Sorj Chalandon: Am Tag davor

  Über und unter Tage

Das schwerste Grubenunglück der französischen Nachkriegsgeschichte war kein Schicksal, sondern Folge der Nichtbeachtung von Sicherheitsvorschriften zur Gewinnmaximierung. Am 27.12.1974 starben im nordfranzösischen Kohlerevier 42 Kumpel bei einer Gasexplosion im schon lange als gefährlich bekannten Schacht 3b der Zeche Saint-Amé in Liévin-Lens. Ein Gericht erkannte 1981 trotz mangelhafter Bewetterung und fehlender Explosionssperren sowie Branddämme keine grobe Fahrlässigkeit. Den Hinterbliebenen wurden drei Arbeitstage im Dezember und die Kleidung der Toten in Rechnung gestellt. Fast 100 Jahre nach Émile Zolas großem, überaus empfehlenswertem Klassiker Germinal über die Zustände in den nordfranzösischen Bergwerken während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Katastrophe ein Beweis für die weiterhin mörderischen Arbeitsbedingungen unter Tage.

Vor und nach dem Unglück
Auf dieser realen Tragödie basiert der Roman Am Tag davor des 1952 in Tunis geborenen, in Frankreich vielfach ausgezeichneten Journalisten und Autors Sorj Chandalon, der den Opfern ein Denkmal setzt und darüber hinaus vom Schicksal der Familie eines fiktiven 43. Opfers erzählt. Die Eltern sind Bauern und hoffen, dass einer der beiden Söhne sich für die Scholle und gegen die Kohle entscheidet, doch Joseph, den Älteren, zieht es nach dem geplatzten Traum vom Motorsport unter Tage. Michel, der 14 Jahre jüngere Ich-Erzähler, himmelt den Bruder an. Am Vorabend der Katastrophe darf er Joseph bei einer nächtlichen Spritztour mit dem Moped erstmals kutschieren, ein unvergessliches Erlebnis:

Diese Nachtfahrt würde ein Davor und ein Danach haben. (S. 22)

Das Unglück am nächsten Morgen um 6.19 Uhr verändert schlagartig das Leben vieler Familien. Joseph stirbt mit nur 30 Jahren am 22.01.1975 im Krankenhaus, zu spät, um bei der Trauerfeier für die Opfer geehrt oder auf der Gedenktafel vermerkt zu werden. Sein Vater nimmt sich ein Jahr später das Leben und hinterlässt eine klare Anweisung:

Michel, räche uns an der Zeche. (S. 78)

Michel schlägt sich mühsam durchs Leben, wird Automechaniker, geht nach Paris, arbeitet dort als Fernfahrer und errichtet in seiner Garage ein Mausoleum für den toten Bruder:

Ich war an Josephs Tod verwelkt. Meine Jugend war alt geworden. (S. 28)

Die Rache
Erst 2014, nachdem er beim Tod seiner geliebten Frau Cécile zum zweiten Mal allein zurückbleibt, plant er generalstabsmäßig seine Rache. Er kehrt zurück in den Norden, mietet unter falschem Namen ein Haus und macht den in seinen Augen Verantwortlichen aus:

Ich kannte mein Ziel: Dravelle, den Steiger, der für die Sicherheit verantwortlich gewesen war. […] Ich musste Lucien Dravelle töten. (S. 123/124) 

Zwei unterschiedliche Teile
Damit wird aus einem packenden, sehr bewegenden Roman über das Grubenunglück im zweiten Teil ein Gerichtsdrama, das unglaubliche Wahrheiten zutage fördert und mir den sicher geglaubten Boden unter den Füßen weggezog. Selten habe ich einen so geschickt inszenierten Roman gelesen, wurde ich so überrumpelt und gefordert bei der Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern:

Saint-Amé hat aus meiner Familie Opfer und aus mir einen Verbrecher gemacht. (S. 206)

Am Tag davor ist eine persönliche Tragödie vor dem Hintergrund einer historischen, ein vielschichtiger psychologischer Roman über jahrzehntelange Leidenswege, eine Abhandlung über den Umgang mit Schuld und eine Auseinandersetzung mit den Themen Erinnernung, Wahrheit und Verdrängung. Unbedingt lesenswert!

Sorj Chalandon: Am Tag davor. Aus dem Französischen von Brigitte Große. dtv 2019
www.dtv.de

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