jeden Sonntag dachte sie an das kleine Haus mit dem eigenen Dach und dem eigenen Schornstein. (S. 76)
Laura dagegen träumt von Graf Egon von Prillberg, Sohn verarmter Eltern aus dem Hinterhaus, dessen verbitterte Mutter sich wiederum nach einer reichen Schwiegertochter sehnt. Zunächst tritt sie jedoch eine Stelle als Kindermädchen bei der Hausbesitzerfamilie Bombach, dann als Zofe bei der jung verheirateten Bankierstochter an, was ihr so manche Einsicht beschert:
Sie aber wusste, dass die Reichen lange nicht so reich sind, wie die Armen glauben. (S. 49)
Welche Träume werden sich erfüllen?
Wiederentdeckung einer vergessenen Bestsellerautorin Als Frau Hempels Tochter 1913 erstmals erschien, war die aus großbürgerlichem Milieu stammende deutsch-jüdische Schriftstellerin Alice Berend (1875 – 1938) bereits Bestsellerautorin und ihre Romane erschienen in Hunderttausender-Auflagen. Man verglich sie mit Theodor Fontane(1819 – 1898) und rühmte ihre realistischen Schilderungen des Kleinbürgermilieus ihrer Heimatstadt sowie ihre lakonisch-humorvolle Erzählweise, genau die Vorzüge, die mich auch über 100 Jahre nach dem ersten Erscheinen noch heute begeistern. Ihrer Karriere setzten die Nationalsozialisten ein Ende, als sie ihre Bücher 1933 verboten. Nach ihrer Emigration 1935 starb Alice Berend vergessen und verarmt im italienischen Exil.
Dem Reclam Verlag und seiner Reihe Reclams Klassikerinnen ist es zu verdanken, dass der so gar nicht verstaubte Roman mit einem sehr informativen Nachwort von Margret Greiner neu aufgelegt wurde. In den letzten Jahren habe ich mit großer Freude viele moderne Klassiker für mich entdeckt: von Gina Kaus (1893 – 1985), Vicki Baum(1888 – 1960),Maria Borrély (1890 – 1963), Margaret Kennedy (1896 – 1967), Margaret Laurence (1926 – 1987), Tove Ditlevsen (1917 – 1976), Marianne Philips(1886 – 1951) oder ihrem männlichen Kollegen Tarjei Vesaas (1897 – 1979), allesamt echte Lesehighlights. Mit Frau Hempels Tochter habe ich mich ganz besonders gut unterhalten und empfehle das Buch daher wärmstens. Die Nebencharaktere aus verschiedenen Gesellschaftsschichten sind wunderbar plastisch ausgeführt und in Frau Hempel habe ich mich regelrecht verliebt. Diese warmherzige, zielstrebige Frau, die ihre Wurzeln nicht vergisst, nie verzagt und allzeit das Herz auf dem rechten Fleck hat ist eine unvergessliche Protagonistin.
Ich hoffe auf viele weitere Neuveröffentlichungen aus dem reichen Werk von Alice Berend.
Alice Berend: Frau Hempels Tochter. Mit einem Nachwort von Margret Greiner. Reclam 2025 www.reclam.de
1961, zehn Jahre nach dem Tod ihrer strengen Mutter, lebt die knapp 30-jährige Isabel Den Brave verbittert, ängstlich und allein im Haus der Familie bei Zwolle:
Sie hatte noch nie jemanden durchs Haus geführt, keine neuen Freundschaften geschlossen oder Besuch eingeladen. Die einzigen neuen Menschen, die das Haus je zu Gesicht bekamen, waren die Dienstmädchen […] (S. 116)
Bereits als Kind verlor sie den Vater. Ihre beiden Brüder, der zwei Jahre ältere Louis und der ein Jahr jüngere Hendrik, verließen das Haus früh, Louis, weil er nie von Amsterdam aufs Land wollte, Hendrik, weil die Mutter und auch Isabel seine Homosexualität nicht akzeptierten. Nur eine junge Haushaltshilfe kommt tageweise ins Haus, von der stets misstrauischen Isabel überwacht und tyrannisiert. Isabel, die die Familienmitglieder nicht festhalten konnte, bewahrt umso krampfhafter das Inventar des Hauses, poliert das Besteck und das gute Porzellan mit dem Hasenmuster, legt Inventarlisten an und registriert penibel jeden Verlust. Von ihrem Onkel Karel, der das Haus im Winter 1944 für Isabels verwitwete Mutter und die drei Kinder samt Möbeln, Haushaltsgegenständen und Spielsachen, darunter ein Kuschelhase, erwarb, soll es auf Louis übergehen, sobald der eine Familie gründet.
Aufgeladene Atmosphäre Zu einem Geschwistertreffen bringt der unstete Louis zu Isabels Ärger seine neueste Eroberung mit: Eva. Isabel lehnt sie sofort offen ab und behandelt sie gemein, trotzdem quartiert Louis sie vorübergehend bei ihr ein. In der Folge registriert Isabel immer mehr verschwundene Gegenstände und Eva ist überall, was die ohnehin aufgeladene Atmosphäre anheizt.
Übergangslos schlägt diese grundlegende Ablehnung jedoch in stürmisches Begehren um, das in langen, mit viel Lautmalerei unterlegten Abschnitten beschrieben wird.
Da sich die Anziehung zwischen Isabel und Eva auf körperliche Aspekte beschränkt, greift die niederländische Autorin Yael van der Wouden zur Kompensation der fehlenden Gespräche zum bewährten Mittel eines Tagebuchfunds. Der Zufall spielt Isabel Evas Tagebuch in die Hände, ein berührendes Dokument, das meine sämtlichen, vorher gehegten Vermutungen bestätigte.
Ein durchwachsenes Leseerlebnis
In ihrem auf Englisch verfassten Debütroman In ihrem Haus, der 2024 auf der Shortlist für den Booker Prize stand, thematisiert Yael van der Wouden ein verdrängtes Kapitel niederländischer Nachkriegsgeschichte, ein zweifellos großes Verdienst. Während mich dieser gewiss gut recherchierte historische Hintergrund interessierte, gefiel mir die Umsetzung in Romanform mit Fortschreiten der Handlung immer weniger. Nicht nur der seitenlange Sex ohne Mehrwert für den Handlungsverlauf störte mich, weil ich diesen Detailreichtum unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten nicht gern lese, sondern auch die Zeichnung der Figuren. Wie glaubhaft ist es, dass eine unverheiratete, mittellose Frau 1961 keinen Beruf hatte, und warum fragte sich selbst die erwachsene Isabel nie, wer das Haus samt Inventar aufgab? Schließlich habe ich auch der Verwandlung Isabels misstraut, wirft sie doch Hendrik bis zuletzt vor, sie und die Mutter im Stich gelassen zu haben.
Literarisch hat das Buch seine Stärken bei gelungenen Metaphern wie den Porzellanscherben oder in den Passagen, in denen das Haus als heimlicher Protagonist zur denkenden, fühlenden Figur wird:
Das Haus hieß sie nicht willkommen, sondern wandte beschämt den Blick ab. (S. 303)
Nach starkem Beginn war In ihrem Haus für mich ein insgesamt durchwachsenes, im Plot wenig überraschendes Leseerlebnis, dessen Zielgruppe ich eher beim jüngeren Publikum sehe.
Yael van der Wouden: In ihrem Haus. Aus dem Englischen von Stefanie Ochel. Gutkind 2025 gutkind-verlag.de
Beruflich war Jaap Hollander, niederländischer Neurochirurg jüdischer Herkunft und Sohn eines einfachen Ölhändlers, eines „Oliejood“, stets an der Spitze seiner Zunft und gehörte zu den renommiertesten Hirnchirurgen weltweit. Weniger erfolgreich verlief sein Privatleben. Nach Jahren als berüchtigter Frauenheld ging er der zehn Jahre jüngeren Krankenschwester Nicole ins Netz, aus dem einzigen Grund, dass sie von ihm schwanger war. Weder die Tochter Lea, die für Jaap in vielem zu sehr ihrer Mutter glich, noch die neuerbaute neoklassizistische 14- Zimmer-Villa an der Vecht machten Jaap zufrieden. Die Ehe war und blieb ein Desaster, Jaap ein Despot.
Unvollendet Während Jaap, ganz rationaler Wissenschaftler, keinen Bezug zu seiner Religion hatte, interessierte sich Lea ab dem Teenageralter für das Judentum, dem sie jedoch als „Vaterjüdin“ nicht angehörte. Eine „Birthright-Reise“ nach Israel im Anschluss an ihr Abitur sollte das ändern, doch Lea und ihr amerikanischer Freund Joshua Pollock verschwanden in einer kalten Wüstennacht am riesigen Ramon-Krater in der Negev-Wüste. Während die inzwischen geschiedene Nicole und die Pollocks allmählich den Tod ihrer Kinder akzeptierten, fand sich Jaap, der seit diesem Ereignis unter Haarausfall und einer rätselhaften Unfähigkeit im Erkennen von Gesichtern litt, nie damit ab:
Ohne Beweise oder Anhaltspunkte konnte er sich nicht mit etwas abfinden, das unvollendet war. Denn es war unvollendet. (S. 24)
Geheimmission „Amsterdam Hope“ Auch am zehnten Jahrestag ihres Verschwindens reist der inzwischen zwangspensionierte Jaap nach Israel. Doch dieses Mal läuft alles anders. Noch bevor er den Gedenkstein besuchen und einen renommierten Geologen mit weiteren Nachforschungen beauftragen kann, fängt ihn eine Vertraute des israelischen Ministerpräsidenten am Flughafen ab. Jaap soll unter strengster Geheimhaltung die Tochter eines mächtigen saudischen Prinzen an einer lebensbedrohlichen Fehlbildung des Gehirns operieren, eine junge Frau, die auf Wunsch ihrer Familie in nicht allzu ferner Zukunft ihr Land führen soll:
Auf ihr ruhen die Hoffnungen des gesamten Nahen Ostens! (S. 64)
Der Prinz hat eine astronomisch hohe Summe für diesen nach menschlichem Ermessen aussichtslosen Eingriff ausgesetzt, der Jaap im Falle seines Scheiterns das Leben kosten kann. Das Geld allerdings würde ihm eine erweiterte Suche nach Leas Spuren ermöglichen, die Herausforderung kitzelt seine berufliche Eitelkeit und er könnte beweisen, dass auch Unvorstellbares möglich ist. Eine Folge überraschender Ereignisse setzt sich in Gang.
Ein spannender Roman mit vielen Wendungen Der Roman des 1954 in den Niederlanden geborenen, vielfach ausgezeichneten Autors und Filmemachers Leon de Winter ist die spannende Charakterstudie eines Mann, der sich durch äußere Umstände und eine persönliche Tragödie komplett verändert. In einer verrückten Mischung aus Realität und Fantasie begreift man bisweilen erst aus der Rückschau, was man zuvor gelesen hat. Jeder der fünf Teile wie auch die kursiv gedruckten zweieinhalb letzten Seiten bringen überraschende Wendungen. Unklar blieb mir allerdings einerseits, warum Jaap ein Misslingen der von allen als de facto chancenlosen Operation mit dem Leben bezahlt hätte, andererseits auf weite Strecken auch der tiefere Bezug zum Nahostkonflikt. Unterhalten hat mich der Roman trotzdem gut. Vom alten Jaap Hollander ist am Ende, wenn er durch die Straßen Tel Avivs, der „Stadt der Hunde“, streift, kaum etwas übrig. Dem neuen bleibt, wenn ich die letzten Seiten richtig interpretiere, nicht viel Zeit, die neue Heimat und den inneren Frieden zu genießen.
Leon de Winter: Stadt der Hunde. Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer. Diogenes 2025 www.diogenes.ch
Große Hoffnung hatte ich – nur wenige haben sich erfüllt, und nur wenige bleiben mir: und um den Preis welcher Mühen! Das hat mich schließlich müde und krank gemacht. Ihr wisst alle, wie sehr … Ich habe alle Wirrnisse nach Menschenmöglichkeit bis heute ertragen, damit niemand sagen könnte, ich sei fahnenflüchtig geworden. Aber jetzt wäre es unverantwortlich, die Niederlegung noch länger hinauszuzögern. Glaubt nicht, dass ich mich irgend Mühen und Gefahren entziehen will: Meine Kräfte reichen einfach nicht mehr hin. (Auszug aus der Abdankungserklärung Kaiser Karls V. – Brüssel, 25. Oktober 1555)
1555/56 trat Karl V (1500 – 1558) als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und König von Spanien zurück und tauschte sein Reich, in dem die Sonne nie unterging, gegen einen kleinen Palast, den er an das Hieronymiten-Kloster von Yuste im Hochland der Extremadura südwestlich von Madrid anbauen ließ. Schwer gezeichnet von Gicht und Malaria verbrachte er seine beiden letzten Jahre nahezu bewegungsunfähig und mit einem Hofstaat, der auf seinen Tod wartete.
Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger zeigt Karl V. in seinem Roman Reise nach Laredo als vom Leben enttäuschten, einsamen, grübelnden, gelangweilten, schmerzgeplagten Greis mit dem Makel des stark ausgeprägten Habsburger-Kinns, der nach dem Verlust seiner Titel völlig auf sich selbst zurückgeworfen ist:
Er hat seine Kronen abgelegt in der Absicht, sich vor Gott in höchst eigener Person zu verantworten. (S. 14)
Als der Roman kurz vor Karls Tod einsetzt, ist er seinem Ziel nicht nähergekommen:
Der Rücktritt hat nicht die erhoffte Befreiung gebracht. (S. 27)
Vergeblich wartet der streng katholische Karl auf Lossprechung und Gewissheit darüber, was ihn erwartet.
Unterwegs
Bis hierher liest sich Reise nach Laredo wie ein gewöhnlicher, wenn auch außerordentlich gut geschriebener historischer Roman. Was nun folgt, mutet allerdings märchenhaft an: Mittels einer waghalsigen (Traum-)Reise will Karl ergründen, was ihm mit seinem Beichtvater nicht gelang: Wer er als Mensch ohne Kronen ist. Er, der schon als Jugendlicher mehrere Throne bestieg, konnte sich nie kennenlernen, Freundschaften schließen, Freiheit empfinden und einfach nur leben. Aberwitzig ist der Aufbruch des Todkranken bei Nacht und Nebel mit dem elfjährigen Geronimo, seinem illegitimen Sohn, der nichts von seiner Abstammung ahnt.
Zusammen mit dem Geschwisterpaar Honza und Angelita, die der verfolgten Gruppe der Cagots angehören, und die Karl kurzerhand aus den Fängen von Folterknechten befreit, machen sie sich auf die abenteuerliche Reise Richtung Meer. Nach längeren Aufenthalten bei einer Heilerin und in der Spelunke der Toten Stadt, in der Karl nächtelang säuft und sein Geld verspielt, liegt der Weg endlich frei vor ihnen.
Im Kloster und unterwegs Großartig fand ich vor allem die Rahmenhandlung im Kloster mit der unvergesslichen Badeszene zu Beginn und der Auflösung des Hofstaats am Ende. Bei der Road Novel dazwischen war ich gespalten, es ist üblicherweise nicht mein bevorzugtes Genre. Manches, wie der Aufenthalt in der Spelunke und Karls multiple Abstürze, war mir deutlich zu ausführlich, anderes, wie Karls Faszination von Geronimos und Angelitas unbeschwert kindlichem Verhalten und ihrer körperlichen Frische, hat mir dagegen sehr gut gefallen. Zu Hochform läuft Arno Geiger auf, wo er die Rahmenhandlung und die Reise verschränkt.
Leben statt Grübeln Wer bei Reise nach Loredo Informationen zu Karls Leben als Herrscher erwartet, wird vermutlich enttäuscht, viel mehr als Andeutungen zu seiner Biografie, vor allem seinen zahlreichen Misserfolgen, findet man nicht. Wer dagegen in den Sterbeprozess eines Mannes eintauchen und verstehen möchte, warum sich Antworten nicht durch Einkehr und Grübelei, sondern durch Konfrontation mit dem Leben und der Welt ergeben, wird den Roman lieben.
Die Erzählung Reichlich spät der 1968 geborenen irischen Autorin Claire Keegan spielt an einem einzigen wolkenlosen Freitag im Juli in Dublin, mit Rückblenden in die beiden Jahre davor. Cathal, ein junger Büroangestellter, sitzt an seinem Schreibtisch und schaut aus dem Fenster auf das bunte Treiben und die üppigen Blumenbeete:
So vieles im Leben verlief reibungslos, ungeachtet des Gewirrs menschlicher Enttäuschungen und des Wissens, dass alles einmal enden muss. (S. 9)
Von Beginn herrscht eine melancholische Atmosphäre. Cathal ist unruhig und unkonzentriert, Kollegin, Chef und Putzfrau gehen behutsam mit ihm um und signalisieren Mitleid, das sich beim Lesen sofort überträgt. Was ist geschehen? Welche Bedeutung hat der Tag für ihn?
Das Gefühl der Bedrohung steigt, als Cathal auf dem Weg zu seinem Haus in Arklow ist. Zwar kommt entgegen seiner Befürchtung tatsächlich ein Bus, aber Cathal verzichtet darauf, sein Handy auf neue Nachrichten zu prüfen, und seine Banknachbarin liest Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle, eine weibliche Anklage gegen die misogyne und rückständige irische Gesellschaft.
Als sich eine junge Frau auf den Platz ihm gegenüber setzt, löst ihr Duft bei Cathal unterdrückte Erinnerungen aus.
Lange Schatten Zwei Jahre währte die Beziehung zwischen Cathal und der französisch-britischen Sabine, einer großzügigen, aktiven jungen Frau, die nach einigem Zögern schließlich in seinen unromantisch vorgetragenen Heiratsantrag einwilligte. Bei den Streitereien im Vorfeld der Hochzeit ging es vor allem um Geld, das Sabine ihm zu leichtfertig ausgab, aber auch um ihr Selbstbewusstsein:
Das war ein Teil des Problems: dass sie nicht hören und gut die Hälfte der Dinge auf ihre Weise tun wollte. (S. 35)
Schließlich brachte ihr Einzug bei ihm das Fass zum Überlaufen:
… das alles stellte und hängte sie im Haus auf und schob Dinge beiseite, als gehöre das Haus jetzt auch ihr. (S. 36)
Anders als bei Roddy Doyle, der konsequent der Sichtweise der misshandelten Frau folgt, wählt Claire Keegan die Perspektive des Mannes mit seinen verächtlichen Beobachtungen und seiner Zuflucht zur Vulgarität. Nur in ganz wenigen Augenblicken dämmert es Cathal, dass auf ihn „der lange Schatten der Sprache seines Vaters“ (S. 27) fällt. Dagegen rechtfertigt er eine abstoßende Szene aus seiner Jugend, in der sein Vater, sein Bruder und er die Mutter demütigten, als Scherz.
Lesen zwischen den Zeilen Wie immer in den straffen Erzählungen von Claire Keegan hat jedes der von Hans-Christian Oeser mit viel Einfühlungsvermögen ins Deutsche übersetzte Wort Gewicht, muss man in den vier Kapiteln auf nur 55 großzügig bedruckte Seiten zwischen den Zeilen dessen lesen, was der unzuverlässige Erzähler uns glauben machen möchte. Es lohnt sich, bei jedem Satz der so ruhig erzählten und doch aufwühlenden Geschichte genau hinschauen, um keinen der bedeutungsvollen Hinweise zu übersehen. Stückweise enthüllt sich Cathals kleinlicher, egozentrischer Charakter, der ihm nur das Nehmen gestattet, nicht aber das Geben – in Sabines Augen der Kern der Frauenfeindlichkeit, für die es nicht physischer Gewalt bedarf.
Nicht nur optisch ist dieser Leinenband aus dem Steidl Verlag ein Genuss, auch inhaltlich und stilistisch ist Reichlich spät eine Perle der Literatur.
Claire Keegan: Reichlich spät. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl 2024 steidl.de
Weitere Rezension zu einer Erzählung von Claire Keegan auf diesem Blog: