Ich bin eine alte Frau und an Einsamkeit gewöhnt.
Ich trinke viel.
Gelegentlich nehme ich Psychopharmaka.
Ich habe neun Jahre im Gefängnis gesessen. (S. 86)
Abgeschottet lebt die 66-jährige Ich-Erzählerin Giovanna Reggiani als Einsiedlerin in ihrer Eigentumswohnung mit Tiber-Blick in einem besseren Viertel Roms, die sie im Jahr 2000 mit dem Erbe ihrer Eltern als Rückzugsort gekauft hat. Allmorgendliche Spaziergänge, Stippvisiten im Supermarkt, eine nach seelischen Zuständen geordnete Plattensammlung und ihre Bücher bilden die einzige Abwechslung. Der letzte Haarschnitt liegt 26 Jahre zurück, ihren Körper nimmt Giovanna kaum noch wahr.
Wahrscheinlich wäre ihr Leben bis zum Ende so weitergegangen, hätte nicht im Sommer 2018 eine vierköpfige Familie die leerstehende Nachbarwohnung bezogen. Der 37-jährige Michele, ein mäßig erfolgreicher Musiker, seine hübsche Frau Maria, die gemeinsame dreijährige Tochter Malvina und Malcolm, Micheles 13-jähriger Sohn aus erster Ehe und Klimaaktivist, fachen nach langer Isolation Giovannas Neugier an:
Die Wahrheit ist, dass ich angefangen hatte, den Geräuschen hinter der Wand zuzuhören. Mit einer Neugier, die von Stunde zu Stunde gieriger wurde. (S. 30)
Aus dem Schatten ans Licht
Zuerst lauscht sie nur an der Rigipswand und späht durch den Türspion, dann sorgt ein Missgeschick Malcolms für direkten Kontakt und schließlich wird Giovanna, die sie „Weißmähne“ nennen, zur ehrenamtlichen Kinderfrau. Obwohl ihre innere Stimme sie warnt, wird aus der anfänglichen Rolle als stumm-bewunderndes Theaterpublikum die eines unverzichtbaren Rädchens im Familiengetriebe. Doch gerade die zunehmende Vertrautheit und Liebe zu den Kindern lassen ihre unverarbeiteten Erinnerungen und Entbehrungen schmerzhaft neu erstehen:
Monatelang war die Nachbarschaft mit dieser jüngeren, ganz aus Kindern bestehenden Familie für mich das Vorbild eines Glücks, das ich nicht aufbauen konnte, als ich im richtigen Alter war. (S. 119)
Und noch eine Gefahr zieht herauf: Je weiter Giovanna ihre Fühler aus ihrem Schneckenhaus streckt, desto nackter und verletzlicher wird sie. Lässt sich die schambehaftete Vergangenheit dauerhaft schützen, während immer größere Nähe entsteht, nicht nur zur Familie nebenan, sondern auch zu Marias charmantem Vater Pietro, der unverholenes Interesse an ihr zeigt?
Im Sommer 2019, ein Jahr nach dem Einzug der Familie, beginnt Giovanni, die nach eigenem Bekunden nicht gerne schreibt, ein „rückläufiges Tagebuch“ (S. 10), einen Bericht über das Wendejahr und die sich anbahnende Katastrophe. Eingewoben sind Bruchstücke aus ihrer Vergangenheit, der politischen wie der privaten, die sich allmählich zu einem Gesamtbild verdichten. Wie Giovanna das Leben der Nachbarsfamilie ausspioniert, habe ich Puzzlesteine über ihr Leben gesammelt und zusammengesetzt, immer neugieriger auf ihr Geheimnis.
Steigende Spannung Es hat ein wenig gedauert, bis mich der Roman Sprich mit mir in Bann gezogen hat, aber schließlich haben das zunehmende Tempo und die ansteigende Dramatik ab dem zweiten Drittel dafür gesorgt, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Die 1951 in Turin geborene Autorin, Journalistin und Feministin Lidia Ravera hat den Roman äußerst raffiniert aufgebaut und lässt ihre geheimisvolle Protagonistin so viele kluge Gedanken und stimmige Bilder notieren, dass ich gedanklich stets mit dem Textmarker gelesen habe. Die Frage, ob sich ein durch Fehlentscheidungen verpfuschtes Leben spät korrigiert lässt sowie die Verbindung aus Einzelschicksal und neuerer italienischer Geschichte machen Lidia Raveras italienischen Bestseller auch für das deutsche Publikum zu einer sehr empfehlenswerten Entdeckung.
Lidia Ravera: Sprich mit mir. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Rowohlt 2023 www.rowohlt.de
Im angesagten Villenviertel Kaltsee, keine 15 Autominuten vom Zentrum der Hauptstadt (Helsinki?), wird im Februar 2008 die 18-jährige Sascha Anchar aus einer privaten sozialpädagogischen Jugendeinrichtung Opfer einer Gruppenvergewaltigung mit anschließender Freiheitsberaubung. Täter sind vier Gleichaltrige aus dem privilegierten Viertel, verniedlichend auch „die Boys“ genannt. Motiv für die vom Haupttäter Nathan Häggert geplante Tat ist Rache wegen Zurückweisung:
Toy girl. Eine Puppe, die kaputtgegangen war. Alle Löcher und Öffnungen des Körpers mehr oder minder zerfetzt. (S. 194)
Im Mittelpunkt des Romans Wer hat Bambi getötet? der 1961 geborenen Finnlandschwedin Monika Fagerholm, für den sie den Großen Preis des Nordischen Rats 2020 erhielt, steht jedoch mit Gusten Grippen ein Täter, während Sascha größtenteils eine Leerstelle bleibt. Er hat das Opfer damals befreit, das Verbrechen gegen ihren Willen angezeigt und sich davon Erlösung von seinen Schuldgefühlen erhofft. Viel lieber hätte man im Villenviertel den Mantel des Schweigens über das Verbrechen gelegt und Saschas Mutter, eine in Kalifornien lebende Jetsetkönigin und Charity-Lady, großzügig finanziell abgefunden:
Wir hätten das doch klären können, between us, und wie man hört, war das schon auf einem guten Weg. (S. 182)
Als es doch zur Gerichtsverhandlung kommt, mit Staranwalt, Promitherapeut und skandalös mildem Urteil, reagiert Nathans Mutter Annelise Häggert, eine Top-Karrierefrau und operative Leiterin eines neoliberalen Think Tanks, mit den Worten des schwedischen Königs Carl Gustav nach seinem Sexskandal:
Jetzt blättern wir die Seite um, und eines schönen Tages werden wir so viele Seiten umgeblättert haben, dass nichts von alldem passiert ist. (S. 137)
2014, gute sechs Jahre nach der Tat, plant der ehemals gemobbte Mitschüler und jetzige Filmproduzent Cosmo Brant eine Verfilmung der Tat unter dem Titel Wer hat Bambi getötet?.
Nur Verlierer Nach dem milden Urteil hätte alles wieder so werden sollen, wie es war. Stattdessen sind Familien auseinandergefallen, wurden Karrieren nicht gestartet oder brutal abgebrochen, sind Menschen gestorben und die stolze Villa der Häggerts heruntergekommen. Auch der „Judas“ Gusten hat nie wieder Fuß gefasst, war in der Psychiatrie, leidet unter Schuldgefühlen und dem Verlust seiner große Liebe Emmy, die ihn verlassen hat. Mit deren Freundin Saga-Lill versucht er sich zu trösten.
Nicht mein Erzählstil Zwar haben mir die schnellen Schnitte, Zeitsprünge und wechselnden Perspektiven gefallen und ich bewundere aufrichtig, wie Antje Rávik Strubel die komplizierte Übersetzungsarbeit gemeistert hat. Der fragmentierte Erzählstil mit unter anderem englischen Einschüben, verkürzten Sätzen, Kursivschrift, Großbuchstaben, Einrückungen und – für mich besonders störend – vielen Klammern, war mir aber definitiv zu dominant und leider habe ich keinen Zugang zum in den Feuilletons vielgepriesenen „punkigen“ Rhythmus des Romans gefunden. Am Themenpanorama liegt es jedenfalls nicht, dass ich mich beim Lesen schwergetan habe. Missbrauch und Gewalt, Rache, Schuld und Scham, Verdrängung und Verleugnung, Gruppendynamik und Gruppenzwang, Klassengesellschaft, Frauenfreundschaft und weibliche Konkurrenz, die Metoo-Debatte (finnlandschwedisch: #dammenbrister) und die Hintergründe einer solchen Tat sind großartige Romansujets – nur hätte ich eine andere Erzählweise vorgezogen.
Sehr empfehlenswert sind Interviews mit der Autorin und die begeisterten Diskussionen über den Roman, die man im Netz hören und nachlesen kann.
Monika Fagerholm: Wer hat Bambi getötet? Aus dem Schwedischen übersetzt von Antje Rávik Strubel. Residenz 2022 www.residenzverlag.com
Weitere Rezension zu einem Roman, der mit dem Großen Preis des Nordischen Rates ausgezeichnet wurde:
Die beiden auf Deutsch erschienenen Romane des 1976 geborenen Autors Alex Schulman, in Schweden sehr prominent als Blogger, Podcaster, Fernseh- und Radiomoderator, habe ich mit so großer Begeisterung gelesen, dass ich mich nun an sein 2016 erschienenes Buch Glöm mig im Original gewagt habe. Obwohl ausgezeichnet als Årets bok 2017 auf der Buchmesse in Göteborg, wurde es leider bisher nicht übersetzt.
Immer wieder das Familienthema
Sein Roman Die Überlebenden von 2020, deutsche Ausgabe 2021, erzählt mit deutlichen autobiografischen Anklängen von einer dysfunktionalen Familie und der Entfremdung der drei Söhne. Für Verbrenn all meine Briefe aus dem Jahr 2018, deutsche Ausgabe 2022, hat Alex Schulman über seine Großeltern mütterlicherseits recherchiert, den Schriftsteller Sven Stolpe und seine Frau Karin, mit der Frage nach der Vererbung von Gefühlen und Verhaltensmustern. Auslöser war eine Familienaufstellung, die hohes Aggressionspotential in diesem Familienzweig zeigte.
Glöm mig (Vergiss mich) ist ein Buch über seine Mutter Lisette Schulman, geborene Stolpe, Fernsehmoderatorin, Juristin, Redenschreiberin für Wirtschaftsbosse, Politikerin. Alex Schulman setzte sich darin kurz nach ihrem Tod mit ihrer 30 Jahre währenden Alkoholsucht auseinander, damit, wie das Aufwachsen unter schrecklichen Bedingungen ihn bis heute prägt, wie er nach Versöhnung suchte und sich nach der Mutter aus seinen frühesten Kinderjahren sehnte:
Det har varit trettio mörka år. Och kanske några år till. Men bakom alla de där åren finns en sommaräng, där finns min riktiga mamma och väntar på mig. (S. 155)
[Es waren dreißig dunkle Jahre. Oder vielleicht mehr. Aber hinter all diesen Jahren gibt es eine Sommerwiese, auf der meine richtige Mama auf mich wartet.]
1983 begannen die drei Söhne, die leeren Pfandflaschen aus dem mütterlichen Kleiderschrank einzutauschen. Eine verwirrende Unsicherheit breitete sich in dieser Übergangsphase aus:
[…] den mamma jag hade en gång hade inte riktigt fanns kvar. Jag hade en ny mamma och hennes tålamod med mig var nästan alltid slut. (S. 43)
[…von der Mutter, die ich vorher hatte, blieb nicht wirklich etwas übrig. Ich hatte eine neue Mama, die kaum noch Geduld für mich aufbrachte.]
Intuitiv verstanden die Söhne, dass über die Sucht unbedingt geschwiegen werden musste. Auch der 32 Jahre ältere Ehemann Allan Schulman, ein cholerischer Fernsehproduzent, der Mutter jedoch sehr zugetan, schaute lieber weg. Erst als Alex Schulman selbst zwei Kinder hatte, unter Panikattacken litt, nicht mehr arbeiten konnte und seine Ehe gefährdet war, suchte er professionelle Hilfe und konfrontierte die Mutter mit ihrer Sucht:
Jag säger det här både för din skull och min skull, för jag vill att vi ska överleva både två. (S. 119)
[Ich sage das für uns beide, weil ich will, dass wir beide überleben.]
Gestohlene Kindheit Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland derzeit etwa drei Millionen Kinder mit suchtkranken Elternteilen, verstrickt in eine Co-Abhängigkeit. Etwa ein Drittel von ihnen entwickelt selbst eine Sucht, ein weiteres leidet unter psychischen Erkrankungen. Fehlende Hilfe von außen, wie in Glöm mig, verschlechtert die Prognose.
Alex Schulman schildert höchst emotional, wie seiner Mutter der Alkohol wichtiger war als die Beziehung zu ihren Söhnen und Enkeln, wie die Kinder auch als Erwachsene unter dem Terror, der Manipulation und dem Ignorieren durch die Mutter litten und vom schweren charakterlichen Erbe – nicht als Abrechnung, sondern im Ringen um Verstehen und Versöhung. Thematisch erinnert der Roman an Shuggie Bain von Douglas Stewart, hat mich aber durch die ruhige, nachdenkliche Erzählweise noch mehr bewegt.
Ein trauriges, herzzerreißend ehrliches Buch, das man nach der Lektüre garantiert nicht wieder vergisst.
So wie die Schrift auf dem Cover des Romans Eine moderne Familie in Schieflage gekommen ist, so gerät auch das Leben der darin porträtierten norwegischen Mittelstandsfamilie aus dem Lot. In ihrem 2017 mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichneten Roman zeigt die 1984 geborene Autorin Helga Flatland eine Familie, die nach der Trennung der Eltern komplett auseinanderzubrechen droht. Die Ankündigung der Scheidung anlässlich einer gemeinsamen Italienreise zum 70. Geburtstag von Vater Sverre kommt für die drei erwachsenen Geschwister wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Nur Minuten, nachdem die älteste Tochter in ihrer Gratulationsrede die Einheit der Eltern Sverre und Torill für die Geschwister und füreinander beschworen hat, lässt der Vater die Bombe platzen:
«Wir haben beschlossen, uns scheiden zu lassen», sagt er […] (S. 60)
«Es ist eine wohlüberlegte Entscheidung. Wir haben beide ein Gefühl von Leere, daß wir aus einander und aus dieser Ehe alles herausgeholt haben, was möglich war», spricht Papa weiter, «Wir sehen im anderen keine Zukunft mehr.» (S. 61)
Drei Perspektiven für unterschiedliches Erleben Nun könnte man erwarten, dass es im Folgenden um die Beweggründe der Eltern und die Durchführung der Trennung geht, aber weit gefehlt. Stattdessen lässt Helga Flatland die drei Geschwister aus der Ich-Perspektive erzählen, je zweimal Liz, die 40-jährige Älteste, und Ellen, ihre um zwei Jahre jüngere Schwester, sowie abschließend einmal den 30-jährigen Bruder Håkon. Obwohl alle längst auf eigenen Beinen stehen, reißt sie die Nachricht mehr oder weniger aus dem Gleichgewicht und bringt nicht nur ihr Verhältnis zu den Eltern, sondern auch ihre Beziehung untereinander in schweres Fahrwasser.
Liz, verheiratet und selbst Mutter zweier Kinder, hasst Veränderungen seit jeher, fühlt wie immer die gesamte Verantwortung auf ihren Schultern, geht auf Distanz zu Eltern und Geschwistern, schämt sich für Mutter und Vater, gefährdet ihre eigene Ehe und schlingert am Rande einer Depression:
Mit einem Achselzucken reißen sie alles ein, worauf ich mein eigenes Leben gebaut habe. (S. 135)
Ellen, die endlich den Mann fürs Leben gefunden hat, versucht verzweifelt, Mutter zu werden. Sie reagiert wütend, mit Unverständnis und verbittert:
»Auseinandergelebt? Zukunft? Mal im Ernst, ihr seid siebzig!« (S. 62)
Håkon, verhätscheltes, nie ganz erwachsen gewordenes Nesthäkchen, nimmt die Nachricht zunächst vergleichsweise gelassen auf und sieht sich in seiner Verweigerung monogamer Beziehungen bestätigt – bis eine Frau seine Lebensphilosophie erschüttert.
Komplexe Familienstrukturen Zwei Jahre lang folgt Eine moderne Familie den drei Geschwistern, zeigt, wie die Nachricht sie in längst überwunden geglaubte Verhaltensmuster aus der Kindheit zurückwirft, wie alte Konkurrenzkämpfe neu aufleben und wie sie sich auf den Weg zu einem neuen Selbstverständnis und Miteinander machen. Der besondere Reiz des Romans liegt dabei für mich in der Erzählweise, die einerseits gleiche Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln wiederholt, andererseits die Handlung vorantreibt.
Helga Flatland erzählt ruhig und nicht wertend über das Beziehungsgeflecht innerhalb einer ganz normalen Familie und die Neuzusammensetzung der familiären Puzzlesteine. Ihr Roman handelt von Rollen, Abhängigkeiten, Verletzungen, Empfindlichkeiten, Selbst- und Fremdwahrnehmung, meist ernst, manchmal ironisch, mit hohem Wiedererkennungswert und absolut lesenswert.
Helga Flatland: Eine moderne Familie. Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger. Weidle 2019 www.weidleverlag.de
Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet wurden:
Keine Institution war in den letzten Jahren so verstrickt in Missbrauchsskandale wie die katholische Kirche. Deshalb mutet der Beginn des Romans Die Summe des Ganzen von Steven Uhly wie eine Verdrehung der Umstände an, denn hier wendet sich ein junger Unbekannter wegen seiner pädophilen Neigungen ausgerechnet an einen Padre. In der Pfarrkirch des Heiligen Isidro in Horaleza, einem ärmlichen nordöstlichen Außenbezirk von Madrid, erscheint im Beichtstuhl von Padre Roque de Guzmán an einem Mittwoch Anfang März während der Coronazeit und dann fast täglich ein Sünder, der in gehetztem Ton Ungeheuerliches berichtet: Er sei im Begriff, sich an seinem zehnjährigen Nachhilfeschüler zu vergehen, einem „betörenden Engel“, der offensichtlich auch Gefühle für ihn hege:
Welch eine Beichte! Eine Beichte, die etwas zum Gegenstand hat, was noch gar nicht geschehen ist, wovon er aber weiß, dass es unvermeidlich stattfinden wird. Unvermeidlich! Und strenggenommen findet es bereits dadurch statt, dass er weiß, was er tun wird. (S. 21)
Unter Druck Der Padre, ein gesetzter Mann von 50 Jahren, routiniert in der Abnahme der Beichte und der göttlich-autorisierten Befreiung von Sünde und Schuld bei Ehebruch, Gewalt und anderen alltäglichen Vergehen, gerät bei diesem für ihn gesichtslosen Mann von Beichte zu Beichte mehr ins Schwitzen. Zugleich wartet er dringend auf ihn und fürchtet seine Rückkehr. Nicht nur, dass der Missbrauch immer näherrückt, setzt ihn der offensichtlich gebildete, bibelfeste Sünder mit seinen Argumentationen, Rechtfertigungen und Schilderungen immer mehr unter Druck und veranlasst ihn zu Aussagen, über die er selbst staunt. Von Beichte zu Beichte schwindet seine professionelle Souveränität und das Wortgefecht lässt die Grenzen zwischen Sünder und Priester immer mehr verschwimmen…
Verirrte Elefanten Der überwiegende Teil von Stephen Uhlys achtem Roman, der für mich der erste war, spielt im Beichtstuhl. Lediglich kurze Sequenzen zeigen den Padre außerhalb seiner Kirche und den jungen, von Selbstzweifeln gequälten Mann, Lucas Hernández, wenn er sich mit seiner Zufallsbekanntschaft, dem nigerianischen Drogenhändler Akachukwu trifft, „zwei verirrte Elefanten“, die vorübergehend „Elefantenbrüdern“ (S. 156) werden und sich gegenseitig stützen.
Bloß nicht zu viel verraten… Es ist schwierig, über diesen Roman zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Bedauerlicherweise ist das bei einigen Rezensenten und Rezensentinnen des Feuilletons so, denn viel zu detailliert gehen sie auf den Inhalt und die Wendungen ein und verderben so die Spannung. Man sollte deshalb das Buch unbedingt vor den Besprechungen lesen. Leider habe ich aber – auch ohne sie zu kennen – recht früh das Ende vorausgeahnt, schade, auch wenn die Lektüre dieses wie ein Kammerspiel angelegten, mit 156 Seiten recht knappen Romans über Schuld, Buße, sexuelle Fantasien, Kontrollverlust, Rechtfertigung, Erlösung, Rache, Manipulation, Täuschung, Vertuschung und Machtmechanismen trotzdem sehr lohnend war. Obwohl oder gerade weil Steven Uhly die Abgründe, Mechanismen und Folgen von Pädophilie sehr genau ausleuchtet und bis an die Schmerzgrenze seiner Figuren, aber auch der Leserinnen und Leser geht, kann ich den theologisch-philosophisch-ethischen Schlagabtausch im Beichtstuhl als gewinnbringenden Beitrag zur aktuellen Debatte über Kindesmissbrauch sehr empfehlen.
Das Leben ist nun mal nicht gerecht. Und dass wir ständig denken, es müsste gerecht sein, spielt offenbar nicht die geringste Rolle, verdammt. Besser, du begreifst das jetzt als nie. (S. 159)
Es passiert häufiger, dass ich einen schönen Roman mit einer gewissen Wehmut beende, aber auf Das Band, das uns hält von Kent Haruf (1943 – 2014) trifft das in ganz besonderer Weise zu. Einerseits war auch dieser sechste Ausflug ins fiktive US-Präriestädtchen Holt im östlichen Colorado wieder eine rundum erfreuliche Lektüre, andererseits ist er unwiderruflich die letzte Begegnung mit seinen ganz besonderen Bewohnerinnen und Bewohnern, deren Alltag und Schicksalen Kent Haruf sich in seinen sechs unabhängig voneinander zu lesenden Romanen widmet. Seit 2017 hat der Diogenes Verlag sie nach und nach veröffentlicht, beginnend mit dem unvergleichlichen, 2015 posthum erschienenen letzten Werk Unsere Seelen bei Nacht, und endet nun, 2023, mit seinem preisgekrönten Debüt von 1984.
Aus Holts Anfangszeit
Mit Edith Goodnough hat Kent Haruf eine weitere unvergessliche Protagonistin geschaffen, geboren 1897 in Holt. Sie ist das Kind von Roy Goodnough und seiner Frau Ada, die 1896 nach dem Homestead Act Präsident Lincolns von 1862 mit dem Pferdewagen aus Iowa ins östliche Colorado kamen, um Landbesitz zu erlangen. Was sie vorfanden war baumloses, sandiges, trockenes, flaches ehemaliges Cheyenne-Land und elende landwirtschaftliche Bedingungen. Sieben Meilen von Holt entfernt gründeten sie mühevoll eine Farm, die nächsten Nachbarn, eine Halb-Cheyenne namens Hannah Roscoe und ihr sechsjähriger Sohn John, eine halbe Meile entfernt.
Ein Leben in eiserner Disziplin Schon für Ada, die ihre neue Heimat bis zu ihrem frühen Tod hasste und unter der Gewalt und der cholerischen Tyrannei ihres Mannes litt, war die Familie Roscoe der einzige Lichtblick. Diese enge, schicksalhafte Verbindung zwischen den beiden Familien setzte sich in den nächsten Generationen fort. Folgerichtig ist es Hannahs knapp 50-jähriger Enkel Sanders Roscoe, der im Frühjahr 1977 Ediths Lebensgeschichte mit viel Zuneigung und Bereitschaft zu ihrer Verteidigung erzählt. Es ist der Bericht über eine liebenswerte Frau, die ein hartes, enges Leben führte, nie für ihre Belange eintrat, ihre Zukunft, Liebe und Freiheit in demütigem Pflichtbewusstsein den Interessen ihres Vaters und ihres jüngeren Bruders Lyman opferte, dennoch stets ihre stille Würde bewahrte, die freudigen Momente aus vollem Herzen genoss und nun mit 80 Jahren unter einer schwerwiegenden Anklage steht.
Ein schmales großes Werk Kent Haruf hat mit dem unspektakulären Präriestädtchen Holt eine Bühne für seine universellen und zeitlosen Themen wie Pflichtbewusstsein und Würde, Einsamkeit und Ignoranz, Nächstenliebe, Menschlichkeit, Herzenswärme und Großzügigkeit, Gruppendynamik, Leidenschaft und Mut, Familienbeziehungen und Freundschaft, Enge und Weite geschaffen. Alle Holt-Romane sind packend und fangen das Prärieleben großartig atmosphärisch ein. Mit viel Empathie, einer zu den Menschen passenden schmucklosen, derben Sprache, in gemächlichem Tempo, voller schmerzhafter Traurigkeit und sanftem Humor und ohne jede kitschige Landleben-Romantik erzählt Kent Haruf ohne zu verurteilen bewegende menschliche Dramen mit tragischen, glaubwürdigen Heldinnen und Helden der High Plains.
Schade nur, dass Kent Haruf kein umfangreicheres Werk hinterlassen konnte. So bleibt nichts anderes übrig, als die sechs Holt-Romane irgendwann erneut zu lesen. Ich freue mich drauf!
Kent Haruf: Das Band, das uns hält. Aus dem amerikanischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda. Diogenes 2023 www.diogenes.ch
Weitere Rezensionen zu Romanen von Kent Haruf auf diesem Blog:
„Die Moral ist in jedem Zeitalter das, was der herrschenden Klasse nutzt“
Romane über Dachbodenfunde anlässlich der Auflösung elterlicher oder großelterlicher Häuser gehören nicht zu meinen bevorzugten Lektüren, allzu abgedroschen ist das Thema inzwischen. Ist die Entdeckung jedoch der Roman selbst, wie bei dem 70 Jahre lang verschollenen Manuskript Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann des Ungarn János Székely (1901 – 1958), wird es richtig spannend. Er verließ sein Heimatland 1918 auf der Flucht vor dem Weißen Terror des Horthy-Regimes, arbeitete erfolgreich als Drehbuchautor in Berlin, emigrierte 1938 nach Hollywood, erhielt 1940 einen Oscar, veröffentlichte 1946 seinen bekanntesten Roman Verlockungund ging während der McCarthy-Ära wie viele Kunstschaffende ins mexikanische Exil. Dort entstand höchstwahrscheinlich das Manuskript, dessen englische Fassung der Übersetzer und Autor Tony Kahn 2020 auf seinem Dachboden in Truro, Cape Cod, fand und Székelys Tochter Katherine Frohriep übergab. Nun ist es erstmals im Diogenes Verlag auf Deutsch erschienen, mit reichem Anhang und als Übersetzung der englischen Übersetzung, denn das ungarische Original ist weiterhin verschollen.
Götterdämmerung Der Romans spielt hauptsächlich in einer heißen Sommernacht 1944, als die Ungarn, je nach Gesinnung, die endgültige Niederlage der deutschen Wehrmacht herbeisehnten oder fürchteten. Ergänzend gibt es ausführliche Rückblenden und einen kurzen Epilog über das weitere Schicksal der wichtigsten Personen.
Ein Bogen über sieben Jahrhunderte 1944 geht es dem bäuerlichen Stand genauso schlecht wie seit 700 Jahren, die Herren wechselten, nicht jedoch die elenden Bedingungen. Im fiktiven Dorf Kákásd gewährt der wortkarge Bauer János Garas zwei Zigeunern – die editorische Notiz erklärt die ausnahmsweise Verwendung dieses Begriffs – Unterschlupf vor den Nazi-Schergen und ihren ungarischen Handlangern. Die aufgeweckte junge Wanderzigeunerin Julka, mangels Alternativen zum Wahrsagen und zur Prostitution verdammt, und der eitel-überhebliche Zigeuner-Primas Marci Balogh VI lernten sich bei der Flucht aus einem KZ-Deportationszug kennen. Sie stellen sich Garas als Geschwister vor, Julka lebt fortan bei ihm im Haus und bezahlt dafür mit ihrem Körper, Marci, rasend verliebt, findet sich im Stall wieder, bis Garas ihm eine Stelle als Geiger im Bordell vermittelt. Während sich im Dreiecksverhältnis unter Garas‘ Dach die Vorzeichen allmählich ändern, zittert die unter dem Schutz des dekadenten, nur noch als Verwalter im ehemals familieneigenen Schloss beschäftigten Grafen Tamás Boncza stehende jüdische Familie Stern/Rosenberg um ihr Leben, beginnt Marci eine gefährliche Affäre mit Nusi, der Frau des neuen Schloss-Pächters, Nazi-Massenmörders und Vize-Ministers Lóránt Barankay und planen die Bauern, getrieben von jungen Kriegsrückkehrern, den ersten Streik seit 700 Jahren:
Man hatte ihnen befohlen, Menschen zu ermorden, die ihnen nichts getan hatten, sodass sich jetzt ihre Mordlust gegen die wandte, die ihnen jahrhundertelang nichts als Leid angetan hatten. (S. 276)
Die Welt verstehen
János Székelys Verlockung gehört für mich zu den ganz großen, unvergesslichen Romanen der Weltliteratur. Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann reicht nicht ganz an dieses frühere Werk heran, fehlt ihm doch merklich ein Lektorat. Viel zu lang und quälend detailliert sind für mich die Kapitel über die Sexbesessenheit Marcis im ersten Teil und auch der interessante politische Diskurs in der zweiten Hälfte hätte von einer Straffung profitiert. Trotzdem ist auch dieser Roman unbedingt lesenswert. Er strahlt durch seine vielen Einzelschicksale und zeigt am Mikrokosmos eines Dorfes das Schicksal Europas:
[…] du kannst die Welt nicht verstehen, wenn du Kákásd nicht verstehst. (S. 438)
János Székely: Eine Nacht, die vor 700 Jahren begann. Herausgegeben von Silvia Zanovello. Mit einem Nachwort von Sacha Batthyany und einer Erinnerung von Katherine Frohriep geb. Székely. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Diogenes 2023 www.diogenes.ch
Weitere Rezension zu einem Roman von János Székely auf diesem Blog:
Schwedische Romane in deutscher Übersetzung sind zumeist entweder Krimis oder Wohlfühlliteratur aus einem vermeintlichen Sehnsuchtsland. Letzteres könnte man auch bei Das Leuchten der Rentiere vermuten, klingt der Titel doch nach intakter Natur und Polarlichtromantik, doch bewahrt der Blick auf den Originaltitel Stöld, Diebstahl, vor einem Irrtum. Der 2021 in Schweden erschienene erste Roman für Erwachsene der aus einer Sámifamilie stammenden, 1971 in Kiruna geborenen Journalistin und erfolgreichen Kinder- und Jugendbuchautorin Ann-Helén Laestadius kreist um die aktuelle Lebenssituation dieser schwedischen Minderheit. Der in ihrer Heimat zum Bestseller avancierte, als Årets bok 2021 ausgezeichnete Roman greift die existenzgefährdenden Bedrohungen dieser auf Schweden, Norwegen, Finnland und Russland verteilten einzigen indigenen Bevölkerungsgruppe Europas auf und macht sie sichtbar:
Samisch zu sein bedeutete, seine Geschichte in sich zu tragen, als Kind vor dem schweren Rucksack zu stehen und sich zu entscheiden, ihn zu schultern oder nicht. (S. 213)
Ende der heilen Kinderwelt Der Roman beginnt im Winter 2008 mit einem traumatischen Erlebnis, welches das behütete Aufwachsen der neunjährigen Sámi Elsa schlagartig beendet. Als sie zum ersten Mal alleine auf ihren neuen Skiern zum Rentiergehege ihrer Familie kommt, überrascht sie dort einen brutalen schwedischen Wilderer aus dem Nachbardorf, der ihr Rentierkalb Nástegallu getötet hat:
Alles hatte sich verändert, nachdem sie Nástegallu tot aufgefunden hatte. Als die Erwachsenen die brutale Realität nicht mehr verbergen konnten […] (S. 330)
Eingeschüchtert von seinen Drohungen, schweigt Elsa und die Polizei legt die Anzeige, wie so viele andere zuvor und danach, zu den Akten. Ihre Schuldgefühle wird sie nie wieder los:
Alles wäre anders gekommen, wenn ich mich getraut hätte, etwas zu sagen. (S. 416)
Zehn Jahre danach Der zweite und dritte Buchteil spielen im Spätherbst 2018 und im Frühlingsommer 2019. Bei Elsas Rückkehr ins Dorf nach dem Abitur ist alles unverändert: Wilderer, vor allem der ihr bekannte Robert Isaksson, quälen und töten weiterhin Rentiere und handeln illegal mit ihrem Fleisch, weitgehend unbehelligt von der teils überforderten, teils desinteressierten Polizei, die die Taten zum Unverständnis der Sámi als Diebstähle, nicht als Morde betrachtet. Der Klimawandel bedroht die traditionelle Rentierwirtschaft genauso wie die Umweltzerstörung durch Bergbauunternehmen und die feindselige Unwissenheit der nicht-samischen Bevölkerungsmehrheit, trotz eigener samischer Schule sind Kinder wie Eltern strukturellem Rassismus ausgesetzt und die samische Kultur wird auf touristische Folklore reduziert. Psychische Erkrankungen und Selbstmorde sind alltäglich. Gleichzeitig wird Elsas Mutter als „Ringvu“, die nicht im samischen Sippenbuch steht, trotz aller Anstrengungen nie voll akzeptiert und Elsa, die für die Rentierherden brennt, von den patriarchalen Strukturen ausgebremst. Doch Elsa ist nicht mehr das kleine ängstliche Mädchen, sie möchte sich nie mehr einschüchtern lassen und kämpft trotz des Gegenwinds aus allen Richtungen für ihre eigene Zukunft und die ihrer Volksgruppe – bis auch sie an ihre Grenzen stößt…
Ruhig und einfühlsam erzählt
Ich habe Das Leuchten der Rentiere, das eine mir gänzlich unbekannte Seite Schwedens vorstellt, von Beginn an mit großer Begeisterung gelesen, zunächst vor allem wegen der faszinierenden Beschreibungen samischen Lebens und der Landschaft, später auch wegen der dramatisch zugespitzten Spannung. Sehr gekonnt verknüpft Ann-Helén Laestadius die hoffnungsvolle Entwicklungsgeschichte ihrer sympathischen Heldin mit dem weitgehend unbekannten Schicksal der Sámi und wirbt eindrucksvoll für deren berechtigte Interessen.
Ann-Helén Laestadius: Das Leuchten der Rentiere. Aus dem Schwedischen von Maike Barth und Dagmar Mißfeldt. Hoffmann und Campe 2022 hoffmann-und-campe.de
Wenn man über das Wohlergehen des eigenen Kindes spricht, gibt es nur eine gute Nachricht: dass hundertprozentig alles in bester Ordnung ist. (S. 76)
Was aber, wenn es das plötzlich nicht mehr ist? Bei Zach Wells, dem schwarzen Ich-Erzähler und Professor für Geologie/Paläobiologie an einer kalifornischen Universität und seiner Frau Meg, Dozentin und Lyrikerin, schleicht das Unheil sich als böse Vorahnung ein. Einzig die Liebe zu seiner zwölfjährigen Tochter Sarah lenkte Zach bisher von seiner gepflegten Langeweile in Beruf und Ehe ab. Die kühle Distanziertheit und soziale Inkompetenz, die er gegenüber Studenten, Kollegen, seinem Job und seiner Frau an den Tag legt und auf die er sogar stolz zu sein scheint, steht im krassen Gegensatz zur Liebe zu seinem einzigen Kind. Doch nun muss der nüchterne, lösungsorientierte Wissenschaftler und bislang zynische, selbst-ironische Misanthrop akzeptieren, dass nichts und niemand seiner Tochter helfen kann. Sarah leidet an einer seltenen, durch einen Gendefekt ausgelösten neurologischen Erkrankung namens Batten-Syndrom, sie wird langsam vor den Augen ihrer hilflosen Eltern sterben.
„Ayúdame“ Parallel zur katastrophalen Diagnose erhält Zach eine ganz andere Nachricht: Beim Onlinekauf einer gebrauchten Jacke über Ebay findet er in deren Tasche einen Zettel mit dem Wort „Ayúdame“, „Hilf mir“. In einer Art Übersprungshandlung macht er, der seiner Tochter nicht helfen kann, sich auf die Suche nach dem anonymen Verfasser oder der Verfasserin und stößt auf verschleppte mexikanische Arbeitssklavinnen in New Mexico. Nicht eine plötzlich entflammte Empathie löst diese Hilfsbereitschaft aus, sondern der Wunsch, sich seiner eigenen Handlungsfähigkeit zu versichern.
Von allem zu viel Hätte es Percival Everett bei diesen beiden Handlungssträngen belassen, der beeindruckend unsentimentalen Krankheitsgeschichte und dem etwas übertrieben abenteuerlichen Krimi und Roadmovie um die Mexikanerinnen, der Roman hätte mir vermutlich deutlich besser gefallen. Doch Erschütterung ist zusätzlich ein typisch amerikanischer College-Roman, der unter anderem dem dramatischen Schicksal einer jungen Professorenkollegin folgt, ein Roman um die sexuellen Fantasien eines Mannes in der Midlifekrise, Vater-Tochter- und Ehe-Geschichte sowie ein gesellschaftspolitisches Buch zu Themen wie Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Suizid und Kriminalität – auf gerade einmal 285 Seiten. Darüber hinaus packt Percival Everett so viel sprachliche Kabinettsstückchen hinein, dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte, mir Gedanken über die Bedeutung der Einschübe zu Zachs Forschungen, zu kryptischen Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben, zu lateinischen Zitaten oder dem nervtötenden „In New Mexico war es heißer“ zu machen, aus dem schließlich „In Texas war es genauso heiß“ wird. Als zusätzlicher Gag existieren drei Versionen des Buchs mit kleinen Abweichungen und leicht verändertem Schluss. Dies alles trug ihm das höchste Lob des Feuilletons ein, für mich war es jedoch eindeutig von allem zu viel.
Besser lesen als hören
Ich habe den Roman in erster Linie gehört, ungekürzt, auf zwei mp3-CDs in etwa neun Stunden, gelegentlich jedoch ergänzend ins Buch geschaut. Leider konnte mich Christian Brückner als Sprecher hier erstmals nicht überzeugen, passt doch seine Stimme für mich nicht zu einem schwarzen, vitalen Mitvierziger und gleich gar nicht zu einer Zwölfjährigen.
Schade, denn nach den allgemeinen Lobeshymnen hatte ich ein echtes Highlight erwartet. Ich werde dem 1956 geborenen, hochgelobten amerikanischen Vielschreiber Percival Everett trotzdem irgendwann eine zweite Chance geben, dann allerdings lesend.
In der vorpommerschen Kleinstadt Demmin kam es beim Einzug der Roten Armee im Frühjahr 1945 zu einem beispiellosen Massensuizid mit geschätzten 500 bis 1000 oder mehr Ziviltoten. Hier hat die 1988 in Hamburg geborene Autorin Verena Keßler ihren bereits 2020 erschienenen Debütroman angesiedelt, nicht als historischen Roman, sondern in der Gegenwart spielend, in der die Tragödie noch immer nachwirkt.
Zeitzeugen und Nachgeborene In Nachbarhäusern leben die 90-jährige Lore Dohlberg und die 15-jährige Neuntklässlerin Larry mit ihrer alleinerziehenden Mutter. Kontakt gibt es kaum, doch beobachtet Frau Dohlberg das Mädchen bei waghalsigen Überlebensübungen in Vorbereitung auf eine Karriere als Kriegsreporterin und Larry sieht die alte Frau abends allein am Küchentisch.
Jung… Die Mehrzahl der Abschnitte wird aus Larrys Ich-Perspektive erzählt. Wie für ausnahmslos alle im Roman spielt der Tod eine große Rolle in ihrem Leben. Sie und ihre Eltern sind gleich doppelt belastet: einerseits durch das generationenvererbte Kriegstrauma, andererseits durch den Tod ihres Bruders unmittelbar vor ihrer Geburt, an dem die Familie zerbrach. In ihrer Freizeit jobbt Larry ausgerechnet auf dem Friedhof, säubert Gräber und Wege, auch das Massengrab:
Es ist nicht so, dass ich das Massengrab gruselig finde. Und Angst hab ich schon gar nicht. Sind schließlich alle tot. Aber ich stell mir immer vor, dass die da unten kreuz und quer liegen, die Füße des einen im Gesicht des anderen, und dann bekomme ich so ein enges Gefühl und würde am liebsten ein Stück rennen, einfach nur, weil ich’s kann. (S. 21/22)
Über all das wird meist geschwiegen, und so braucht Larry ein Ventil in Form eines vorbereitenden Überlebenstrainings für die Kriegsreporterkarriere. Dazu schaut sie sich gruselige Dokus an, hängt kopfüber vom Baum, hält die Hand ins Eiswasser, sperrt sich ein oder liegt Probe in einem ausgehobenen Grab, immer gegen die Stoppuhr und mit dem Ziel der Schmerzunempfindlichkeit.
… und Alt
Während Larry von einer Zukunft außerhalb der verschlafenen Kleinstadt träumt, muss Frau Dohlberg, deren Abschnitte personal erzählt werden, für den Umzug ins Seniorenheim ihr Elternhaus ausräumen:
Das Haus klingt anders mit jedem Stück, das aus ihm verschwindet. (S. 166)
Umso heftiger kehren die Erinnerungen zurück:
Als sie die Augen schließt, sind sie wieder da, die Bilder. Jahrelang waren sie weg, jetzt kommen sie wieder, immer häufiger, rauschen vorbei, die Leichen im Fluss. (S. 15)
Trotzdem keine niederdrückende Lektüre Überall in diesem Roman wird gestorben und getrauert, dennoch habe ich ihn nicht als niederdrückende Lektüre empfunden, nicht nur wegen der Hoffnungszeichen am Ende. Das liegt an Verena Keßlers sparsamer Erzählweise, die mit viel Empathie für jede Figur einerseits den tiefen Schmerz aufnimmt und das Grauen klug strukturiert häppchenweise enthüllt, andererseits an Larrys lässig-cool, oft zynisch und humorvoll erzählter Teenagerrebellion. Im Gegensatz zu Als Großmutter im Regen tanzte von Trude Teige, das ebenfalls vom Demmin-Trauma handelt, fehlt hier jeder Kitsch, sitzt jeder Satz, sind die Dialoge gelungen und wird nicht alles auserzählt und gedeutet, weshalb mich Die Gespenster von Demmin ungleich mehr berührt hat.
Ein höchst empfehlenswerter Debütroman über verdrängte Erinnerung, Sprachlosigkeit, Trauer, Tod und Einsamkeit, für Erwachsene und ältere Jugendliche gleichermaßen geeignet.
Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin. dtv 2023 www.dtv.de
Weitere Rezension zu einem Roman über Demmin auf diesem Blog: