Jamie Ford: Keiko

Eine ganz besondere Liebesgeschichte

Wenn man ein Lieblingsbuch erneut liest, besteht immer die Gefahr einer Enttäuschung. Bei Keiko, dem Debütroman des US-Amerikaners Jamie Ford aus dem Jahr 2009, ist es mir zum Glück nicht so ergangen, und ich war genauso berührt und gefangen wie beim ersten Lesen vor einigen Jahren.

Aus der Sicht eines auktorialen Erzählers erfahren wir die Lebens- und Liebesgeschichte des Amerikaners chinesischer Herkunft Henry Lee, der 1986 vor Kurzem nach glücklicher Ehe seine Frau Ethel verloren hat. Bei einem Spaziergang durch Seattle beobachtet er, wie das an der Grenze zwischen chinesischem und japanischem Viertel gelegene und seit Kriegsende aufgegebene Hotel Panama zu neuem Leben erwacht. Seine Gedanken wandern zurück ins Jahr 1942, als er mit zwölf Jahren zum ersten Mal dort war.

Zu dieser Zeit war Henry der einzige asiatische Stipendiat einer weißen Eliteschule, ein gemobbter Außenseiter. Mit seinen Eltern konnte er nicht darüber reden, zu stolz waren sie darauf, dass ihr Sohn ein echter Amerikaner geworden war, und er war abgrundtief einsam. Das änderte sich, als mit der Japanerin Keiko eine zweite Asiatin an die Schule kam. Die beiden Jugendlichen wurden unzertrennlich, erlebten ihre erste Liebe und streiften zusammen durch die Jazz-Szene Seattles, immer darauf bedacht, die Verbindung vor Henrys Vater, der die Japaner hasste, geheim zu halten. Doch nach dem Angriff auf Pearl Harbor, als die Amerikaner alle Japaner internierten, wurden auch Keiko und ihre Familie in ein Lager gebracht, und so sehr Henry sich auch bemühte, verlor er sie doch aus den Augen.

Mir ist dieser Roman, der so sensibel und still eine wunderschöne lebenslange Liebesgeschichte und zwei schwierige Vater-Sohn-Beziehungen (zwischen Henry und seinem Vater bzw. Henry und seinem Sohn) erzählt, sehr ans Herz gegangen. Ist er ein wenig kitschig? Wenn ja, so hat es mich in keinem Moment gestört. Vielmehr habe ich Keiko, im Original Hotel on the Corner of Bitter and Sweet, als Zeugnis über ein Leben zwischen verschiedenen Kulturen und über Ausgrenzung gelesen, als zeitgeschichtlichen Bericht aus dem Zweiten Weltkrieg in den USA und als Suche eines überaus sympathischen Protagonisten nach seiner Identität.

Jamie Ford: Keiko. Berliner Taschenbuch Verlag 2010
www.piper.de

Marc Elsberg: Blackout

Der Katastrophenfall 

Normalerweise will ich mit der Vergabe von „nur“ drei Sternen eher von einem Buch abraten, im vorliegenden Fall ist das etwas anders. Das Thema eines Ausfalls der europäischen, später auch außereuropäischen Stromnetze ist dermaßen fesselnd und beängstigend, dass sich eigentlich jeder einmal damit befasst haben sollte. Trotzdem konnte mich die Umsetzung des Themas nur bedingt überzeugen.

Als an einem Wintertag innerhalb einer Dreiviertelstunde fast das gesamte europäische Stromnetz zusammenbricht, glauben die Verantwortlichen mehrheitlich zunächst an eine Wiederherstellung der Versorgung innerhalb weniger Stunden. Doch die Trennung von Stromerzeugern und Netzbetreibern, die durch die Energiewende bedingte Zunahme sensibler Schnittstellen und die Vernetzung über Ländergrenzen hinweg machen die Ursachenforschung und die Behebung der Panne kompliziert. Oder handelt es sich vielleicht sogar um eine gezielte Attacke von Terroristen, Anarchisten oder eines ganzen Staates? Während das Überleben der Bevölkerung ohne Licht, Heizung, Klospülung, Trink- und Duschwasser, Benzin, Bargeld, Lebens- und Kommunikationsmittel immer dramatischer wird und nach und nach die Notstromaggregate der Krankenhäuser und AKWs ausfallen, in Spanien das Militär putscht und das Chaos auf den Straßen droht, suchen die Verantwortlichen in Brüssel, Den Haag, Berlin und in allen betroffenen Staaten fieberhaft nach der Ursache der Katastrophe und Möglichkeiten, das Überleben der Bevölkerung zu sichern. Der IT-Spezialist, Hacker und ehemalige Anti-G8-Protestierer Piero Manzano aus Mailand ist nach einer Entdeckung an seinem intelligenten Stromzähler dem Rätsel auf der Spur, doch als er sich endlich Gehör bei den Behörden verschafft, gerät er zunächst selber unter Verdacht…

Während mich das Szenario eines Angriffs auf unsere Stromnetze begeistert hat, ich viel gelernt und so manchen Denkanstoß erhalten habe, hat mich der in meinen Augen völlig überflüssige Einsatz von „Katalysatoren“ wie den ständigen Ortswechseln und die unglaubliche Odyssee Manzanos gestört. Die Geschichte über die Verwundbarkeit unserer modernen Zivilisation ist von sich aus so dramatisch, dass es dieser „gewöhnlichen“ Thrillereffekte überhaupt nicht bedurft hätte. Im Gegenteil haben sie dem für mich gut und  glaubhaften dargestellten Geschehen sogar an Authentizität genommen. 250 der 800 Seiten weniger, weniger unnötige Dramaturgie, ein Verzicht auf die Liebesgeschichte am Rande und keine Sätze wie „Manzano versank im Schmerz, fühlte, wie er kraftlos vom Stuhl glitt, in Shannons Hände“ und Blackout wäre für mich ein Fünf-Sterne-Thriller. Doch auch so bin ich froh, dieses Buch, das mit Sicherheit in Erinnerung bleiben wird, gelesen zu haben.

Marc Elsberg: Blackout. Blanvalet 2013
www.randomhouse.de

Camilla Grebe: Wenn das Eis bricht

Etwas stimmt nicht – aber was?

Bisher kannte ich bereits die vier hervorragenden Krimis um die Stockholmer Psychotherapeutin Siri Bergman, die Camilla Grebe, Betriebswirtin, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Åsa Träff, Psychologin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, geschrieben hat. Ich war deshalb sehr gespannt, ob Camilla Grebe alleine genauso gut schreibt wie im Team, und vor allem, ob das psychologische Element genauso stark sein würde. Beide Fragen kann ich nach der Lektüre mit einem eindeutigen Ja beantworten.

Der Thriller Wenn das Eis bricht beginnt mit einem scheußlichen Fund: In der Villa des ebenso erfolgreichen wie wegen seiner Methoden, seiner Frauengeschichten und seiner politisch unkorrekten Äußerungen umstrittenen 45-jährigen Managers einer erfolgreichen Modekette, Jesper Orre, liegt eine enthauptete Frau, Orre selbst ist verschwunden. Die Auffindesituation gleicht frappierend einem nie aufgeklärten Mord an einem jungen Mann zehn Jahre zuvor ebenfalls in Stockholm. Können zwei verschiedene Täter dermaßen ähnliche Verbrechen begehen? Wer ist die Tote und wo ist Jesper Orre?

Erzählt wird abwechselnd aus drei Perspektiven. Peter Lindgren, 49 Jahre, latent depressiv, mit stark angeknackstem Selbstbewusstsein und pathologischer Bindungsangst, ermittelt heute wie damals bei der Stockholmer Kriminalpolizei. Hanne Lagerlind-Schön, 59 Jahre, Verhaltensforscherin und gelegentlich von der Polizei mit der Erstellung psychologischer Täterprofile beauftragt, war ebenfalls bereits in den alten Fall involviert. Gegen Peters Willen wird sie erneut hinzugezogen. Die Beiden hat einst eine ernsthafte Liebesbeziehung verbunden, die an Peters Bindungsangst gescheitert ist. Nun leidet Hanne an beginnender Demenz und steht vor der Frage, wie sie die Zeit vor dem Vergessen sinnvoll verbringen will. Die dritte Ich-Erzählerin, die häppchenweise über die zwei Monate vor der Tat berichtet, ist die junge Verkäuferin Emma Bohman, angestellt bei der gleichen Modekette wie Jesper Orre, durch die heimliche Verlobung mit ihm aufgestiegen vom Aschenputtel zur Prinzessin – bis er sich plötzlich nicht mehr meldet.

Anders als der Leser oder die Leserin, für die sich schnell ein Bild ergibt, tappt die Polizei lange im Dunkeln. Doch irgendetwas passt nicht so recht zusammen – aber was?

Ein über 600 Seiten durchgehend spannender, einfach zu lesender Psychothriller, stimmig erzählt und genial aufgelöst, eben ein echtes Produkt „made in Sweden“.

Camilla Grebe: Wenn das Eis bricht. btb 2017
www.randomhouse.de

Wolfheinrich von der Mülbe: Die Zauberlaterne

Ritter Kuniberts Suche nach dem Glück

Die Ausgabe der Edition Büchergilde von Wolfheinrich von der Mülbes (1879 – 1965) Klassiker Die Zauberlaterne besticht zunächst durch die hochwertige Aufmachung und die stimmungsvollen, fantasievollen Illustrationen von Rotraut Susanne Berger. Mit knapp 500 Seiten stellt sie außerdem eine Herausforderung für junge Leser ab 9 Jahren dar, die aber für ihr Durchhaltevermögen mit einer allzeit spannenden, abenteuerlichen, manchmal mystisch-schaurigen Rittergeschichte mit Augenzwinkern belohnt werden.

Frau Schute, Ritter Kuniberts Mutter, ist unzufrieden mit ihrem Sohn, den sie für ein Weichei hält: „Das kommt alles davon, dass du ein Nichtstuer bist. Andere junge Ritter ziehen aus, besiegen Zwerge, töten Drachen und heiraten wohlhabende Feen. Deswegen können sie auch ihre Burgen anständig halten, und ihre Mütter bekommen nicht das Zipperlein. Du sitzt immer zu Haus und guckst in den Mond. Du bist ein Waschlappen.“ Und so bleibt Kunibert nichts anderes übrig, als mit seinem Diener in die Welt zu ziehen, eine Prinzessin zu suchen und zu gewinnen, Abenteuer mit Drachen und Feen zu bestehen, das magische Rasierzeug des alten Königs aufzutreiben und vieles mehr.

Der Klassiker aus dem Jahr 1937 ist eine Mischung aus Ritterroman, Märchen, Abenteuer-, Schauer- und Fantasygeschichte, wobei Ironie und Sprachwitz ihre eine besondere Note geben.

Wolfheinrich von der Mülbe: Die Zauberlaterne. Büchergilde Gutenberg 2003
www.edition-buechergilde.de

Remy Eyssen: Gefährlicher Lavendel

Katastrophenalarm in der Provence

Der Lavendel hat es dem deutschen Krimiautor Remy Eyssen angetan: Nach Tödlicher Lavendel und Schwarzer Lavendel ermittelt der deutschstämmige Rechtsmediziner Dr. Leon Ritter, der sich nur zu gerne und äußerst erfolgreich in die Arbeit der Polizei einmischt, in Gefährlicher Lavendel wieder einmal im südfranzösischen Département Var in der Provence.

Vor einigen Jahren ist Dr. Ritter nach dem Unfalltod seiner Frau von Frankfurt hierhergezogen, hat die Stelle in der Uniklinik mit dem Job in der Klinik Saint-Sulpice vertauscht und lebt in Le Lavandou inzwischen mit der stellvertretenden Chefin der Gendarmerie nationale, Capitaine Isabelle Morell, zusammen, eine privat wie beruflich erfolgreiche Verbindung.

Während sich das frühlingshafte Le Lavandou auf den großen Blumenkorso und die Touristen vorbereitet und unter der seit Wochen anhaltenden Trockenheit stöhnt, verschwindet der allseits geachtete Richter Nicolas Lambert. Er stirbt, kurz nachdem man ihn brutal gefoltert gefunden hat. Wer ist zu einem so gewalttätigen und zerstörerischen Verbrechen fähig? Und da es nicht bei dem einen Opfer bleibt, sitzen der örtlichen Gendarmerie nicht nur eine sensationslüsterne Presse, sondern auch das Morddezernat von Toulon und die Politik im Nacken. Zum Ärger des örtlichen Polizeichefs Thierry Zerna überschreitet der Médecin légiste Dr. Ritter wieder einmal seine Zuständigkeiten, ermittelt mit eigenwilligen Methoden, holt sich gerne auch Informationen auf dem Bouleplatz oder in seinem Lieblingscafé und verfolgt stur seine eigenen Spuren, auch wenn er sich damit zwischendurch kräftig blamiert. Doch Dr. Ritter ist fest davon überzeugt, dass es eine Verbindung zwischen den Opfern geben muss und die Wurzeln des Rachefeldzugs in der Vergangenheit liegen.

Gerade als sich in Le Lavandou der Blumenkorso in Bewegung setzt und der Wetterdienst nach drei Monaten trockener Hitze wegen eines aufziehenden Unwetters Katastrophenalarm auslöst, kommt es zum Showdown…

Gefährlicher Lavendel war der zweite Krimi aus dieser Serie für mich und er kann problemlos auch unabhängig gelesen werden. Trotz der brutalen Morde sind die Bücher von Remy Eyssen für mich ausgesprochene „Wohlfühlbücher“ und die perfekte Lektüre für zwischendurch. Äußerst sympathisches Personal, eine durchdachte und über 500 Seiten durchgehend spannende Handlung, eine Prise Privatleben und viel Provence sind die Zutaten, die diese Serie so besonders unterhaltsam machen. Ich bin schon jetzt gespannt, welches Adjektiv den Lavendel im nächsten Band schmücken wird.

Remy Eyssen: Gefährlicher Lavendel. Ullstein 2017
www.ullsteinbuchverlage.de

Gerhild Stoltenberg: Überall bist du

Ein mühsamer Genesungsprozess oder „Es gibt immer Dinge, die einen retten“

Dieser Debütroman lässt mich etwas ratlos zurück, zum einen, weil ich nach dem hübsch-verspielten Cover und dem Klappentext etwas Anderes erwartet hatte, zum anderen, weil die drei Teile, in die ich ihn unterteilen würde, sehr unterschiedlich ausfallen.

Der Einstieg in die Geschichte hat mir zunächst gut gefallen. Der Prolog „Belgrad“ hat meine Neugier geweckt, dann erzählt Martha von sich und wie es dazu kam, dass sie zu der fremdbestimmten Frau ohne Courage wurde, die sie heute ist. Ihre Familie entschied stets für sie, sie trug die abgelegten Kleider ihrer Geschwister, übernahm deren Hobbies, Freunde, Sportarten und das Klavierspiel und ließ sich sogar die Modedesign-Schule zugunsten eines Marketingstudiums ausreden.

Vielleicht merkte sie deshalb nicht, dass Tom, den sie für ihre große Liebe hielt, genauso über sie bestimmt hat wie vorher ihre Familie, sei es bei den Terminen ihrer Treffen, bei den Gesprächsthemen oder beim Radioprogramm. Erst als er sich plötzlich nicht mehr meldet, wird ihr klar, dass es immer eine gewisse Distanz zwischen ihnen gegeben hat und sie sich nie auf Augenhöhe begegnet sind.

Dieser mittlere Teil des Romans, der circa vier Monate umfasst, beschreibt die tiefe Depression, in die Martha nach Toms Verschwinden fällt, ihren Grübelzwang, ihre Heulkrämpfe und die Verzweiflung. Zu Beginn kann der Babysitterjob, den sie seit einigen Monaten beim fünfjährigen, extrem altklugen Oskar und seinen beiden jüngeren Brüdern hat, noch trösten, doch schließlich ist sie auch dazu nicht mehr in der Lage. Eigentlich hätte ich in diesem Teil Mitleid mit Martha haben müssen, doch leider ist es der Autorin Gerhild Stoltenberg nicht gelungen, Empathie für ihre Protagonisten bei mir zu wecken. Sei es, weil ich nicht nachempfinden kann, warum Martha diesem Ekel von Tom derart nachtrauert, sei es, weil ihre jämmerliche Passivität mir gegen den Strich geht, war der Mittelteil des Romans sehr anstrengend für mich.

Als Martha sich mit Hilfe ihrer tatkräftigen Freundin Anna schließlich aus dem Bett erhebt und kurzentschlossen statt zum Skiurlaub mit der Familie zu fahren den Zug nach Belgrad besteigt, setzt der Genesungsprozess ein. Dieser letzte Teil des Romans hat mir wieder besser gefallen, da ich ihre heilende Wut und die Tatsache, dass nichts in Belgrad sie an Tom erinnert, gut beschrieben fand und das in Teilen offene Ende gut gelungen ist.

Im Gegensatz zu Kristof Magnusson habe ich Überall bist du nicht als poetisch empfunden, doch haben mir die Sprache von Gerhild Stoltenberg, ihr immer wieder durchscheinender feinsinniger Humor, Ihre Beobachtungsgabe und die Bilder, die sie findet, gut gefallen. Ich bin überzeugt, dass ich den Roman deutlich lieber gelesen hätte, wenn ein strengeres Lektorat beim Jammern gekürzt und die starken Figuren wie Anna und die Spielplatz-Cousinen zugunsten von Oskar und seiner Mutter Stella aufgewertet hätte.

Gerhild Stoltenberg: Überall bist du. Atlantik 2017
www.atlantikverlag.de

Jacob Forsell & Johan Erséus & Margareta Strömstedt: Astrid Lindgren – Bilder ihres Lebens

Ein Schmuckstück meiner Bibliothek

Zum 100. Geburtstag Astrid Lindgrens (1907 – 2002) hat der Verlag Oetinger im Jahr 2007 diesen wunderbaren, opulenten Bildband mit Texten, Fotografien vom Småland ihrer Kindheit, Familienfotos aus ihrem eigenen Fotoalbum sowie Bildern aus Pressearchiven und von Bildagenturen herausgegeben, den ich seither immer wieder sehr gerne zur Hand nehme um Neues zu entdecken, und der eines der Schmuckstücke meiner Bibliothek ist.

Vorangestellt ist die Erzählung Samuel August von Sevedstrop und Hanna in Hult, die Liebesgeschichte ihrer Eltern aus dem Band Das entschwundene Land. Es folgen unzählige aussagekräftige, meist großformatige Fotos und Dokumente aus Astrid Lindgrens Leben in guter Qualität, ausführlich kommentiert durch informative, unterhaltsam zu lesende Texte und Essays.

Für mich ist Astrid LindgrenBilder ihres Lebens das beste Buch über die von mir sowohl wegen ihrer unübertroffenen Kinderbücher als auch wegen ihrer charakterlichen Stärke, ihres politischen Engagements und ihrer Weitsicht hochverehrten Schriftstellerin.

Jacob Forsell & Johan Erséus & Margareta Strömstedt: Astrid Lindgren – Bilder ihres Lebens. Oetinger 2007
www.oetinger.de

Astrid Lindgren: Von Bullerbü bis Lönneberga

Astrid Lindgren für Eilige

18 Geschichten aus der Feder von Astrid Lindgren, darunter Märchen, Erzählungen und Ausschnitte aus ihren unübertrefflichen Kinderbüchern, vereint der Band Von Bullerbü bis Lönneberga. Als „großes Astrid-Lindgren-Hausbuch“ bezeichnet der Oetinger Verlag dieses gewohnt hochwertig gestaltete Buch mit dem Leinenrücken, auf dem bereits vorn mit Pippi Langstrumpf, Michel und Ida sowie Karlsson vom Dach vier wichtige Protagonisten zu sehen sind.

Als großer Fan nahezu aller Astrid-Lindgren-Bücher ziehe ich zwar die vollständigen Texte den Auszügen vor, aber als erster Einstieg in die Welt der schwedischen Kinderbuchautorin ist das Buch mit den stimmungsvollen Illustrationen von Katrin Engelking zum Vorlesen für Kinder ab fünf Jahren durchaus sehr empfehlenswert.

Astrid Lindgren: Von Bullerbü bis Lönneberga. Oetinger 2011
www.oetinger.de

Maren Gottschalk: Jenseits von Bullerbü

Ihrer Zeit voraus

Nach der  Lebensgeschichte von Nelson Mandela, Die Morgenröte unserer Freiheit, war Jenseits von Bullerbü, die Biografie über Astrid Lindgren, das zweite Buch von Maren Gottschalk für mich.

Als positiv empfunden habe ich, dass diese Lebensbeschreibung kein x-ter Aufguss der Entstehungsgeschichte von Pippi Langstrumpf ist, sondern vielmehr die Schwerpunkte auf der Betonung des politischen Menschen Astrid Lindgren und der Werkanalyse samt Rezeption in unterschiedlichen Ländern liegen. Ihr Leben bleibt dagegen Stückwerk, was an einem Charakterzug liegt, den ihre Freundin und Biografin Margareta Strömstedt so beschrieb: „Wenn man mit ihr zusammen war, dann hatte man ihr in einer halben Stunde sein ganzes Leben erzählt. Aber über ihr Leben wollte sie nicht sprechen.“

Aus der Lektüre habe ich das Bild einer starken Persönlichkeit gewonnen, die privat eine kaum zu glaubende Menge an Schicksalsschlägen hinnehmen musste, die bei ihrer Schreibtätigkeit stets nach absoluter Perfektion strebte, aktiv am Zeitgeschehen teilnahm und ihrer Zeit voraus war.

Maren Gottschalk: Jenseits von Bullerbü. Beltz & Gelberg 2008
www.beltz.de

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Solange es dauert

Addie Moore und Louis Waters leben schon ewig nur einen Häuserblock voneinander entfernt in der Cedar Street im Städtchen Holt, Colorado, kennen sich aber kaum. Beide sind um die 70, verwitwet und allein, vor allem nachts. Da macht Addie Louis eines Tages einen ebenso ungewöhnlichen wie direkten Vorschlag: Sie möchte gerne die einsamen Nächte mit ihm teilen und lädt ihn ein, bei ihr zu übernachten, um die Schlaflosigkeit durch Gespräche zu überbrücken. Louis, weniger mutig als sie, willigt nach kurzem Zögern ein, und so erzählen sich die beiden in langen Nächten vor dem Einschlafen ihre Lebensgeschichten, finden ihre Treffen wundervoll und können es sich bald gar nicht mehr anders vorstellen.

Doch während die Bewohner von Holt, denen die Besuche nicht verborgen bleiben, sich mit der Zeit daran gewöhnen und sich bald keiner mehr dafür interessiert, können Louis‘ Tochter Holly und vor allem Addies Sohn Gene das „peinliche“ Gebaren der Eltern nicht akzeptieren: „Ihr schämt euch nicht mal… Leute in eurem Aller treffen sich nicht im Dunkel der Nacht.“ Und so müssen Addie und Louis schließlich noch einmal ganz von vorn beginnen…

Von der ersten Seite an hat sich dieser kaum 200 Seiten starke, nie kitschige, unaufgeregt erzählte, wunderschöne und anrührende kleine Roman mit seinen überaus sympathischen Protagonisten in mein Herz geschlichen. Ich habe mich für Addie und Louis über ihr Altersglück gefreut, habe ihre beiden Lebensgeschichten, die anders verliefen, als sie es sich erträumt hatten, gerne verfolgt, war wütend auf die Ignoranz ihrer Mitmenschen, die das von der Norm abweichende Verhalten nicht akzeptieren wollten, und konnte mich mit dem Ende wenigstens halbwegs anfreunden, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte.

Unsere Seelen bei Nacht, der letzte Roman des mir bisher unbekannten US-amerikanischen Autors Kent Haruf (1943 – 2014), ist für mich eine der kleinen Perlen des Literaturmarkts, deren Entdeckung so große Freude macht. Ich bin gespannt, ob die Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford ein ebensolches Erlebnis wird.

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Diogenes 2017
www.diogenes.ch