„Es war damals nicht sehr leicht, ein guter Mensch zu sein“
S
chon lange, vielleicht seit Jean-Michel Guenassias Roman Der Club der unverbesserlichen Opitimisten, habe ich kein Buch mehr gelesen, das eine solche Sogwirkung auf mich ausgeübt und mir so viel gegeben hat.
Die über 500 Seiten lange Geschichte ist mosaikartig aufgebaut, die Kapitel umfassen selten mehr als drei Seiten, und obwohl keinerlei Chronologie eingehalten wird, kann man als etwas geübter Leser jederzeit leicht den Überblick behalten. Erzählt werden drei Geschichten aus den Jahren 1934 bis 1945 und im Nachklapp erfährt man kurz, wie es 1974 und 2014 weiterging.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen das blinde französische Mädchen Marie-Laure aus Paris und der deutsche Waisenjunge Werner aus der Zeche Zollverein. Beide führt das Schicksal im Jahr 1944 für kurze Zeit im stark umkämpften St. Malo zusammen: Marie-Laure ist mit ihrem Vater wegen des Krieges aus Paris dorthin zu ihrem Großonkel und dessen Hausangestellter geflohen, im Gepäck versteckt einen ungeheuer wertvollen Diamanten, das „Meer der Flammen“, aus dem Pariser Musée National d’Histoire Naturelle und Werner, der Junge, dem ein Schicksal in den Kohleminen vorbestimmt schien, der aber dank seiner überragenden Begabung für Sendetechnik einen Platz an einer Eliteschule der Nazis erhalten hat und mit 16 Jahren an die Front geschickt wurde, um versteckte Partisanensender aufzuspüren. Für beide gilt, was Werners Schwester 1974 sagen wird: „Wir wurden alle vor der Zeit erwachsen.“
Der dritte Handlungsstrang erzählt die Geschichte des deutschen Stabsfeldwebels und Diamantenexperten von Rumpel, der für den Führer Kunstschätze requirieren soll und den Diamanten nicht zuletzt deshalb jagt, weil er, der unheilbar Erkrankte, sich von dem sagenumwobenen Stein Heilung erhofft.
Anthony Doerr hat diesen Roman kunstvoll komponiert und erzählt in sehr bildhafter, poetischer Sprache, wobei die Leitmotive „Schlüssel“, „Schnecke“ und vor allem „Licht“ von großer Bedeutung sind. Er geleitet den Leser mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und großem Einfühlungsvermögen für seine Protagonisten durch 500 Seiten, legt unzählige Fäden aus und vergißt keinen wieder aufzunehmen, wofür er zu Recht den Pulitzer-Preis erhalten hat.
Am Ende sind alle losen Enden verknüpft und wir können Juttas Aussage „Es war damals nicht leicht, ein guter Mensch zu sein“ dahingehend ergänzen, dass einige es trotzdem versucht haben.
Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen. C.H. Beck 2015
www.chbeck.de
chdem
en 1959 und 1964 spielt dieser 2009 mit dem „Prix Goncourt des lycéens“ ausgezeichnete Roman.
ächst das Positive über diesen neuen Annika-Bengtzon-Krimi: Dies ist kein Krimi, den man einfach so herunterliest. Die Handlung ist äußerst komplex, es sind mehrere Fälle ineinander verwoben, einer davon fast 20 Jahre alt. Das ist manchmal nicht ganz einfach zu durchschauen und manche Kapitel kann man erst im Nachhinein einordnen und verstehen, hat mir aber Spaß gemacht. Gekonnt und routiniert schafft es Liza Marklund, am Ende viele (nicht alle) Fäden zu entwirren, obwohl man das bis kurz vor Schluss für fast unmöglich hält.
Ehrlich gesagt habe ich hier eine ganze Weile zwischen vier und fünf Sternen geschwankt – und mich schließlich aus Sicht der Kinder für fünf entschieden, denn dieses Buch um die Abenteuer der zehnjährigen Tilla Puppilla und ihrer Riesenfledermaus Zwieback, die mit einem umgebauten Eisenbahnwaggon auf Reisen gehen, ist so überaus fantasievoll und witzig, dass alle ihren Spaß daran haben.
Unfalltod ihrer Mutter erhält die Pariser Verlagslektorin Camille in den 1970er-Jahren Briefe, die ihr einzelne Kapitel einer bewegenden Geschichte erzählen. Zunächst vermutet sie den Trick eines Autors dahinter, der eine seiner Geschichten in ihrem Verlag platzieren möchte, aber je mehr sie liest, desto mehr wird ihr klar, dass es darin um sie und ihre Vergangenheit geht.
s kleine, mit den Bilder von Quint Buchholz wunderbar aufwändig ausgestattete Büchlein aus dem Insel-Verlag, sollte in keiner Buchhandlung fehlen, denn es ist das ideale Geschenkbuch für zwischendurch, wie es so häufig von Kunden nachgefragt wird. Man kann damit als Mitbringsel eigentlich kaum falsch liegen.
d ist tot.“ So beginnt der erste auf Deutsch erschienene Roman der jungen, in Paris geborenen Autorin Amanda Sthers. Alfred, der Schreiber, war einer der beiden letzten Juden Kabuls. Der andere ist Simon, der Schuster aus dem Iran, der Alfreds Geschichte vor dem Vergessen bewahren will, indem er sie viele Jahre später aufschreibt.
gut 100 Seiten umfasst John von Düffels Novelle Hotel Angst und doch erzählt sie drei Geschichten. Zum einen ist es die Geschichte des real existierenden „Hotel Angst“ in Bordighera an der italienischen Riviera, benannt nach seinem Schweizer Besitzer Adolph Angst. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es ein riesiges Luxushotel für zahlreiche Größen aus Adel, Politik und Hochfinanz, bis Mussolini es für die Faschisten requirieren ließ und es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dem Verfall preisgegeben wurde. Zum zweiten ist es eine Geschichte vom Erwachsenwerden des Erzählers, von seinen irritierenden Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht während der Familienurlaube in Bordighera. Zuallererst aber ist es eine Hommage an den gerade verstorbenen Vater. Denn während die Mutter und der Bruder zuhause die Hinterlassenschaften des Vaters auflösen, fährt der Autor an die Riviera auf der Suche nach seinem Vater und dessen Lebenstraum: der Instandsetzung des Grandhotels im alten Glanz. War der Vater nämlich während des Jahres ein ruhiger, unauffälliger Mann und braver Familienvater, so wurde er während der Sommerurlaube in Bordighera umtriebig und lebendig, arbeitete unermüdlich an Konstruktionszeichnungen, Plänen und Berechnungen und scheiterte schließlich doch an der Kompromisslosigkeit seiner Träume.
l Backman, Rechtsanwalt und einst einer der mächtigsten und skrupellosesten Lobbyisten Washingtons, wird nach nur sechs Jahren Haft vom scheidenden Präsidenten überraschend begnadigt. Während die Öffentlichkeit noch über die Motive rätselt, weiß der Leser schnell warum: Backman, der sich vor sechs Jahren beim versuchten Verkauf einer Software zu einem geheimen Satellitensystem an die meistbietende Nation übernommen hat, hat viele Geheimnisse mit ins Gefängnis genommen. Da die CIA an eigene Staatsbürger nicht herankommt, drängt sie auf Backmans Freilassung. Er soll zunächst im Ausland versteckt werden und eine neue Identität erhalten, nach einer gewissen Zeit soll die entsprechende Information jedoch gezielt an die in Frage kommenden Geheimdienste lanciert werden um dann zu beobachten, wer ihn liquidiert.