Bibliophil und hinreißend illustriert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterhielten die verwitwete Julie von Degenfeld und ihre Schwägerin und Gesellschaftsdame Ottonie Gräfin von Degenfeld-Schonburg auf Schloss Neubeuern im bayerischen Inntal einen Freundeskreis aus Künstlern verschiedener Richtungen, zu dem unter anderem Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Eugen Roth, Franz von Lenbach und Henry van de Velde gehörten. Vom Schriftsteller und Lyriker Rudolf Borchardt (1877 – 1945) erbat sich die Gräfin 1920 ein Krippenspiel, das von den Kindern bei der Weihnachtsfeier im Schloss aufgeführt werden sollte. In der Nacht vom 18. zum 19. Dezember 1920 verfasste Borchardt deshalb diese Auftragsarbeit, die der Claudius Verlag nun in einer entzückenden bibliophilen Ausgabe mit wunderbaren Scherenschnitten neu aufgelegt hat. Das sehr informative Nachwort über die Entstehungs-, Druck- und Aufführungsgeschichte, den Werkkontext, Figurencharakteristik und regiepraktische Hinweise sowie die Textgestaltung stammt von Gunilla Eschenbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Literaturarchiv Marbach, das den Nachlass Borchardts beherbergt, und Lehrbeauftragte an der Universität Stuttgart.
Kennt man die Entstehungsgeschichte und die ursprüngliche Bestimmung des Stücks, so verwundert nicht, dass Borchardt das gesamte Spiel der Einfachkeit halber im Stall ansiedelte und mit Maria, Josef, drei Hirten, drei Königen und Engeln in beliebiger Zahl und ohne eigenen Text auch nur wenige Mitspieler vorsah. Das Erlernen der Texte dürfte für die kleinen Darstellerinnen und Darsteller aufgrund der Kürze der Zeit trotzdem eine Herausforderung gewesen sein.
Maria steht im Zentrum
Borchardts Krippenspiel mischt die verschiedenen Evangelienberichte und rückt Maria mit dem größten Redeanteil klar in den Mittelpunkt. Während Josef zu Beginn ängstlich ist und fürchtet, seine Familie nicht angemessen versorgen zu können, strahlt sie Ruhe, Zuversicht, Erhabenheit und Freude aus, der er sich schließlich nicht entziehen kann. Beim Auftritt der Hirten finden sich bereits Hinweise auf das Kreuz und die Nägel, dem dritten König muss Maria die Angst vor ihrem Kind nehmen:
Ach Tor, ach reicher Tor, hör an,
Ach König, armer reicher Mann,
Ich sage dir fürwahr, mein Kind
Sitzt nie, wo deine Kinder sind…
Eine beglückende Weihnachtslektüre
Mir hat diese Bearbeitung des alten Stoffes mit den erstaunlich modern wirkenden Figuren sehr gut gefallen, allen voran Maria, die sowohl die Bedenken von Josef als auch die des dritten Königs zu zerstreuen vermag. Der in Reimpaaren verfasste Text liest sich gut, ob er allerdings mit seiner altertümlichen Sprache für die heutige Aufführung durch Kinder im Grundschulalter geeignet ist, bezweifle ich. Falls man sich doch dafür entscheidet, gibt Gunilla Eschenbach hilfreiche Hinweise zur praktischen Umsetzung. Anderenfalls macht das fadengeheftete kleine Hardcover-Bändchen aber auch bei der Lektüre und beim Betrachten der Scherenschnitte große Freude.
Rudolf Borchardt: Krippenspiel. Herausgegeben von Gunilla Eschenbach. Claudius 2019
www.claudius.de
So begründet Miljenko Jergović im Anhang zu seinem im kroatischen Original 2006, auf Deutsch 2019 erschienenen Roman Ruth Tannenbaum seine Entscheidung für eine fiktive Titelfigur. Sie steht auch weniger im Mittelpunkt des Buches, als ich es nach Titel und Klappentext vermutet hätte. Vielmehr sind es ihre Eltern, Nachbarn, der Großvater, Theaterleute, die gewöhnlichen Bewohner Zagrebs in den Jahren 1920 bis 1943, Angehörige verschiedener Nationalitäten und Religionen. Leider wusste ich bisher so gut wie nichts über diese finstere Periode und Miljenko Jergović setzt viel Wissen über die politische Situation auf dem Balkan beim Leser voraus, weshalb ich ein erklärendes Vor- oder Nachwort begrüßt hätte. So habe ich mir die Informationen über das Schicksal Kroatiens nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreichs aus dem Internet geholt, dabei von der Vereinigung Kroatiens und Sloweniens mit Serbien im Jahr 1918 erfahren, von der Königsdiktatur im Königreich Jugoslawien unter Aleksandar I., der 1921 das Parlament auflöste, und vom aufkommenden Nationalismus, der schließlich im Faschismus mündete.








2002 habe ich durch Åsne Seierstads Bestseller Der Buchhändler aus Kabul Einblicke in eine für mich fremde Welt bekommen. Erst bei einem
fand ich vor allem ihren Ansatz, neben die Biografie des Täters auch die einiger seiner Opfer zu stellen. Außerdem ich habe ich sofort die Parallele zum ebenfalls anwesenden Simon Stranger gesehen, dessen auf Fakten basierenden Roman 


