Raffinierter Justizkrimi
Ich lese oder höre gerne die Justizkrimis der Juristen John Grisham für die USA und Gianrico Carofiglio für Italien, deshalb war ich gespannt auf die Serie um die Münchner Strafverteidigerin Dr. Rachel Eisenberg des deutschen Juristen Andreas Föhr. Seine genialen Tegernsee-Krimis mit dem Ermittlerteam Kreuthner/Wallner liebe ich wegen der intelligent aufgebauten Fälle und des bayerisch-derben Humors. Eifersucht ist nun bereits der zweite Band der neuen Serie, problemlos unabhängig zu lesen, allerdings wird der Plot von Band eins, Eisenberg, verraten, was sehr schade ist, da ich ihn noch lesen möchte.
Die Handlung springt zwischen zwei Zeitebenen 2012 und 2017 hin und her, übersichtlich gekennzeichnet durch Überschriften mit exakten Zeitangaben. Sehr lange bleibt der Zusammenhang – auch der zum Prolog, der ebenfalls 2012 spielt – verborgen, was die Spannung deutlich anheizt.
Im knapperen der beiden Handlungsstränge 2012 geht es um eine Mordserie an Frauen um die 30 in München und die Mit-Eigentümerin einer Filmgesellschaft, Judith Kellermann, ein Mauerblümchen ohne Selbstbewusstsein, die sich an ihrem ersten Abend in München an der Hotelbar Hals über Kopf in den sympathischen Jürgen verliebt.
2017 ist Rachel Eisenberg zufällig anwesend, als eben diese ihr bekannte Judith verhaftet wird. Sie soll ihren untreuen jüngeren Geliebten Eike Sandner mit Plastiksprengstoff in die Luft gejagt haben. Wohl oder übel übernimmt Rachel die Verteidigung in diesem aussichtslos scheinenden Fall, in dem alle Indizien gegen Judith sprechen. Da Polizei und Justiz sich frühzeitig auf sie als Täterin und das Motiv Eifersucht festlegen und sich weigern, andere Spuren zu verfolgen, schaltet Rachel den Privatdetektiv Axel Böhm ein und ermittelt mit ihm auf eigene Faust, ähnlich wie in der Fernsehserie Ein Fall für zwei, für die Föhr bereits als Drehbuchautor tätig war.
Ich habe diesen Krimi wie alle Bücher von Andreas Föhr sehr gerne gelesen, vor allem wegen des intelligenten Aufbaus, der soliden Sprache und der raffinierten Dramaturgie, die in einen gruseligen Showdown in Mecklenburg-Vorpommern mündet. Wenn auch der Humor in dieser Reihe kaum eine Rolle spielt, so merkt man doch der Figur des Haftrichters Kronbichler, meinem Kandidaten für die beste Nebenrolle, den Erfinder des Kreuthners an. Äußerst interessant waren die ausführlichen Einblicke in das deutsche Rechtssystem, die teilweise erschreckend sind. Einzig die Einblicke in das Privatleben der Protagonistin hätten für mein Empfinden kürzer ausfallen dürfen, womit ich weniger ihr Kindheitstrauma meine als die Konversion ihrer Tochter Sarah zum Judentum und die damit verbundenen komplexen Ernährungsregeln. Sarah war für mich auch der einzige Charakter, der mir fremd blieb, gar zu abgeklärt erschien sie mir für eine Siebzehnjährige. Das ist aber auch schon der einzige kleine Kritikpunkt an einem ansonsten rundum gelungenen Krimi.
Obwohl ich die Auflösung in groben Zügen kenne, werde ich Band eins der Reihe trotzdem noch lesen und freue mich auf eine Fortsetzung.
Andreas Föhr: Eifersucht. Knaur 2018
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Bücher, die in der Welt der skandinavischen Inseln und Schären spielen, haben grundsätzlich einen Bonus bei mir, denn Gotland, Åland und ihre Umgebung sind so etwas wie Sehnsuchtsorte für mich. Ellinor Ingman, die 55-jährige Protagonistin in Gunilla Linn Perssons Roman Heimwärts über das Eis, sieht das zumindest zu Beginn der Geschichte anders. Für sie ist Hustrun, die vier Quadratkilometer große Schäre im nördlichen Stockholmer Schärengarten, die sie nur einmal im Jahr für einen Kurzausflug nach Stockholm verlässt, eher Gefängnis als Paradies. Gefängniswärter ist ihr alter Vater, der nach einem Unfall seine Beine nicht mehr gebrauchen kann, und der von seiner „Kommandobrücke“ im oberen Stock ihres Hauses tyrannisch über die Tochter herrscht. Begonnen hat es damit, dass Ellinors dreijähriger Bruder ertrank und die Mutter kurz darauf Selbstmord beging, nachdem sie als schöne Fremde nicht mit den Inselbewohnern und dem Dasein als Schärenweib zurechtkam. Die Steine, die sie sich um die Knöchel gebunden hat, bevor sie ins Meer ging, hängen seit ihrem elften Lebensjahr auch an Ellinors Beinen. Sie versorgt ihren Vater, ihre Tiere, ihren offiziellen und ihren verborgenen Garten, kümmert sich um die Kinder der Touristen, fährt das Schärentaxi und hinkt durch das mühsame Schärenleben ohne Stromanschluss.
Klaus Modicks biografischer Roman Keyserlings Geheimnis hat in mir den Wunsch geweckt, ein Buch dieses bisweilen als „baltischer Fontane“ titulierten Autors zu lesen. Wellen, erstmals 1911 erschienen, war eine wirkliche Entdeckung für mich. Der kleine, von Ironie durchzogene Roman, der während einiger Sommertag an der Ostsee spielt, konfrontiert die erstarrte Adelsgesellschaft der Jahrhundertwende mit der wilden Unberechenbarkeit des Meeres.
Zum Glück gibt es sie noch: mutige Menschen, die trotz aller Untergangsszenarien eine unabhängige Buchhandlung eröffnen. Petra und Oliver Hartlieb gehören zu denen, die diese fast schon skurril anmutende Idee in die Tat umgesetzt haben. 2004 übernahmen sie in der Währinger Straße in Wien eine 40 qm große insolvente Traditionsbuchhandlung mehr oder weniger aus einer Laune heraus. Wie es dazu kam und was daraus wurde erzählt Petra Hartlieb in ihrem mit leichter Hand geschriebenen kleinen Roman Meine wundervolle Buchhandlung. Aufgegeben hat die vierköpfige Familie dafür ein „Latte-Macchiato-Leben in Hamburg“ mit Oliver Hartliebs gut bezahltem Managerjob bei einem großen deutschen Verlag und Petra Hartliebs Halbtagsstelle als Literaturkritikerin mit freier Zeiteinteilung.
Wer hinterlässt Fußabdrücke wie Gruben auf der Hasenheide? Die Freunde Hase und Holunderbär folgen den Spuren in einer Mischung aus Neugier und Angst und treffen viele Tiere, die Hinweise auf den Verursacher geben können: Er ist hoch wie ein Baum, hat Beine so dick wie Baumstämme, riesige Zähne, Segelohren und faltige Haut und hinterlässt riesige stinkende Hügel. Es wird doch nicht das legendäre Heidemonster, das fürchterliche Ungeheuer sein? Mutig gehen Hase und Holunderbär dem Geheimnis auf den Grund, von vielen Bewohnern der Hasenheide mit wertvollen Hinweisen unterstützt. Und so heißt es bald: „Wer hätte gedacht, dass ein Tag, der so gefährlich begonnen hatte, so fröhlich enden würde?“
Eduard von Keyserling (1855-1918), baltischer Graf, Dandy und Dichter, ist heute als deutscher Schriftsteller des Impressionismus eher ein Geheimtipp. Sein Porträt, gemalt von Lovis Corinth, das in der Münchner Neuen Pinakothek hängt, dürfte dagegen vielen bekannt sein. Keyserling war, als Corinth ihn bei einer gemeinsamen Sommerfrische am Starnberger See im Sommer 1901 malte, 46 Jahre alt und von der Syphilis bereits schwer gezeichnet, doch in den Augen des Malers durch das Geheimnis um seine Vergangenheit interessant. Was Corinth dem Grafen nicht entlocken konnte, enthüllt Klaus Modick in seiner teils fiktiven Künstlerbiografie Keyserlings Geheimnis: den Dorpater Skandal, den Wendepunkt in Keyserlings Leben.
Es ist mehr als 25 Jahre her, dass ich Der Liebhaber und Hiroshima mon amour gelesen habe. Sie sind mir jedoch so nachhaltig im Gedächtnis geblieben, dass mich die neu erschienene Biografie Marguerite Duras – Die Schwester der Meere des promovierten Musikologen und Literaturwissenschaftlers Jens Rosteck sofort interessiert hat.
Der Einstieg in diesen dritten Tegernsee-Krimi von Andreas Föhr nach dem erschreckenden Prolog ist wahrlich rasant: Am Gründonnerstag 2010 fährt Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner mit 150 Stundenkilometer ein Autorennen gegen den LKW seines Kumpels vom Achensee zum Tegernsee. Pech nur, dass er dabei fast mit seinem entgegenkommenden Kollegen Kriminalhauptkommissar Clemens Wallner und dessen Freundin Vera auf dem Weg in den Urlaub kollidiert wäre. Um abzulenken, inszeniert Kreuthner eine Fahrzeugkontrolle und entdeckt im LKW des Freundes eine Leiche, die Ex-Schauspielerin und nach einem Unfall vor zwölf Jahre schwer entstellte Hanna Lohwerk. Bei einer Hausdurchsuchung des Opfers findet die eilends gegründete SoKo Fotos eines anderen Verbrechens: Am 25.12.2009 kam auf dem Anwesen des Schauspielerehepaars Katharina und Dieter Millruth über dem Schliersee die 20-jährige Tochter Leni durch einen Schrotschuss zu Tode. Der Täter wurde dank eines Geständnisses schnell ermittelt, das Gericht verurteilte ihn zu 18 Monaten auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung. Doch mit den Fotos stellt sich das Geschehen plötzlich in neuem Licht dar und die zeitlichen Angaben der Familie Millruth sind nicht mehr zu halten. Wer hat damals wirklich geschossen und warum?