Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

  Ein charmanter Dorf-(Kriminal-)Roman

Im südirischen Dorf Duneen scheint die Zeit nicht zu vergehen, sie versickert. Der aus Limerick zugezogene Dorfpolizist Sergeant Patrick James Collins hat es seit 15 Jahren hauptsächlich mit der Regelung des Verkehrs zu tun. Das ist gut so, denn angesichts seiner Korpulenz scheint PJ, wie er genannt wird, nicht für die Verbrecherjagd prädestiniert.

So ähnlich wie im südirischen Sneem könnte es im fiktiven Dorf Duneen aussehen. © M. Busch

Ein Bagger bringt es ans Licht
Als bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Bauernhofs der Burkes menschliche Knochen gefunden werden, ist es mit dem Frieden im Dorf vorbei. PJs fürsorgliche Haushälterin Mrs. Meany berichtet ihrem ahnungslosen Chef vom jungen Hoferben Tommy Burke, der vor 26 Jahren einen Bus bestiegen haben soll und spurlos verschwand. Zwei Frauen hatten sich zuvor auf der Hauptstraße um ihn geprügelt: seine Verlobte Brid Riordan und seine Haushaltshilfe, die 17-jährige Evelyn Ross. Beide leiden bis heute unter seinem rätselhaften Verschwinden. Die zweifache Mutter Brid ertränkt den Kummer über ihre langweilige Ehe in Wein, die elegante Evelyn blieb nach dem tragischen Verlust beider Eltern und ihrer großen Liebe bei ihren beiden ebenfalls unverheirateten Schwestern auf dem elterlichen Hof hängen. Gehören die Knochen Tommy Burke, wie nicht nur Evelyn und Brid vermuten, oder hat er gemordet und sich aus dem Staub gemacht hat?

Aus Cork wird PJ der Superintendent Linus Dunne vor die Nase gesetzt, ein typischer Schnösel aus der Stadt. Schnell erweist sich der alte Fall als überraschend kompliziert. Vor allem PJ, dem es so sehr an Selbstbewusstsein mangelt, wächst zunehmend über sich hinaus und überrascht alle, am meisten sich selbst. Stück für Stück kommen jahrzehntelang streng gehütete Geheimnisse verschiedener Dorfbewohnerinnen ans Licht und nur schlecht vernarbte Wunden brechen wieder auf.

Mehr Roman als Krimi
Im Mittelpunkt des Debütromans von Graham Norton, gebürtiger Ire und Großbritanniens bekanntester Talkmaster, steht nicht der Kriminalfall, vielmehr geht es um die Bewohner und vor allem Bewohnerinnen Duneens. Überzeugen konnten mich vor allem die Charakterzeichnungen und der respektvolle Umgang Nortons mit diesen vom Leben gezeichneten Menschen. Egal, ob es um PJs Fettsucht, Brids Alkoholismus oder Evelyns altjüngferliches Benehmen geht, ob um die verhuschte Mrs. Meany oder eine der Klatschbasen des Dorfes, niemand wird der Lächerlichkeit preisgegeben oder seiner Würde beraubt. Obwohl beileibe kein Thriller, ist die allmähliche Entflechtung der ineinander verwobenen Schicksale interessant und oft überraschend, wobei ich zu meiner Freude dem behäbigen PJ oftmals voraus war.

Schade, dass es nach dem vergleichsweise versöhnlichen Ende kein Wiedersehen in Duneen geben wird. Ob wir stattdessen PJ irgendwann an neuer Wirkungsstätte erleben?

Die ungekürzte Hörbuchfassung in der Reihe „argon teatime“ auf einer MP3-CD. © B. Busch

Die Hörbuchfassung
Die getragene, angenehm tiefe Stimme von Charly Hübner erschien mir zunächst für die Dauer von über acht Stunden als etwas zu emotionslos. Je länger ich ihm jedoch zuhörte, desto passender zur Melancholie des Dorflebens, zum langsamen Vergehen der Zeit, zur Behäbigkeit PJs, aber auch zum immer wieder durchscheinenden Humor Graham Nortons erwies sie sich. Selbst die manchmal etwas schludrige Aussprache und Intonation wollte ich schnell nicht mehr missen, ist sie doch ebenso charmant wie dieser liebenswerte Dorf-(Kriminal-)Roman.

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist. Aus dem Englischen von Karolina Fell. Gelesen von Charly Hübner. Argon 2018
www.argon-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu in Irland angesiedelten Krimis auf diesem Blog:

          

Juli Zeh: Über Menschen

  Blühende Freundschaften

Kohls blühende Landschaften gibt es bis heute nicht, die blühenden Freundschaften von Bracken dagegen schon. (S. 346)

 

Der neue Romantitel von Juli Zeh ist ein gelungenes Wortspiel: Auf Unterleuten (2016) folgt nun Über Menschen, Anklänge an Friedrich Nietzsche nicht zufällig. Beide Romane spielen in unterschiedlichen fiktiven Dörfern in der Prignitz im nordwestlichen Brandenburg, Unterleuten im Jahr 2010, Über Menschen im ersten Corona-Frühling und -Sommer 2020.

© B. Busch

Flucht
Anstatt vieler Perspektiven gibt es dieses Mal nur die Sicht einer Protagonistin: Dora Korfmacher. Die hat mit 36 Jahren ein immer anstrengenderes, zuletzt unerträgliches Leben in Berlin aufgegeben und ist mit ihrer Mischlingshündin Jochen-der-Rochen in ein kurz vor der Pandemie ohne bestimmtes Ziel erworbenes, heruntergekommenes ehemaliges Gutsverwalterhaus mit grauer Stuckfassade und verwildertem Grundstück gezogen. Aus 80 Quadratmeter saniertem Altbau mit Balkon in Kreuzberg wird Dorfrandlage von Bracken, bröckelnde Straßen, efeuüberwucherte ehemalige Kneipen und komplett fehlende Infrastruktur. Vordergründig hat die Wende ihres Lebenspartners Robert vom überzeugten Klimaschutzaktivisten zum fanatisch-selbstgefälligen Corona-Apokalyptiker den Ausschlag gegeben, es ist aber auch eine Flucht vor der Überforderung im sich immer schneller drehenden Projekte-Hamsterrad einer Werbeagentur für nachhaltige Produkte.

Neue Nachbarn
Nicht dass Dora nicht gewarnt gewesen wäre:

In die Prignitz? Was willst du denn bei den ganzen Rechtsradikalen? (S. 45)

Unverblümt stellt sich der kahlgeschorene neue Nachbar jenseits der Mauer, Gottfried Proksch, genannt Gote, vor:

„Angenehm“, sagt Gote, „Ich bin hier der Dorf-Nazi.“ (S. 45)

Gote lebt in einem Bauwagen im eigenen gepflegten Garten neben seinem Haus, beherbergt die wegen Corona vorübergehend bei ihm untergebrachte zehnjährige Tochter Franzi und entpuppt sich als ebenso hilfsbereit wie radikal.

Da es bei 285 Einwohnern keine Anonymität gibt, keine Möglichkeit für Dora, sich in der eigenen Blase zu bewegen, kommt sie den 27 Prozent AfD-Wählern zwangsläufig nah:

In Bracken ist man unter Leuten. Da kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben. Wirst dich daran gewöhnen müssen. (S. 128)

Über Menschen ist eine wohlkalkulierte Zumutung für die Leserinnen und Leser. Kaum hat man sich angesichts der selbstverständlichen Hilfsbereitschaft und väterlichen Zuneigung von Gote leicht entspannt, pöbelt er über „Pflanzkanacken“, erzählt von Pyrotechnik vor Flüchtlingsheimen, beschimpft eine indische Ärztin oder grölt mit Kumpanen das Horst-Wessel-Lied. Heini, ebenso handwerklich begabt wie Gote, würzt seine selbstlosen Hilfseinsätze mit rassistischen Sparwitzchen. Sadie, alleinerziehende Mutter in Dauernachtschicht, mit einer Wirklichkeit, „in der es um Dinge geht, von denen in Prenzlauer Berg niemand etwas ahnt“ (S. 216/217), beklagt ungerechtfertigte Unterstützung für „die Ausländer“. Das schwule Pärchen Tom und Steffen hat einen AfD-Sticker neben der Klingel („Geht ja nicht anders.“ S. 126), obwohl Steffen in seinem Kabarettprogramm Rechte aufs Korn nimmt.

Leicht zu lesen, schwer zu verdauen
Juli Zeh lässt uns Dora, die mit Youtube-Videos gärtnernde Städterin, beim Erlernen der Dorfregeln und beim Aushalten der Ambivalenzen ihres neuen Lebens zuschauen:

Eine Bedrohung des lebenswichtigen Irrtums, man könne das Gute und das Böse spielend leicht auseinanderhalten. (S. 194)

Dora muss, will sie bleiben, Klischees auflösen, lernen, miteinander – statt wie in Berlin übereinander – zu reden und den Glauben an die eigene Überlegenheit aufgeben.

Sehr gelungen sind die auf den Punkt gebrachten, entlarvenden Dialoge voller sprachlicher Missverständnisse und Doras automatisch anspringendem Werbetexter-Hirn.

Ob wir diesen Roman auch noch in zwanzig oder dreißig Jahren lesen werden? Ich bin mir nicht sicher. Aber ein interessanter, lesenswerter Diskussionsbeitrag zu aktuellen deutschen Befindlichkeiten ist er auf jeden Fall.

Juli Zeh: Über Menschen. Luchterhand 2021
www.penguinrandomhouse.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern von Juli Zeh auf diesem Blog:

     

Ian McGuire: Der Abstinent

  Irisches Duell

Das Erscheinen der deutschen Übersetzung Der Abstinent von Ian McGuires neuestem Roman trifft zeitlich mit beängstigenden Nachrichten über Unruhen in Nordirland zusammen. Seit dem Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 einigermaßen befriedet, werden sie nun, exakt 23 Jahre später, von militanten protestantisch-loyalistischen Gruppierungen erneut angeheizt. Aktuelle Gründe sind die Unzufriedenheit über den Bexit-Sonderstatus Nordirlands und eine Nicht-Ahndung von Corona-Verstößen während der Beisetzung eines ehemaligen IRA-Terroristen durch Politiker der katholisch-republikanische Sinn-Fein-Partei.

 

Entlang des Peace Walls in West-Belfast heute. © M. Busch

 

Nationalismus und Terrorismus
Viel weiter in die Geschichte des Konflikts zurück reicht Ian McGuires düsterer historischer (Kriminal-)Roman. Er beginnt nach der großen irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts und unmittelbar nach dem Scheitern des Aufstands von 1867 unter Federführung der Fenians, einer geheimen Bruderschaft im Kampf für die irische Unabhängigkeit und Vorgängerorganisation der IRA. Ausgangspunkt für die fiktive Handlung ist ein historisch verbürgtes Ereignis vom 22.11.1867: die Hinrichtung der drei sogenannten „Manchester Martyrs“, Mitglieder der Fenians, für den Mord an einem Polizisten.

Zwei Iren auf verschiedenen Seiten
James O’Connor
, 34-jähriger Ire, Polizist aus Dublin, arbeitet seit neun Monaten als Constable in Manchester, vorrangig als Kontaktmann für Fenian-Spitzel. Nach dem Tod seines Sohnes, dann vor etwa eineinhalb Jahren seiner Frau, war er dem Alkohol verfallen, lebt nun aber abstinent und nutzt in Manchester seine letzte Chance. Als Ire ist er dem Spott der neuen Kollegen ausgesetzt, sie sticheln, provozieren und misstrauen ihm. Er sitzt zwischen allen Stühlen. Seine Warnung vor einer öffentlichen Hinrichtung stößt bei seinen Vorgesetzten auf Ablehnung:

Die Soldaten zu holen, war ein Fehler, denkt O’Connor. Gewalt wird das Problem mit den Fenians nicht lösen, und der Anblick der Truppen lässt die Leute glauben, wir befänden uns im Krieg. Solche Machtdemonstrationen führen zu nichts Gutem, man gießt nur Öl ins Feuer. Akribische Ermittlungen und Fingerspitzengefühl, das wird diesen Kampf entscheiden, nicht protzig zur Schau gestellte Grausamkeit. Doch Protz und Grausamkeit sind den Engländern nun mal am liebsten. (S. 15/16)

Kurz nach der Hinrichtung trifft der junge amerikanische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle in Manchester ein. Er ist gebürtiger Ire wie O’Connor, hat wie dieser Armut, Verlust und Gewalt erlebt, und soll im Auftrag einflussreicher amerikanischer Iren die Bruderschaft unterstützen. Sein vorrangiges Ziel ist das Aufspüren und Liquidieren von Verrätern, aber auch ein denkwürdiger Anschlag ist geplant. James O’Connor und Stephen Doyle werden zu Kontrahenten auf Leben und Tod.

Sehr lesenswert
Der Abstinent
ist der dritte Roman des 1964 geborenen britischen Literaturwissenschaftlers und Autors Ian McGuire und folgt auf Nordwasser, 2016 für den Man Booker Prize nominiert. Beide Romane sind geprägt von kompromissloser Brutalität und Gewalt, Nordwasser noch deutlich mehr, aber nie um ihrer selbst oder um der Spannung Willen. Das scharf beobachtete, sparsam im Präsens beschriebene, überaus packende Duell der beiden Männer vor der rußigen und schmutzigen, lauten und übelriechenden Kulisse einer frühindustriellen Stadt hat mich gepackt und begeistert. Bis nach Pennsylvania führt der mörderische Kampf und findet einen äußerst ungewöhnlich erzählten Ausgang.

Überrascht hat mich eine editorische Notiz im Impressum: „Auf Seite 313 beleidigt Stephen Doyle einen Schwarzen rassistisch.“ Wenn solche Hinweise üblich werden – welches Buch, vor allem welcher Klassiker, kann dann zukünftig noch ohne Warnhinweis erscheinen?

Ian McGuire: Der Abstinent. Aus dem Englischen von Jan Schönherr. dtv 2021
www.dtv.de

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Ian McGuire auf diesem Blog:

Till Hein: Crazy Horse

  Seepferdchen – viel mehr als nur possierliche Tierchen

Spätestens bei der Frühschwimmerprüfung, dem begehrten Seepferdchen-Abzeichen, lernt jedes Kind in Deutschland diese niedlichen Tierchen kennen. Stolz werden die Seepferdchen-Aufnäher von kleinen Wasserratten an der Badekleidung getragen und bescheinigen erste Schwimmfähigkeiten.

© B. Busch

 

 

Kuriose Meeresbewohner
Dass es sich lohnt, sich intensiver mit diesen zwischen 1,4 und 35 cm großen Salzwasserbewohnern zu befassen, zeigt der Wissenschaftsjournalist und Freund der Fische Till Hein eindrucksvoll in seinem ebenso faktenreichen wie kurzweiligen Porträt Crazy Horse. Er gibt Antworten auf unzählige Fragen und bietet einen bunten Strauß an Wissenswertem, nicht nur im Hinblick auf die kuriose Physiognomie und Lebensweise dieser Fische(!), sondern auch auf die Bestimmung der Unterarten, ihre Auftritte in Kunst, Mythen und Geschichten, ihre Bedeutung für den Feminismus und die Bionik sowie einen Exkurs zu den Hippocampi, den nach den Seepferdchen benannten Gehirnarealen. Sobald einem nach siebzehn Kapitel die Rosse der Meere so richtig ans Herz gewachsen sind, geht es in den verbleibenden drei Abschnitten um all das, was viele der bislang 44 Unterarten in ihrer Existenz bedroht: Schleppnetze, die Zerstörung ihrer Habitate, die massenhafte Verwendung getrockneter Seepferdchen in der TCM, der Klimawandel und die Überdüngung der Meere. Vereinzelte Lichtblick gibt es durch Aktionen von Organisationen wie Project Seahorse, Greenpeace oder dem BUND mit ihren engagierten Aktivistinnen und Aktivisten.

© B. Busch

Alles Wissenswerte über die Rosse der Meere
Hätten Sie gewusst, was Seepferdchen zu Fischen macht? Wozu ihre kunstvoll choreografierten Tänze dienen? Dass die meisten Arten monogam leben, die Männchen für Schwangerschaften zuständig sind und unter Wehen die Seefohlen zur Welt bringen? Was es mit dem faszinierenden Klammerschwanz auf sich hat? Wodurch diese ultralangsamen Raubtiere ohne Kauwerkzeuge zu äußerst geschickten und effizienten Jägern werden? Welche Eigenschaften sie mit Chamäleons teilen? Dass sie keineswegs stumm sind, dafür aber schlecht hören? Oder warum der Wurzener Dichter, Kabarettist und Maler Hans Gustav Bötticher den Künstlernamen Joachim Ringelnatz wählte?

All diesen Fragen geht Till Hein auf den Grund, basierend auf neuesten Forschungen und Beobachtungen zahlreicher renommierter Seepferdchen-Expertinnen und -Experten aus aller Welt, Meeresbiologen, Evolutionsforschern, Tauchern, Unterwasserfotografen. Sogar eine Seepferdchenflüsterin und eine Fischtierärztin kommen zu Wort.

Ein Glücksfall unter den Sachbüchern
Waren Sachbücher lange Zeit für mich nur Mittel zur gezielten Information über vorher festgelegte Themen von meist schulischem oder beruflichem Interesse, hat sich das in den letzten Jahren verändert. Heute entdecke ich in Buchhandlungen oder Verlagsvorschauen Sachbücher zu Teilaspekten der Geschichte, Biologie oder Kultur, die mich aufgrund schöner Cover, geheimnisvoller Titel oder ungewöhnlicher Sujets zur Lektüre anregen. Ein solch glücklicher Zufallsfund ist Till Heins Crazy Horse, unterhaltsam, originell geschrieben, mit pfiffigen Kapitelüberschriften und einer detailreichen, jedoch nicht ausufernden Informationsfülle. Fotos und Zeichnung gibt es nicht, was mich zunächst irritierte, dann aber doch nicht störte, denn man kann sie sich im Bedarfsfall jederzeit aus dem Internet holen. Was man im Netz aber sicher nicht findet, sind so gut aufbereitete, unterhaltsam geschriebene Texte, dazu in haptisch so gelungener Form.

Till Hein: Crazy Horse. mare 2021
www.mare.de

 

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Diana Evans: Leute wie wir

  Paare am Scheideweg

Zwei Romane mit dem Titel Leute wie wir erscheinen im Literaturfrühling 2021, eines von Diana Evans im Imprint Atlantik bei Hoffmann und Campe, eines von Noa Yedlin bei Kein & Aber. Die 1973 geborene Britin Diana Evans, Tochter eines Engländers und einer nigerianischen Immigrantin, hat den Originaltitel Ordinary People von einem John-Legend-Song entliehen. Sie erzählt die Geschichte zweier multiethnischer Mittelschicht-Paare Ende 30 in London, deren Schmetterlinge-im-Bauch-Phase endgültig vorbei ist. Beide Paare, Melissa und Michael ebenso wie ihre Freunde Stephanie und Damian, haben es nicht geschafft, ihrer Liebe nach der Geburt ihrer Kinder eine neue Form zu geben. Beide stehen am Scheideweg, denn ihre Lebensentwürfe scheinen so zerbrechlich wie der immer wieder erwähnte, 1936 nach langem Niedergang zerstörte Crystal Palace.

Weitermachen oder gehen?
Diana Evans dritter Roman spielt zwischen der Silvesternacht 2008 nach der ersten Wahl Barack Obamas und der Silvesternacht 2009 nach dem Tod Michael Jacksons.

Melissa und Michael galten lange als Traumpaar ohne Trauschein, doch was als große Liebe begann, hält nach 13 gemeinsamen Jahren den Belastungen des Alltags nicht mehr stand. Michael vermisst die frühere Leidenschaft, die einst beruflich erfolgreiche Mode- und Lifestyleredakteurin Melissa hat sich selbst zwischen Kindergeschrei, Küche und Staubwischen verloren und weiß nicht mehr, wer sie eigentlich ist:

Als sie das Haus betrat, verwandelte sie sich in die Frau, die darin lebte, und ließ die Frau, die draußen gelebt hatte, vor dem Eingang zurück, denn die Tür war zu schmal und der Flur zu eng, um zu zweit hindurchzugehen (S. 361)

Alles scheint sich gegen sie verschworen zu haben, selbst das schmale viktorianische Haus im tiefsten Süden Londons, die Mäuse und die in ungünstigsten Momenten zusammenbrechende Kleiderstange. Melissa glaubt gar an Spuk.

Stephanie und Damian ergeht es nicht besser. Er trauert im vermeintlich sichereren und kindergeeigneteren Dorking der pulsierenden Hauptstadtatmosphäre nach, sie geht, anders als Melissa, völlig in ihrer Mutterrolle auf:

Meine Kinder unterdrücken mich nicht. Sie befreien mich. Der Mann ist das Problem. (S. 312)

Der Tod seines Vaters, zu dem er kaum Kontakt hatte, wirft Damian endgültig aus der Bahn. Er langweilt sich in seiner Ehe, fühlt sich von den Schwiegereltern missachtet, träumt von einer Karriere als Schriftsteller und ist trotz beständiger Ehestreitigkeiten zu lethargisch für einen Aufbruch. Heimlich denkt er an Melissa.

Als auch die Kinder mit somatischen Anzeichen auffällig werden, müssen nach zermürbenden Monaten Entscheidungen gefällt werden.

Nicht spektakulär, aber erfrischend erzählt
Ohne zu werten, erzählt Diana Evans von ganz gewöhnlichen Paaren in Umbruchsituationen, ihrem Schmerz und ihren Zweifeln. Obwohl die Thematik nicht neu ist, lohnt die Lektüre wegen der diffenzierten, bisweilen humorvollen, originellen Erzählweise und der Vielzahl der Aspekte bis hin zum unterschiedlichen Umgang mit farbiger Identität. Ich hätte mir als Randfiguren einen Gegenentwurf zu den beiden Paaren gewünscht, eine Familie, in der Kinder und Partnerschaft zusammengehen, die Glücksmomente mit ihren Kindern erleben, denn fast könnte man beim Lesen vergessen, dass es solche Beziehungen glücklicherweise gibt.

Großen Raum nimmt die Beschreibung diverser Londoner Stadtviertel ein, so bunt wie das wunderschöne Cover, und sicher ein besonderer Lesegenuss für London-Kennerinnen und -Kenner. Dasselbe gilt für die eingebauten Popsongs, für die man eine Playlist auf der Website der Autorin findet.

Ob die Filmproduzenten bei so vielen leinwandtauglichen Zutaten nicht Schlange stehen?

Diana Evans: Leute wie wir. Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Atlantik 2021
hoffmann-und-campe.de

Christa von Bernuth: Tief in der Erde

  Fakten und Fiktion

Die Fakten
Im September 1981 ereignete sich am Ammersee ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes Verbrechen. Die zehnjährige Ursula Herrmann, viertes und jüngstes Kind einer nicht vermögenden Familie, wurde entführt und in einer im Boden eines Waldstücks vergrabenen Kiste versteckt, um Lösegeld zu erpressen. Ursula erstickte aufgrund mangelhafter Belüftungsrohre, drei Wochen später fand die Polizei ihre Leiche. Erst im März 2010, kurz vor der Verjährung des „erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge“, wurde in einem reinen Indizienprozess ein mutmaßlicher Täter zu lebenslanger Haft verurteilt. Nicht nur der Bruder des Opfers, Michael Herrmann, zweifelt dessen Beteiligung an.

Die Fiktionalisierung
Zu den Skeptikern gehört auch die Autorin Christa von Bernuth, die bis kurz vor der Tat selbst ein Internat nahe der Fundstelle besuchte. In ihrem ersten True-Crime-Krimi, basierend auf dem wahren Fall, fiktionalisiert die erfahrene Krimischreiberin das Geschehen und findet eigene Antworten auf das Wie, Weshalb und Wer. Bei ihr heißt das entführte Kind Annika Schön, das Waldstück Traubenhain und der Wohnort Salbrunn. Die Geschehnisse des Entführungstags, dem 15.09.1981, bis zum Auffinden Annikas am 04.10.1981 bilden den ersten Teil des Romans. Sie wirken durch die kurzen Kapitel und die Angabe von Uhrzeiten und Personen – Familienmitglieder, Ermittler und die namenlosen Täter – wie ein Protokoll. Unterbrochen wird die Abfolge durch Abschnitte in anderer Schriftart aus der Ich-Perspektive der Gerichtsreporterin Julia Neubauer, die zwischen dem 28.05.2010 und dem 06.08.2010 den Prozess gegen den angeklagten Karl Leitmeir verfolgt.

Dieselben Zeitsprünge finden sich auch im zweiten Teil. Einerseits begleitet er zwischen dem 09.10.2010 und der Urteilsverkündung im Februar 2011 den Prozess, anderseits die Ermittlungen nach dem Leichenfund. Weite Teile spielen im angrenzenden Internat, einer „Schule für Kinder von Großkopferten“, wie ein Polizist formuliert. Diese Schilderung des Schullebens empfand ich als zu detailliert.

Ganz anders der abschließende dritte Teil, in dem die Handlung wieder enorm an Fahrt gewinnt. In einer weiteren Zeitebene zwischen dem 13.08.2019 und dem 20.11.2019 nimmt Martin Schön, Ursulas älterer Bruder, Kontakt zu Julia Neubauer auf. Er zweifelt noch immer an der Schuld von Karl Leitmeir und präsentiert neue Ermittlungsansätze.

Gut recherchiert und klug aufgebaut
Tief in der Erde war meine erste Begegnung mit dem Genre True Crime. Meine anfänglichen Bedenken bezüglich der Legitimität, ein so schweres, perfide geplantes Verbrechen als Thema für einen Unterhaltungsroman zu wählen, zerstreute ein Interview mit der Autorin. Ursula Herrmanns Bruder suchte selbst den Kontakt zu ihr, begleitete nach anfänglichem Zögern die Fiktionalisierung und war schließlich vom Ergebnis sehr angetan war.

Christa von Bernuths „Kriminalroman nach einer wahren Begebenheit“ ist, wie sie selbst vorausstellt, „ein Werk der Fantasie, in dem Fakten und Fiktion, Geschehenes wie Erfundenes, eine untrennbare künstlerisch verfremdete Einheit bilden“. Sie befasste sich spürbar intensiv mit den Fakten, studierte Prozessakten, sprach mit Beteiligten und kennt die Örtlichkeiten und den Internatsbetrieb. Besonders gelungen ist die Darstellung der Vielzahl von Opfern dieser sinnlosen Tat, neben der Toten in erster Linie Familienangehörige, Ermittler, aber eventuell auch der Verurteilte. Es könnte so gewesen sein, wie Christa von Bernuth es beschreibt – oder eben auch nicht. Spannend, interessant und empfehlenswert ist ihr flott geschriebener True-Crime-Krimi allemal.

Christa von Bernuth: Tief in der Erde. Goldmann 2021
www.penguinrandomhouse.de

Irmgard Keun: Kind aller Länder

  Heimatlosigkeit aus Kindersicht

Als Irmgard Keun (1905 – 1982) den Roman Kind aller Länder 1938 in einem Amsterdamer Exilverlag veröffentlichte, lebte sie bereits seit 1935 in der Emigration und ihre zweijährige Beziehung mit Joseph Roth (1894 – 1939) war soeben beendet. Im Deutschen Reich war sie, vor allem wegen ihres 1932 erschienenen Romans Das kunstseidene Mädchen, sehr bekannt, doch wurden ihre Bücher von den Nazis verbrannt. 1940 kehrte sie unter falschem Namen nach Köln zurück. Nach 1945 konnte sie nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen, erst kurz vor ihrem Tod wurde sie wiederentdeckt. Reclams Romanführer in vier Bänden von 1981 verzeichnet sie nicht, die 24-bändige Studienausgabe des Brockhaus von 2001 widmet ihr immerhin einen kleinen Artikel mit Bild, allerdings ohne Erwähnung von Kind aller Länder.

Eine liebenswerte Erzählerin
Genau wie Irmgard Keun lebt die zehnjährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Kully im Exil, zusammen mit ihren Eltern. Der Vater ist Schriftsteller und Journalist mit Publikationsverbot im Deutschen Reich. Zwischen 1936 und 1938 zieht die Familie rastlos durch Europa und bis New York, getrieben von ablaufenden Visen und Geldnöten, wohnt überwiegend in vornehmen Hotels in Brüssel, Prag, Ostende, Amsterdam, Lemberg, Wien, Salzburg, Brügge und Nizza, die sie selten bezahlen können. Während Kully einen Verlust der zeitlichen Orientierung beklagt, wurde mir beim Zuhören schwindelig vor Orten.

Mit Neugier und Offenheit beobachtet das aufgeweckte Mädchen die Erwachsenen: den charmanten, leichtsinnigen Vater mit Hang zu Alkohol, Spiel und Frauen, die sich nach Häuslichkeit sehnende, zunehmend verzagende Mutter, andere Heimatlose, potentielle Geldgeber oder Hotelangestellte. Viel zu gut weiß sie Bescheid über Wechselkurse, Visa, Pässe, Konsulate, Ländergrenzen und Hunger, den Begriff Heimweh kennt sie dagegen nicht. Was sie sieht und hört, beflügelt ihre Gedanken und lässt sie Erklärungen zusammenbasteln:

Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man raus, aber in das andere darf man nicht rein.

Einziger Halt sind ihre Eltern, die liebevoll-besorgte Mutter und der unzuverlässige, jedoch heißgeliebte Vater. Sorgen bereiten ihr die Gefahr des eigenen Verlorengehens und der mögliche Verlust des Vaters:

Meine Mutter und ich sind meinem Vater eine Last. Aber da er uns nun mal hat, will er uns auch behalten.

Leider zeitlos aktuell
Irmgard Keun porträtiert in Kind aller Länder die ihr wohlvertraute Exilszene aus Kindersicht:

Aber wir sind Emigranten, und für Emigranten sind alle Länder gefährlich, viele Minister halten Reden gegen uns und niemand will uns haben, dabei tun wir gar nichts Böses und sind genau wie alle anderen Menschen.

Ungekünstelt lässt sie Kully Episoden ihrer Fluchtodyssee erzählen und trifft die schwierige Kinderperspektive fast durchweg gut. Angesichts von Millionen von Flüchtenden weltweit ist der Roman leider heute ebenso brandaktuell wie 1938 und eignet sich daher bestens als Schullektüre für die Mittelstufe.

Hören oder lesen?
Fünf Stunden auf vier CDs umfasst die ungekürzte Lesung einschließlich eines interessanten Interviews mit Volker Weidermann, Autor von Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft. Von ihm stammt auch der Aufsatz im achtseitige Booklet.

Die 1980 geborene Schauspielerin Jodie Ahlborn ist die Idealbesetzung für die Lesung. Mit kindlicher Stimme bringt sie das Staunen, den Witz, die Ängste und den Überlebenswillen von Kully ausgezeichnet zum Ausdruck. Trotzdem würde ich beim nächsten Mal das Buch bevorzugen, zur leichteren Orientierung und weil die Kinderstimme auf Dauer anstrengt.

Irmgard Keun: Kind aller Länder. Lesung mit Jodie Ahlborn. DAV 2016
www.der-audio-verlag.de

Benedict Wells: Hard Land

  Der schönste, schrecklichste Sommer

Ort: eine fiktive Kleinstadt namens Grady in Missouri
Zeit: 1985/86
Protagonist und Ich-Erzähler: Sam
Erster Satz: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ (S. 11)
Roter Faden: ein fiktiver Gedichtband namens Hard Land von Gradys einzigem Schriftsteller aus dem Jahr 1893, die „Geschichte des Jungen, der den See überquerte und als Mann wiederkam […] Ein Zyklus von über neunzig zusammenhängenden Gedichten, unterteilt in fünf Akte“ (S. 45/46) – wie der gleichnamige Roman. 

Melancholie
Die Sommerferien ragen 1985 wie ein „Berg von Langeweile“ (S. 11) vor dem knapp 16-jährigen Sam Turner auf, bis ein Aushilfsjob im örtlichen Kino seine Welt für immer verändert. Sam war immer ein introvertierter Außenseiter, in seiner Kindheit geplagt von Panikattacken, sein einziger Freund ist im letzten Herbst weggezogen, die ältere Schwester lebt als Serien-Drehbuchschreiberin weit weg an der Westküste und meldet sich kaum. Als wäre das nicht schon genug, ist das erzkonservative Grady seit der Schließung des größten Arbeitgebers ein Ort im Niedergang, Sams in sich gekehrter Vater Joseph deswegen arbeitslos und seine empathische Mutter Annie leidet seit Jahren an einem Hirntumor:

Immer, wenn die Krankheit akut war, waren wir alle in Alarmbereitschaft, alles andere spielte keine Rolle mehr. Nur war dieses »alles andere« mein Leben. (S. 106)

Euphorie + Melancholie = „Euphancholie“
Die Hoffnung der Mutter auf Freundschaften für Sam erfüllt sich mit der Arbeit im Kino, obwohl die eingeschworene Kino-Clique zunächst reserviert reagiert und ihn anfänglich nur aus Mitleid aufnimmt. Allerdings sind der schwule Cameron aus reichem Haus, der sportliche, farbige Brandon, genannt Hightower, der unter Rassismus leidet und früh seine Mutter verlor, und die hübsche Kirstie, die immer wieder Pech in der Liebe hat, zwei Jahre älter und damit im Gegensatz zu Sam, der noch zwei Schuljahre vor sich hat, bereits auf dem Absprung. In diesem Sommer mit ihnen erlebt Sam jedoch alles, was gemeinhin zum Erwachsenwerden gehört. Sie ermuntern ihn, sich seinen Ängsten zu stellen und verhelfen ihm so zu mehr Selbstvertrauen. Sie sind für ihn da, als seine Mutter stirbt und es ihm den Boden unter den Füßen wegzieht:

»Sie war wie diese Stützräder, wenn man Fahrradfahren lernt«, sagte ich. (S. 248)

Als seine drei Freunde am Ende des Sommers Grady verlassen, bleibt Sam allein mit seiner Trauer und seiner unerfüllten Liebe zu Kirstie zurück, doch der nächste Sommer kommt bestimmt…

Schwächer als der Vorgänger
Der 1984 geborene Benedict Wells erzählt diese klassische Coming-of-Age-Geschichte mit sehr viel Empathie für die 1980er-Jahre, für seine Themen und Figuren. Vor allem Sam ist unwiderstehlich. Sämtliche Begleiterscheinungen des Erwachsenwerdens und wirklich alle Klischees sind vorhanden, ebenso die Filme und Songs der 1980er-Jahre (Soundtrack im Internet abrufbar). Leider führt das zu Vorhersehbarkeit und bei mir zum Eindruck, dass man vieles schon einmal gelesen oder gesehen hat und Themen systematisch abgearbeitet werden. Selbst der tolle erste Satz ist, wie der Autor gesteht, „mitgenommen“ aus Charles Simmons Roman Salzwasser. Bewundernswert ist allerdings, wie Benedict Wells sprachliche Kitschklippen gekonnt umschifft, wie gut er die Atmosphäre des sterbenden Ortes einfängt, wie er die behutsame Vater-Sohn-Annäherung andeutet und die verschiedenen Phasen der Trauer beschreibt.

Alles in allem konnte mich das leicht konsumierbare Hard Land nicht so mitreißen wie Vom Ende der Einsamkeit. Gute Unterhaltung, auch für Jugendliche, ist es trotzdem.

Benedict Wells: Hard Land. Diogenes 2021
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Benedict Wells auf diesem Blog:

Bernd Gunthers: Die Kuh gräbt nicht nach Gold

  Was wäre die Kripo Schwäbisch Hall ohne Milka Mayr?

Wenige Krimireihen können ihr Niveau halten, zumal, wenn die Bände – wie bei den Hohenlohe-Krimis von Bernd Gunthers – im Jahrestakt erscheinen. Hier ist es jedoch anders, sei es, weil die Kriminalfälle immer noch verzwickter, komplexer und spannender werden, oder weil mir die Protagonisten noch mehr ans Herz wachsen.

© B. Busch

Auch wenn die Bände problemlos unabhängig gelesen werden können – mir macht genau dieses Wiedersehen mit den äußerst empathisch gezeichneten Charakteren große Freude: Milka Mayr, charmante Landwirtin und Managerin des Mayr’schen Hofgutes in Bühlerzell mit Mordsinstinkt, ihr Freund, der Schwäbisch Haller Kriminalhauptkommissar Paul Eichert, der sich mittlerweile nicht ungern an Milkas Einmischung in die polizeiliche Ermittlungsarbeit gewöhnt hat, der Kunsthistoriker Professor Lothar Ebert mit seinen gelehrten Vorträgen und der pensionierte Kreisjägermeister Sebastian Wild samt seinem wurstliebenden Deutsch Kurzhaar.

Wo Milka ist, ist das Verbrechen nicht weit
Kaum unternimmt Milka mit Paul eine Paddeltour auf der friedlich murmelnden Jagst in Richtung Kloster Schöntal, entdeckt sie auch schon eine Wasserleiche. Damit ist sie wieder einmal mittendrin in einem Fall. Paul, der ihre Ermittlerqualitäten, ihr stures Beharrungsvermögen, ihren analytischen Verstand und ihre Menschenkenntnis längst zu schätzen weiß, gesteht ihr wie immer mehr Mitarbeit zu, als die Vorschriften es genaugenommen erlauben. Dabei hätte Milka im Marketing und bei der Buchführung des Familienbetriebs sowie beim Aufbau des neuen Hofladens eigentlich genug zu tun. Außerdem steht die heiß ersehnte Teilnahme bei der Oldtimer-Rallye in Langenburg an mit ihrem eigenhändig restaurierten VW-Käfer und Paul als Beifahrer. Doch kaum sind die beiden zur dritten Teilprüfung, dem „Bergtag“, gestartet, zeigt sich auch hier: Wo Milka ist… Als wäre das nicht genug, gerät auch noch Professor Lothar Ebert bei wissenschaftlichen Arbeiten an der keltischen Heuneburg östlich von Sigmaringen in allergrößte Bedrängnis, wo zwar keine Kuh, wohl aber zwei Teams mit archäologischen Ausgrabungen beschäftigt sind. Pauls Vermutung, dass „dieser ominöse Fall größere Dimensionen annehmen wird“ (S. 130) erweist sich somit schnell als goldrichtig.

Regionalkrimi plus
Neben der wendungsreichen, streng chronologisch aufgebauten Krimihandlung, die sich in 16, mit Wochentagen überschriebenen Kapiteln immer mehr zuspitzt, haben mich auch beim aktuellen Band Die Kuh gräbt nicht nach Gold wieder der Sprachwitz von Bernd Gunthers, das liebevoll eingebaute Lokalkolorit und die genaue Beschreibung sämtlicher Örtlichkeiten, Haupt- und Nebenfiguren begeistert. Nach gut 300, leider viel zu schnell gelesenen Seiten fühle ich mich nicht nur wieder bestens unterhalten durch eine logisch ablaufende Szenerie mit stimmiger Auflösung, sondern auch um Kenntnisse über die Kulturgeschichte der Kelten, den Ablauf von Oldtimer-Wettbewerben und Geldwäsche-Geschäften, lokale Bräuche und die Herausforderungen der modernen Landwirtschaft bereichert.

Da coronabedingt leider auch zu diesem Band vorläufig keine Lesungen stattfinden können, gibt es einen schönen Eindruck vom Buch und der Landschaft Hohenlohes in einem sehr empfehlenswerten Trailer.

Bernd Gunters: Die Kuh gräbt nicht nach Gold. Gmeiner 2021
www.gmeiner-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu den Hohelohe-Krimis von Bernd Gunthers auf diesem Blog:

Bd. 1
Bd. 2

Margarita Liberaki: Drei Sommer

  Weibliche Möglichkeiten

Die Griechin Margarita Liberaki (1919 – 2001), die als Scheidungskind bei ihren Großeltern aufwuchs und später lange Zeit in Frankreich lebte, gehört in ihrem Heimatland zu den bekanntesten Autorinnen, genau wie ihre 1946 geborene Tochter Margarita Karapanou. Der Roman Drei Sommer von 1946 wurde auf Betreiben von Albert Camus 1950 ins Französische übersetzt, 1995 ins Englische und erscheint jetzt erstmals im Arche Verlag mit wunderschönem Cover auf Deutsch. Was mich am meisten überrascht: Es gibt keinen zeitgeschichtlichen Bezug, der Zweite Weltkrieg, die Besatzung, die große Hungersnot und der Bürgerkrieg spielen keine Rolle, obwohl der Roman laut der einzigen Jahreszahl, die ich entdecken konnte, nach 1935 spielt (S. 282).

Was Strohhüte und Gärten verraten
Vordergründig ist es eine rein private Geschichte, in deren Mittelpunkt drei Schwestern in drei aufeinanderfolgenden Sommern stehen: Maria, zu Beginn fast 20, Infanta, fast 18, und Katerina, 16 Jahre alt. Sie sind so unterschiedlich wie ihre in der griechischen Originalfassung titelgebenden Strohhüte zu Beginn:

In jenem Sommer kauften wir große Strohhüte, der von Maria hatte eine Kirschenbordüre, der von Infanta blaue Vergissmeinnicht und meiner feuerrote Mohnblumen. Wenn wir auf der Heuwiese lagen, verschmolzen wir mit dem Himmel und den Feldblumen. (S. 9)

Ebenso verschieden sind ihre Augenfarben und ihre Beete im Garten des Landhauses unweit von Athen, wo sie zusammen mit dem Großvater, der Mutter Anna und deren älterer Schwester Teresa nach der Scheidung der Eltern leben. Auch die Beete spiegeln ihre unterschiedlichen Charaktere wider: Maria hegt einen sorgsam angelegten Gemüsegarten, Infanta hat sich für pflegeleichte wilde Mandelbäume entschieden und Katerina liebt Überraschungen, weshalb sie planlos Blumensamen ausstreut.

Unter der Oberfläche
Das Landleben als Reigen von Festen, Einladungen, Spaziergängen und gemeinsamen Mahlzeiten mutet auf den ersten Blick wie eine Idylle an. Bei genauerer Betrachtung sieht man jedoch die schmerzvolle Trennung der Eltern, Terezas lange zurückliegende Vergewaltigung, das Drama der polnischen Großmutter, die einst für einen durchziehenden Musiker den Großvater und die kleinen Töchter verließ, oder einen tödlichen Streit im Dorf. Neugierig spürt Katerina großen und kleinen Geheimnissen nach: dem Verhältnis der geschiedenen Eltern, dem Werben eines Nachbarn um die Mutter, aber vor allem dem tabuisierten Verschwinden der Großmutter, das ihre romantische Fantasie und die Opposition zur distanzierten Mutter befeuert:

Ihr alle hier hasst sie. Ich bin die Einzige, die sie mag. Weil sie schön war, weil sie anders Musik gespielt hat als du, weil sie querfeldein galoppiert ist. (S. 36).

Ein weiblicher Entwicklungsroman
Im Laufe der drei beschriebenen Sommer müssen die Schwestern ihren Platz im Leben finden. Bald liegen sie nicht mehr zusammen auf der Heuwiese, denn die kokette, freizügige Maria entscheidet sich für Ehe, Mutterschaft und ein Haus auf dem Grundstück der Familie:

Mutig ist, wer bleibt. (S. 13)

Die unnahbare Infanta steht zwischen einem Bewerber und den platonischen Idealen ihrer Tante Tereza, reitet halsbrecherisch ihr geliebtes Pferd Romeo und widmet sich der Stickerei. Katerina ist ebenso wild wie romantisch und schwankt zwischen Liebe und Abenteuer, Häuslichkeit und Schriftstellerei, Bleiben und Fernweh:

„Am liebsten hättest du wohl zwei Leben“, sagte Maria irgendwann zu mir, „das steht dir auf der Stirn geschrieben.“

„Nicht nur zwei Maria, sondern tausend! Oder eins, das so ist wie tausend!“ (S. 254)

Interessant ist die Vermischung der Perspektiven: Meist erzählt die geschichtenverliebte, fantasiebegabte und sicher nicht immer zuverlässige Katerina in verträumter, farbiger Sprache, manches geht jedoch über das Wissen der Ich-Erzählerin hinaus. Daneben gibt es vereinzelt Tagebucheinträge einer weiteren, selbstverständlich ebenfalls weiblichen Person.

75 Jahre alt und keineswegs verstaubt
Ich habe Drei Sommer als erstaunlich modernen Klassiker über weibliche Möglichkeiten mit Vergnügen gelesen, bezaubert von der Atmosphäre griechischer Sommer und angesteckt von Katerinas Neugier.

Margarita Liberaki: Drei Sommer. Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger. Arche 2021
www.w1-media.de