Frostschutz durch Vereisung

Im Alten Land, der Elbmarsch südlich von Hamburg, kommt, wie Dörte Hansen in ihrem Debütroman erzählt, zuerst der Fluss, dann das Land, dann die Backsteine und Eichenbalken, dann die Menschen mit den alten Namen, denen das Land und die alten Häuser gehören, und ganz zuletzt, wie „Flugsand“ oder „angespülter Saum“ die Ausgebombten, Weggejagten, Großstadtmüden, Landlosen und Heimatsuchenden.
Zwei der letztgenannten Gattung stehen im Mittelpunkt des Romans Altes Land der 1964 geborenen Journalistin: Vera kommt als Fünfjährige mit ihrer Mutter Hildegard von Kamcke 1945 aus Ostpreußen auf den Eckhoffschen Hof, von der Besitzerin Ida Eckhoff als „Polacken“ beschimpft und nur in der Gesindekammer geduldet, bis zwei Jahre später der schwer traumatisierte Hoferbe Karl mit einem steifen Bein aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt und Hildegard heiratet. Als diese den Hof verlässt, um in Hamburg noch einmal neu anzufangen und eine neue Familie mit einem Nachkriegskind, der 14 Jahre nach Vera geborenen Marlene, zu gründen, bleibt Vera allein mit Karl zurück in diesem Reetdachhaus, das schon 9 oder 10 Generationen Eckhoffs vor ihr bewohnt haben, in dem sie immer friert, in dem alles alt, schwer und ererbt ist, und in dem sie mit den Dingen lebt, als gehörten sie ihr nicht.
Erst als zu Vera, die inzwischen ein Berufsleben als Zahnärztin hinter sich hat, zwei Flüchtlinge aus Hamburg kommen, ihre Nichte Anne mit dem kleinen Leon, deren Leben aus den Fugen geraten ist, erwacht das Haus, das Vera nie „schier“, nie „in Ordnung“ gehalten hat, zu neuem Leben. Sie, die „alte Hexe im schiefen Haus“, nimmt die beiden Unbehausten bei sich auf und Anne, die verkrachte Musikerin und Tischlerin, beginnt dafür zu sorgen, dass Reetdach, Fachwerk und Fenster zukunftsfest gemacht werden.
Vordergründig scheint das Thema des Romans „Flucht“ zu sein, doch bei genauerer Betrachtung geht es eher um „Heimatsuche“. Hildegard von Kamcke kann die Folgen der Flucht nie überwinden und rettet sich in die Verdrängung. Erst auf einer Reise nach Masuren wird ihrer zweiten Tochter, dem Nachkriegskind Marlene, und ihrer Enkelin Anne klar, dass sie es so gemacht hat, wie die Apfelbauern im Alten Land, wenn während der Blüte Nachfrost droht: Frostschutz durch Vereisung. Vera dagegen verlässt ihren ererbten Hof zwar nie wieder, bleibt aber ein Fremdkörper unter den Alteingesessenen und sträubt sich lange gegen die Verantwortung für den Erhalt des Hauses. Die Großstadtmüden, die auf der Suche nach ländlicher Idylle ins Alte Land strömen, streichen meist nach kurzer Euphorie die Segel. Ob Anne, die ihren Lebenspartner beim Seitensprung erwischt hat und des Mutterdaseins im hippen Hamburger Stadtteil Ottensen überdrüssig ist, bleiben wird?
Doch bei all den Schicksalen gilt, was eingangs gesagt wurde: Die Menschen und ihr Schicksale stehen erst an letzter Stelle im Roman, dem Land und den Häusern nachgeordnet, ganz so, wie es die Inschrift auf Veras Hof signalisiert: „Det Huus is mien un doch nicht mien, de no mi kummt, nennt ’t ook noch sien“.
Ich lese weder Landzeitschriften noch träume ich jenseits des Urlaubs von einem Leben auf dem Land, auch wenn ich das häufig erwähnte Apfelgelee genau wie alle anderen Marmeladen selber koche – aber das geht bekanntlich auch in der Stadt. Trotzdem war der Roman Altes Land eines meiner Lieblingsbücher der letzten Monate und zwar sowohl wegen des schwereren historischen, als auch wegen des bissig-ironischen aktuellen Teils über die stadtverdrossenen Landromantiker von heute und nicht zuletzt wegen der kraftvollen, reduzierten Sprache, adäquat widergespiegelt in der reduzierten Coverabbildung. Ein Buch, das absolut zurecht lange Zeit auf der Bestsellerliste stand!
Dörte Hansen: Altes Land. Knaus 2015
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Sie waren eines der berühmtesten Paare des Literaturbetriebs, die amerikanische Dichterin Sylvia Plath (1932 – 1963) und der englische Dichter Ted Hughes (1930 – 1998). Während ihres siebenjährigen Miteinanders galt das Mitgefühl ihrer Umgebung eher ihm, denn Sylvia Plath litt seit ihrer Jugend unter einer bipolaren Störung mit schweren Depressionen und Stimmungsschwankungen, Angstattacken, Alpträumen, dem ambivalenten Verhältnis zu ihrer Mutter und der unbewältigten Trauer um den früh verstorbenen Vater sowie unter ihrem Perfektionismus und übersteigerten Ehrgeiz. 1953 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch und verbrachte anschließend mehrere Monate in einer psychiatrischen Klinik. Ab Ende 1958 war sie erneut in psychiatrischer Behandlung.
Rupert, der kleine Husky aus Alaska, träumt davon, ein berühmter Schlittenhund zu werden. Zum Glück schenkt Waldi, der Trapper, ihm einen alten Rennschlitten vom berühmten Rennen von Nome, den Rupert sofort auf Vordermann bringt und rot lackiert.
Françoise Sagan (1935 – 2004) war zeitweise Frankreichs erfolgreichste Bestsellerautorin. In meiner Jugend habe ich Bonjour tristesse verschlungen und geliebt, heute liegt mir Lieben Sie Brahms, ihr Roman aus dem Jahr 1959, näher, mit dem ich vor 30 Jahren eher weniger anfangen konnte. Alles eben eine Frage des Alters.
In die Zeit zwischen den Jahren, also zwischen Weihnachten und Silvester, passt dieses Buch, denn es sind die „toten Tage“.
„Monter à Paris“, „nach Paris aufsteigen“, nannte man es, wenn die Menschen früher ihre Dörfer verließen, um in der französischen Hauptstadt ihr Glück zu machen. Zwei Frauen tun das auf ganz unterschiedliche Weise im Roman Rendezvous im Café de Flore von Caroline Bernard.
Band zwei um die zehnjährige Marianne, genannt Krümel, und die kleine Fee in Ausbildung, Rosine, nimmt den letzten Teil des ersten Bandes noch einmal auf und erzählt, wie Rosine in die Rolle der Tochter von Krümels Nachbarn schlüpfen konnte.
Krümel heißt eigentlich Marianne, ist zehneinhalb Jahre alt, ziemlich klein und hat viele Probleme. Ihre Eltern haben sich getrennt und der Start im Gymnasium verläuft alles andere als reibungslos. Einziger Lichtblick ist ihr Großvater, aber der wohnt nicht nah genug, um Krümels Einsamkeit zu vertreiben.
Die Fahrt einer bunt zusammengewürfelten Reisegruppe an einem 24. Dezember in einem Zugabteil der dritten Klasse von Euston nach Manchester wird jäh durch einen Schneesturm gestoppt. Als einige Passagiere aussteigen, um sich zu Fuß zum nächsten Bahnhof durchzuschlagen, müssen sie in einem Landhaus Unterschlupf suchen. Sie finden es geöffnet vor, ein Kaminfeuer brennt, der Tisch im Salon ist gedeckt, die Speisekammer gefüllt, das Teewasser kocht und auf dem Küchenboden liegt ein Brotmesser, nur findet sich weit und breit kein Gastgeber.
Katherine Boo, amerikanische Journalistin und Pulitzer-Preisträgerin, hat für ihr zwischen Reportage und Roman angesiedeltes Buch Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben drei Jahre im Mumbaier Slum Annawadi recherchiert. Das Elendsviertel, direkt neben dem Mumbaier Flughafen gelegen, entstand ursprünglich während dessen Bau und gehört zu den kleineren seiner Art.