„Sehen, sich erinnern, verstehen“

Vor einigen Jahren hat mich Linn Ullmanns Roman Gnade begeistert, der meine Einstellung zur Sterbehilfe seither maßgeblich mitprägt. Damals bin ich auf diese Autorin wegen ihrer berühmten Eltern aufmerksam geworden: Liv Ullmann (*1938) und Ingmar Bergman (1918 – 2007). Inzwischen ist sie eine der bekanntesten Autorinnen Skandinaviens und vielfach preisgekrönt.
In einem Interview mit der dänischen Zeitung Politiken 1999 sagte Linn Ullmann, dass sie Biografien und Bücher über Prominente verabscheue. Nun hat sie einen autofiktionalen Roman über ihre Familie geschrieben. Einen Roman deshalb, „weil das eine offene Form ist… Der Roman steht der essayistischen Form offen, der dokumentarischen, dem Märchen, den Memoiren – also sozusagen eine genreübergreifende Textform.“ (Interview mit DLF Kultur vom 11.06.2018). Sie hatte bereits zu schreiben begonnen, als sie die sechs Tonbänder wiederfand, auf denen sie Interviews mit dem Vater kurz vor dessen Tod aufgezeichnet hatte, zu einer Zeit, als er bereits schwer von Krankheit und Vergessen gezeichnet war. Die Tonbänder sind in Ausschnitten transkribiert und bilden den roten Faden der sechs Kapitel. Bei ihrem Erinnern greift Linn Ullmann immer wieder die gleichen Gedanken und Szenen auf und erzählt sie aus anderem Blickwinkel, mal in der Ich-Form, mal in der dritten Person, jedoch immer ohne Namen. Sie variiert die Themen Altern, Erwachsenwerden, Liebe und Dynamik von Erinnerungen aus allen Blickwinkeln, ohne dass es mir auf den 400 Seiten je zu viel geworden wäre.
Linn Ullmann kam 1966 als neuntes Kind ihres Vaters zur Welt, ihre Eltern waren nicht verheiratet und Liv Ullmann füllte die Lücke zwischen der vierten und fünften Ehefrau Bergmans. Damals baute er ein Haus in Hammars auf Fårö, Gotlands Nachbarinsel, wo er zukünftig seine Sommer verbrachtete, wenn er nicht drehte oder am Theater arbeitete sondern schrieb, und hierher zog er sich mit 84 Jahren ganz zurück. Nach der Trennung ihrer Eltern 1969 war Linn Ullmann im Sommer oft in Hammars, wo Bergman inzwischen mit seiner letzten Frau Ingrid, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Schauspielerin, lebte.

Die Passagen auf Fårö bilden für mich die Höhepunkte dieses Buches. Da ich die Insel selbst kenne und liebe, lief während der detaillierten Beschreibungen bei mir ein veritables Kopfkino ab. Wie Bergman sich seine Grabstelle auf dem kleinen Friedhof neben der Fårökirche aussucht, wie er zum Zeitungholen nach Gotland übersetzt, wie er sich täglich in der zum Kino umgebauten Scheune in Dämba einen Film ansieht, die Strände, Heide und Rauken konnte ich mir wunderbar vorstellen.

Auch Ingrids Tod, der Bergman so völlig aus der Bahn warf, war mir aus Der weiße Schmerz, dem Buch über die Monate ihrer Krankheit 1994/95, bekannt. So habe ich über Bekanntes aus neuer Sicht mehr erfahren, und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Weniger konnte ich mit den zum Glück kürzeren Abschnitte über die Mutter anfangen, hier wurde mir das chaotische Beziehungsleben zu viel.
Ihre Eltern blieben ihr Leben lang Freunde und „Arbeitskameraden“, doch gab es „niemals sie drei“ und es existiert auch kein gemeinsames Foto. Von beiden Eltern fühlte sich die Tochter jedoch geliebt und liebt beide, was man jeder Zeile des ansonsten urteilsfreien Buches anmerkt.
Für mich eine lohnende, literarisch gelungene Lektüre einer Autorin, die ich bewundere.
Linn Ullmann: Die Unruhigen. Luchterhand 2018
www.randomhouse.de
Bücher, die in der Welt der skandinavischen Inseln und Schären spielen, haben grundsätzlich einen Bonus bei mir, denn Gotland, Åland und ihre Umgebung sind so etwas wie Sehnsuchtsorte für mich. Ellinor Ingman, die 55-jährige Protagonistin in Gunilla Linn Perssons Roman Heimwärts über das Eis, sieht das zumindest zu Beginn der Geschichte anders. Für sie ist Hustrun, die vier Quadratkilometer große Schäre im nördlichen Stockholmer Schärengarten, die sie nur einmal im Jahr für einen Kurzausflug nach Stockholm verlässt, eher Gefängnis als Paradies. Gefängniswärter ist ihr alter Vater, der nach einem Unfall seine Beine nicht mehr gebrauchen kann, und der von seiner „Kommandobrücke“ im oberen Stock ihres Hauses tyrannisch über die Tochter herrscht. Begonnen hat es damit, dass Ellinors dreijähriger Bruder ertrank und die Mutter kurz darauf Selbstmord beging, nachdem sie als schöne Fremde nicht mit den Inselbewohnern und dem Dasein als Schärenweib zurechtkam. Die Steine, die sie sich um die Knöchel gebunden hat, bevor sie ins Meer ging, hängen seit ihrem elften Lebensjahr auch an Ellinors Beinen. Sie versorgt ihren Vater, ihre Tiere, ihren offiziellen und ihren verborgenen Garten, kümmert sich um die Kinder der Touristen, fährt das Schärentaxi und hinkt durch das mühsame Schärenleben ohne Stromanschluss.
Klaus Modicks biografischer Roman Keyserlings Geheimnis hat in mir den Wunsch geweckt, ein Buch dieses bisweilen als „baltischer Fontane“ titulierten Autors zu lesen. Wellen, erstmals 1911 erschienen, war eine wirkliche Entdeckung für mich. Der kleine, von Ironie durchzogene Roman, der während einiger Sommertag an der Ostsee spielt, konfrontiert die erstarrte Adelsgesellschaft der Jahrhundertwende mit der wilden Unberechenbarkeit des Meeres.
Zum Glück gibt es sie noch: mutige Menschen, die trotz aller Untergangsszenarien eine unabhängige Buchhandlung eröffnen. Petra und Oliver Hartlieb gehören zu denen, die diese fast schon skurril anmutende Idee in die Tat umgesetzt haben. 2004 übernahmen sie in der Währinger Straße in Wien eine 40 qm große insolvente Traditionsbuchhandlung mehr oder weniger aus einer Laune heraus. Wie es dazu kam und was daraus wurde erzählt Petra Hartlieb in ihrem mit leichter Hand geschriebenen kleinen Roman Meine wundervolle Buchhandlung. Aufgegeben hat die vierköpfige Familie dafür ein „Latte-Macchiato-Leben in Hamburg“ mit Oliver Hartliebs gut bezahltem Managerjob bei einem großen deutschen Verlag und Petra Hartliebs Halbtagsstelle als Literaturkritikerin mit freier Zeiteinteilung.
Wer hinterlässt Fußabdrücke wie Gruben auf der Hasenheide? Die Freunde Hase und Holunderbär folgen den Spuren in einer Mischung aus Neugier und Angst und treffen viele Tiere, die Hinweise auf den Verursacher geben können: Er ist hoch wie ein Baum, hat Beine so dick wie Baumstämme, riesige Zähne, Segelohren und faltige Haut und hinterlässt riesige stinkende Hügel. Es wird doch nicht das legendäre Heidemonster, das fürchterliche Ungeheuer sein? Mutig gehen Hase und Holunderbär dem Geheimnis auf den Grund, von vielen Bewohnern der Hasenheide mit wertvollen Hinweisen unterstützt. Und so heißt es bald: „Wer hätte gedacht, dass ein Tag, der so gefährlich begonnen hatte, so fröhlich enden würde?“
Eduard von Keyserling (1855-1918), baltischer Graf, Dandy und Dichter, ist heute als deutscher Schriftsteller des Impressionismus eher ein Geheimtipp. Sein Porträt, gemalt von Lovis Corinth, das in der Münchner Neuen Pinakothek hängt, dürfte dagegen vielen bekannt sein. Keyserling war, als Corinth ihn bei einer gemeinsamen Sommerfrische am Starnberger See im Sommer 1901 malte, 46 Jahre alt und von der Syphilis bereits schwer gezeichnet, doch in den Augen des Malers durch das Geheimnis um seine Vergangenheit interessant. Was Corinth dem Grafen nicht entlocken konnte, enthüllt Klaus Modick in seiner teils fiktiven Künstlerbiografie Keyserlings Geheimnis: den Dorpater Skandal, den Wendepunkt in Keyserlings Leben.
Es ist mehr als 25 Jahre her, dass ich Der Liebhaber und Hiroshima mon amour gelesen habe. Sie sind mir jedoch so nachhaltig im Gedächtnis geblieben, dass mich die neu erschienene Biografie Marguerite Duras – Die Schwester der Meere des promovierten Musikologen und Literaturwissenschaftlers Jens Rosteck sofort interessiert hat.
Der Einstieg in diesen dritten Tegernsee-Krimi von Andreas Föhr nach dem erschreckenden Prolog ist wahrlich rasant: Am Gründonnerstag 2010 fährt Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner mit 150 Stundenkilometer ein Autorennen gegen den LKW seines Kumpels vom Achensee zum Tegernsee. Pech nur, dass er dabei fast mit seinem entgegenkommenden Kollegen Kriminalhauptkommissar Clemens Wallner und dessen Freundin Vera auf dem Weg in den Urlaub kollidiert wäre. Um abzulenken, inszeniert Kreuthner eine Fahrzeugkontrolle und entdeckt im LKW des Freundes eine Leiche, die Ex-Schauspielerin und nach einem Unfall vor zwölf Jahre schwer entstellte Hanna Lohwerk. Bei einer Hausdurchsuchung des Opfers findet die eilends gegründete SoKo Fotos eines anderen Verbrechens: Am 25.12.2009 kam auf dem Anwesen des Schauspielerehepaars Katharina und Dieter Millruth über dem Schliersee die 20-jährige Tochter Leni durch einen Schrotschuss zu Tode. Der Täter wurde dank eines Geständnisses schnell ermittelt, das Gericht verurteilte ihn zu 18 Monaten auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Doch mit den Fotos stellt sich das Geschehen plötzlich in neuem Licht dar und die zeitlichen Angaben der Familie Millruth sind nicht mehr zu halten. Wer hat damals wirklich geschossen und warum?