Chahdortt Djavann: Die Stumme

Opfer des islamistischen Terrors

In einer iranischen Todeszelle verfasst die 15-jährige Fatemeh einen Bericht über ihr Schicksal und das ihrer Tante. Diese war durch ein Trauma mit zehn Jahren verstummt und lebte im Hause ihres Bruders nach eigenen Gesetzen: ohne Kopftuch, barfuß, bunt gekleidet. Fatemeh liebte die Tante mehr als die Mutter, die ihre Schwägerin zunehmend hasste und beide ins Verderben stürzt.

Die Exiliranerin und Islam-Expertin Djavann hat ein kleines, berührendes Buch über zwei Frauen geschrieben, die Opfer der islamistischen Diktatur und ihrer Helfer werden. Leider topaktuell!

Chahdortt Djavann: Die Stumme. Goldmann 2011
www.randomhouse.de

Karin Jäckel: Deutschland, eine Märchenreise

Mit Märchen reisen

Karin Jäckel hat in diesem aufwändig und wunderschön gestalteten Familienbuch Märchen, Sagen und Schwänke für Kinder ab fünf Jahren gut verständlich nacherzählt. Nach Regionen geordnet, mit einer kurzen Einleitung über die Landschaft versehen, reichen die Schauplätze vom Bodensee bis zur Nord- und Ostsee, von der Eifel bis zum Spreewald und von Österreich bis zur Schweiz.

Die klassisch-modernen Illustrationen von Katharina Grossmann-Hensel sprechen Kinder und Erwachsene gleichermaßen an und auf zwei hübsch gestalteten Landkarten sind alle Orte eingetragen.

Karin Jäckel: Deutschland, eine Märchenreise. Kerle 2010
www.herder.de/verlag-kerle

Alice Pung: Ungeschliffener Diamant

Vom Schicksal von Einwandererkinder

Die Bücher der edition fünf, die in ihren roten Leinenbänden wiederentdeckte oder neue Autorinnen aus aller Welt vorstellt, sind für mich Highlights der Buchproduktion. Eines  davon stammt aus der Feder der jungen Australierin Alice Pung, Tochter chinesisch-kambodschanischer Einwanderer, deren autobiografischer Roman 2007 als bestes australisches Debüt ausgezeichnet wurde.

Im Asienviertel Melbournes baute sich die Familie durch harte Arbeit eine Existenz auf. Die chinesische Oma prägte Alices Kindheit, das Verhältnis zur Mutter, deren fehlende Englischkenntnisse die Verständigung erschwerten, war schwierig. Frühe Verantwortung, enormer Leistungsdruck und der kulturelle Spagat machten Alice die Eingliederung schwer, doch setzte sie sich schließlich durch und empfindet heute Verständnis und Dankbarkeit für die Eltern.

Ein ebenso bittersüßer wie humorvoller Roman.

Alice Pung: Ungeschliffener Diaman. edition fünf 2012
www.editionfuenf.de

Francesca Segal: Die Arglosen

Jüdisches Leben in London

Das schriftstellerische Talent hat Francesca Segal vom Vater Erich (Love Story), Vorbild für ihren Debütroman ist aber Edith Wartons The Age of Innocence, verlegt ins heutige jüdische Viertel Londons. Dort haben sich nach zwölfjähriger Beziehung Adam und Rachel endlich verlobt, als plötzlich Ellie, Rachels skandalumwitterte Cousine, auftaucht und Adams Gefühlswelt auf den Kopf stellt.

Besonders die humorvolle, warme, detailreiche Schilderung des Lebens in der jüdischen Gemeinde macht diesen mehrfach ausgezeichneten Roman sehr lesenswert.

Francesca Segal: Die Arglose. Kein & Aber 2013
keinundaber.ch

Lorenza Gentile: Teo

Große Schlachten

Hier gehört mein erstes Lob eindeutig der Herstellungsabteilung von dtv, denn dieses Buch ist absolut perfekt gestaltet: Von der Umschlaggestaltung bis zum Buchdeckel innen, von der Bindung über das Papier bis hin zur Schrift und zum Zeilenabstand ein absolut gelungenes Erscheinungsbild, das den Preis auf jeden Fall rechtfertigt, und das die Lektüre in dieser Hinsicht zum Genuss macht!

Nun zum Inhalt. Der achtjährige Teo ist ein aufgewecktes Kind, durchschnittlicher Grundschüler mit Stärken und Schwächen, und leidet massiv unter der sich abzeichnenden Trennung seiner Eltern. Gerne erinnert er sich an glückliche Zeiten zurück, als die Familie zusammen in die Ferien fuhr, doch nun herrscht nach eine Phase des lauten Streitens Schweigen und zuletzt bricht der Vater angeblich zu einer längeren Dienstreise auf. Während die ältere Schwester Matilde mit massiver Wut (und einer beginnenden Essstörung?) reagiert, fühlt Teo sich für die Rettung der Familie verantwortlich. Als er ein Buch über Napoleon zum Geburtstag bekommt, zeichnet sich für ihn ein Weg ab: Er möchte diesen Helden, der alle Schlachten gewonnen hat (das Ende des Buches kennt Teo nicht), um Hilfe bitten, damit er seine Schlacht gewinnen kann. Doch Napoleon ist tot und Teo kann ihn nicht so einfach treffen, es sei denn…

Durch Befragung seines Umfeldes erfährt Teo mehr über den Tod, über Hölle und Paradies, über Wiedergeburt, negative Zahlen und so manches andere, das er in sein kindliches Weltbild einzuordnen versucht. Und nebenbei findet er im Außenseiter der Klasse einen Freund.

Dies alles erzählt Teo selber in einer kindgerecht einfachen Sprache mit kurzen Sätzen. Während der Lektüre habe ich mich allerdings oft gefragt, ob Achtjährige wirklich so denken wie Teo. Meiner Ansicht nach wird er sich an keiner Stelle wirklich über die Tragweite eines Selbstmordes klar und das scheint mir nicht so recht glaubwürdig, denn in seinem Alter hat er sicher schon den Tod erlebt, und sei es den Tod eines Haustieres.

Sehr gut gefallen hat mir dagegen die Beschreibung der Familiensituation. Obwohl die Eltern, die Schwester, eine Kinderfrau und die Lehrerin ständig in Teos Nähe sind, versucht keiner, ihm zu helfen, sich um ihn zu kümmern, seine Nöte zu verstehen. Zumindest von der Kinderfrau wäre dies zu erwarten gewesen, denn sie hat die nötige Distanz. Vielleicht sollte man das Buch allen Eltern in Trennung empfehlen, damit sie über den eigenen Sorgen ihre Fürsorgepflicht nicht vergessen.

Lorenza Gentile: Teo. dtv 2015
www.dtv.de

J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine

„Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.“ (Heimito von Doderer)

Seit Jahrzehnten verbringen die Mitglieder der irisch-amerikanischen Familie Kelleher die Sommerferien in ihrem Ferienhaus in Cape Neddick, Maine. Was lange der Treffpunkt für die Eltern Alice und Daniel mit ihren drei Kindern und deren Familien war und vor Leben pulsierte, ist nach Daniels Tod und der Aufteilung der Ferienmonate nur noch ein Ferienhaus, das man abwechselnd nutzt.

Doch in diesem Sommer ist alles anders und so treffen plötzlich vier Frauen aus drei Generationen des Clans aufeinander: Alice, die alte Matriarchin, die ihre Lebensträume nie verwirklichen konnte und lebenslang eine heimliche alte Schuld abbüßt, ihre Tochter Kathleen, geschieden, ehemalige Alkoholikerin, die sich vor der Familienenge nach Kalifornien geflüchtet hat und dort mit einem Althippie eine Wurmfarm betreibt, deren scheinbar perfekte Schwägerin Ann Marie, die sich in die Welt ihrer Puppenhäuser geflüchtet hat, und Kathleens Tochter Maggie, schwanger ohne Partner, die das selbstbestimmte Leben führt, das ihrer Großmutter verwehrt blieb. Der große Knall kann bei diesem Aufeinandertreffen nicht ausbleiben und was lange verdrängt und verschwiegen wurde, kommt nun auf den Tisch.

Abwechselnd erzählen die Frauen aus ihrer Perspektive über sich und die anderen und über die Möglichkeiten verschiedener Frauengenerationen, mal sarkastisch, mal nachdenklich, mal voller Bosheit, mal humorvoll, und am Ende kehrt jede dankbar in ihr Leben außerhalb Maines zurück.

Ein sehr unterhaltsamer, leicht geschriebener und dennoch gehaltvoller Familienroman.

J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine. Deuticke 2013
www.hanser-literaturverlage.de

Elsa Beskow: Pelles neue Kleider

Geben und nehmen

Es ist Frühling und Pelle ist wieder einmal gewachsen. Sein Anzug ist ihm viel zu klein. Also schert er sein Lamm. Doch wie soll aus der Wolle ein Anzug werden? Viele Menschen müssen helfen, ehe aus der Wolle ein Kleidungsstück wird: eine Großmutter kämmt die Wolle, eine zweite spinnt, der Maler hilft beim Besorgen von Farbe, die Mutter webt und der Schneider näht schließlich den neuen Anzug. Für jeden Dienst muss Pelle eine Gegenleistung bringen: für die Großmütter jätet er das Möhrenbeet und hütet die Kühe, für den Maler besorgt er Terpentin, für die Mutter passt er auf die kleine Schwester auf und für den Schneider recht er Heu, bringt Holz in die Stube und füttert die Schweine. So ist Pelle zu Recht stolz, als er am Sonntagmorgen den neuen Anzug tragen kann, denn er hat ihn sich selber verdient.

Über 100 Jahre ist dieses Bilderbuch der schwedischen Autorin und Illustratorin Elsa Beskow alt. Die schlichten, idyllischen und farblich schön gestalteten Bilder und der kurze, einprägsame und leicht verständliche Text sind Garant dafür, dass dieser Kinderbuchklassiker Kinder ab ca. drei Jahren und Erwachsene auch in den nächsten 100 Jahren noch begeistern wird.

Elsa Beskow: Pelles neue Kleider. Urachhaus 2016
www.urachhaus.de

Mathilde Stein: Wie Hasenherz die Angst besiegte

Vom Hasenherz zum Löwenherz

In diesem stimmungsvoll und detailreich in weichen, warmen Farben illustrierten Bilderbuch wird das Problem „Angst“ für Kinder ab dem Kindergartenalter hervorragend thematisiert.

Der kleine Junge Hasenherz hat ständig Angst: Vor dem Gespenst unter seinem Bett, vor der drängelnden Frau beim Bäcker und sogar vor seiner Lieblingsblümchenhose. Genervt sucht er Rat beim Zauberbaum, der in einem finsteren Wald steht. Und weil der ihm am Telefon gesagt hat, dass er keine Angst haben muss, geht er furchtlos am Drachen, der Riesenspinne und der Hexe vorbei. Der Weg ist das Ziel: Als er beim Zauberbaum ankommt, kann dieser ihn zum Löwenherz ernennen. Gestärkt und voller Selbstvertrauen kehrt der Junge nach Hause zurück.

Das erste und das letzte Bild zeigen die gleiche Situation, aber ein völlig verändertes Kind. Während Hasenherz am Anfang an einem stürmischen Herbsttag geduckt zur Bäckerei schleicht, kommt er auf dem letzten Bild, bekleidet mit der Blümchenhose, an einem strahlenden Herbsttag fröhlich mit zwei Muffins von dort zurück, eins für sich selber und eins für das Gespenst unter seinem Bett.

Mathilde Stein: Wie Hasenherz die Angst besiegte. cbj 2006
www.randomhouse.de

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab

Historischer Husumkrimi um Theodor Storm

Zuallererst: Ich lese historische Krimis vor allem wegen des Settings, also der Beschreibung des historischen Kontextes. Krimihandlung und Spannung stehen für mich an zweiter Stelle. In dieser Beziehung bin ich hier voll auf meine Kosten gekommen, denn das Husum des Jahres 1843 ist für mich sehr lebendig geworden. Szenen, die z. B. auf dem Jahrmarkt oder im Wirtshaus spielen, haben mir dabei besonders gut gefallen, genauso wie die sehr detaillierte Schilderung von Gebäuden, Plätzen und Straßen. Der Tatsache, dass darüber hinaus auch noch Theodor Storm an so prominenter Stelle in die Handlung eingebaut ist, stand ich zunächst skeptisch gegenüber. Nach der Lektüre kann ich aber sagen, dass dies vorzüglich gelungen ist, ich sehr viel Neues über Storm erfahren habe und somit in meinen Augen kein „Missbrauch“ vorliegt, wie ich es ein wenig befürchtet hatte. Die gute Recherchearbeit und der flüssige, der historischen Umgebung angepasste Schreibstil, sind weitere Gründe, diesen historischen Krimi zu empfehlen. Ein Lob auch an den Fischer Verlag für die gute Ausstattung, eine klare Schrift, eine solide Bindung und einen nahezu schreibfehlerfreien Druck, alles Dinge, die für mich sehr wichtig sind.

Den Fortgang der Handlung schildert uns der junge Schreiber Peter Söt, der 1843 nach Husum kommt und dort in die Dienste des jungen, soeben vom Studium in seine Heimatstadt zurückgekehrten Anwalts Theodor Storm tritt. Wir erfahren schnell, dass Söt keineswegs freiwillig gekommen ist, vielmehr steht er in Diensten und unter der Aufsicht eines mysteriösen „Meisters“, der Spitzeldienste von ihm verlangt. Kaum ist Söt in Husum angekommen, geschehen dort merkwürdige Dinge: Storms Vater erhält eine makabere Morddrohung und dann kommt es wirklich zu unnatürlichen Todesfällen. Und auf einer „Todesliste“ stehen die Namen von acht ehrbaren Bürgern, darunter auch der des alte Storm.

In Form von Puzzleteilen dazwischengestreut ist ein zweiter Handlungsstrang, in dem es um einen Schiffsuntergang und den einzigen Überlebenden geht. Wie die beiden Geschichten zusammenhängen, wird erst spät und allmählich klar.

Mir hat dieser erste Teil einer neuen Krimiserie um Theodor Storm und Peter Söt gut gefallen, wobei die Qualität der Recherche, der Sprache und der historischen Schilderungen die Spannung und den Fortgang der Krimihandlung eindeutig übertrifft. Hier wäre weniger manchmal mehr gewesen, sowohl bei der Anzahl der handelnden Personen als auch der Spuren und Wendungen. Dafür wünsche ich mir in den nächsten Bänden noch genauere Charakterbeschreibungen der Hauptfiguren und etwas mehr Einsicht in ihre Beweggründe, soweit dies eben bei einem Ich-Erzähler möglich ist.

Ich freue mich jedenfalls auf weitere Bände und auf meinen nächsten Besuch in Husum, durch das ich zukünftig mit anderen Augen spazieren werde.

Tilman Spreckelsen: Das Nordseegrab. Fischer 2015
www.fischerverlage.de

Alain Monnier: Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe

Sehr schräg, aber nie albern: eine Perle im Literaturmarkt

Auf den ersten Blick hat mich dieser lange, umständlich anmutende Titel angesprochen. Zusammen mit dem schrillen Cover und dem Qualitätsgaranten Arche Verlag waren meine Erwartungen hoch und wurden nicht enttäuscht! Dieser dünne Roman ist ein Kleinod, nicht nur für Frankreich-Liebhaber.

Die Mittdreißigerin Marie aus Toulouse bestellt einen neuen Kühlschrank, doch als der Lieferservice weg ist, muss sie feststellen, dass das Gerät defekt ist. Sie ruft die Hotline an, anschließend den Kundendienst und tritt damit eine weltweite Lawine los, die weder sie noch die beteiligten Akteure stoppen können. Am Ende versperren 17 Kühlschränke ihre kleine Wohnung, doch sie hat die Liebe gefunden, wo sie sie nie vermutet hätte, sich mit ihrem Vater ausgesöhnt und ist überhaupt eine ganz andere geworden.

Wer nun denkt, dass der Roman nur 160 Seiten lang Skurrilitäten aneinander reiht, liegt völlig daneben. Zwar ist die Handlung oft deutlich überzeichnet, doch wer schon mit Hotlines, Kundendiensten oder dem Kunstmarkt zu tun hatte, weiß, dass die Realität dort oft jede Satire toppt…

Eine Besonderheit dieses Romans ist sicherlich die Sprache. Es berichtet ein allwissender Erzähler, der uns immer wieder in die Handlung mit einbezieht, gleichzeitig sachlich, trocken, distanziert, liebevoll anteilnehmend und zugleich poetisch ist, und genau auswählt, welche Informationen er preisgibt und welche nicht. So verschweigt er uns sowohl Maries Beruf als auch die Namen der Männer ihrer Umgebung, doch wir erfahren alles, was für den Verlauf der Geschichte Bedeutung hat. Ein Lob hier auch an die Übersetzerin, die den Ton wunderbar trifft und durchhält.

Für mich ist „Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe“ eine wahre Perle am diesjährigen Literaturmarkt, beste Unterhaltung, schräg ohne je albern zu werden und mit einigem Tiefgang, den Monnier gekonnt hinter einem Augenzwinkern verbirgt.

Alain Monnier: Die wunderbare Welt des Kühlschranks in Zeiten mangelnder Liebe. Arche 2015
www.arche-verlag.com