Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens

Eine in beiden, beide in einer

Das Cover lässt keinen Zweifel am Verlauf der Ehe, die Raffaella Cerullo, genannt Lina oder Lila, zu Ende des ersten Bandes Meine geniale Freundin der Neapolitanischen Tetralogie von Elena Ferrante eingegangen ist. Der Brautschleier steht horizontal vom Kopf ab, der Wind reißt die Blütenblätter aus dem Brautstrauß.

Nahtlos erzählt Elena Ferrante im zweiten Band Die Geschichte eines neuen Namens die Lebensgeschichten der beiden Freundinnen Lila und Elena, genannt Lenù, aus dem armen Neapolitaner Viertel Rione weiter. Genauer gesagt ist es Lenù, die erzählt, 60 Jahre nach dem Beginn ihrer Freundschaft, als Lila plötzlich verschwindet.

Beide Mädchen sind hochbegabt, doch nur Lenù erhält von ihren Eltern widerwillig die Erlaubnis, die Aufnahmeprüfung zur Mittelschule abzulegen. Lila, die noch Begabtere, muss die Schule verlassen und rettet sich mit 16 Jahren in eine Ehe mit Stefano, einem Salumeria-Besitzer und Verbündeten des Camorra-Clans der Solara-Brüder, die ihr einen gewissen Aufstieg sichert, nicht jedoch das Entkommen aus dem Rione. Bereits während der Hochzeitsfeier kommt es zu einem Eklat, die Hochzeitsnacht verläuft traumatisch und Stefano bedient sich, nicht zuletzt, weil er in keinster Weise mit Lilas Wesen zurechtkommt, der im Rione üblichen Prügel. Lila versucht immer wieder, ihre Situation zu verbessern, indem sie sich für eine Sache  begeistert und sich vollkommen hineinstürzt, verliert aber die Lust, sobald sie sie beherrscht. Die Unterdrückung ihrer geistigen Fähigkeiten führt zu dem, was man seit einigen Jahren als „Boreout-Syndrom“, einem Zustand ausgesprochener Unterforderung, bezeichnet.

Während einer Erholungsreise nach Ischia, wohin Lila, die zum Ärger ihres Mannes nicht schwanger wird, Lenù als bezahlte Angestellte mitnimmt, entdeckt Lila ihre Liebe zu Nino, Lenùs angebetetem Schwarm, und stürzt sich in eine Affäre mit ihm, die sie auch nach der Rückkehr nach Neapel nicht beendet. Lilu, die sich davon eine Wiederherstellung ihres Selbstwertgefühls verspricht, setzt wie immer auf Risiko, nimmt sich, was sie will, hat keine Angst vor Gespött, Prügel und Verachtung und verliert alles, während Lenù mit einem Stipendium in Pisa studiert und im Alter von noch nicht einmal 23 Jahren als Dottoressa und einem Diplom in Philologie mit Bestnote und Auszeichnung, einem Verlobten aus bester Familie mit Aussicht auf eine Universitätskarriere und einem Vertrag für einen Roman zurückkehrt. Nach langer Zeit sehen die beiden sich wieder, nun unter ganz anderen Vorzeichen als vor ihrem Bruch und ihrer langen Trennung.

Zwar bin ich nicht dem Ferrante-Fieber erlegen, aber ich gebe zu, dass ich mich inzwischen zu den Fans dieser vierbändigen Saga zähle und mich jetzt schon auf den nächsten Band in einigen Monaten freue, nicht nur wegen des erneuten Cliffhangers. Ich bin fasziniert von der genauen Schilderung der beiden unterschiedlichen Lebenswege und hatte nie auch nur ansatzweise das Gefühl, der Roman hätte Längen. Beide Schicksale, sowohl Lenùs von unzähligen Selbstzweifeln überschatteter Aufstieg und ihre langsame, aber unaufhaltsame Loslösung aus dem Rione, als auch Lilas verzweifelte Versuche, das Beste aus ihrem Leben zu machen, obwohl man ihr alle Möglichkeiten frühzeitig genommen hat, sind packend erzählt, ebenso wie die Mischung aus Rivalität und inniger Verbundenheit zwischen den beiden Mädchen.

Eine dichte, düstere Milieustudie der 1960er-Jahre in schnörkelloser, distanzierter Sprache und ein großartiger Unterhaltungsroman!

Elena Ferrante: Die Geschichte eines neuen Namens. Suhrkamp 2017
www.suhrkamp.de

Eva Ibbotson: Maia oder Als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf

Viktorianisches England versus farbenprächtige Freiheit des Amazonas

Eine faszinierende Abenteuerreise von London in den Amazonas erlebt die aufgeweckte Waise Maia zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus Manaus melden sich plötzlich Verwandte von ihr in dem Londoner Internat, wo die ca. 13-Jährige recht zufrieden lebt, auch wenn der Schmerz über den Verlust der Eltern sie bedrückt. Das Ehepaar Carter und seine Zwillinge möchten Maia bei sich aufnehmen. Neugierig auf das Land und die ihr unbekannten Verwandten bricht Maia zusammen mit ihrer Gouvernante Miss Minton nach Manaus auf und erfährt zunächst eine riesengroße  Enttäuschung. Die Carters leben völlig abgekapselt von ihrer Umgebung, haben keinerlei Sinn für das Land und interessieren sich lediglich für Maias Vermögen. Doch dann lernt sie Finn kennen, verliebt sich in den Amazonas und lernt allmählich, den Schmerz über den Tod ihrer Eltern zu überwinden. Sogar die strenge Miss Minton kann schließlich in der Farbenpracht und Exotik des Regenwalds ihre strenge viktorianische Haltung hinter sich lassen und wirft ihr Korsett über Bord, besteht allerdings weiterhin auf dem Mathematikunterricht und dem Zähneputzen.

Maia oder Als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf ist ein spannendes, informatives Abenteuerbuch für Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren, ein bisschen altmodisch vielleicht, aber auf eine angenehm sympathische Art und Weise.

Eva Ibbotson: Maia oder Als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf. dtv junior 2006
www.dtv.de

Dörte Hansen: Altes Land

Frostschutz durch Vereisung

Im Alten Land, der Elbmarsch südlich von Hamburg, kommt, wie Dörte Hansen in ihrem Debütroman erzählt, zuerst der Fluss, dann das Land, dann die Backsteine und Eichenbalken, dann die Menschen mit den alten Namen, denen das Land und die alten Häuser gehören, und ganz zuletzt, wie „Flugsand“ oder „angespülter Saum“ die Ausgebombten, Weggejagten, Großstadtmüden, Landlosen und Heimatsuchenden.

Zwei der letztgenannten Gattung stehen im Mittelpunkt des Romans Altes Land der 1964 geborenen Journalistin: Vera kommt als Fünfjährige mit ihrer Mutter Hildegard von Kamcke 1945 aus Ostpreußen auf den Eckhoffschen Hof, von der Besitzerin Ida Eckhoff als „Polacken“ beschimpft und nur in der Gesindekammer geduldet, bis zwei Jahre später der schwer traumatisierte Hoferbe Karl mit einem steifen Bein aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt und Hildegard heiratet. Als diese den Hof verlässt, um in Hamburg noch einmal neu anzufangen und eine neue Familie mit einem Nachkriegskind, der 14 Jahre nach Vera geborenen Marlene, zu gründen, bleibt Vera allein mit Karl zurück in diesem Reetdachhaus, das schon 9 oder 10 Generationen Eckhoffs vor ihr bewohnt haben, in dem sie immer friert, in dem alles alt, schwer und ererbt ist, und in dem sie mit den Dingen lebt, als gehörten sie ihr nicht.

Erst als zu Vera, die inzwischen ein Berufsleben als Zahnärztin hinter sich hat, zwei Flüchtlinge aus Hamburg kommen, ihre Nichte Anne mit dem kleinen Leon, deren Leben aus den Fugen geraten ist, erwacht das Haus, das Vera nie „schier“, nie „in Ordnung“ gehalten hat, zu neuem Leben. Sie, die „alte Hexe im schiefen Haus“, nimmt die beiden Unbehausten bei sich auf und Anne, die verkrachte Musikerin und Tischlerin, beginnt dafür zu sorgen, dass Reetdach, Fachwerk und Fenster zukunftsfest gemacht werden.

Vordergründig scheint das Thema des Romans „Flucht“ zu sein, doch bei genauerer Betrachtung geht es eher um „Heimatsuche“. Hildegard von Kamcke kann die Folgen der Flucht nie überwinden und rettet sich in die Verdrängung. Erst auf einer Reise nach Masuren wird ihrer zweiten Tochter, dem Nachkriegskind Marlene, und ihrer Enkelin Anne klar, dass sie es so gemacht hat, wie die Apfelbauern im Alten Land, wenn während der Blüte Nachfrost droht: Frostschutz durch Vereisung. Vera dagegen verlässt ihren ererbten Hof zwar nie wieder, bleibt aber ein Fremdkörper unter den Alteingesessenen und sträubt sich lange gegen die Verantwortung für den Erhalt des Hauses. Die Großstadtmüden, die auf der Suche nach ländlicher Idylle ins Alte Land strömen, streichen meist nach kurzer Euphorie die Segel. Ob Anne, die ihren Lebenspartner beim Seitensprung erwischt hat und des Mutterdaseins im hippen Hamburger Stadtteil Ottensen überdrüssig ist, bleiben wird?

Doch bei all den Schicksalen gilt, was eingangs gesagt wurde: Die Menschen und ihr Schicksale stehen erst an letzter Stelle im Roman, dem Land und den Häusern nachgeordnet, ganz so, wie es die Inschrift auf Veras Hof signalisiert: „Det Huus is mien un doch nicht mien, de no mi kummt, nennt ’t ook noch sien“.

Ich lese weder Landzeitschriften noch träume ich jenseits des Urlaubs von einem Leben auf dem Land, auch wenn ich das häufig erwähnte Apfelgelee genau wie alle anderen Marmeladen selber koche – aber das geht bekanntlich auch in der Stadt. Trotzdem war der Roman Altes Land eines meiner Lieblingsbücher der letzten Monate und zwar sowohl wegen des schwereren historischen, als auch wegen des bissig-ironischen aktuellen Teils über die stadtverdrossenen Landromantiker von heute und nicht zuletzt wegen der kraftvollen, reduzierten Sprache, adäquat widergespiegelt in der reduzierten Coverabbildung. Ein Buch, das absolut zurecht lange Zeit auf der Bestsellerliste stand!

Dörte Hansen: Altes Land. Knaus 2015
www.randomhouse.de

Connie Palmen: Du sagst es

Über den Rand des Abgrunds

Sie waren eines der berühmtesten Paare des Literaturbetriebs, die amerikanische Dichterin Sylvia Plath (1932 – 1963) und der englische Dichter Ted Hughes (1930 – 1998). Während ihres siebenjährigen Miteinanders galt das Mitgefühl ihrer Umgebung eher ihm, denn Sylvia Plath litt seit ihrer Jugend unter einer bipolaren Störung mit schweren Depressionen und Stimmungsschwankungen, Angstattacken, Alpträumen, dem ambivalenten Verhältnis zu ihrer Mutter und der unbewältigten Trauer um den früh verstorbenen Vater sowie unter ihrem Perfektionismus und übersteigerten Ehrgeiz. 1953 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch und verbrachte anschließend mehrere Monate in einer psychiatrischen Klinik. Ab Ende 1958 war sie erneut in psychiatrischer Behandlung.

1956 lernte sie während ihres Studiums in Cambridge den Schriftsteller Ted Hughes kennen und keine vier Monate nach dem Beginn ihrer stürmischen Affäre waren sie verheiratet. Es folgten eine Zeit des rastlosen Umherziehens in England, den USA und wieder England, erster schriftstellerischer Erfolg für beide, mehr für ihn als für sie, und in den Jahren 1960 und 1962 die Geburt der Kinder Frieda und Nicholas.

Nachdem Sylvia Plaths Eifersucht zunächst grundlos war, begann ihr Mann, den die psychische Krankheit seiner Frau zunehmend überforderte und zermürbte, 1962 tatsächlich ein Verhältnis mit der ebenfalls verheirateten Assia Wevill. Mit der Trennung des Ehepaars drehte sich die Stimmung in ihrer Umgebung zu Hughes‘ Ungunsten und mit Sylvia Plaths Selbstmord im Februar 1963 waren die Rollen für immer verteilt: ihre die einer Märtyrerin und zerbrechlichen Heiligen, seine die des Sündenbocks und brutalen Verräters. Seine naive Annahme, ihr Tod würde den Verleumdungen ein Ende bereiten, erfüllte sich nicht, er war erst der Anfang eines „Orkans der üblen Nachrede“, dem er bis zu seinem Tod und darüber hinaus ausgesetzt war.

Sylvia Plaths Ruhm kam v. a. nach ihrem Tod, als Ted Hughes sich ihres Nachlasses annahm, und sie wurde zur Ikone z. T. militanter Feministinnen.

35 Jahre lang hat Ted Hughes zu allen Anschuldigungen geschwiegen, erst zehn Monate vor seinem Tod erschienen im Band Birthday Letters 88 Gedichte, die nun zur hauptsächlichen Quelle für Connie Palmens Roman Du sagst es wurden, in dem sie Ted Hughes das Wort für seine Darstellung der Geschichte erteilt.

Ich habe mich nicht ganz leichtgetan, in den Roman hineinzufinden, und ich war zunächst skeptisch, ob ein Autor überhaupt das Recht hat, sich in dieser Weise in das Drama einer realen Beziehung einzumischen. Doch je mehr ich gelesen habe, desto mehr hat mich der Roman gefangengenommen und desto sicherer war ich, dass Connie Palmen, die mich bereits mit I.M. begeistert hat, genau die richtige dafür ist, denn sie versucht nicht, in Hughes‘ Monolog die Schuldfrage abschließend zu klären. Ihr Ziel war es, in diesem poetisch anmutenden Judasroman „den Verrat nachzuempfinden, statt den Verrat zu beschreiben“. Das ist ihr bestens gelungen.

„Wer Selbstmord begeht, will immer zwei töten“, heißt es in Arthur Millers Theaterstück After the Fall, in dem er den Selbstmord Marilyn Monroes zu verarbeiten versuchte. Auf Sylvia Plath und Ted Hughes trifft das sicherlich zu.

Connie Palmen: Du sagst es. Diogenes 2016
www.diogenes.ch

Heinz Grundel: Rupert, der keine Husky

Träume leben

Rupert, der kleine Husky aus Alaska, träumt davon, ein berühmter Schlittenhund zu werden. Zum Glück schenkt Waldi, der Trapper, ihm einen alten Rennschlitten vom berühmten Rennen von Nome, den Rupert sofort auf Vordermann bringt und rot lackiert.

Bei seinem ersten Rennen mit dem „Roten Blitz“ legt er ein mörderisches Tempo vor, die Berge hinauf und volle Pulle wieder hinunter, kämpft sich durch einen Schneesturm, übersteht ein gefährliches Abenteuer in einer Bärenhöhle, ruft pflichtbewusst seine Eltern von unterwegs an, passiert den Streckenposten mit der Robbe Jesse, verliert Zeit bei der großen Karibuwanderung und kommt schließlich stolz als Sieger ins Ziel.

Rupert, der kleine Husky, getextet und illustriert von Heinz Grundel, ist ein sehr liebevoll gestaltetes, quadratisches Hardcover-Bilderbuch aus dem Kynos Verlag, das Kinder ab ca. vier Jahre, aber auch Erwachsene ermutigen will, für ihre Träume zu leben und sie trotz Widerständen nicht aufzugeben. Es passt deshalb nicht nur in die Kinderbuchabteilung, sondern durchaus auch auf den Geschenkbuchtisch der Buchhandlungen.

Heinz Grundel: Rupert, der keine Husky. Kynos 2016
www.kynos-verlag.de

Françoise Sagan: Lieben Sie Brahms…

Beziehungen

Françoise Sagan (1935 – 2004) war zeitweise Frankreichs erfolgreichste Bestsellerautorin. In meiner Jugend habe ich Bonjour tristesse verschlungen und geliebt, heute liegt mir Lieben Sie Brahms, ihr Roman aus dem Jahr 1959, näher, mit dem ich vor 30 Jahren eher weniger anfangen konnte. Alles eben eine Frage des Alters.

Paule, eine Frau von 39 Jahren, hat sich schon vor Jahren aus einer unglücklichen Ehe verabschiedet. Sie ist Innenarchitektin und Dekorateurin, liebt ihren Beruf und ihren gleichaltrigen Partner Roger, einen Egozentriker, der die offene Beziehung für zahlreiche Liebschaften nutzt. Paule leidet darunter, ist einsam und mutlos, bis sie eines Tages den 25-jährigen Simon kennenlernt, jung, schön, ein Träumer, Jura-Assessor ohne Ehrgeiz und unsterblich in sie verliebt. Er schenkt ihr die Zuneigung und Aufmerksamkeit, die sie sich immer gewünscht hat, und Paule wird schwach. Ihr Verhältnis mit Simon ist ein Tabubruch und gibt ihr etwas von der Jugend zurück, die eigentlich längst hinter ihr liegt. Doch da ist eben auch noch Roger, der ebenbürtige Partner, den sie eigentlich immer noch liebt…

Françoise Sagans Stil ist knapp, punktgenau, sentimental und klingt wie ein französisches Chanson.

Ebenso empfehlenswert ist die französisch-amerikanische Verfilmung von Anatole Litvak aus dem Jahr 1961 mit Ingrid Bergman, Ives Montand und Antony Perkins in den sagenhaft gut besetzten Hauptrollen.

Françoise Sagan: Lieben Sie Brahms… Wagenbach 2011
www.wagenbach.de

Marcus Sedgwick: Das Buch der toten Tage

Schaurig-düstere Lektüre über die Tage zwischen den Jahren

In die Zeit zwischen den Jahren, also zwischen Weihnachten und Silvester, passt dieses Buch, denn es sind die „toten Tage“.

Wo und wann der Fantasy-Roman spielt, wird nicht explizit gesagt, aber mich hat es an Prag um 1600 erinnert, nicht nur, weil ein gewisser Kepler auftaucht, Gelehrter und Doktor der Medizin, der sich mit den Sternen beschäftigt. Mit den Morden, den Friedhöfen, den engen Gassen, den unterirdischen Labyrinthen und Kanälen wird von Anfang eine Gruselstimmung erzeugt, die sich durch das ganze Buch zieht.

Im Mittelpunkt steht Boy, ein Waisenjunge ungewisser Herkunft ohne Namen und Geburtsdatum, den der zwielichtige Illusionist, Magier und Gelehrte Valerian eher als Sklave denn als Famulus hält. Valerian hat vor 15 Jahren einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, nun soll er am Jahresende für seine magischen Kräfte mit seinem Leben bezahlen. Nur mit Hilfe eines Buches, dem „Buch der toten Tage“, kann Valerian vor dem Tod bewahrt werden. Boy und seine Freundin Willow machen sich unter Zeitdruck auf die Jagd danach, nicht nur ihm zuliebe, sondern auch, weil sie ein eigenes Interesse haben…

So ganz ist der Funke bei diesem Jugend-Fantasy-Roman für gruselerprobte Jungs und Mädchen ab ca. 13 Jahren bei mir nicht übergesprungen, vielleicht deshalb, weil ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre. Die Idee mit den toten Tagen, an denen Phantasie und Wirklichkeit zusammentreffen, hat mir gut gefallen, auch das Setting fand ich gelungen und die Handlung recht verwickelt und auch spannend. Andererseits war die Auflösung zumindest teilweise unbefriedigend und bei mir bleibt das Gefühl zurück, dass man aus der an sich guten Idee mehr hätte machen können.

Marcus Sedgwick: Das Buch der toten Tage. dtv 2007
www.dtv.de

Caroline Bernard: Rendezvous im Café de Flore

Monter à Paris

„Monter à Paris“, „nach Paris aufsteigen“, nannte man es, wenn die Menschen früher ihre Dörfer verließen, um in der französischen Hauptstadt ihr Glück zu machen. Zwei Frauen tun das auf ganz unterschiedliche Weise im Roman Rendezvous im Café de Flore von Caroline Bernard.

Vianne Renard verlässt 1928 ihr Heimatdorf in den Cevennen, wo sie keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und auf eine Arbeit als Botanikerin hat. Ihr Preis ist die völlige Trennung von den Eltern und Brüdern, nur der Briefkontakt zur Mutter bleibt bestehen. Nach jahrelanger Arbeit als Wäscherin wird ihr Traum von einer Stelle im botanischen Institut Wirklichkeit. In dem britischen Maler David Marlowe Scott findet sie die Liebe ihres Lebens und er in ihr seine geliebte Muse, die er wieder und wieder zeichnet, doch für die Ehe und eine Familie ist er, für den seine Kunst an erster Stelle steht, nicht bereit.

Über 70 Jahre nach Vianne kommt Marlène mit einem Stipendium für zwei Semester Kunstgeschichte aus Sète an die Sorbonne. Sie teilt Viannes Begeisterung für die Stadt, liebt ihr Studienfach und den gutaussehenden Julien, doch die Krankheit ihrer Mutter lässt sie nach Hause zurückkehren und nach Juliens Schlussstrich fehlt ihr der Mut zur Rückkehr nach Paris. Erst ein verunglückter Kurzurlaub dort mit ihrem Mann Jean-Louis 16 Jahre später, die Begegnung mit einem Porträt von Vianne aus dem Jahr 1939 im Musée d’Orsay, das ihr verblüffend ähnelt, und die Bekanntschaft mit dem Kunsthistoriker Étienne machen ihr schließlich klar, dass es nie zu spät ist, nach Paris zurückzukehren.

Während mir der Teil über Vianne vom Prolog an und ganz besonders im letzten Teil, als es um ihre Rolle im Krieg geht, ausgesprochen gut gefallen hat, fand ich Marlènes Selbstmitleid zu Beginn eher anstrengend und den Ablauf dieses Handlungsstrangs vorhersehbar. Erst im zweiten Teil des Romans konnte ich mich mehr für ihr Schicksal erwärmen. Der große Pluspunkt des Buches und das, was mir nachdrücklich in Erinnerung bleiben wird, ist jedoch das Leben der mutigen Vianne.

Ich habe mir dieses Buch zur Lektüre in einer stressigen Zeit ausgesucht, als leichteren Unterhaltungsroman oder, wie ich es gerne nenne, als „Roman für die Hängematte“. Es war das perfekte Buch für diesen Zweck, aber genauso gut passt es zu einem Strandurlaub oder natürlich am allerbesten zu einem Aufenthalt in Paris!

Caroline Bernard: Rendezvous im Café de Flore. Aufbau 2016
www.aufbau-verlag.de

Irmgard Lindner: Krümel und Rosine in Schwierigkeiten

Jede Menge Kuddelmuddel

Band zwei um die zehnjährige Marianne, genannt Krümel, und die kleine Fee in Ausbildung, Rosine, nimmt den letzten Teil des ersten Bandes noch einmal auf und erzählt, wie Rosine in die Rolle der Tochter von Krümels Nachbarn schlüpfen konnte.

Rosine, die eine gravierende Merkschwäche für Zaubersprüche hat und sich deshalb im Feenreich überhaupt nicht wohlfühlt, möchte so gerne auf die Erde und zu ihrer Freundin Krümel zurückkehren, und auch Krümel, die unter der Trennung ihrer Eltern leidet, vermisst die kleine Fee. Da kommt Rosine auf die Idee, sich als Marlena, die Tochter von Krümels Nachbarn auszugeben, was so lang gutgeht, bis die echte Tochter plötzlich bei ihrem Vater wohnen möchte…

Wie es die drei Mädchen dank der Wetterhexe Aurelia und Krümels tollem Großvaters trotz des ganzen Kuddelmuddels doch noch zu einem Happy End bringen, erzählt Irmgard Lindner sehr unterhaltsam in ihrem Mädchenbuch ab acht Jahren, zu dem Dagmar Geisler wieder witzige Schwarz-Weiß-Illustrationen beigesteuert hat.

Irmgard Lindner: Krümel und Rosine in Schwierigkeiten. Thienemann 2002
www.thienemann-esslinger.de

Irmgard Lindner: Krümel und Rosine

Besuch aus dem Feenreich

Krümel heißt eigentlich Marianne, ist zehneinhalb Jahre alt, ziemlich klein und hat viele Probleme. Ihre Eltern haben sich getrennt und der Start im Gymnasium verläuft alles andere als reibungslos. Einziger Lichtblick ist ihr Großvater, aber der wohnt nicht nah genug, um Krümels Einsamkeit zu vertreiben.

Als sie eines Abends alleine im Wohnzimmer sitzt, sieht sie plötzlich viele bunte Sterne auf dem Balkon und Rosine erscheint, ein Mädchen im Abendkleid mit Goldschuhen, das aus dem Feenreich kommt. Nach kurzem Angiften schließen die beiden Mädchen Freundschaft. Rosine, die eigentlich Rosalinde heißt, hat beim Zaubern ähnliche Probleme wie Krümel in der Schule, und so richtet sie mehr Chaos an, als Krümel lieb ist. Sie möchte gerne auf der Erde bleiben, doch die Feen arbeiten mit allen Tricks, um sie zurückzuholen, und als Krümel schon befürchtet, dass sie Rosine nie wiedersieht, entdeckt sie plötzlich hinter der Tochter des neuen Nachbars ganz viele bunte Sterne…

Krümel und Rosine ist ein nett geschriebenes Mädchenbuch zum Selberlesen ab der dritten Klasse. Zwar werden viele Probleme, wie z. B. Scheidung oder Alleinsein, aber der Ton bleibt sehr positiv, bisweilen lustig, wozu auch die leider wenigen peppigen Schwarz-Weiß-Illustrationen von Dagmar Geisler beitragen.

Irmgard Lindner: Krümel und Rosine. Thienemann 2001
www.thienemann-esslinger.de