Tanguy Viel: Das Mädchen, das man ruft

  Fische derselben und anderer Gattung

Es gibt Geschichten, die sind simpel und altbekannt, können aber trotzdem nicht oft genug erzählt werden. Sie gleichen sich fatal und doch verfolgt man das Geschehen gebannt, immer in schlechter Vorahnung, aber auch in der Hoffnung, der Ausgang könnte gerade dieses eine Mal ein anderer sein.

Eine solche Geschichte erzählt der 1973 geborene, mehrfach preisgekrönte bretonische Autor Tanguy Viel in Das Mädchen, das man ruft, der wörtlichen Übersetzung des englischen Wortes Callgirl. Der französische Originaltitel La fille qu’on appelle, eigentlich exakt wiedergegeben, ist dank der Satzstellung und der Doppelbedeutung von „appeler“ als „rufen“ und „nennen“ noch origineller, fordert er doch dazu auf, eine Bezeichnung für die Protagonistin Laura zu ergänzen: das Flittchen, die Unschuldige, das naive Opfer, die Verführerin, die Strategin?

Alles hat einen Preis
Laura Le Corre ist mit 20 Jahren in ihre bretonische Heimatstadt am Meer zu ihrem Vater Max, einem Ex-Boxchampion, zurückgekehrt, ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung. Jahre vorher hatte ihre Mutter mit ihr den zwischen Boxring und exzessivem Nachtleben pendelnden Ehemann verlassen. Mit 16 wurde die attraktive, dunkelhäutige Teenagerin vor dem Gymnasium angesprochen, es folgte ein Intermezzo in Rennes als Model für Dessous und in Zeitschriften „die im Kiosk dann in der obersten Regalreihe stehen“ (S. 25). Nun ist sie überraschend wieder da und Max, seit drei Jahren Chauffeur des Bürgermeisters, vermittelt ihr zur Beschleunigung ihrer Wohnungssuche einen Termin bei seinem Chef. Quentin Le Bars, knapp 50, mit dem für französische Bürgermeister typischen einschüchternden Büro im Stil des Ancien Régime und dem Blick Richtung Paris und Ministeramt, zeigt sich sofort kooperativ. Er verspricht sogar Hilfe bei der Jobsuche, allerdings nicht ohne Gegenleistung:

Und da spürte sie, so wie sich in der Tektonik irgendwann die Spannung entlädt, wie seine Hand sich auf ihre legte und er zugleich zu ihr sagte:
Ich werde tun, was ich kann, um dir zu helfen. (S. 35)

© B. Busch

Der narzisstische Le Bars lässt seine Kontakte spielen unter den „Fischen derselben Gattung“ (S. 39), wo jeder jedem einen Gefallen schuldet und alles miteinander verwoben ist. Er bringt Laura als Hostess bei seinem Freund Franck Bellec, Ex-Manager ihres Vaters, im Casino unter, wo er zukünftig kommt und geht, wann es ihm behagt, stets chauffiert vom ahnungslosen, kurz vor seinem Comeback stehenden Max.

Altbekannt und topaktuell
Während die Figuren allen denkbaren Klischees entsprechen, was ich nicht für eine Schwäche des Romans, sondern für eine bewusste Wahl halte, schließlich folgt auch die Handlung einem altbekannten Drehbuch, sind Viels Sprache, seine von Hinrich Schmidt-Henkel sehr gut übersetzten Endlossätze und die enorme Fülle an Metaphern ausgesprochen originell und für mich ganz klar die Stärke des 2021 in die Auswahlliste für den Prix Goncourt aufgenommenen Romans. Aus Lauras polizeilicher Zeugenaussage, ergänzt durch die Stimme einer allwissenden Erzählerin oder eines Erzählers, erfahren wir von den Mechanismen patriarchaler Machtentfaltung, den Klüngeln in gesellschaftlichen Hinterzimmern, dem Wegducken der Justiz und dem Entstehen einer missbräuchlichen Beziehung, die durch ein fehlendes Nein nicht weniger verwerflich wird. Am Ende können wir selbst über Laura richten: Flittchen, Unschuldige, naives Opfer, Verführerin oder Strategin?

Eine leider zeitlose Geschichte über Machtmissbrauch, gesellschaftliche Hierarchien, Abhängigkeit und Schuld im neuen Kleid und ein lesenswerter Beitrag zur aktuellen MeToo-Debatte.

Tanguy Viel: Das Mädchen, das man ruft. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach 2022
www.wagenbach.de

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