Einsamkeit, Alkohol und Geld

Wer sich beim neuen Roman Der gute Mensch von Sandvika der 1959 geborenen, in Deutschland vor allem für ihre autofiktionalen Bücher bekannten norwegischen Autorin Vigdis Hjorth an Der gute Mensch von Sezuan von Bertold Brecht erinnert fühlt, liegt richtig. Vigdis Hjorth dankt neben ihm unter anderem Rainer Werner Fassbinder, Thomas Bernhard, Marguerite Duras und Søren Kierkegaard für die Inspiration. Sie alle haben sich mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, ein guter Mensch zu sein und Barmherzigkeit zu üben.
Unter Trinkern
Als Ort der Handlung wählt Vigdis Hjorth eine einfache Kneipe in Sandvika, einer Kleinstadt im Speckgürtel von Oslo, in der vor allem Sozialamtsklientel verkehrt. Die namenlose Ich-Erzählerin, die zwei Jahre lang ebenfalls regelmäßig dort war, ist dagegen eine erfolgreiche, finanziell gut gestellte Schriftstellerin. Sie trinkt, beobachtet und schreibt, darauf bedacht, vor den anderen, aber insbesondere auch vor sich selbst, durch Laptop, Lektüren und ihren teuren Rassehund ihr Anderssein und ihre vermeintliche Überlegenheit herauszustellen. Dabei spürt sie instinktiv, dass nur ihre finanzielle Situation sie unterscheidet, während sie ihnen in Einsamkeit und Alkoholkonsum erschreckend gleicht:
Ich wusste nicht so recht, ob ich als Stammgast zählen wollte, in einer solchen Kneipe mit einer solchen Klientel. Was machte ich dort? Wenn die Scham kam, was sie in regelmäßigen Abständen tat, sagte ich mir, dass ich hier recherchierte. Wusste, dass das gelogen war, aber egal. (S. 94)

Kneipenregeln
Das erfolgreiche Arbeiten in diesem Umfeld von Trinkenden dient ihr als Legitimation. Voraussetzung dafür ist Distanz, garantiert durch die ungeschriebenen Kneipenregeln, die nicht mehr als ein Nicken zulassen. Doch diese Grundlage gerät ins Wanken, als sie sich zunehmend für eine Stammkundin zu interessieren beginnt. Diese treuherzig-kindlich wirkende, mollige Frau in den Vierzigern, etwas jünger als sie selbst, die sie in Gedanken „die Einfältige“ nennt, und die fast jeden Abend auf ihrem Stammplatz in der Ecke vier Halbe Bier trinkt, beflügelt ihre Neugier und Fantasie. Über den Hund kommt es zu einer vorsichtigen Annäherung mit ihr, Ada. Die Ich-Erzählerin beginnt sogar, die Hundewiese in der Nähe von Adas Sozialsiedlung aufzusuchen, um ihr zufällig zu begegnen, ohne die Gründe für die magische Anziehungskraft zu verstehen. Ist es, weil sie ohne ihren beruflichen Erfolg selbst in deren Situation sein könnte? Mitleid? Ein Gefühl der Überlegenheit? Oder fasziniert sie Adas „intuitive Sensibilität“ (S. 91), ihre große Hilfsbereitschaft, die die Ich-Erzählerin gleichermaßen bestaunt und für gefährlich hält? Ada, die immer von anderen abhängig war, träumt davon, selbst Bedürftigen zu helfen. Als das Schicksal ihr die Mittel dafür zuspielt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf und sie klagt:
… gut sein sei zu schwer, die Welt sei zu schwer, und wer den Verlorenen helfen wolle, sei selbst verloren. (S. 167)
Kurze Lektüre – langer Nachhall
Der gute Mensch von Sandvika umfasst nur 172 Seiten mit drei Kapiteln von unterschiedlicher Länge: Der ausführliche Mittelteil beschreibt die Ereignisse der beiden Kneipenjahre, die kurzen Kapitel eins und drei die Zeit danach.
Vigdis Hjorth ist wie immer eine äußerst genaue Beobachterin, die die Kneipenatmosphäre und die innere Zerrissenheit ihrer Ich-Erzählerin gekonnt in Sprache umsetzt, souverän übersetzt von Gabriele Haefs. Nach unspektakulärem Beginn hat mich der ruhige Text um Einsamkeit, Außenseitertum, Einmischung in andere Leben, soziale Unterschiede und Barmherzigkeit rasch mitgerissen. Einfache Antworten auf das moralische Dilemma und die doppelte Schuldfrage gibt Vigdis Hjorth nicht, aber sie liefert ihren Leserinnen und Lesern alles, was es zum Nachdenken darüber braucht. Genau das erwarte ich von guter Literatur.
Vigdis Hjorth: Der gute Mensch von Sandvika. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. S. Fischer 2026
www.fischerverlage.de
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