Amanda Sthers: Lettre d’amour sans le dire

  Geschichte eines Erwachens

Obwohl ich nie ohne gut gefüllten Bücherkoffer verreise, komme ich meist vor Ort doch nicht an Buchhandlungen vorbei. Im Sommer 2020 wäre es beinahe anders gekommen, denn in den Pyrenäen und im Béarn sind Buchhandlungen erschreckend selten. Erst ein Tagesausflug nach Biarritz brachte die Erlösung und prompt einen Treffer: An Amanda Sthers‘ verführerisch im Schaufenster präsentiertem neuen Roman Lettre d’amour sans le dire führte kein Weg vorbei. Amanda Sthers, geboren 1978 in Paris, Theater-, Drehbuch sowie Romanautorin und einige Jahre mit dem französischen Sänger Patrick Bruel verheiratet, liebe ich vor allem für ihr 2005 auf Französisch, 2006 auf Deutsch erschienenes Buch Die Geisterstraße, das zu den Geheimtipps meines Bücherregals zählt.

Chers monsieur,
Je vous écris cette lettre car nous n’avons jamais pu nous dire les choses avec des mots. Je ne parlais pas votre langue et maintenant que j’en ai appris les rudiments, vous avez quitté la ville. (S. 9)

So beginnt Alice Cendres Brief an einen Japaner, dem sie zunächst durch Zufall und dann, während eines alles verändernden Jahres, immer wieder begegnete. Nie kam es zu einer Unterhaltung mit Worten, denn als ihre neu erworbenen Japanisch-Kenntnisse dies erlaubt hätten, hatte er Paris verlassen. Ihr Brief ist ein Liebesbrief und doch wieder nicht, denn im Japanischen gibt es kein „Je t’aime“, nur ein „Il y a de l’amour“, „Liebe liegt in der Luft“. Schreibend enthüllt sie ihm ihr Leben, Schrecken, Schmerz und Geheimnisse, und die Veränderung, die mit ihrer Begegnung begann.

Ein glückloses Dasein
Alice Cendres ist um die 50, ehemalige Französischlehrerin aus dem nordfranzösischen Cambrai und lebt seit drei Jahren auf Betreiben ihrer Tochter in Paris. Einer Kindheit voller Schrecken folgten eine Teenagerschwangerschaft und von Gewalt, Erniedrigung und Lieblosigkeit geprägte Männerbeziehungen:

Les hommes ont disposé de moi. Jamais je n’ai connu de gestes bienveillants. (S. 70)

Geprägt haben sie Langeweile, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Missverständnisse, Passivität, Ängste und eine früh erlernte Verleugnung ihres Körpers. Die Tochter ging ihr nach deren Heirat an die wohlhabende Schwiegerfamilie verloren, für die neugeborene Enkelin hegt Alice keine Gefühle und Paris bleibt ihr fremd.

Ein folgenreicher Irrtum
Als sie an einem verregneten Oktobernachmittag einen Teesalon betritt, hält man sie für eine Kundin des Masseurs, ein Missverständnis, das sie nicht aufklärt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren berührt ein Mann ihren Körper. Die Begegnung mit Akifumi, dem japanischen Masseur, die Sanftheit seiner Hände und die ihn umgebende Melancholie wecken Alice aus ihrer Lethargie. Sie kehrt immer wieder in den Salon zurück und verliebt sich nicht nur in ihn, sondern auch in die Sprache, die Kultur und die Literatur seines Landes.

140 Seiten Poesie
Alices Brief ist zugleich Zeugnis unendlicher Traurigkeit und neuerwachter Hoffnung. Er ist voller sinnlicher Poesie und Sprachmelodie, die sich – auch wenn ich nicht jedes Wort verstand – beim Lesen wunderbar übertrug. Thematisch erinnert der kurze Briefroman an Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten, atmosphärisch an Seule Venise der von mir ebenso geschätzten französischen Autorin Claudie Gallay.

Ich hoffe sehr, dass Lettre d’amour sans le dire bald ins Deutsche übertragen wird und Amanda Sthers endlich auch im deutschen Sprachraum die Aufmerksamkeit bekommt, die sie in Frankreich längst besitzt.

Amanda Sthers: Lettre d’amour sans le dire. Grasset 2020
www.grasset.fr

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Amanda Sthers auf diesem Blog:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.