Mühsam und enttäuschend

Meist sind es Briefe oder Fotos, die, von den Nachfahren überraschend gefunden, in der Literatur zur Aufdeckung alter Familiengeheimnisse führen. Im Roman Holunderholz des 1951 geborenen Autors Norbert Scheuer sollen alte Tonbänder und ein schweres Vorkriegs-Magnetophon von AEG diese Funktion erfüllen. Der Protagonist und Ich-Erzähler Johann, ein zurückgezogen lebender Computeringenieur, hat das Gerät seines Großvaters Justus Arimond auf Drängen seiner Mutter Isabelle samt deren Notizheft zunächst in der Abstellkammer seiner Wohnung gelagert. Erst nach ihrem Tod holt er beides hervor. Während eines Jahres, das sehr anschaulich von einer vor seinem Fenster nistenden Falkenfamilie begleitet wird, erleben wir Johann bei seinen Bemühungen um die beschädigten Bänder und seinen Assoziationen:
Irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr zuhörte – sondern nur noch erzählte. (S. 9)
Zwei Handlungsstränge
Während die Handlung um den eigenbrötlerischen Ich-Erzähler zwar sehr redundant, aber klar erzählt ist, blieb mir der im parallellaufenden Strang verschriftlichte Inhalt der Bänder gänzlich rätselhaft. Johann, der es trotz ausreichender finanzieller Mittel nie aus seiner trostlosen Hochhaussiedlung hinausschaffte, in der gezogen war, als er das Eifelstädtchen Kall gegen Köln eintauschte, pendelt zwischen Treffen mit seiner verheirateten Geliebten Maria in einem Stundenhotel, seiner Stammprostituierten Jutta, der nahen Kiesgrube und einer Autobahnraststätte. Beruflich sucht er nach Fehlern in Computerprogrammen, mit wenig Erfolg. Warum dieser ambitionslose IT-ler sich plötzlich dem Wunsch seiner toten Mutter beugt, mit der er wenig Kontakt hatte, und sich für die Familiengeschichte interessiert, erschloss sich mir aus seiner Charakterisierung nicht. Mit immer neuen, detailliert geschilderten Reparaturanstrengungen versucht er, dem Gerät Töne zu entlocken.
Diese mit Angabe der Bandnummern und Tonspuren wiedergegebenen Geräusche und Wortfetzen, aus denen Johann meint, sich eine Geschichte zusammenbasteln zu können, liefern nur unzusammenhängende Fragmente: der Großvater, ein ehemaliger SS-Oberst, der nach dem Krieg mit einem Militärlaster Saatgut verkaufte und ein fast stummes Mädchen mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte aufnahm, das er Rose nannte, und dem er eine Flöte aus Holunderholz schnitzte, ein undurchsichtiger Mann namens Vincentini, der in der Gegenwart dem Magnetophon und den Bändern nachjagd, ein Ungar und ein Jugoslawe, ein Schatz im Maar-See, dazu abwechselnd Knistern, Knacken, Pfeifen, Rauschen, Brummen und Stille sowie Hinweise auf Sprengstoff, der in Beziehung zur realen, bis heute unaufgeklärten Explosionskatastrophe in Prüm am 15. Juli 1949 stehen könnte.

„Leben lässt sich nicht vollständig erzählen, es bleibt Stückwerk.“ (S. 259)
Es wäre einfach, in das Lob des Feuilletons für diesen anerkannten Autor einzustimmen, von fantasieanregenden Leerstellen und poetischer Sprache zu schwärmen und dem Vorwurf der Ignoranz auf diese Art zu entgehen. Stattdessen gebe ich zu, dass ich mich zunehmend gelangweilt und nicht verstanden habe, welcher Erkenntnisgewinn mir aus der Lektüre erwachsen sollte. Dabei sind die dem Roman zugrundeliegenden Fragen durchaus interessant. Leerstellen der Vergangenheit halte ich für glaubhafter und reizvoller als lückenlose Rekonstruktion und beteilige mich gern an literarischen Puzzlespielen und Spekulationen, wenn zumindest ein Gerüst vorhanden ist und meine Neugier geweckt wird. Beides war hier leider nicht der Fall: Ein unzuverlässiger Erzähler, ein dementer Onkel und bruchstückhafte Bänder waren mir eindeutig zu wenig.
Vielleicht wäre es vorteilhaft gewesen, Norbert Scheuers andere Eifelromane um das fiktive Städtchen Kall, die Familie Arimond und einige der anderen Figuren zu kennen. Zumindest als Alleinroman war Holunderholz für mich jedoch mühsam zu lesen und enttäuschend.
Norbert Scheuer: Holunderholz. C.H.Beck 2026
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