Paul Maar: Wie alles kam

  Erinnerungspfützen

Erinnerungen sind keine Tagebücher. Dem Vergleich mit einem Fluss halten sie nicht stand. Eher sind es verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen. (S. 12)

Auch wenn ich für eine Kindheit mit Sams leider zu früh geboren wurde – der erste Band erschien 1973, der bislang letzte 2020 – konnte ich immerhin mit meinen Töchtern nachholen, was ich als Kind verpasst hatte. Im Gegensatz zu vielen hausbackenen, angestaubten Büchern meiner Kinderzeit macht das Sams nicht nur der eigentlichen Zielgruppe, sondern auch den großen Vorlesern und Zuhörern der Lesungen auf langen Autofahrten einen Heidenspaß, wofür ich seinem Erfinder Paul Maar zutiefst dankbar bin. Aber auch Lippels Traum, Herr Bello und das blaue Wunder, Das Tier-ABC und viele andere seiner Bücher gehören für mich zu den unverzichtbaren modernen Klassikern für jedes Kind, nicht nur wegen der kreativen, ebenso nachdenkenswerten wie humorvollen Geschichten und Gedichte, auch wegen Paul Maars pfiffiger Illustrationen.

Von behüteten und schweren Kindheiten
Nun hat Paul Maar, geboren 1937 in Schweinfurt, das Versprechen gebrochen, das er einst seinem Verleger Friedrich Oetinger gab, und hat mit Wie alles kam – Roman meiner Kindheit erstmals für Erwachsene geschrieben. Nicht streng chronologisch erzählt er, wie er wurde, was er ist: einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbuchautoren Deutschlands. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt soll er einmal gesagt haben, dass Mitglieder seiner Zunft entweder wie Astrid Lindgren von einer wohlbehüteten Kindheit zehren, oder sich später eine Kindheit erfinden, weil ihre schwer war. Warum er selbst zu Letzteren gehört, wird bei der Lektüre schmerzhaft deutlich.

Paradies und Hölle
So schwer Paul Maars Einstieg ins Leben war, denn die Mutter verstarb nur sieben Wochen nach seiner Geburt, so groß war sein Glück mit der Stiefmutter. Auch an den Vater erinnert er sich aus frühester Kindheit als einen fröhlichen, ausgeglichenen Mann. Dass er völlig verändert aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkehrte, gewalttätig, unbeherrscht und unglücklich über den unsportlichen, bücherliebenden Sohn war, der ihn wiederum als Störenfried empfand, war das große Unglück für beide. Das Grübeln darüber, wie aus dem Vater der unerbittliche „Schreckensmann“ wurde, und der lange Schatten, den er bis heute wirft, machen Paul Maar noch im Alter zu schaffen:

In Gesellschaft verhalte ich mich möglichst unauffällig. Das war meine kindliche Strategie gewesen, nicht die Aufmerksamkeit und den Unwillen des Vaters auf mich zu lenken. Mäuschenstill in einer Zimmerecke mit der Tapete zu verschmelzen. […] Gewöhnlich widerspreche ich nicht, wenn ich anderer Meinung bin als ein Gesprächspartner. Denn das hätte mir in meiner Kindheit leicht eine Ohrfeige einbringen können. (S. 50/51)

Unbeschwerten Jahren bei den Großeltern im fränkischen Dorf Obertheres, wohin die Mutter vor den Bomben mit ihm floh, folgten umso schwerere in Schweinfurt. Erst als er in der Mittelstufe eine Klasse wiederholen musste, fand er die richtigen Freunde. Zum Rettungsanker wurde seine Jugendliebe und heutige Frau Nele aus einer Künstlerfamilie, über die er Zugang zum Theater fand.

Eine durch und durch sympathische Autobiografie
So einfach und bescheiden Paul Maar erzählt, so tief hat mich das Buch berührt. Heitere wie schwere Erinnerungen an Kindheit und Jugend bis etwa zum Abitur reihen sich wie Miniaturen aneinander, eingeflochten sind ebenso bewegende Passagen zum gegenwärtigen Alltag mit seiner an Alzheimer erkrankten Frau in Bamberg, die einer Liebeserklärung gleichkommen.

Paul Maar: Wie alles kam. S. Fischer 2020
www.fischerverlage.de

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