Es ist nie zu spät

Die Erzählungen ihrer Großmutter aus der ostpreußischen Heimat faszinierten die Autorin Miriam Burdelski schon als Kind. Zu einer gemeinsamen Reise dorthin kam es nicht mehr, aber 2014 trat sie stattdessen die umgekehrte Fluchtstrecke mit Mann und Kindern an. Aus dem dabei gesammelten Material entstand der Debütroman Ist doch schön hier mit gänzlich anderen Figuren, jedoch einer ähnlichen Route, und vor allem, wie sie im Nachwort schreibt, in der Absicht, diesen Teil der deutschen Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren.
Eine Familie aus drei Frauen
Im Roman ist es die 19-jährige Liesel, die nach knapp bestandenem Abitur keinen Plan hat, in einer Autowaschanlage jobbt und einerseits aus Interesse an der Heimat ihrer geliebten Großmutter Emmi, andererseits zur Selbstfindung diese Reise alleine antreten will. Bis vor Kurzem wohnte Liesel mit ihrer Mutter Melanie und ihrer Großmutter in einer kleinen Zweieinhalbzimmerwohnung mit Blick auf einen Ein-Euro-Laden. Geld war nie genug da, Melanie, die als Teenagerin Mutter wurde, konnte diese Rolle nie ausfüllen und verlässt das Haus aufgrund einer schweren Depression kaum. Ihren Vater kennt Liesel nicht. Seitdem Emmi mit einer fortschreitenden Demenz im Heim lebt und nicht mehr für Tochter und Enkelin sorgen kann, kümmert sich Liesel um Melanie und besucht Emmi fast täglich.
So viel Emmi über Ostpreußen erzählt hat, so wenig sprach sie über die Flucht:
Der Moment, in dem sie den Hof verlassen hat, reiht sich nahtlos an den, als sie den neuen Hof im Alten Land betreten hat. (S. 61)
Auch in der Zeit danach gibt es Geheimnisse: Die „Emmi-Tage“, an denen sie verschwand, sind genauso rätselhaft wie Melanies Vater oder die Personen auf einem Foto, das Liesel findet. Doch nun scheint die Zeit für verlässliche Antworten vorbei zu sein.
Eine Achterbahn der Gefühle
Nur widerstrebend akzeptiert Liesel das Angebot des jungen Aushilfspflegers Jascha aus Krakau, sie in einem klapprigen geliehenen Lada bis Danzig mitzunehmen. Noch verstörender ist sein zweiter Vorschlag: Emmi, die unbedingt mitkommen will, zu entführen:
Ich will euch einfach nur dabei helfen, noch etwas Zeit miteinander zu verbringen. Außerhalb des Heims […] (S. 100)
Unvergessliche Tage erlebt die außergewöhnliche Reisegruppe bei ihrer Tour quer durch Polen, die für Liesel eine Achterbahnfahrt der Gefühle bereithält: schmerzhaft, tragisch, komisch, todtraurig, sehnsuchtsvoll, idyllisch, nervenzehrend, himmelhochjauchzend und frustriert. Eine Reise, auf der Jascha die richtigen Fragen stellt, und bei der nicht das Ankommen, sondern das gemeinsame Unterwegssein zählt, das Perspektiven verschiebt:
Die Suche nach meinen eigenen Zielen wird hier eher zu einer Suche nach vergangenen Geheimnissen. (S. 169)
Immer neue Fragen zu den Brüchen in der Familiengeschichte tauchen auf, immer kritischer hinterfragt Liesel die schwierige Dreiecksbeziehung der drei Frauen und immer geringer wird die Chance, mithilfe der spärlichen Puzzleteile aus Emmis klaren Momenten ein Bild zusammenzusetzen. Aber will Liesel das überhaupt?

Ein Debüt mit Sog
Obwohl ich normalerweise kein Fan von Roadmovies und lakonisch erzählten Romanen bin, hat mich Ist doch schön hier ab der ersten Seite gepackt: als spannend geschriebene, wendungsreiche Familiengeschichte, als Erinnerung an die Flucht Hunderttausender über das zugefrorene Frische Haff im Januar 1945, eindrückliches Zeugnis der Auswirkungen transgenerationaler Traumata und hoffnungsvolle, mutmachende Freundschafts-, Liebes- und Versöhnungsgeschichte ohne zu viel Happy End. Unter den durchweg gelungenen Charakteren, denen Miriam Burdelski mit großer Sensibilität begegnet, sticht besonders die zu Beginn frustrierte, verbitterte Ich-Erzählerin heraus, die sich spürbar und glaubhaft verändert und deren einzigartiger, oft humorvoller Ton für mich den besonderen Reiz des Romans ausmacht.
Ein erstaunliches, unbedingt lesenswertes Debüt, dem ich viel Aufmerksamkeit wünsche.
Miriam Burdelski: Ist doch schön hier. Blessing 2026
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