David Grossman: Was Nina wusste

  Kindsverflucht

Schon lange wollte ich einen Roman des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels von 2010,  David Grossman, lesen. Aufgrund der interessant klingenden Themen „Titos Gulags“ und „transgenerationale Traumatisierung“ fiel meine Wahl nun auf Was Nina wusste. Leider war das Buch für mich überwiegend enttäuschend, denn mit seinem Zuviel von fast allem machte es mir den Zugang zu den Protagonistinnen Vera, Nina und Gili, Großmutter, Tochter und Enkelin, schwer.

Abwesende Mütter
Dreh- und Angelpunkt des Romans ist das Geheimnis der inzwischen 90-jährigen Vera, das Nina, ihre Tochter ahnt, und von dem Gili, ihre Enkelin weiß, seit Vera ihr nach einem Suizidversuch im Nebel der Intensivstation davon erzählt hat. Es ist der Grund für zwei desaströse Mutter-Tochter -Beziehungen, für Ninas Unfähigkeit, sich lieben zu lassen, und für Gilis Horror vor dem Muttersein: 

… aber ich kann nicht, ich kann kein Kind. Bin kindsverflucht. (S. 107)

Vera, geboren 1918 als jüdische Kroatin, verheiratet mit einem Serben, war zusammen mit ihrem Mann als kommunistische Partisanin tätig. Nach Titos Bruch mit Stalin 1948 geriet ihr Mann in den Verdacht sowjetischer Spionage und nahm sich nach seiner Verhaftung 1951 das Leben. Vera entschied sich für die Solidarität zu ihrem übermäßig geliebten toten Mann und gegen die sechseinhalbjährige Tochter, die während Veras fast dreijähriger Gefangenschaft im Gulag auf Goli Otok plötzlich alles verlor.

Eine therapeutische Reise in die Vergangenheit
Zur Feier von Veras 90. Geburtstag in einem israelischen Kibbuz, wo sie seit 1963 lebt, reist Nina, die es nie lange irgendwo ausgehalten hat, aus Norwegen an. Im Gegensatz zu Vera hat sie nirgendwo fußgefasst und die hingebungsvolle Liebe von Rafael, Sohn des zweiten Ehemanns ihrer Mutter, gab ihr keinen Halt. Sie verließ Rafael, als die gemeinsame Tochter Gili drei Jahre alt war. Beide Töchter hassen ihre Mütter für das, was sie ihnen aus unterschiedlichen Motiven angetan haben, Vera wegen der Ideologie, die selbstzerstörerische Nina wegen ihres Traumas.

Während einer Reise der drei Frauen mit Rafael nach Goli Otok möchten Gili und Rafael einen Film drehen, um vor allem der am Beginn einer Demenzerkrankung stehenden Nina endlich Gewissheit zu verschaffen:

… was im Verhörzimmer der UDBA in Belgrad passiert war und was Ninas Leben so verschissen hat und unsere Familie bereits über drei Generationen vergiftet. (S. 103/104)

Mit acht Jahren Abstand verfasst Gili ein Buch.

Hadern mit der fiktionalen Bearbeitung des Stoffes
Die unnötig komplizierte Konstruktion mit der Überdramatisierung eines an sich schon hochdramatischen Konflikts, zu viel Pathos, fehlende Kapitelunterteilung, ein Übermaß an wörtlicher Rede, teils in gebrochenem Deutsch, der Sarkasmus der Ich-Erzählerin, die Filmarbeit, das alles hat mir beim Lesen keinen Spaß gemacht. Dass eine über Jahrzehnte fehlende Weiterentwicklung der Protagonistinnen in ein so versöhnliches Ende umschlägt, klang für mich unglaubhaft. Dagegen hätte ich gerne viel mehr über Veras politische Vergangenheit erfahren. Allerdings spürt man die Betroffenheit und das Engagement David Grossmans, der mit der Gulag-Überlebenden Eva Panić-Nahir (1918 – 2015), Veras realem Vorbild, eng befreundet war. Positiv auch, dass Grossman ein moralisches Urteil den Leserinnen und Lesern überlässt. Nur schießt die fiktionale Bearbeitung des Stoffes eben in meinen Augen leider weit über das Ziel hinaus.

David Grossman: Was Nina wusste. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Carl Hanser 2020
www.hanser-literaturverlage.de

2 Kommentare

  1. Liebe Barbara,
    dein Eindruck deckt sich zu 100% mit meinem eigenen! Du hast es wunderbar in Worte gekleidet. Ich las das Buch im Rahmen einer Leserunde, in der ich zunächst einsam gegen die allgemeine Begeisterung steuerte, später kamen immer mehr Skeptiker hinzu.
    Grossman macht zuviel Drama, packt zuviel Verletztheit in die einzelnen Szenen, das „große Finale “ mit plötzlicher Versöhnung auf breiter Front…. Spätestens da war ich raus. Diese demenzielle Erkrankung ist zudem unglaubwürdig und braucht kein Mensch. Sie soll wohl als Aufhänger für den Film dienen.
    Für mich war es der zweite Roman des Autors (nach: Kommt ein Pferd an die Bar) und definitiv das letzte.
    Hab wieder mal Dank für die präzise Buchvorstellung und Rezension. Einfach gut!
    Herzliche Grüße

    1. Hab vielen Dank für die Unterstützung, ich freue mich sehr darüber! Für mich war es der erste Roman von David Grossman und ich werde auf jeden Fall noch einen seiner älteren probieren, vielleicht auch ein Jugendbuch. Herzliche Grüße, Barbara

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