Eine traurige Geschichte über Freundschaft, Liebe und religiösen Fanatismus
„Alfre
d ist tot.“ So beginnt der erste auf Deutsch erschienene Roman der jungen, in Paris geborenen Autorin Amanda Sthers. Alfred, der Schreiber, war einer der beiden letzten Juden Kabuls. Der andere ist Simon, der Schuster aus dem Iran, der Alfreds Geschichte vor dem Vergessen bewahren will, indem er sie viele Jahre später aufschreibt.
15 Jahre lang haben die Beiden als Nachbarn in der Chicken Street gelebt, haben sich eingeredet sich nicht zu mögen und waren doch bei der Ausübung ihrer Religion aufeinander angewiesen. Da tritt die junge Afghanin Naema in ihr Leben, die ein Kind von einem amerikanischen Journalisten erwartet. Bei dem Versuch, sie vor der Steinigung zu bewahren, erkennen sie ihre Freundschaft füreinander: „An jenem Tag habe ich begriffen, dass diese fröhliche Abneigung, diese anhängliche Übellaunigkeit von tiefer Freundschaft zeugte, mehr noch, sehr viel mehr noch: von brüderlicher Liebe.“
Die überaus tragische Geschichte von Alfred, Simon, Naema, dem Journalisten Peter und dessen Frau Jenny ist so poetisch, mit so viel sanfter Melancholie erzählt, dass sie mich beim Lesen im Innersten berührt hat.
Amanda Sthers: Die Geisterstraße. Luchterhand 2006
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gut 100 Seiten umfasst John von Düffels Novelle Hotel Angst und doch erzählt sie drei Geschichten. Zum einen ist es die Geschichte des real existierenden „Hotel Angst“ in Bordighera an der italienischen Riviera, benannt nach seinem Schweizer Besitzer Adolph Angst. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war es ein riesiges Luxushotel für zahlreiche Größen aus Adel, Politik und Hochfinanz, bis Mussolini es für die Faschisten requirieren ließ und es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges dem Verfall preisgegeben wurde. Zum zweiten ist es eine Geschichte vom Erwachsenwerden des Erzählers, von seinen irritierenden Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht während der Familienurlaube in Bordighera. Zuallererst aber ist es eine Hommage an den gerade verstorbenen Vater. Denn während die Mutter und der Bruder zuhause die Hinterlassenschaften des Vaters auflösen, fährt der Autor an die Riviera auf der Suche nach seinem Vater und dessen Lebenstraum: der Instandsetzung des Grandhotels im alten Glanz. War der Vater nämlich während des Jahres ein ruhiger, unauffälliger Mann und braver Familienvater, so wurde er während der Sommerurlaube in Bordighera umtriebig und lebendig, arbeitete unermüdlich an Konstruktionszeichnungen, Plänen und Berechnungen und scheiterte schließlich doch an der Kompromisslosigkeit seiner Träume.
l Backman, Rechtsanwalt und einst einer der mächtigsten und skrupellosesten Lobbyisten Washingtons, wird nach nur sechs Jahren Haft vom scheidenden Präsidenten überraschend begnadigt. Während die Öffentlichkeit noch über die Motive rätselt, weiß der Leser schnell warum: Backman, der sich vor sechs Jahren beim versuchten Verkauf einer Software zu einem geheimen Satellitensystem an die meistbietende Nation übernommen hat, hat viele Geheimnisse mit ins Gefängnis genommen. Da die CIA an eigene Staatsbürger nicht herankommt, drängt sie auf Backmans Freilassung. Er soll zunächst im Ausland versteckt werden und eine neue Identität erhalten, nach einer gewissen Zeit soll die entsprechende Information jedoch gezielt an die in Frage kommenden Geheimdienste lanciert werden um dann zu beobachten, wer ihn liquidiert.
s Kind hatte es mir Winnetou angetan, später war ich fasziniert vom Schicksal der Familie Greifenklau, aber als ich Karl Mays Bücher mit 20 Jahren wieder zur Hand genommen habe, fand ich sie beinahe unlesbar.
Nach der Reichskristallnacht gelingt es der brandenburgischen Familie Finkelstein, die heimische Konditorei zu verkaufen und eine Schiffspassage ins ferne Schanghai zu ergattern. Während ihr jüdischer Vater und die evangelische Mutter das Trauma des Heimatverlustes schwer verkraften, saugt die zehnjährige Inge begierig alles Neue auf. In Schanghai angekommen, öffnet sie sich der neuen Kultur und ist magisch angezogen von der Sprache, den Schriftzeichen und dem bunten Leben auf der Straße. Zwangsläufig wird sie für die Außenkontakte der Familie zuständig und feilscht auf dem Markt mit den Händlern.
omer und ihr indischer Mann leben als junge Ärzte in San Francisco. Zu ihrem Glück fehlt nur noch ein Kind, doch mehrere Schwangerschaften scheitern und schließlich erhält Somer die niederschmetternde Nachricht, dass sie nie eigene Kinder haben wird.
Eine frühe Auszeichnung kann Ansporn oder Fluch sein. Der Physiker Michael Beard, der schon mit Ende 20 den Nobelpreis erhalten hat, ruht sich seither auf seinen Lorbeeren aus, hält hochdotierte Vorträge, leitet, obwohl ihn die Erderwärmung keineswegs interessiert, ein Institut für die Erforschung erneuerbarer Energien und verschleudert Steuergelder für ein sinnloses Windenergie-Projekt. Nebenbei wird er immer glatzköpfiger und eitler, isst und trinkt maßlos und seine fünfte Ehe steht wegen seiner zahlreichen Affären vor dem Aus.
silien war Gastland der Frankfurter Buchmesse 2013 und dem Verlag Manesse verdanken wir es, dass ein Roman eines der großen Autoren Lateinamerikas des 19. Jahrhunderts, Machado de Assis (1839 – 1908), aus diesem Anlass neu übersetzt erschienen ist.
r behütetes Leben in Wien muss Elise im Jahr 1938 gegen eine Stelle als Hausmädchen in England eintauschen. Mit der Perlenkette ihrer Mutter, dem neuesten, in einer Viola versteckten Manuskript ihres Vaters und „Mrs. Beeton’s Household Management“, der Bibel jedes englischen Hausangestellten im Gepäck, reist sie nach Tyneford in Dorset, wo der freundliche Mr. Rivers sie beschäftigen will. Während Elise mühsam lernt, Fußböden zu bohnern, Silber zu polieren und Mahlzeiten stilgerecht zu servieren, verzehrt sie sich in Sorge um ihre Eltern, deren sichergeglaubtes Visum für die USA auf sich warten lässt. Doch als Kit, der Sohn des Hauses, zu Besuch kommt, scheint sich Elises Schicksal zu wenden…
Diese Liebesgeschichte ist mir sehr fremd geblieben, denn die beiden Protagonisten sind einfach zu unterschiedlich, und dem Autor gelingt es nicht, zu vermitteln, was sie verbindet. Auf der einen Seite Marina, das begnadete Klaviertalent, auf der anderen Seite Stead, der Seemann, die nach nur drei gemeinsam verbrachten verliebten Tagen jahrelang auf der ganzen Welt nacheinander suchen, ist mir als Story einfach zu weit hergeholt.