Tania Blixen: Babettes Gastmahl

  Eine vollkommene Novelle

1937 erschien mit Afrika, dunkel lockende Welt der bekannteste Roman von Tania Blixen (1885 – 1962), verfilmt 1985 unter dem Titel „Jenseits von Afrika mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer, stark angelehnt an ihre Jahre als Kaffeefarmerin in Kenia 1914 bis 1931 und mit einem Oscar prämiert. Ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichnet wurde die Verfilmung von Tania Blixens später und bekanntester Novelle Babettes Fest aus dem Jahr 1987. Der Manesse Verlag hat diese Erzählung nun erstmals in ihrer vollständigen Fassung von 1958 aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg übersetzen und kommentieren lassen. Wie man dem ebenso informativen wie unterhaltsamen, 37 Seiten umfassenden Nachwort von Erik Fosnes Hansen entnimmt, ist diese spätere Version „der deutlich reichere, opulentere und weitaus vollkommenere Text“ (S. 78) im Vergleich zu dem bisherigen deutschen Ausgaben zugrundeliegenden englischsprachigen Text aus dem US-amerikanischen Ladies‘ Home Journal von 1950. Die wunderschöne Leinenausgabe mit schwarzer Fadenheftung, Lesebändchen und entzückenden Kapitelzählungen mit aus Essbesteck geformten römischen Ziffern heißt nun wesentlich passender Babettes Gastmahl.

Stockfisch statt Haute Cuisine
Mit Babettes Gastmahl führt uns die Dänin Tania Blixen in die nordnorwegische Finnmark ins Fischerdorf Berlevaag. Die dortige sehr fromme pietistische Gemeinde hat sich ganz der Genügsamkeit verschrieben. Martine und Philippa, die beiden einst sehr schönen Töchter des Propstes und Gründers der strengen Bewegung, haben in ihrer Jugend zwei wohlmeinende Bewerber abgewiesen. Einer von ihnen, der Pariser Sänger Achille Papin, schickt den beiden inzwischen vaterlosen Frauen 16 Jahre nach seiner glücklosen Werbung im Juni 1871 die Köchin Babette. Bis zu ihrem Engagement als Kommunardin im französischen Bürgerkrieg war sie gefeierte Küchenchefin im besten Restaurant von Paris, ihre Gäste und Bewunderer die von ihr bekämpfte aristokratische Klasse.

Martine und Philippa gewähren der Papistin nicht ohne ein gewisses inneres Beben Asyl und Babette akzeptiert dankbar ihr neues Los: die Zubereitung von Stockfisch und Brotsuppe.

Einmal noch richtig kochen
Nach 14 Jahren als treue Haushälterin der frommen Tugendschwestern ereignet sich 1885 etwas Ungeheuerliches: Babette gewinnt 10.000 Francs in der französischen Lotterie und äußert erstmals einen Wunsch. Sie möchte zum bevorstehenden 100. Geburtstag des verstorbenen Probstes die Gemeinde bekochen – mit ihrem eigenen Geld und auf ihre ganz eigene Weise. Zögernd willigen die Schwestern ein und noch einmal kann Babette ihre gesammelten Kochkünste entfalten. Doch angesichts der unerhörten Fülle exotischer Speisen und Getränken weiß nur einer der zwölf Gäste ihr Künstlertum zu schätzen: Martines abgewiesener und zufällig in Berlevaag weilender Bewerber General Löwenhielm, der Babette aus ihrer Glanzzeit im Café Anglais kennt.

© B. Busch

Jedes Wort und jede Szene sitzen in Tania Blixens vorzüglicher, märchenhaft-magisch anmutender Novelle am richtigen Platz, religiöse Genügsamkeit und weltliche Verschwendung prallen aufeinander und Babettes Dilemma macht sie zur tragischen Figur: Sie selbst hat zur Vertreibung der Menschen aus Paris beigetragen, die allein ihr Künstlertum wertschätzten. Der Lotteriegewinn versetzt sie in die Lage, noch einmal ihre Meisterschaft unter Beweis zu stellen, besonders für sich selbst:

Es ist fürchterlich für einen Künstler, für sein Zweitbestes Beifall zu bekommen. […] Durch die Welt geht ein langer Schrei aus dem Herzen der Künstler: Gebt mir die Erlaubnis, gebt mir die Gelegenheit, mein Allerbestes zu liefern. (S. 66)

Tania Blixen: Babettes Gastmahl. Aus dem Dänischen übersetzt und kommentiert von Ulrich Sonnenberg. Mit einem Nachwort von Eric Fosnes Hansen. Manesse 2022
www.penguinrandomhouse.de

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