Ian McEwan: Abbitte

Leben mit der Schuld

dengland 1935. Es ist ein unerträglich heißer Tag. Auf dem Landsitz der Familie Tallis beobachtet die 13-jährige, fantasiebegabte und zugleich kindlich überspannte Tochter Briony ihre ältere Schwester Cecilia mit Robbie Turner, dem Sohn einer Hausangestellten, zweimal in für sie unverständlichen Situationen. Schnell hat sie ihr Urteil gefällt: Robbie ist ein Psychopath, vor dem sie Cecilia beschützen muss. Als dann am Abend im Park ein Verbrechen geschieht, ist Briony überzeugt, den Täter nicht nur zu kennen, sondern ihn auch tatsächlich gesehen zu haben. Durch ihre Aussage löst sie eine Katastrophe aus und verändert das Leben aller Beteiligten so dramatisch, dass sie selber ein Leben lang unter ihrer Schuld zu leiden hat.

Für mich ist Abbitte Ian McEwan mit Abstand bester Roman, spannend und berührend, immer wieder mit Gewinn neu zu lesen. Auch die Verfilmung des englischen Regisseurs Joe Wright (Stolz und Vorurteil) mit Keira Knightley als Cecilia aus dem Jahr 2007 hat mir gut gefallen, erreicht aber die Tiefe des Buches bei weitem nicht.

Ian McEwan: Abbitte. Diogenes 2004
www.diogenes.ch

Udo Riccarelli: Der vollkommene Schmerz

Eine toskanische Familiensaga und 100 Jahre italienische Geschichte

Spannend, klar und in kraftvollen Bildern erzählt Riccarelli von zwei toskanischen Familien vor dem Hintergrund von fast 100 Jahren italienischer Geschichte.

Kurz vor 1900 kommt ein junger Lehrer und Anarchist aus dem Süden in das toskanische Dorf Colle. Vier Kinder entstammen seiner Verbindung mit einer Witwe, bevor er bei einer Demonstration erschossen wird. Ein Sohn heiratet die Tochter eines reichen Schweinezüchters aus einer reaktionären, später faschistischen Familie.

Immer wiederkehrendes Motiv ist Der vollkommene Schmerz bei Verlust, Trennungen, Tod, aber auch Geburten. Das Leben gleicht dem Perpetuum mobile, an dem ein Enkel des Lehrers baut.

Der Italiener Ugo Riccarelli erzählt in einem sehr eigenen, distanzierten Stil voller Poesie, der an die großen südamerikanischen Erzähler erinnert.

Udo Riccarelli: Der vollkommene Schmerz. Zsolnay 2006
www.hanser-literaturverlage.de

Mariolina Venezia: Tausend Jahre, die ich hier bin

Viele Anekdoten, verwoben zu einer italienischen Familiengeschichte

Ähnlich wie in der italienischen Familiengeschichte Der vollkommene Schmerz von Ugo Riccarelli befasst sich auch der  Roman von Mariolina Venezia Tausend Jahre, die ich hier bin mit dem Schicksal einer italienischen Familie im Zeitraum zwischen 1861 und 1989, spielt allerdings im Süden Italiens, in der zwischen Ferse und Stiefelspitze gelegenen Region Basilikata. Obwohl etwas weniger politisch als Riccarelli, verwebt auch Mariolina Venezia meisterhaft die Geschicke einer Familie mit den historischen Hintergründen von der Einigung Italiens über die beiden Weltkriege, Aufstieg und Niedergang der italienischen KP und die Ermordung Aldo Moros bis zum Ende des Kalten Krieges.

Fünf Generationen verfolgt die Autorin, schildert die Schicksale der zahlreichen Familienmitglieder vor dem Hintergrund einer bis in die jetzige Zeit fast archaisch wirkenden Umgebung und schöpft dabei aus dem großen Vorrat von Anekdoten und Legenden ihrer Geburtsregion.

Mariolina Venezia: Tausend Jahre, die ich hier bin. Piper 2007
www.piper.de

Alice Herdan-Zuckmayer: Das Scheusal

Eine Geschichte für Hundeliebhaber und Hundehasser

Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich erbte Alice Herdan-Zuckmayer von ihrer Tante neben einem kostbaren Pelz, wertvollem Schmuck und schönem Silber auch eine extrem hässliche, gelbe, blinde, verwöhnte und bissige, dem Alkohol und Chanel Nr. 5 zuneigende Hündin namens Mucki. Carl Zuckmayer beschrieb sie als „Kreuzung zwischen Fledermaus, Wüstenfuchs und Warzenschwein“, Fritz Kortner nannte sie „Kanalröhre“.

Während die wertvolleren Teile der Erbschaft und die treuen Rassehunde der Familie in Wien bzw. Henndorf zurückbleiben mussten, ging Mucki, die man niemandem zumuten konnte, mit ins Schweizer und schließlich sogar ins amerikanische Exil. Hochbetagt starb sie schließlich auf der Farm der Zuckmayers in Vermont.

Mit viel Humor schreibt Alice Herdan-Zuckmayer nicht nur über Das Scheusal, sondern auch über ihr Leben an der Seite von Carl Zuckmayer, die atemberaubende Flucht aus Österreich 1938 und die ersten Jahre im Exil.

Alice Herdan-Zuckmayer: Das Scheusal. Fischer 1988
www.fischerverlage.de

Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant

Die Folgen des Krieges

Mercè Rodoreda wurde 1909 in Barcelona geboren. Als politisch engagierte Schriftstellerin ging sie 1939 ins Exil, zuerst nach Frankreich, dann in die Schweiz. Sie starb 1983 in Romanyà de la Selva. Heute gilt sie als eine der wichtigsten katalanischen Autorinnen.

In ihrem bekanntesten Roman Auf der Plaça del Diamant erzählt eine sehr einfache Frau, Natàlia, ihre Lebensgeschichte vor, während und nach dem Spanischen Bürgerkrieg in genau dem einfach-naiven Stil, den man von ihr erwartet. Sie berichtet fast monoton und absolut ehrlich von ihrer Heirat mit Quimet, einem Aushilfsschreiner und Hobby-Taubenzüchter, ihren beiden Kindern, der finanziellen Not, aus der heraus sie eine Stelle als Dienstmädchen antritt, dem Tod ihres Mannes auf Seiten der Volksfront im Spanischen Bürgerkrieg, ihren Selbstmordplänen angesichts des Hungers und ihrer Rettung in ein neues Leben. Der Kreis schließt sich mit Heirat der Tochter unter völlig veränderten Voraussetzungen.

Auf der Plaça del Diamant ist kein politischer Roman und keiner, der das Elend der Schlachtfelder zeigt. Vielmehr erzählt er von den Folgen des Krieges für die, die ohne ihr Zutun und ohne überhaupt die Zusammenhänge zu verstehen, in ein Stück Geschichte verwickelt werden.

Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant. Suhrkamp 2007
www.suhrkamp.de

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

„Es war damals nicht sehr leicht, ein guter Mensch zu sein“

Schon lange, vielleicht seit Jean-Michel Guenassias Roman Der Club der unverbesserlichen Opitimisten, habe ich kein Buch mehr gelesen, das eine solche Sogwirkung auf mich ausgeübt und mir so viel gegeben hat.

Die über 500 Seiten lange Geschichte ist mosaikartig aufgebaut, die Kapitel umfassen selten mehr als drei Seiten, und obwohl keinerlei Chronologie eingehalten wird, kann man als etwas geübter Leser jederzeit leicht den Überblick behalten. Erzählt werden drei Geschichten aus den Jahren 1934 bis 1945 und im Nachklapp erfährt man kurz, wie es 1974 und 2014 weiterging.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen das blinde französische Mädchen Marie-Laure aus Paris und der deutsche Waisenjunge Werner aus der Zeche Zollverein. Beide führt das Schicksal im Jahr 1944 für kurze Zeit im stark umkämpften St. Malo zusammen: Marie-Laure ist mit ihrem Vater wegen des Krieges aus Paris dorthin zu ihrem Großonkel und dessen Hausangestellter geflohen, im Gepäck versteckt einen ungeheuer wertvollen Diamanten, das „Meer der Flammen“, aus dem Pariser Musée National d’Histoire Naturelle und Werner, der Junge, dem ein Schicksal in den Kohleminen vorbestimmt schien, der aber dank seiner überragenden Begabung für Sendetechnik einen Platz an einer Eliteschule der Nazis erhalten hat und mit 16 Jahren an die Front geschickt wurde, um versteckte Partisanensender aufzuspüren. Für beide gilt, was Werners Schwester 1974 sagen wird: „Wir wurden alle vor der Zeit erwachsen.“
Der dritte Handlungsstrang erzählt die Geschichte des deutschen Stabsfeldwebels und Diamantenexperten von Rumpel, der für den Führer Kunstschätze requirieren soll und den Diamanten nicht zuletzt deshalb jagt, weil er, der unheilbar Erkrankte, sich von dem sagenumwobenen Stein Heilung erhofft.

Anthony Doerr hat diesen Roman kunstvoll komponiert und erzählt in sehr bildhafter, poetischer Sprache, wobei die Leitmotive „Schlüssel“, „Schnecke“ und vor allem „Licht“ von großer Bedeutung sind. Er geleitet den Leser mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und großem Einfühlungsvermögen für seine Protagonisten durch 500 Seiten, legt unzählige Fäden aus und vergißt keinen wieder aufzunehmen, wofür er zu Recht den Pulitzer-Preis erhalten hat.

Am Ende sind alle losen Enden verknüpft und wir können Juttas Aussage „Es war damals nicht leicht, ein guter Mensch zu sein“ dahingehend ergänzen, dass einige es trotzdem versucht haben.

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen. C.H. Beck 2015
www.chbeck.de

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag

Panorama eines Jahrhunderts

Nachdem Der Club der unverbesserlichen Optimisten für mich eines der besten Bücher der vergangenen Jahre war, habe ich dem zweiten Roman von Jean-Michel Guenassia entgegengefiebert und wurde nicht enttäuscht.

Von 1910 bis 2010 folgt Guenassia den Spuren des in Prag geborenen Josef Kaplan, der nicht zufällig die Initialen des Josef K. aus Kafkas Der Prozess trägt. Aus einer alten Mediziner-Familie stammend, wird Kaplan ebenfalls Arzt. Der begnadete Tangotänzer und Liebling der Frauen geht nach dem Studium nach Paris, von dort ans Institut Pasteur in Algerien, wo er an der Entwicklung von Impfstoffen mitarbeitet. Während des Krieges muss er als Jude das Institut verlassen und wird, mit Experimenten betraut, in einer abgelegenen Außenstelle versteckt.

Die Rückkehr nach Prag bringt den inzwischen verheirateten, überzeugten Kommunisten Kaplan ins Zentrum der Macht. Die Desillusionierung folgt schnell und als seine Frau von einer Frankreichreise mit dem gemeinsamen Sohn nicht zurückkehrt, bleibt Kaplan allein mit der Tochter Helena zurück.

Helena findet die Liebe ihres Lebens in Che Guevarra, der sich 1966 in der CSSR versteckt und von ihrem Vater behandeln lässt, bis der tschechische Geheimdienst dem ein Ende macht.

Trotz aller Widrigkeiten kann Kaplan an seinem 100. Geburtstag auf ein erfülltes, reiches Leben zurückblicken.

Ein spannend geschriebener, oft anrührender Roman, in dem Zeitgeschichte meisterhaft mit dem Leben eines sympathischen Protagonisten und Anti-Helden verknüpft wird.

Jean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag. Insel 2015
www.suhrkamp.de

Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Das geheimnisvolle Hinterzimmer im Bistro Balto

Zwischen 1959 und 1964 spielt dieser 2009 mit dem „Prix Goncourt des lycéens“ ausgezeichnete Roman.

Der Ich-Erzähler Michel, zu Beginn zwölf Jahre alt, leidet unter seiner fehlenden Begeisterung für die Mathematik sowie unter dem zerrütteten Verhältnis zwischen seiner aus der Bourgeoisie stammenden Mutter und dem Vater aus dem Arbeitermilieu. Er flüchtet sich in die Literatur, den Rock ’n’ Roll und das Tischfußballspielen im Bistro Balto an der Place Denfert-Rochereau. Dort entdeckt er eines Tages im Hinterzimmer den „Club der unverbesserlichen Optimisten“, Emigranten vorwiegend aus Osteuropa, Kommunisten und Ex-Kommunisten, Juden, Intellektuelle, Querköpfe und einsame Flüchtlinge, die sich zum Philosophieren, Erinnern und Schachspielen treffen. Ab und zu kommen Sartre und Joseph Kessel vorbei, um sich von der Atmosphäre beim Schreiben inspirieren zu lassen. Michel wird ihr jüngstes Mitglied und bekommt in der Folge Lebensgeschichten voller Tragik, aber auch oft humorvoll erzählt, zu hören.

Als Michel 1964 ein mittelmäßiges Abitur ablegt, kennt er all ihre Schicksale, hat seinen ersten Kinofilm gesehen, das Fotografieren erlernt und seine erste Liebe erlebt und wieder verloren. Die Welt steht ihm offen, er ist erwachsen geworden.

Dieser leicht melancholische, in die Zeitgeschichte und das Leben in Paris eingebettete Entwicklungsroman hat mich über Tage nicht mehr losgelassen und ich empfehle ihn als das „etwas andere“ Buch. Für mich ein absolutes Lieblingsbuch!

Jean-Michel Guenassia:  Der Club der unverbesserlichen Optimisten. Insel 2012
www.suhrkamp.de

Liza Marklund: Jagd

Komplex, düster und routiniert

Zunächst das Positive über diesen neuen Annika-Bengtzon-Krimi: Dies ist kein Krimi, den man einfach so herunterliest. Die Handlung ist äußerst komplex, es sind mehrere Fälle ineinander verwoben, einer davon fast 20 Jahre alt. Das ist manchmal nicht ganz einfach zu durchschauen und manche Kapitel kann man erst im Nachhinein einordnen und verstehen, hat mir aber Spaß gemacht. Gekonnt und routiniert schafft es Liza Marklund, am Ende viele (nicht alle) Fäden zu entwirren, obwohl man das bis kurz vor Schluss für fast unmöglich hält.

Besonders interessant ist an Marklunds Krimi-Reihe natürlich die Doppelermittlung von zwei Seiten: von Annika Bengtzon, Journalistin beim Abendblatt, und von Seiten der Polizei, im Mittelpunkt dieses Mal die neue operative Fallermittlerin Nina Hoffman. Szenen aus Annikas Privatleben (gescheiterte Ehe, neue Partnerschaft, Patchwork-Konstellation) sind in genau der richtigen Dosierung eingestreut und lassen einem immer wieder kurze Atempausen im „Ermittlungsstress“. Und die grundsätzlichen Überlegungen über die Ethik der Presse und eventuelle Grenzen der Pressefreiheit geben dem Krimi eine Tiefe über den eigentlichen Kriminalfall hinaus. Und auch die Stimmung ist so, wie es sich für einen typisch schwedischen Krimi eben gehört: eher düster und melancholisch.

Die Folterszene am Anfang und die Beschreibung des ermordeten Obdachlosen hätten für meinen Geschmack auch weniger drastisch sein dürfen. Aber das ist wohl Geschmacksache…

Ein Tipp an alle Leser: Auch wenn man mit diesem Krimi in die Serie einsteigen kann, für einen ungetrübten Genuss sollte man die Bände davor, zumindest Weißer Tod gelesen haben. Mir fehlen dieser Band und Kalter Süden und ich hatte oft das Gefühl, einzelne Szenen nicht richtig zu verstehen.

Was mich beim Lesen wirklich gestört hat, ist der geringe Zeilenabstand. Der Druck hat mich an alte Taschenbücher von Rororo erinnert und das habe ich beim Lesen als sehr anstrengend empfunden. Also die Bitte an den Ullstein-Verlag: lieber 2 EUR teurer und ein großzügigerer Druck.

Liza Marklund: Jagd. Ullstein 2015
www.ullsteinbuchverlage.de

Patricia Schröder: Tilla, Zwieback und der verrückte Eisenbahnwaggon

Ein witziges, ernstes, spannendes und absolut fantasievolles Kinderbuch

Ehrlich gesagt habe ich hier eine ganze Weile zwischen vier und fünf Sternen geschwankt – und mich schließlich aus Sicht der Kinder für fünf entschieden, denn dieses Buch um die Abenteuer der zehnjährigen Tilla Puppilla und ihrer Riesenfledermaus Zwieback, die mit einem umgebauten Eisenbahnwaggon auf Reisen gehen, ist so überaus fantasievoll und witzig, dass alle ihren Spaß daran haben.

Dabei hat das Buch andererseits aber auch einen ernsten Hintergrund: Das Mädchen mit den roten Haaren und den beiden verschiedenfarbigen Augen ist nicht nur abenteuerlustig, nein, die Streitereien zwischen ihren Eltern gehen ihr so auf den Wecker, dass sie es zu Hause nicht mehr aushält. Und dabei kann man beide Elternteile verstehen: den Vater, der lauter tolle, aber nutzlose Erfindungen macht, genauso wie die Mutter, die darüber fast verzweifelt. Doch Tilla bricht nicht auf, ohne ihren Eltern einen Rat zu erteilen: Jedes Mal, wenn sie Tilla vermissen, sollen sie sich umarmen, so lange, bis sie wieder merken, dass sie sich liebhaben. Und dann will sie auch wieder zurückkommen…

Was Tilla unterwegs erlebt, wie ihr die unglaublichen Erfindungen so manches Mal aus der Patsche helfen und wie sie zwei Freunde findet, ist ein großer Vorlesespaß ab sechs Jahren und eine Motivation zum Selberlesen ab acht. Dabei würde ich keinen Unterschied machen zwischen Jungs und Mädchen, trotz Mädchen als Hauptperson, denn bei Pippi Langstrumpf hat das auch von jeher funktioniert und die Parallelen sind oft nicht zu übersehen.

Ein wirklich witziges, extrem fantasievolles, klasse illustriertes und sprachlich ansprechendes Kinderbuch.

Patricia Schröder: Tilla, Zwieback und der verrückte Eisenbahnwaggon. Kerle 2015
www.herder.de/verlag-kerle