Fast ohne Punkt und Komma
Die Rückkehr des Vaters von einer Dienstreise und dessen voraussichtliche Beförderung sollen um 18 Uhr mit einem gemeinsamen Muschelessen der ganzen Familie – Vater, Mutter, Sohn und Tochter – gefeiert werden. Als der stets pedantisch pünktliche Vater auch einige Minuten nach 18 Uhr noch nicht zu Hause ist, beginnt sich eine Unruhe auszubreiten. Die von den dreien als eklig empfundenen Muscheln vor sich, die nur ihm zuliebe zubereitet werden, wird der Patriarch erst zögernd und dann immer unverblümter kritisiert. Sein bisher unangefochtener Machtanspruch, die emotionale Kälte in der Familie und das Denunziantentum kommen erstmals offen zur Sprache. Je weiter der Abend fortschreitet und je mehr die drei der Spätlese zusprechen, desto direkter wird die Anklage, desto mehr wird der gewalttätige Terror des Vaters, dessen Lebensziel es ist, die Fassade einer intakten Musterfamilie aufrecht zu erhalten, entlarvt.
Ich-Erzählerin in dieser in den späten 1970er-Jahren angesiedelten Geschichte ist die ca. 18-jährige Tochter, die ohne Absatz und Kapiteleinteilung und mit sparsam gesetzten Punkten in ungeordneter Struktur und ohne Chronologie heraussprudelt, was ihr durch den Kopf geht. Die Wiederholungen und die oft naiv wirkenden, resigniert erzählten Episoden haben mich in Bann gezogen. Die erzählte Zeit von ca. 4 Stunden entspricht der Erzählzeit und lädt dazu ein, das Buch in einem Rutsch zu lesen.
Birgit Vanderbeke, geboren 1956, hat mit ihrem Erstling Das Muschelessen 1990 sofort den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und seither zahlreiche weitere Romane veröffentlicht. Zentrale Themen ihres Werks sind Familienstrukturen, Liebe und Spießertum.
Birgit Vanderbeke: Das Muschelessen. Piper 2012
www.piper.de
Vor zwei Jahren habe ich das Auswanderermuseum in Bremerhaven besucht, eine der museumpädagogisch für Kinder und Erwachsene am besten aufbereiteten Ausstellungen, die ich kenne.
Zwei Zeitebenen, zwei Orte und zwei Protagonisten sind die Zutaten zu diesem spannenden Debüt des promovierten Philosophen und diplomierten Datentechnikers Thomas Beckstedt. Was ich zunächst für einen sehr intelligent aufgebauten historischen Krimi gehalten hatte, entpuppte sich auf den letzten 150 Seiten doch noch als der auf dem Umschlag versprochene Thriller.
Artemisia Gentileschi (1593 – 1653) war eine der wenigen bekannten Malerinnen der Renaissance und die erste, die in die Accademia dell’Arte in Florenz aufgenommen wurde. Ihre Motive waren die typischen ihrer Zeit: Judith, Lukrezia, Maria Magdalena und Susanna, gesehen mit den Augen einer Frau.
Der Mord an der kleinen Gritli Moser und der unerbittliche Ermittler Dr. Matthäi stehen im Mittelpunkt von Dürrenmatts Kriminalroman Das Versprechen. Doch aus diesen Zutaten macht der Schweizer Autor keinen traditionellen Krimi sondern – so der Untertitel – ein „Requiem auf den Kriminalroman“.
ist ein Buch der Trauer.
Grace und Tippi sind nicht einfach nur eineiige Zwillinge, sie sind von der Hüfte abwärts zusammengewachsen und teilen sich u. a. ein paar Beine, den hinteren Teil des Darms und die Geschlechtsorgane. Doch die Wahrnehmung durch ihre Umgebung ist eine gänzlich andere als ihre