Pontus Ljunghill: Der Mann im Park

Ein historischer Schwedenkrimi aus der Feder eines Kriminologen

Stockholm 1928: Trotz intensiver Ermittlungsarbeit gelingt es dem Team um den aufstrebenden Kommissar John Stierna nicht, den Mörder der achtjährigen Ingrid zu fassen, obwohl man ihm angesichts der primitiven Methoden der Zeit erstaunlich nahe kommt.

Visby 1953: Kurz vor Ende der Verjährungsfrist geht Stierna in Pension. Der Misserfolg hat seine gesamte Berufslaufbahn und sein Privatleben überschattet und den ehrgeizigen Ermittler gebrochen. Als ein Journalist ihn zu dem Fall befragen will, holt er die alten Akten noch einmal hervor…

Pontus Ljunghill, Kriminologe und Journalist, führt die Reihe schwedischer Krimiautoren nach Sjöwall/Wahlöö nahtlos fort und verbindet Krimihandlung mit Sozialkritik. Sein grandioses Debüt ist kein schneller Actionthriller, sondern ein typisch melancholischer, detailliert geschriebener Schwedenkrimi und eine Charakterstudie mit viel historischem Flair, bei der man trotz verschiedener Zeitebenen und Perspektiven leicht den Durchblick behält.

Pontus Ljunghill: Der Mann im Park. Heyne 2013
www.randomhouse.de

Kate Hamer: Das Mädchen, das rückwärts ging

5 Jahre und 215 Tage

Wie kann man als Mutter weiterleben, wenn der größte Alptraum Realität geworden, das eigene Kind vor den Augen spurlos verschwunden ist? Für Beth, nach traumatischer Trennung seit kurzem Single und in ständiger Sorge um das einzige Kind, die 8-jährige Carmel, wird genau das wahr. Während sie mit Carmel ein Geschichtenfestival besucht, wird das sensible, verträumte und etwas altkluge Kind, das unter der Überfürsorge der Mutter und dem Verlust des Vaters leidet, scheinbar vom Nebel verschluckt.

Da die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Beth und von Carmel erzählt wird, bleiben dem Leser Beths‘ schlimmste Befürchtungen, Carmel könnte nicht mehr am Leben sein, erspart. Trotzdem habe ich beim Lesen gelitten, vor allem mit der Mutter, die von Schuldgefühlen geplagt wird und nicht aufhören kann zu suchen. Dass sie im Laufe der Jahre trotz allem zu einem neuen Leben findet, eine Berufsausbildung macht, sich mit ihrem Ex-Mann und dessen neuer Frau versöhnt, gar deren Kinder hütet, und neue Freundschaften knüpft, ohne jemals die Hoffnung auf Carmels Rückkehr aufzugeben, hat die Autorin sehr einfühlsam und glaubhaft erzählt. Dieser Erzählstrang hat mich emotional noch mehr berührt als die Geschichte von Carmel, die aus der Sicht eines Kindes, später eines jungen Mädchens, die Jahre ihrer Entführung durch einen religiös motivierten Fanatiker erzählt, der ihr einzureden versteht, ihre Mutter wäre tödlich verunglückt und der Vater aufgrund der neuen Beziehung nicht Willens, sie zu sich zu nehmen. Stark fand ich bei diesem Erzählstrang die Schilderung, wie Carmel um ihre Erinnerung und um ihre Identität kämpft, um sich selber nicht zu verlieren.

Der Autorin ist es gelungen, einen durchweg spannenden Roman zu schreiben, emotional aber nicht kitschig, beklemmend aber durch die beiden Perspektiven gut auszuhalten.

Das Cover, das mich zunächst sehr angesprochen hat, empfand ich im Laufe der Lektüre nicht mehr als passend. Warum nicht ein Kind im roten Mantel und mit Locken, wie Carmel geschildert wird? Das abgebildete Mädchen hat für mich nichts mit Carmel gemeinsam. Es erschließt sich mir auch nicht, warum man den englischen Originaltitel The Girl in the Red Coat nicht wörtlich übersetzt hat, das hätte mir besser gefallen. Ansonsten finde ich das Buch sehr schön gemacht, die Schrift sehr gut lesbar, das Papier angenehm, keine Druckfehler – eben so, wie ich es vom Arche Verlag gewöhnt bin.

Kate Hamer: Das Mädchen, das rückwärts ging. Arche 2015
www.arche-verlag.com

Angélique Mundt: Nacht ohne Angst

Tatort Universitätspsychiatrie Hamburg, Station 2

Die Psychotherapeutin Tessa Ravens kann und will es nicht glauben, dass eine junge, depressive Patientin ihrer Station sich das Leben genommen haben soll. Das fehlende Tagebuch und der ebenso unauffindbare Geldbeutel scheinen ihr Recht zu geben. Und kaum haben Hauptkommissar Torben Koster und sein Kollege Liebetrau mit den Ermittlungen begonnen, wird die Bettnachbarin der Toten ermordet. Kann das Zufall sein?

Unterstützt von Tessa Ravens ermitteln die beiden Polizisten in einem schwierigen Umfeld. Zahlreiche Verdächtige, unberechenbare Zeugen und ein arroganter, undurchsichtiger Oberarzt, der sich mehr für seine Medikamentenstudie als für die Patienten und die Ermittlungen interessiert, lassen sie fast verzweifeln.

Ein gut konstruierter, logisch aufgebauter, durchweg spannend und flüssig erzählter Debütkrimi einer neuen Autorin, die als Psychotherapeutin das Umfeld bestens kennt.

Angélique Mundt: Nacht ohne Angst. btb 2013
www.randomhouse.de

Klaus Bednarz: Das Kreuz des Nordens

Reise durch Karelien

„Schöne Landschaften – tragische Geschichte“, so fasst Klaus Bednarz, pensionierter ARD-Journalist, die Eindrücke seiner Reise durch Karelien zusammen. Das hoch im rauen Norden gelegene Grenzland zwischen Finnland und Russland gehört zu den ältesten Kulturlandschaften des Kontinents. Zeugnisse der bewegten Geschichte von den Jahrtausende alten Steinzeichnungen über die Gräueltaten in den verheerenden Kriegen bis zum ersten Gulag Stalins, grandiose Natur, einzigartige Kulturdenkmäler wie Holzkirchen und Klöster sowie eindrucksvolle Porträtaufnahmen der dort lebenden Karelier, Samen und Wepsen, die heute um den Erhalt ihrer Traditionen und Sprachen kämpfen, hat die Fotografin Gabi Mühlenbrock eingefangen. Entstanden ist ein wunderbarer Bildband mit informativen und einfühlsamen Texten, der die Sehnsucht nach diesem einsamen, vorwiegend von Seen und Wäldern bedeckten Land weckt.

Klaus Bednarz: Das Kreuz des Nordens. Rowohlt Berlin 2007
www.rowohlt.de

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran

Super Cover, aber leider enttäuschender Inhalt

Das Cover dieses Buches ist eines der gelungensten und passendsten Cover, die ich kenne. Denn auch wenn das Wort „voran“ drei Mal im Titel vorkommt, in Wirklichkeit geht es hier nicht oder kaum „voran“.

Der US-Amerikaner Ryan Bartelmay begleitet in seinem Debütroman zwei Brüder über fast ein halbes Jahrhundert zwischen 1950 und 1998. Traumatisiert durch den Selbstmord des depressiven Vaters und den Verlust der Mutter, die mit ihrem Liebhaber nach Florida durchgebrannt ist, wollen sie eigentlich beide nur eines: mehr aus ihrem Leben machen, eine intakte Familie gründen, ein Haus. Beide sind getrieben von ihrer Sehnsucht nach Liebe und Verlässlichkeit und gehen frühe Ehen ein. Doch während der ältere, Buddy, nach langen Schwierigkeiten und vielen Irrungen und Wirrungen schließlich sein Glück mit der Familie findet, bleibt Chic ein ewig Suchender, der in seinen schöngeredeten Erinnerungen verharrt. Dabei besteht immer wieder Grund zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft für Chic, doch das einzige Kind ertrinkt, der Swimmingpool bleibt unvollendet, seine Ehe wird trotz mancher Versuche von beiden Seiten nie erfüllend, die Dichterkarriere endet abrupt und auch seine vermutlich letzte Chance auf Glück lässt er ungenutzt verstreichen.

Nach der Leseprobe hatte ich große Erwartungen an das Buch, die sich dann aber leider nicht erfüllt haben. Obwohl ich Bücher mit Zeitsprüngen und Perspektivwechseln gerne mag, hat mich diese Technik hier nicht überzeugt, u.a. weil die sehr kurzen Kapitel zu wahllos aneinandergereiht waren. Während diese puzzleartige Anordnung sonst Spannung erzeugt und einen Roman belebt, habe ich sie hier als gewollt und nervend empfunden. Auch die Protagonisten sind mir im Laufe der 430 Seiten nicht nahe gekommen, ich habe nicht wirklich mit ihnen gelebt, mich nicht mit ihnen identifiziert oder mit ihnen gelitten, sie sind mir leider fremd und distanziert geblieben.

Was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, sind die Vergleiche mit Richard Russo und v.a. John Williams. Weder erreicht Bartelmay Russos feinen Humor, noch gar Williams’ Tiefe.

Ryan Bartelmay: Voran, voran, immer weiter voran. Blessing 2015
www.randomhouse.de

Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod

Was heißt schon „sanft“?

Ein sanfter Tod ist das Protokoll Simone de Beauvoirs zum dreißig Tage währenden Todeskampf ihrer Mutter, aber zugleich auch ein Rückblick auf ihrer beider Leben und die Analyse ihrer Konflikte, die erst angesichts des nahen Todes allmählich aufgehoben werden.

Neben diesen ganz persönlichen Aspekten geht es aber auch um die Frage von Alter und Tod, um die Frage nach der Ehrlichkeit gegenüber dem Sterbenden in Bezug auf die Diagnose und die Grenzen der Medizin.

Die große französische Autorin schrieb das Buch 1964 nach dem Tod ihrer Mutter, um die eigene Erschütterung zu verarbeiten. Entstanden ist ein nach wie vor aktuelles Buch, das den Verfall eines Menschen im letzten Stadium einer Krebserkrankung bis ins kleinste Detail schildert und trotzdem nie peinlich wirkt. Ein Buch, das ich schon mehrmals gelesen habe und das mich immer wieder beeindruckt und berührt.

Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod. Rowohlt 1968
www.rowohlt.de

Tina Zang: Der Karatehamster legt los

Alarm im Hamsterstall

Nicht nur die Charaktere von Menschen, auch die von Hamstern sind sehr verschieden. Und so kracht es nicht nur in der Patchworkfamilie der 12-jährigen Kira zwischen ihr und ihrem „Zwangsbruder“ Heiko, sondern genauso im Hamsterstall. Auch dessen Bewohner leben in einer Zwangsgemeinschaft, trotzdem müssen sich der abenteuerlustige, karatebegeisterte Neo, der verfressene Chang und der philosophierende eingebildete Kranke Lee notgedrungen vertragen, denn sonst droht die Kastration …

Für Abwechslung im Hamsterleben sorgen Kira und ihr Freund Jan. So jagt das Trio u.a. in den verschiedenen Bänden der Reihe einen Brieftaschendieb, nimmt am Hamstercasting für „Nagi sucht den Superhamster“ teil und verliebt sich in die Hamsterdame Mariechen.

Tina Zangs Bücher mit dem Ich-erzählenden Karatehamster in der Hauptrolle stecken voller witziger Einfälle, Humor, Ironie und Spannung. Sie eigenen sich als Vorlesegeschichten ab fünf, zum Selberlesen ab acht Jahren.

Tina Zang: Der Karatehamster legt los. Ars Edition 2007
www.arsedition.de

Rainer Moritz: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe

Eine Pariser Liebesgeschichte

In einem anonymen Mietshaus am Montmartre wohnen Nathalie, die französische Buchhändlerin mit einem Faible für alte französische Chansons und der deutsche Betriebswirtschaftler Robert, der in der Pariser Dependance einer Reutlinger Korkenfabrik arbeitet und Postkarten von Stillleben sammelt. Beide haben sich nach einer Enttäuschung in ihrem Singledasein eingerichtet, doch spürt man eine uneingestandene Sehnsucht. Trotzdem wären sie wohl nie über ein Kopfnicken hinausgekommen, wäre da nicht der Wasserrohrbruch in Nathalies Appartement, der ein wahres Gefühlschaos heraufbeschwört…

Rainer Moritz’ erster Roman ist eine leichte, bezaubernde Pariser Liebesgeschichte in genau der wunderbaren Sprache, die ich bei diesem Autor so liebe.

Rainer Moritz: Madame Cottard und eine Ahnung von Liebe. Piper 2013
www.piper.de

Sadie Jones: Jahre wie diese

Ein Roman, der im Verlauf immer besser wird

Bis zur Hälfte des vierten Romans der 1967 geborenen Britin Sadie Jones hätte ich eine Bewertung mit 4 Sternen noch ausgeschlossen, aber dann hat mich das Buch doch noch gepackt und mir immer besser gefallen.

Luke, dessen Vater trinkt und dessen Mutter in einer psychiatrischen Einrichtung lebt, bricht 1972 aus dem Provinzleben und seinem langweiligen Bürojob aus, um in London Dramatiker zu werden. Die schnell gegründete Dreier-WG mit den ebenfalls vom Theater besessenen Freunden Paul und Leigh ordnet dem Traum von der Bühne alles unter. Doch als sich die ersten Erfolge einstellen, lernt Luke Nina kennen, Tochter einer erfolglosen, schwierigen Schauspieler-Mutter und inzwischen selber Schauspielerin, die die Fremdbestimmung durch die Mutter gegen eine unglückliche Ehe mit einem Produzenten eingetauscht hat. Und während Luke bisher eher unstet in seinen Beziehungen war, verfällt er der labilen Nina von einem Moment zum anderen und droht alles aufs Spiel zu setzen, was ihm wichtig ist: Freundschaft, Loyalität, Vertrauen und sogar seine Karriere.

Mit Hilfe von Rückblenden zeigt Sadie Jones, wie ihre Protagonisten durch ihr Elternhaus und ihre Erziehung geprägt wurden und wie dieser familiäre Hintergrund trotz aller äußerlichen Befreiung haften bleibt. Hier liegt für mich eine der Stärken des Romans, auch wenn diese Tatsache desillusioniert. Den größten Pluspunkt stellt für mich jedoch die Schilderung der Londoner Theaterwelt in den 1970er-Jahren dar, die Sadie Jones anschaulich und detaillreich beschreibt. Dagegen empfand ich das  Beziehungskarrussell der Hauptpersonen oft eher als langatmig und nervend, ein Weniger wäre hier mehr gewesen.

Ein Wort noch zur von der DVA gewählten Schrifttype. Bitte verwenden Sie diese nicht mehr für einen Roman. Sie sieht zwar modern aus, liest sich aber extrem schlecht. Ich konnte mich bis zum Schluss nicht daran gewöhnen und die ersten 200 Seiten hat sie mich regelrecht in meiner Konzentration gestört. Ich würde mir kein Buch mit dieser Schrifttype kaufen. Die Buchstaben sind sehr klein, sehr breit und teilweise auch unschön, wie z. B. „Q“.

Sadie Jones: Jahre wie diese. DVA 2015
www.randomhouse.de

Rolf Dobelli: Massimo Marini

Aufstieg und Fall

Als Säugling wird der kleine Massimo von seinen Eltern, Saisonarbeitern aus Süditalien, in die Schweiz eingeschmuggelt. Es dauert Jahre, bis die Familie offiziell als Familie in der Schweiz leben kann. Die Eltern bringen es von rechtlosen Fremdarbeitern zu einem eigenen Tunnelbauunternehmen, aber der Sohn rebelliert. Er beteiligt sich zu ihrem Entsetzen an den gewalttätigen Opernhauskrawallen, die 1980 die Schweiz erschüttern, und an den militanten Atomkraftprotesten in der Bundesrepublik. Erst nach dem Tod des Vaters kehrt Massimo zurück und übernimmt das erfolgreiche Familienunternehmen. Der Auftrag für den Gotthardtunnel und der Durchstich könnten sein größter Triumph sein, doch es wird sein Untergang.

Rolf Dobelli, Schweizer Schriftsteller und Max-Frisch-Verehrer, hat mit Massimo Marini den ersten Roman vorgelegt, der nicht ausschließlich in der ihm vertrauten Businesswelt spielt. Gekonnt verknüpft er die Geschichte der Migranten in der Schweiz, des Gotthardtunnelbaus und Aufstieg und Fall des Massimo Marini zu einem spannenden, temporeichen und leichtfüßig geschriebenen Roman. Definitiv einer meiner Favoriten unter den zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren!

Rolf Dobelli: Massimo Marini. Diogenes 2012
www.diogenes.ch