Fließende Veränderungen

Eine Gierseilfähre, die den Fluss ohne Motor nur mit Hilfe der Strömungskräfte des Wassers quert, ist der Arbeitsplatz der knapp 50-jährigen Fährfrau Sara Harmsen. In vierter Generation bringt die menschenscheue Endvierzigerin Fußgänger und Radfahrer über das Gewässer und lebt zurückgezogen mit ihren Tieren auf dem geerbten, inzwischen etwas heruntergekommenen Familienhof an der Anlegestelle Grüner Mond.
Dass dieser so malerisch in einer Flussbiegung gelegene, halbmondförmige Grund keine Idylle ist, macht der 1955 geborene Autor und Fotograf Jochen Mariss gleich zu Beginn seines Debütromans Tage am Fluss klar: Ein Fuchs dringt durch das schadhafte Dach des Hühnerstalls ein und verletzt Saras Lieblingshuhn so, dass sie es töten muss. Aber nicht nur der Fuchs und die Überforderung mit Haus und Grundstück bedrohen Saras Leben, auch ein Plan zur Errichtung einer Brücke auf Teilen ihres Grundstücks und der damit verbundene Verlust ihres Arbeitsplatzes und ihrer Ruhe setzen ihr zu. Die Dorfbevölkerung ist gespalten: Fortschritt, Zeitersparnis und die Hoffnung auf mehr Tourismus stehen gegen mehr Verkehr und die Zerstörung der Flussaue.
Noch ein weiterer Punkt macht Sara Sorgen: Die immer heißeren und trockeneren Sommer lassen ihren Brunnen austrocknen und den Wasserstand im Fluss unter den für den Fährbetrieb nötigen Pegel sinken. Ein Grund mehr für eine Brücke – oder gerade nicht?
Zwei, die mehr verbindet, als man denkt
Kurz bevor sie die Beförderung vorübergehend wegen Trockenheit einstellen muss, kommt ein verletzter junger Mann namens Leon ohne Geld auf ihre Fähre. Zögerlich befördert sie ihn und bietet ihm schließlich sogar widerwillig Unterschlupf, zunächst für eine Nacht, dann bleibt er gegen Mithilfe auf dem Hof.
Auf den ersten Blick scheinen Sara und Leon nichts gemein zu haben. Zwar lieben beide die Natur und sorgen sich um die Folgen von Umweltverschmutzung, Klimawandel und Konsumverhalten, aber Sara ist mehr als 20 Jahre älter, zurückgezogene Einzelkämpferin, leistet als nahezu Selbstversorgerin auf ihrem Hof praktischen Umwelt- und Naturschutz und bekommt die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen hautnah zu spüren. Leon dagegen ist als Klimaaktivist Teil einer großstädtischen Gruppe, die Demonstrationen, Sitzblockaden und eine Waldbesetzung initiiert, ist eher Theoretiker, leidet unter Zukunftsangst und Panikattacken, hat keinen Plan für sich selbst und wird polizeilich gesucht.

Was die beiden außer dem gemeinsamen Ziel vereint, sind nicht verheilten Wunden der Vergangenheit. Stückweise erfährt man in 41 Kapiteln auf gut 300 Seiten aus wechselnder personaler Sicht von ihren Monstern und Dämonen, ihren Verletzungen, Schuldgefühlen und Ängsten.
Unterhaltung plus
Es ist Jochen Mariss‘ großes Verdienst, dass er so aktuelle politische und gesellschaftliche Themen wie Klimaerwärmung, Dürre, Umweltzerstörung, Landschafts- und Ressourcenverbrauch, Konsumverhalten und die Frage, was Fortschritt bedeutet, die man eher in einem Sachbuch oder in einer Dystopie erwartet, in einen unterhaltsam zu lesenden Sommerroman verpackt und Kitsch weitgehend vermeidet. Dass das Buch gelegentlich in die Klischeefalle tappt und leider bisweilen auch ins Triviale kippt, ist schade, andererseits erreicht er damit vielleicht eine Zielgruppe, die sich sonst eher wenig für diese Themen interessiert. Dafür merkt man seinen atmosphärischen Naturschilderungen, ganz besonders den Szenen am Wasser, den Blick des Fotografen an, seiner bildreichen Sprache die Erfahrung als Lyriker. Gut gefallen hat mir, dass hier am kleinen Beispiel die Auswirkungen großer Veränderungen anschaulich gezeigt werden, die Figuren nachvollziehbare Veränderungen durchlaufen und am Ende einige Fäden lose bleiben.
Wer einen gehobenen Unterhaltungsroman sucht, der Spannung mit aktuellen Themen und gelungenen Naturbeschreibungen verbindet, liegt mit Tage am Fluss richtig.
Jochen Mariss: Tage am Fluss. Kiepenheuer & Witsch 2026
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