Keine Routineermittlung
Schon lange interessiere ich mich für die Tegernsee-Krimis von Andreas Föhr, Jurist, Drehbuch- und Buchautor, die mir immer wieder empfohlen wurden. Nun habe ich endlich den ersten Band der Reihe um Kommissar Clemens Wallner von der Kripo Miesbach und seinen uniformierten Kollegen, den Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner, gelesen und bin wirklich begeistert. Der 2009 erschienene Serienauftakt Der Prinzessinnenmörder wurde 2010 mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet, in meinen Augen völlig zurecht.
Der Fund einer mit einem goldenen Brokatgewand bekleideten Mädchenleiche im zugefrorenen Spitzingsee ausgerechnet durch Polizeiobermeister Kreuthner nach einer durchzechten Nacht versetzt Kommissar Wallner sofort in Alarmbereitschaft, denn die perverse Inszenierung lässt auf ein bewusst ausgewähltes Opfer, eine akribische Vorbereitung und ein Motiv jenseits des Üblichen schließen. Die Tat scheint eine Botschaft zu enthalten, aber was will der Täter, von der Presse schnell als „Prinzessinnenmörder“ tituliert, wem mitteilen? Und was hat es mit dem Teil eines Metallplättchens im Mund des Opfers auf sich, das wie ein Puzzleteil wirkt? Wallner befürchtet weitere Opfer und zum ersten Mal in seiner Laufbahn hat er Angst davor, einem Fall nicht gewachsen zu sein. Ganz anders als der eher nachdenkliche, ständig frierende Kommissar tritt der poltrige, volksnahe Kreuthner unterdessen in Gasthäusern auf, brüstet sich mit seiner Rolle in dem Fall, hält staatstragende Reden und prangert den „Mist“, den die Kripo seiner Ansicht nach macht, an. Trotzdem ist auch er auf seine ganz spezielle Art ein guter Polizist, zwar mit dem ein oder anderen Alleingang, aber mit Überraschungserfolgen nicht zuletzt aufgrund seiner überragenden Ortskenntnis und der Tatsache, dass er die Menschen im Kreis kennt.
Während die Polizei mühsam und unter einem ungeheuren Zeitdruck Stück für Stück das Puzzle zusammensetzt, erfährt der Leser in kurzen Einschüben von einem Unglück an einem weit zurückliegenden Faschingsdienstag und ist bei der Tätersuche spätestens ab der Mitte des Krimis deutlich im Vorteil, ohne dass dadurch Spannung verlorengeht. Ganz im Gegenteil steigt die Spannung bis zum Showdown am Ende sogar stetig an.
Dieser Krimi lebt eindeutig nicht nur vom Whodunit, sondern auch vom sorgfältig dosierten Lokalkolorit und von seinem urigen Personal. Wallners Großvater Manfred, bei dem er noch immer lebt und der mit seinen knapp 80 Jahren noch sehr viel für „saubere Madeln“ übrighat, auf indianische Potenzmittel schwört, sich um das Liebesleben seines Enkels sorgt und große Mengen steinharten Weihnachtsgebäcks für die Kripo herstellt, hat mir besonders gut gefallen, ebenso wie die beiden so gegensätzlichen Polizisten Wallner und Kreuthner und das ganze Team der Soko. Der sparsam verwendete Dialekt verleiht dem Krimi zusätzlichen Witz, ohne aufgesetzt zu wirken.
Kurzum ein Regionalkrimi ganz nach meinem Geschmack, sprachlich gut, spannend, raffiniert aufgebaut, leicht skurril, urig und mit einem derben Humor. Ich freue mich auf die weiteren Bände, die ich jetzt ganz sicher nachholen werde.
Andreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder. Knaur 2011
www.droemer-knaur.de
Der Moritz Verlag gehört im Bereich Kinder- und Erstleserbücher schon lange zu meinen Favoriten und auch Viele Grüße, Deine Giraffe der japanischen Autorin Megumi Iwasa, liebevoll-witzig illustriert von Jörg Mühle, hebt sich aus der Masse der Neuerscheinungen in diesem Bereich deutlich ab. Völlig zurecht wurde es 2017 mit dem Leipziger Lesekompass der Stiftung Lesen und der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
In den Wirren nach dem Aufstand in Ungarn verlässt Katalin im Spätherbst Ungarn und ihre Familie ohne ein Abschiedswort. Zurück bleiben die Ich-Erzählerin Kata, ihr kleiner Bruder Isti und Velencei Kálmán, der Vater, der von nun an immer wieder nicht ansprechbar ist, pausenlos raucht, zur Decke starrt, „taucht“, wie die Kinder es nennen. Die Mutter hat dem Vater nie widersprochen, sie ist einfach ohne Gepäck mit einer Freundin in einen Zug gestiegen und über einen wenig bewachten Grenzabschnitt in den Westen geflohen. Kálmán verkauft daraufhin Haus und Hof und lebt fortan mit den Kindern abwechselnd bei verschiedenen Verwandten in unterschiedlichen Landesteilen.
Ein Kräftemessen zweier völlig ungleicher Protagonisten steht im Mittelpunkt von Mara Ferrs Ponts de Paris. Marie Croix, Mitte 50, Witwe eines Schönheitschirurgen mit exquisiter Klinik in St. Tropez, hat nach dessen Tod nur Schulden und Regressforderungen geerbt und gehört deshalb seit acht Jahren zum Heer der Obdachlosen von Paris. Monsieur Mondieu dagegen, der sie eines Tages auffordert, für ihn in seinem Edelbordell tageweise unter maliziös ausgeklügelten Bedingungen als Hausdame zu arbeiten, nicht ohne dies mit einer kapitalen Drohung zu verbinden, herrscht über ein Imperium von Zwangsprostituierten beiderlei Geschlechts und jeden(!) Alters und bietet die Dienste seines für alle Wünsche offenen Etablissements zahlungskräftiger, oft prominenter Kundschaft an. Einen Ausweg scheint es für Marie nicht zu geben und so unterwirft sie sich zunächst wohl oder übel seinen diabolischen Bedingungen…
Nach dem Tod des wohlhabenden Geliebten der Mutter kommt der 17-jährige Franz Huchel im Jahr 1937 vom Salzkammergut nach Wien, um als Lehrling des kriegsversehrten Otto Trsnjek den Umgang mit Zeitungen, Schreib- und Rauchwaren in dessen Trafik, einem kleinen Laden, zu erlernen. „Es liegt was in der Luft“ gibt die Mutter ihrem verhätschelten, unbedarften Sohn, der mit seinen zarten, weißen Händen nicht für Waldarbeit oder Arbeit auf dem See taugt, mit auf den Weg. Tatsächlich kurbeln die schlechten Nachrichten zwar den Zeitungsverkauf an, aber die negativen Auswirkungen des „Anschlusses“ von Österreich ans Deutsche Reich machen auch vor der kleinen Trafik nicht Halt, und so wird aus dem Lehrling schnell der Geschäftsführer.
Vor einigen Monaten habe ich
Chenonceaux – Schloß der Frauen der französischen Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Marguerite Yourcenar (1903 – 1987) erschien ursprünglich 1978 in einem Essayband unter dem Titel Ah, mon beau château und setzt dem traumhaften Wasserschloss mit seiner berühmten Brückengalerie über den Cher und den Frauen, die hier als Bauherrinnen wirkten und darin lebten, ein bezauberndes Andenken. Ich weiß allerdings nicht, warum Marguerite Yourcenar konsequent „Chenonceaux“ schreibt, laut meinen Quellen verfügt nur der Ort über ein „x“ am Ende, das Schloss dagegen heißt „Chenonceau“.
Lucius, Hirschkäfer und bester Freund der Apfelhexe Petronella Apfelmus, die in ihrem Apfelhaus im Garten der alten Mühle wohnt, hat Geburtstag und Petronella möchte eine Geburtstags-Überraschungsparty mit allen Freunden und Geschwistern für ihn ausrichten. Doch bevor das wunderbare Fest am Ende des Mühlteichs mit runzligen Nussweibchen, moosgrünen Waldkobloden, Gartenzwergen, Rennschnecken, Apfelmännchen, Hirschkäfern und den kleingezauberten Zwillingen Lea und Luis losgehen kann, bringt Petronella sich mit einer Unachtsamkeit beim Hexen in eine verzwickte Lage. Ein Glück, dass Lea und Luis so clever sind und bereits lesen können!
Fast wie Könige herrschen die Mitglieder der Familie Kings über die fiktive 2000-Einwohnerinsel Loosewood Island vor der Küste von Nova Scotia, Kanada, und Maine, USA. Schon immer gab es Grenzstreitigkeiten und die Insel ist inzwischen eine Art Niemandsland, von dem ich nicht weiß, ob es so etwas tatsächlich gibt. Erster ständiger Bewohner war vor etwa 300 Jahren Brumfitt Kings, ein Hummerfischer und bis heute berühmter Maler, der ein wertvolles Werk und bei Kunstwissenschaftlern gegehrte Tagebücher hinterlassen hat. Ihm und der rauen, ursprünglichen Natur sind die Touristen zu verdanken. Viele Legenden ranken sich um Brumfitt Kings Leben, vor allem die um seine Frau, die ein Geschenk des Meeres gewesen sein soll, die den Reichtum des Meeres als Mitgift in die Ehe gebracht hat, für den allerdings bis heute jeweils der älteste Sohn jeder Generation als Tribut gezahlt werden muss.
Er ist wieder da: Flätscher, das Stinktier mit der zeitweisen Ladehemmung, selbsternannter Meisterdetektiv mit Riesenklappe und noch größerem Herzen und mit einer Schwäche für Semmelknödel und die unwiderstehlich mit den Augen klimpernde Wieseldame Cloe.