Die Lese-Haltestelle in Stegen bei Freiburg

Eine ganz besondere Bushaltestelle mit liebevoll eingerichtetem und gepflegtem öffentlichem Bücherregal habe ich während meines Schwarzwaldurlaubs in Stegen entdeckt:

© M. Busch

Hier kann man nur hoffen, dass der Bus später kommt…

Natürlich habe ich auch gleich ein Buch gefunden, das ich schon länger auf meiner Wunschliste hatte: Robert Menasses Die Hauptstadt. Dank an den Spender!

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt

  Vergangenheitsfahrerin wider Willen

Fanny ist alt, einsam und fühlt die Müdigkeit aus all den vielen Jahren ihres Lebens. Sie lebt alleine in einer Kleinstadt in dem Häuschen, das sie nach dem Tod ihres Mannes einst für sich und ihren Sohn gebaut hat. Nur zwei Menschen besuchen sie noch: Hanna, ihre ehemalige  Ziehtochter auf Zeit, und ihre Enkelin. Der Wunsch der beiden jüngeren Frauen, Fanny möge sich zurückerinnern, bleibt allerdings unerfüllt, das Notizbuch, das die Enkelin ihr schenkt, leer, denn Fanny möchte auf keinen Fall eine „Vergangenheitsfahrerin“ sein. Du kannst doch nicht nie über irgendetwas reden“, argumentiert die Enkelin, aber vergeblich. Was Fanny jedoch nicht verhindern kann, sind die Erinnerungsschnipsel, die Tag und Nacht auftauchen: „Seit sie die Zeiten nicht mehr im Griff hatte, war sie ihrem Körper auch in dieser Hinsicht ausgeliefert. Heimlich, ohne Fannys Zutun, hatte der Körper über die Jahre alles bewahrt. Und jetzt, da er so schwach war, da Fanny nur noch wenig Nahrung zu sich nahm und der Körper nichts mehr zu tun hatte, waren die Erinnerungen wie organische Prozesse, die eigenständig und ohne willentliche Steuerung vor sich gingen.

Schon Fannys Vater, Bauer in fünfter Generation auf dem Hof in der Senke, war ein Schweiger. Als ihr Bruder Toni nicht aus dem Krieg heimkehrte, verstummte er fast vollständig. Da es nun keinen Hoferben mehr gab und Fannys Mann, der Schulmeister des Dorfes, sich mehr bei Parteisitzungen der Roten und im Wirtshaus als auf dem Hof engagierte, zudem Spielschulden machte, ging der Hof und damit jeglicher Lebensmut der Eltern verloren. Fannys Glück im Schulhaus auf dem Hügel, wo sie sich vorübergehend als Königin fühlte, war von kurzer Dauer. Sie schien das Unglück zeitlebens anzuziehen: „Das Unglück war ein Wesen, das manchmal verschwunden zu sein schien, weit weg und nicht zu sehen, aber es verlor nie die Spur.“ Dabei gab es immer wieder auch glückliche Fügungen in ihrem Leben, Männer, die sie über Jahre begleiteten, Reisen, Freundinnen, eine glimpflich verlaufene Erkrankung, Hanna, die Enkelin – doch die Angst vor dem nächsten Unheil und alte Schuldgefühle dominierten. Anders als der Sohn, der das Trauma der Mutter übernahm, sucht die Enkelin nach einem Weg der Bewältigung.

Als der Debütroman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler 2017 im Literaturverlag Droschl erschien, habe ich ihn leider nicht wahrgenommen, obwohl sie dafür den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2018 und die Auszeichnung als bestes deutschsprachiges Debüt beim Festival du Premier Roman 2018 in Chambéry erhielt. Nun, mit der Taschenbuchausgabe im Verlag btb, habe ich ihn glücklicherweise entdeckt. Der schmale Band erinnert mich stark an Robert Seethalers Ein ganzes Leben und doch ist die Form der Erinnerungsfetzen, die nur höchstens zwei Seiten umfassen und nahtlos ineinander überzugleiten scheinen, ganz eigen. Mich hat die Geschichte, hinter der ich niemals eine so junge Autorin vermutet hätte, von der ersten Seite an in Bann geschlagen und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, nicht nur wegen der aufwühlenden Lebensgeschichte, sondern auch wegen der ruhig fließenden Erzählweise und der Musikalität der Sprache.

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt. btb 2019
www.randomhouse.de

Daniel Mason: Der Wintersoldat

  Wunden, die nicht heilen

Der begabte 22-jährige Medizinstudent Lucius Krzelewski ist weder mental noch fachlich auf seine Tätigkeit als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg vorbereitet, als er im Februar 1915 während der großen Karpatenschlacht zwischen Russland und der Donaumonarchie in Galizien eintrifft. Anstatt wie erwartet in einem Stab von Ärzten zu arbeiten, findet sich der gänzlich Unerfahrene alleine in einer zum Behelfslazarett umfunktionierten Holzkirche wieder, in die immer wieder neue Verwundete gebracht werden. Eine ungeheizte Erste-Hilfe-Station, ein aus Holzbänken gezimmerter OP-Tisch und eine bewaffnete, operierende Krankenschwester und Nonne namens Margarete, vor der sich Lucius zu Beginn mehr fürchtet, als vor der gesamten Professorenschaft in Wien, sind alles, was er vorfindet. Sein theoretisches Wissen nützt ihm wenig, es gibt weder Röntgengerät noch Labor, und es dauert einen Monat, ehe er Margarete wenigstens bei den einfachsten Fällen zu assistieren vermag.

Ein Jahr arbeiten Lucius und Margarete Hand in Hand, richten sich in einem primitiven Klinikalltag ein, tauschen sich mit ihrem theoretischen und praktischen Wissen aus und verlieben sich ineinander, als im Februar 1916 ein Soldat mit rätselhaften Symptomen eingeliefert wird. Er ist einer der „Nervenschock-Patienten“, jenes geheimnisvolle Krankheitsbild, das vor dem Krieg unbekannt war. Lucius verbeißt sich in den Fall, stellt die eigene Eitelkeit gegen Margaretes dringenden Rat über das Wohl des Patienten und begeht damit eine medizinische Todsünde, die ihrer aller Leben verändert. Als er Margarete in den Wirren des Krieges verliert, beginnt für ihn eine schwere Zeit des Suchens und der Alpträume.

Der US-amerikanische Arzt und Psychiater Daniel Mason hat vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs einen Roman über das viel zu schnelle Erwachsenwerden eines jungen Mannes geschrieben, der kein Held sein möchte, und dem zu früh zu viel Verantwortung aufgebürdet wird.  Besonders deutlich wird das bei Lucius‘ Erschrecken über die Kriegsversehrten in Wien – eben solchen Männern, denen er durch seine am Fließband durchgeführten Amputationen das Leben gerettet, über die Konsequenzen aber nie nachgedacht hat. Dabei spart Mason nicht mit medizinischen Details, mit Gerüchen und mit den Schmerzenslauten der Verwundeten und Sterbenden. Manche Passagen des Romans, der sich für mich wie das Drehbuch zu einem wunderbaren Kinofilm liest, hätte ich mir straffer gewünscht und die strenge Einteilung der Figuren in Gute und Böse war mir ein wenig zu glatt. Dagegen habe ich die nahezu kitschfreie Liebesgeschichte sehr gerne gelesen und der ausgesprochen gelungene Schluss hat mich positiv überrascht.

Der Wintersoldat ist daher ein empfehlenswerter, gut geschriebener, flüssig zu lesender Unterhaltungsroman über die Rolle der Medizin und die Liebe vor dem Hintergrund der Kriegsgräuel.

Daniel Mason: Der Wintersoldat. Aus dem Englischen von Sky Nonhoff und Judith Schwab. C.H. Beck 2019
www.chbeck.de

Claire Beyer: Revanche

Väter und Söhne

Claire Beyers Debütroman Rauken im Jahr 2000 und zuletzt Refugium 2012 haben mich begeistert. Wie immer trägt auch das neueste ihrer sechs Bücher, Revanche, passend zum präzisen, knappen Stil nur ein Wort als Titel. Warum alle Titel mit „R“ beginnen, will sie uns erst beim zehnten Buch verraten.

Drei Männer aus drei Generationen der Familie Ristow, Großvater, Vater und Sohn, stehen im Mittelpunkt. Meine Sympathien waren schnell verteilt. Am meisten bewegt hat mich das Schicksal des Großvaters August und dessen Kriegserinnerungen, die er 1952 für seine Söhne Wilhelm und Fritz zu Papier gebracht hat. Den Ersten Weltkrieg verbrachte der junge Bauernsohn aus Pommern als Meldereiter im Frankreich-Feldzug, einer der „kleine[n] Kaiser, die in den Krieg zogen und als zerlumpte Verlierer zurückkehrten…“, kriegsversehrt. Für seine Liebesgeschichte zur Unzeit im Feindesland kann es kein Happy End geben und er erfährt die „absurde Logik des Krieges“ in ihrer schlimmsten Ausprägung. Gerne hätte ich von ihm noch mehr gelesen und bedauere sehr, dass Claire Beyer seinen Teil in der überarbeiteten, nun erschienenen Version gekürzt hat.

Sein Enkel Tobias kommt auch mit knapp 50 „noch immer nicht mit dem Leben zurecht“. Die Mitschuld am Tod eines Freundes, der Unfalltod seiner Mutter und das zeitgleiche plötzliche Verschwinden seines Onkels münden in einem einjährigen Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Das zutiefst problematische Verhältnis zum Vater, der ihn einem der wenigen vertrauten Momente um das Erbe der Mutter betrogen hat, gefiel mir ebenfalls sehr gut. Als Sohn eines Selfmade-Mannes wie Wilhelm Ristow, der es vom Schlosserlehrling zum erfolgreichen Unternehmer gebracht hat – Motto „mutig, fleißig, unbeugsam“ – und mit zwei älteren Halbbrüdern vor der Nase, hatte Tobias von Geburt an kaum eine Chance. Kein Wunder also, dass er sich den verschwundenen Onkel als Vater herbeifantasiert und dessen Spuren auf Madeira aufnimmt, seine Beziehungen zum weiblichen Geschlecht scheitern und Rachepläne gedeihen. In Raphael, dem pubertierenden Sohn seiner aktuellen Freundin, glaubt er sich in der Einsamkeit seiner Jugend und in seiner schwierigen Vaterbeziehung wiederzuerkennen.

Wäre es bei diesen beiden Themen und Handlungssträngen geblieben, es wäre mir genug gewesen und Revanche hätte wieder das Potential zum Lieblingsbuch gehabt. Mit dem ein oder anderen weiteren Thema scheint mir der Roman mit seinen nur 191 Seiten dann aber doch überfrachtet, sei es die Reise von Tobias und Raphael zu den Schlachtfeldern Nordfrankreichs mit den Ressentiments der Franzosen gegen die Deutschen, die ich selbst so nie erlebt habe, sei es die Idee, die Kriegserlebnisse des Großvaters zum Stoff für ein Computerspiel umzufunktionieren, womit die Brücke vom Meldereiter des Jahres 1916 zum digitalen Nerd der Gegenwart geschlagen wird. Was mir aber wieder sehr gut gefallen hat, ist Claire Beyers leise, einfühlsame Erzählweise und die ebenso pinselstrichartigen wie messerscharfen Beschreibungen von Personen, Begebenheiten oder Natur.

Claire Beyer: Revanche. Frankfurter Verlagsanstalt 2019
www.fva.de

Simon Stranger zu Gast beim literarischen Vormittag in der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule Stuttgart

© M. Nickel

Norwegen als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019 schickt Autoren und Autorinnen auf Reisen und die Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule durfte am 23.10. den mit dem Preis der norwegischen Buchhändler 2018 ausgezeichneten Simon Stranger begrüßen. Bereits im Frühsommer hatte ich die ersten Kontakte zu Thomas Böhm, im Gastland-Team zuständig für die Zusammenarbeit mit dem Buchhandel, geknüpft. Ihm und NORLA, Norwegian Literature Abroad, die im Auftrag der norwegischen Regierung den Ehrengastauftritt organisierte, ist es zu verdanken, dass diese großartige Veranstaltung stattfinden konnte.

© M. Nickel
© M. Nickel

Mehr als 100 Schüler und Schülerinnen des Wirtschaftsgymnasiums sowie Medienkaufleute und Buchhändler aus der Berufsschule konnten in der Aula an diesem Literaturvormittag in englischer Sprache teilnehmen. Vorbereitet und gestaltet wurde der Vormittag von den Buchhändlerklassen B3A und B4, die im Rahmen eines Langzeitprojekts für die Dekoration der Aula mit zum Holocaust-Roman Vergesst unsere Namen nicht passenden Stolpersteinen sorgten, den Flyer gestalteten, die Begrüßung, das Interview, die Lesung eines Romanauszugs auf Deutsch und die Verabschiedung übernahmen und schließlich im Rahmen eines „Kaffeslabberas“ im kleinen Kreis mit Brezeln, Kuchen und Kaffee bewirteten.

© M. Nickel

 

 

Der charismatische Simon Stranger riss mit seinem lebendigen und bestens auf das Publikum abgestimmten Vortrag alle mit und zog Parallelen vom norwegischen Gestapo-Helfer Henry Oliver Rinnan aus seinem Roman bis zum norwegischen Massenmörder Anders Breivik 2011 und zum Attentäter von Halle im Oktober 2019. Mit der Begeisterung für sein Thema konnte Simon Stranger die Zuhörer und Zuhörerinnen in der Aula spürbar anstecken. Dabei stand für ihn nicht die Frage der Schuld im Vordergrund. Vielmehr geht es ihm darum, die Namen der Opfer im Gedächtnis zu halten und den Gründen für die Radikalisierung vor allem junger Menschen früher und heute nachzugehen, um dadurch Gewalttaten zukünftig vorzubeugen. Simon Stranger macht Mut, dass dies gelingen kann.

Norwegen-Kaffeslabberas auf der Frankfurter Buchmesse

Am Messefreitag war ich eingeladen zum Bloggertreffen im Gastland-Pavillon, eine exklusive Möglichkeit, mit norwegischen Autorinnen und Autoren ins Gespräch zu kommen. Dazu passend gab es Kaffee und Kekse, denn Norwegen zählt zu den Ländern mit dem höchsten Kaffeekonsum pro Kopf.

Zu Beginn veranstaltete Alva Gehrmann ein kleines Norwegen-Quiz, bei dem man mit „Kvikk Lunsj“ für richtige Antworten belohnt wurde. Leider war ich vom Gewinn der leckeren Schoko-Keks-Riegel ausgeschlossen, da ich das Quiz bereits im Rahmen einer anderen Veranstaltung mitgemacht hatte. Alva Gehrmanns Norwegen-Buch I did it Norway kannte ich bereits in Teilen, es ist eine unterhaltsame Einführung in Land und Leute. Sehr interressant berichtete sie über das norwegische Literatursystem und das Litteraturhuset in Oslo, wo jedes Jahr auf vier Etagen über 1700 Veranstaltungen stattfinden und Schriftsteller, Übersetzer und Journalisten im „skriveloftet“ unter dem Dach ungestört und in anregender Atmosphäre arbeiten können.

Ruth Lillegravens Roman Sichel ist eine Erzählung in Form eines Langgedichts und in einer wunderschönen Ausgabe in der Edition Rugerup erschienen. Da ich eher selten Gedichte lese und noch nie einen Roman in Gedichtform, bin ich darauf sehr gespannt. Der Band stand auf der Hotlist des Preises der unabhängigen Verlage 2019.

Von Åsne Seierstad habe ich im Jahr 2002 das Buch Der Buchhändler aus Kabul gelesen und war begeistert. Erst jetzt ist mir bewusst geworden, dass ich sie und ihre Bücher anschließend aus den Augen verloren habe, was ich nun sehr bedauere. In ihrem neuesten Buch Einer von uns, über das sie sehr interessant erzählt hat und das ich nun unbedingt lesen möchte, geht es um den Attentäter Anders Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, überwiegend Teilnehmer am Zeltlager der Jugendorganisation der norwegischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ein für mich hochspannendes Thema, zu dem die Journalistin, die selbst unweit des Täters lebte, detailliert recherchiert hat.

Zugegeben, mit diesem Cover hätte ich den Roman Kriegerjahre von Jan Ove Ekeberg sicher nicht in die Hand genommen. Nachdem er aber nun so interessant über seine fünfjährigen Recherchearbeiten rund um den Wikingerkönig Harald den Harten berichtet hat, werde ich dem historischen Roman doch eine Chance geben – vielleicht mit einem Umschlag. Wie bei Ruth Lillegravens Langgedicht wäre ich auf diesen Titel ohne die Veranstaltung sicher nie gestoßen.

Leider war der Geräuschpegel von der Bühne während Hanne Ørstaviks Vorstellung ihres Romans Liebe zu hoch, um ihr folgen zu können. Beim Hineinlesen fesselt der kleine, fadengeheftete Band jedoch sofort mit einer sehr klaren Sprache. Die Mutter-Sohn-Geschichte spielt nur während weniger Stunden und erschien im Original bereits 1997. Höchste Zeit also, sie zu lesen.

Simon Stranger mit seinem Roman „Vergesst unsere Namen nicht“. © B. Busch

Simon Stranger verlegte die Präsentation seines Buches glücklicherweise auf den Balkon der Messehalle, so dass nicht nur Luft und Lärmpegel angenehmer waren, sondern die Beleuchtungsverhältnisse nun auch ein Foto erlaubten. Seinen mit dem Preis der norwegischen Buchhändler 2018 ausgezeichneten Roman Vergesst unsere Namen nicht hatte ich zuvor bereits mit großer Freude gelesen, einerseits, weil Simon Stranger seine Anliegen so engagiert vertritt, andererseits aufgrund der besonderen Form. Der Roman leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen der norwegischen Opfer des Zweiten Weltkriegs, sondern zeichnet am Beispiel des norwegischen Gestapo-Spitzels und Kriegsverbrechers Henry Oliver Rinnan den Weg eines eher durchschnittlichen jungen Mannes zum Monster. Die Parallelen zu Åsne Seierstads Buch liegen damit klar auf der Hand.

Danke für eine ganz ausgesprochen gelungene Veranstaltung, die für mich ein Messehöhepunkt war.

Frankfurter Buchmesse und Buchblog Award 2019

Frankfurter Buchmesse © M. Busch

Erfüllte Tage, unzählige interessante Gespräche und Veranstaltungen und jede Menge neue Eindrücke liegen nach drei Messetagen hinter mir. Der Diogenes Talk am Donnerstag Nachmittag im Frankfurt Pavilion mit der wie immer ausgezeichnet vorbereiteten Moderatorin Shelly Kupferberg und den Autorinnen und Autoren Simone Lappert, Doris Dörrie, Thomas Meyer und Andrej Kurkow, das Interview mit dem genialen Saša Stanišić am Mittwoch im ARD Forum und die Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises am Freitagabend gehörten für mich zu den Veranstaltungs-Highlights, genauso wie ein Bloggertreffen mit norwegischen Autorinnen und Autoren am Freitag, über das ich in einem gesonderten Beitrag berichten werde.

Frankfurter Buchmesse – Buchblog Award 2019 © M. Busch

Auch wenn es am Ende nicht zum Buchblog-Award 2019 gereicht hat: Es war ein großartiges Erlebnis, zum mittlerweile zweiten Mal auf der Shortlist zu sein. Ich danke vor allem Karina Elm von NetGalley und Clara Seger vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels für die perfekte Betreuung während des Wettbewerbs und eine rundum gelungene Veranstaltung am Buchmesse-Freitag im Frankfurt Pavilion sowie der Jury für eine faire Entscheidung. Der größte Dank geht aber selbstverständlich an alle, die für mich gestimmt haben und diesen Blog regelmäßig besuchen. Glückwunsch an die Gewinnerinnen und Gewinner in den vier verschiedenen Kategorien „Bester Buchblog“, „Bester Newcomer“, „Bester Verlagsblog“ und „Bester Buchhandlungsblog“.

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht

  O wie Offenbarung des Bösen, V wie Vergebung

Während der norwegische Literaturzug mit dem Kronprinzenpaar und zahlreichen Autoren, unter ihnen auch Simon Stranger, seinem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse entgegenrollt, habe ich mit großer Anteilnahme Strangers Holocaust-Roman Vergesst unsere Namen nicht gelesen. Inspiriert vom Stolperstein für den Urgroßvater seiner Frau in Trondheim, hat er mit Familienangehörigen gesprochen, Handlungsorte aufgesucht und in Archiven recherchiert. Trotzdem ist sein Buch ein Roman, denn nicht alles ließ sich rekonstruieren und Lücken galt es mit Fantasie zu füllen.

Die Originalausgabe „Leksikon om lys och mørke“ in der Bibliothek Deichman in Oslo. © B. Busch

J wie Jude
Einer jüdischen Tradition gemäß stirbt ein Mensch zwei Mal: wenn das Herz aufhört zu schlagen und wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird. Genau wie der Künstler Gunter Demnig mit den von ihm erdachten Stolpersteinen möchte auch Stranger diesen zweiten Tod hinausschieben. „A“ bis „Z“ sind die 26 Kapitel überschrieben, jeder Buchstabe liefert Stichwörter, die sich zuletzt wie ein Puzzle zur ganzen Geschichte zusammenfügen.

S wie Stolperstein
Die Familie von Hirsch Komissar, dessen Stolperstein in Trondheim liegt, kam nach den Judenprogromen in den 1880er-Jahren aus Russland nach Norwegen. In Trondheim führte er ein Bekleidungsgeschäft. Am Tag der Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht floh Hirsch Komissar mit seiner Frau und den drei Kindern nach Schweden, kehrte aber kurz darauf wieder zurück. Am 12.01.1942 wurde er verhaftet, zeitweise im Lager Falstad gefangen gehalten und am 07.10.1942 hingerichtet. Dass sein Sohn Gerson später zusammen mit seiner Frau Ellen und den beiden Töchtern, eine davon Strangers Schwiegermutter, ausgerechnet in das Haus zog, in dem so viele Gefangene der norwegischen Gestapo gefoltert und ermordet wurden, mutet angesichts dieser Familiengeschichte unglaublich an.

Das Wohnhaus von Hirsch Komissar in der Klostergate 35 in Trondheim. © B. Busch

R wie Rinnan
Noch mehr als dem Opfer widmet sich Simon Stranger einem Täter, dem norwegischen Gestapo-Vertrauten Henry Oliver Rinnan (1915 – 1947), 1945 einer der meistgesuchten norwegischen Kriegsverbrecher. Beim Prozess gegen die sogenannte „Bande“ trug er die Nummer eins am Revers und ein Gutachten bescheinigte ihm große Intelligenz, Anomalien im Gefühlsleben und eine eigentümliche Macht über seine Mitmenschen. Erstaunt war ich, dass Rinnan, so wie Stranger ihn beschreibt, keinerlei politische Überzeugungen hatte. Triebfeder für seinen Verrat an Widerstandskämpfern und Juden sowie für erbarmungslose Folterungen, Gewaltexzesse und Tötungen im sogenannten „Bandenkloster“ waren Machtstreben und Eitelkeit dieses ob seiner geringen Körpergröße mit tiefen Minderwertigkeitskomplexen behafteten Mannes.

Der Stolperstein für Hirsch Komissar vor dem Haus Klostergate 35 in Trondheim. © B. Busch

M wie Machtlosigkeit
Ganz besonders interessant fand ich Strangers Gedanken zum Entzug der Menschlichkeit durch die Täter:

Allen, die ermordet werden, muss die Menschlichkeit genommen werden… Alles, was an Persönlichkeit erinnert, muss verschwinden, um zu verhindern, dass die Henker sich in den Gesichtern ihrer Opfer selbst wiedererkennen. Diese notwendige Distanz ist die Voraussetzung. Ohne sie ist der nächste Schritt unmöglich, er wäre wie ein Angriff auf das eigene Spiegelbild.

Z wie Zukunft
Warum wurde in der Familie von Strangers Frau Rikke zu den Ereignissen des Krieges meist geschwiegen? „Es war der Wunsch zu vergeben und weiterzugehen… Dass wir etwas ändern können, das ist der Weg in die Zukunft.“ Und doch ist es wichtig, diesen Teil der Geschichte lebendig zu halten, nicht nur, um den zweiten Tod der Opfer hinauszuzögern, sondern auch, um der neuen Rechten entgegenzutreten und Außenseiter nicht zu Tätern werden lassen. Das Buch von Simon Stranger, ausgezeichnet mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis für den besten Roman des Jahres 2018, ist ein wertvoller Beitrag dazu.

Simon Stranger bei „Literatur am Vormittag“ in der Cotta-Schule in Stuttgart am 23.10.2019. © M. Nickel

 

Simon Stranger: Vergesst unsere Namen nicht. Aus dem Norwegischen von Thorsten Alms. Eichborn 2019
www.luebbe.de/eichborn

Andreas Föhr: Schwarze Piste

  Wallner/Kreuthner sind einfach Kult

Als Gegenpol zum Alltagstrubel und zu den vielen Romanen der letzten Wochen habe ich wieder einmal zu einem Krimi aus der Tegernsee-Reihe von Andreas Föhr gegriffen. Zwar hinke ich leider hinterher, denn Schwarze Piste ist der bereits 2012 erschienene vierte von mittlerweile acht Bänden, aber glücklicherweise sind alle aufgrund ihrer Beliebtheit in meiner Familie vorhanden und ich werde die Lücke nach und nach schließen.

Der Miesbacher Kriminalhauptkommissar Clemens Wallner, inzwischen verheiratet und junger Vater, ist nicht wirklich überrascht, als man ihm im Winter 2011 berichtet, dass Polizeihauptmeister Leonhardt Kreuthner wieder einmal eine Leiche gefunden hat. Schließlich führt das Urgestein Kreuthner, der gerne mal das Recht zu seinen Gunsten umdeutet und ein Bußgeld für sich abzweigt, nicht umsonst den Spitznamen „Leichen-Leo“. In diesem Fall ist es die 49-jährige Sophie Kramm, Besitzerin des Gnadenhofs in Riedern, die Kreuthner bei einer riskanten Skiabfahrt ausgerecht in Begleitung von deren Schwester Daniela eingeschneit auf einer Bank sitzend entdeckt. Die aufgeschnittenen Pulsadern deuten zunächst auf Selbstmord hin. Doch als weitere, ähnlich arrangierte Tote auftauchen, alle im Besitz eines mysteriösen Fotos mit exumierter Leiche, weist plötzlich alles auf einen Serienmörder hin und schnell wird die „Soko Wallbergmorde“ gegründet. Die Opfer waren einst Mitglieder einer linken Studenten-WG aus dem Umfeld der RAF, aber wer ist die Tote auf dem Foto? Während die Kripo sich Stück für Stück an die Lösung des Falles herantastet, agiert Kreuthner auf eigene Faust und mit seinen ureigenen Methoden – zum Entsetzen von Wallner, aber nichtsdestotrotz erfolgreich. Immerhin hat der Streifenpolizist drei Jahre zuvor zwei der Opfer bei einer nicht ganz legalen Verkehrskontrolle schon einmal getroffen…

Obwohl der Krimi nicht ganz so saukomisch wie die drei Vorgängerbände Der Prinzessinnenmörder, Schafkopf und Karwoche ist, habe ich mich wieder bestens amüsiert und am mit Augenmaß dosierten Lokalkolorit erfreut. Gleichzeitig ist die Handlung logisch aufgebaut, in angenehmer Sprache erzählt und spannend bis ganz zuletzt, denn auch beim vierten Fall hat Andreas Föhr mich wieder mit der Auflösung überrascht. Das ungleiche Duo Wallner/Kreuthner, der reflektierte, ewig frierende Teamplayer und der impulsive, unkontrollierte Einzelgänger, ist einfach herrlich! Ganz bestimmt kehre ich bald zu beiden an den Tegernsee zurück, denn diese Reihe ist für mich inzwischen einfach Kult.

Andreas Föhr: Schwarze Piste. Knaur 2012
www.droemer-knaur.de

Simone Lappert: Der Sprung

  „Nichts war wie vorher. Absolut nichts.“

Die Idee zu Simone Lapperts zweitem Roman Der Sprung ist klasse. Da steht eine junge Frau namens Manu auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses in der fiktiven Kleinstadt Thalbach im Schwarzwälder Hinterland, randaliert mit Dachziegeln und droht zu springen. Warum? 20 Stunden dauert das Spektakel, genug Zeit, um das Leben vieler Wartender auf den Kopf zu stellen, sei es, weil sie in enger Beziehung zu ihr stehen, oder weil das Ereignis ihnen Anlass gibt, die eigene Lebenssituation zu überdenken.

Simone Lappert beginnt den Roman mit dem titelgebenden Sprung selbst, der viermal thematisiert wird: am Anfang und nach jedem der drei Teile: „1 Tag davor“, „1. Tag“ und „2. Tag“. Die Sprache in diesen kurzen Abschnitten, in denen zunächst nichts über die Landung verraten wird, ist besonders gelungen: „Eigentlich springt sie nicht, sie macht einen Schritt ins Leere, setzt den Fuß in die Luft und lässt sich fallen, mit offenen Augen lässt sie sich fallen, will alles sehen auf dem Weg nach unten, alles sehen und hören und fühlen und riechen, denn sie wird nur einmal so fallen, und sie will, dass es sich lohnt…“ .

Die drei Teile dazwischen sind in Kapitel untergliedert, die als Überschriften die Namen einer von zehn Personen tragen. Aus ihrer Sicht wird jeweils erzählt, wie die Frau auf dem Dach zum Wendepunkt in ihrer Biografie wird. Da ist Manus Freund Finn, der noch nicht einmal ihren Nachnamen kennt, der Polizist Felix, bei dem die bevorstehende Vaterschaft ein altes Trauma wiederaufleben lässt, ihre Schwester Astrid, die sich als Bürgermeisterkandidatin keinen Skandal erlauben kann, ein Obdachloser, der die Menschenansammlung geschickt für seine Zwecke nutzt, und einige andere mehr. Besonders bewegt hat mich das Schicksal von Theres, die zusammen mit ihrem Mann einen aus der Zeit gefallenen Gemischtwarenladen betreibt. Kurz vor der Insolvenz erleben die beiden einige letzte Blütestunden, denn ihr Geschäft liegt plötzlich inmitten des Geschehens. Die Beschreibung, wie Theres lustvoll und geschickt Überraschungseier auspackt, hat die Lektüre fast schon alleine gelohnt. Auch der Mailänder Stardesigner mit Schaffenskrise, der unerwartet in das Schicksal eines Thalbachers eingreift, ist eine originelle Figur. Zu klischeehaft war mir jedoch die gemobbte übergewichtige Winnie mit ihren Teenieprobleme aus dem Lehrbuch. Gestört hat mich das exzessive Rauchen vieler Protagonisten – überflüssig und für meinen Geschmack zu breit ausgewalzt. Der liebevolle Umgang der sorgfältigen Beobachterin Lappert mit ihren zahlreichen Protagonisten hat mir dagegen Spaß gemacht, auch wenn sie ihr so sehr ans Herz gewachsen sind, dass sie für fast alle einen versöhnlichen Ausgang bereithält. Die Einzelschicksale stehen eindeutig im Fokus, während die Atmosphäre und die zwar immer wieder erwähnte, für mich aber nicht spürbare Hitze etwas zu kurz kommen.

Der Sprung ist ein lesenswerter, sehr gut durchkomponierter Unterhaltungsroman und ein Porträt unterschiedlicher Bewohner einer beliebigen Kleinstadt, die alle irgendwie verbunden sind. Für das nächste Buch wünsche ich mir noch mehr sprachlich exzellente, akribisch beschriebene Passagen wie die über den eigentlichen Sprung, denn hier zeigt sich die große Begabung der jungen Schweizer Autorin besonders deutlich.

Simone Lappert: Der Sprung. Diogenes 2019
www.diogenes.ch