Jörg Maurer: Hochsaison

Ein Mordsspaß

Föhnlage, den ersten Krimi aus der Serie des bayerischen Musikkabarettisten Jörg Maurer, fand ich bereits saukomisch. Der zweite Band, Hochsaison, steht dem ersten ins nichts nach.

Wir sind wieder in jenem namenlosen Kurort des Alpenvorlands mit dem Doppelnamen, Motto: „Sterben, wo andere Urlaub machen“, in dem man unschwer Maurers Geburtsort Garmisch-Partenkirchen erkennt. Während des dortigen Neujahrsskispringens, bei dem vor dem Hintergrund der laufenden Olympiabewerbung der gesamte internationale Skisprungzirkus und die Olympiaprominenz einschließlich Jacques Rogge vertreten ist und mit den hinterwäldlerischen Eingeborenen konfrontiert wird, wird der dänische Teilnehmer im Flug abgeschossen und schwer verletzt. Parallel dazu schickt ein Unbekannter, von der Polizei „Marder“ genannt, Bekennerschreiben für harmlose Anschläge, u. a. auf Adventuretouristen, eine Gruppe von Managern, die in historischen Gewändern und mit Pierre Brice als Ludwig II an einer Winterbesteigung teilnimmt. Gibt es Verbindungen zwischen den Taten? Wer sind die drei Asiaten, die unter ominösen Bedingungen in der Pension Alpenrose hausen? Und wie passt der Scheich al-Hasid, der die Winterspiele(!) gerne nach Dubai holen will, ins Bild?

Die Gerüchtezentrale ist wie immer die Bäckerei Krusti, deren Verkaufsschlager gerade Barack-Obama-Semmeln sind, ein dunkles Snack-Stangerl mit weißem Mohn, und es ermitteln wieder Kommissar Hubertus Jennerwein und sein Team einschließlich der Dummypuppe Gisela.

Ein Mordsspaß für alle, die gerne schwarz-humorige, skurril-abgedrehte, pointensichere Texte lesen, Spaß an guten Dialogen mit viel derbem Sprachwitz haben und denen kein Klischee zu viel wird, die aber trotzdem Wert auf eine äußerst spannende und sehr gut durchdachte Krimihandlung legen.

Jörg Maurer: Hochsaison. Fischer 2010
www.fischerverlage.de

Barbara Landbeck: Robby aus der Räuberhöhle

Räubergut gemacht!

Das Paradies ist in Gefahr, denn auf dem verwilderten Grundstück mitten in Jottwede hinter der hohen, uralten Mauer, auf dem Robby und seine wilde Räuberoma Hilde in ihrer selbstgebauten, geheimen  Räuberhöhle leben und Robby seit neuestem sogar ein Baumhaus hat, will der fiese Bürgermeister Poeppler höchstpersönlich ein schickes Bürogebäude, den Poeppler-Tower, errichten lassen. Klar, dass bei Robby und seiner Freundin Thea alle Alarmglocken schrillen, und da Oma Hilde gerade mal wieder auf Tour ist, müssen die Kinder sich alleine etwas einfallen lassen. Zum Glück haben Robby und Thea gute Freunde in der Stadt, Robbys unerschöpfliche Fundkiste, in der es seit neuestem sogar ein geheimnisvolles altes Buch mit spannenden Erfindungen gibt, die Krähe Karla und den Kater Momo sowie jede Menge Fantasie. Und wer sagt eigentlich, dass so eine Rettungsaktion nicht auch lustig sein kann? Aber auf jeden Fall muss eine ganze Menge passieren, ehe am Ende die große Feier zur Rettung des Paradieses stattfinden kann, und eine Portion Glück gehört natürlich auch dazu!

Robby aus der Räuberhöhle – Wer rettet das Paradies, getextet und illustriert von Barbara Landbeck und wunderschön hergestellt vom Jumbo Verlag, ist bereits der zweite Band um den pfiffigen Jungen und seine kleine Freundin, kann aber problemlos unabhängig gelesen oder vorgelesen werden. Mir haben es besonders die sehr farbenfrohen, ein wenig naiv anmutenden, meist großflächigen Illustrationen angetan, die sehr kindgerecht sind und eine so positive Ausstrahlung haben, dass man beim Betrachten einfach gute Laune bekommen muss.

Das Buch eignet sich zum Vorlesen für Jungen und Mädchen ab fünf Jahren gleichermaßen, gute Leserinnen und Leser, die bereits umfangreichere Textmengen bewältigen, können sich dank der größeren Schrift ab dem Ende der zweiten Klasse daran wagen. Spannung, Spaß und viel Fantasie sind garantiert!

Barbara Landbeck: Robby aus der Räuberhöhle. Jumbo 2017
www.jumboverlag.de

Zoë Miller: Das Geheimnis jener Tage

Rettungsleinen

Es gibt Romane, die können es in puncto Spannung locker mit einem guten Krimi aufnehmen, und Zoë Millers Das Geheimnis jener Tage gehört für mich eindeutig zu dieser Kategorie der Pageturner. Doch nicht nur die Spannung, auch die ebenso plausible wie ungekünstelte Auflösung, die Stück für Stück vor dem Auge des Lesers entsteht, zeichnet diesen äußerst unterhaltsamen Familien- und Freundschaftsroman aus.

Erzählt wird hauptsächlich in zwei Zeitebenen, der Gegenwart und dem Jahr 1980. Die Kapitel in der Vergangenheit sind Puzzlestücke, die sich nach und nach zu einem Ganzen zusammenfügen, eine keineswegs neue, hier aber besonders gelungen umgesetzte Technik.

Im aktuellen Handlungsstrang steht Carrie Cassey im Mittelpunkt, eine junge Frau von 30 Jahren, die nach dem Tod ihrer Eltern bei einem Flugzeugunglück fünf Jahre zuvor den Halt und die Orientierung verloren hat. Wechselnde Jobs, die Trennung von ihrem Verlobten, den sie eigentlich liebt, und ihre Selbstvorwürfe, weil der Impuls zu der verhängnisvollen Reise der Eltern von ihr kam, zeugen von ihrer tiefen Verunsicherung, die von einer Verdrängung anstatt Bewältigung der Trauer rührt.

Eine Wende in ihrem Leben bringt der Besuch einer Fremden aus der Schweiz, die sie um den Besuch bei ihrem todkranken Mann, dem blinden Konzertpianisten Luis Meyer, bittet. Luis behauptet, im September 1980 ein knapp zweiwöchiges, intensives Liebesverhältnis mit Carries Mutter Sylvie gehabt zu haben, unvorstellbar für Carrie, denn ihre Eltern hatten im Juni 1980 geheiratet und die Ehe war zeitlebens außergewöhnlich glücklich gewesen. Neugierig beginnt Carrie mit ihren Nachforschungen, nicht ahnend, dass ein gefährlicher Unbekannter die alte Geschichte um jeden Preis unter Verschluss halten möchte. Während sie die unglaublichen Geschehnisse nach und nach aufdeckt, geht eine große Veränderung mit ihr vor, denn sie beginnt, sich mit ihrer Trauer auseinanderzusetzen, alten Ballast abzuwerfen und nach neuen Wegen für ihr Leben zu suchen.

Noch besser als die Geschichte von Carrie, die man in ähnlicher Art auch in anderen Romanen findet, hat mir der Handlungsstrang in der Vergangenheit gefallen. Was 1980 geschah, ist der weitaus interessantere, originellere und unvorhersehbarere Teil des Romans. Der Blick in das Irland vor 35 Jahren mit seinem streng-katholischen Verhaltenskodex war ebenso aufschlussreich wie schockierend für mich.

Ich möchte diesen Roman allen empfehlen, die gerne spannende Familiengeschichten, dargeboten in Form leicht zu lesender Unterhaltungsromane, lesen. Zwar konnte mich die Sprache nicht in gleicher Weise überzeugen wie der Inhalt, die Dialoge waren mir teilweise zu gestelzt und pathetisch und ich hätte mir noch mehr irisches Flair wie auf dem wunderschönen Cover gewünscht, aber ich habe mich bei der Lektüre bestens unterhalten gefühlt und hätte den Roman zu keiner Zeit aus der Hand legen können.

Zoë Miller: Das Geheimnis jener Tage. Insel 2017
www.suhrkamp.de

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Ohne Deckung

Wir alle konsumieren sie jeden Tag, ob wir wollen oder nicht: Bilder aus den Krisenregionen der Welt, aus Kriegsgebieten, Hungerregionen oder Flüchtlingslagern, im Fernsehen, in den Printmedien oder im Netz. Doch wer sind eigentlich die Menschen, die sie uns liefern, die nicht selten ihr Leben dabei verlieren? Wie können sie mit dem alltäglichen Grauen umgehen? Wie entscheiden sie, wann sie auf den Auslöser drücken und wann nicht?

Alle diese Fragen wirft Sabine Gruber in ihrem Roman Daldossi oder Das Leben des Augenblicks auf, doch leider kommt die Frage der Ethik der Fotografie, die für mich die spannendste gewesen wäre, deutlich zu kurz. Hauptsächlich geht es in diesem zweifellos sehr gut recherchierten Buch um den Kriegsfotografen Bruno Daldossi, Südtiroler und in Wien lebend, schwerer Alkoholiker, ein Mann um die 60, der nach Einsätzen in Tschetschenien, im Irak, in Serbien, in Afghanistan und überall, „wo es Tote gab“, von seinem Magazin im Zuge des Personalabbaus in Frührente geschickt wurde. Aber taugt ein Mensch mit seinen „Kriegserfahrungen“, dessen Tote „viele Friedhöfe füllen“, noch zum Leben im Frieden? Gerade jetzt hat ihn seine Lebenspartnerin Marlis verlassen, die 15 Jahre lang immer in Angst auf ihn gewartet hat, die es aber nicht mehr ertragen konnte, dass ein immer größerer Teil von ihm an den Schreckensorten zurückblieb. Daldossi kann sich trotz seiner unzähligen Affären, die er als Form der Selbstrettung betrachtet, ein Leben ohne Marlis nicht vorstellen, denn sie ist seine „Dauerdeckung“ und seine Orientierung. Doch Marlis lehnt seine Friedensmission, zu der er ihr eigens nach Venedig nachreist, ab, eine für mich gut nachvollziehbare Form von Selbstschutz.

Daldossi oder Das Leben des Augenblicks war für mich eine eher mühsame Lektüre, nicht so sehr wegen der sehr herben Sprache, die zum Inhalt passt, auch nicht wegen des unsympathischen Antihelden, sondern eher deshalb, weil ich das Buch als sehr „absichtsvollen“, sehr konstruierten Text und weniger als Literatur empfunden habe. Gut gefallen hat mir dagegen, wie Sabine Gruber Bildbeschreibungen zu Fotografien Daldossis in den Text einstreut und den nicht in Kapitel unterteilten Romanfluss damit immer wieder gekonnt durchbricht. Dass Daldossi sich am Ende dazu aufrafft, hinter der Linse hervorzutreten und erstmals selber in ein Geschehen einzugreifen, war für mich der einzige Hoffnungsschimmer in einem ansonsten niederdrückenden Buch.

Was bleibt für mich nach der Lektüre dieses Romans? Mit Sicherheit werde ich die Bilddokumente aus Krisenregionen zukünftig anders wahrnehmen und auch die Menschen hinter den Objektiven dabei sehen. Sie riskieren mehr als nur ihr Leben, sie laufen Gefahr, ihre Befähigung für ein Leben im Frieden zu verlieren. Uns dies eindrücklich vor Augen zu führen, ist Sabine Gruber zweifellos geglückt.

Sabine Gruber: Daldossi oder Das Leben des Augenblicks. C.H. Beck 2016
www.beck.de

Hannah O’Brien: Irisches Roulette

Spielernaturen

Nach Irisches Verhängnis, dem ersten Fall der Irland-Rückkehrerin Grace O’Malley und seit nunmehr über drei Monaten Leiterin des Morddezernats der Garda Galway, geht es im Folgeband Irisches Roulette um die internationale Wettmafia, die von Asien aus operierend auch vor der Grünen Insel nicht Halt macht.

Alles beginnt mit dem Mord an Tom Nolan, einem Angestellten eines Wettbüros, das ausgerechnet dem Zwillingsbruder von Graces verlässlichstem Mitarbeiter Rory Coyne gehört. Damit ist Rory vorerst von den Vermittlungen ausgeschlossen und Grace muss mit dem ihr unzuverlässlich erscheinenden Kevin Day zusammenarbeiten, der den Kampf um die Stelle des Superintendenten gegen sie verloren hat.

Die beginnenden Ermittlungen fallen in eine Zeit des sportlichen Ausnahmezustands in Irland: Es steht nicht nur das Finale im Gaelic Football bevor, sondern auch die berühmte Woche der Pferderennen. Grace und ihr alter Freund, der Privatdetektiv Peter Burke, arbeiten sich derweilen in die Welt der Wetten und Wettmanipulationen ein. Eine international agierende Wettmafia installiert dazu in jedem Gebiet einen möglichst unauffälligen Landeschef, viele sogenannte „Runner“, also Leute mit Kontakten zu Spielern oder anderen im Sportmilieu Tätigen, und möglichst einen Verbindungsmann bei der Polizei, der oft unbewusst zum informellen Mitarbeiter wird. Tom Nolan gehörte eher zur Kategorie „Runner“, wie Grace schnell klar wird, aber wer sind die Hintermänner, wer hat ihn umgebracht und warum und wer schwebt noch in Gefahr? Recherchearbeit ist diesmal auch im Stadion und auf der Pferderennbahn angesagt. Bei insgesamt zwei Leichen in einer Woche und drei Verschwundenen bleibt für die Ermittler allerdings keine Zeit, die sportlichen Spektakel zu genießen.

Wie auch bei Band eins der Reihe um die sympathische Ermittlerin, den ich während einer Irland-Reise gelesen habe, hat mich wieder die Beschreibung der irischen Landschaft, der Stadt Galway und der Iren, kurz gesagt das irische Flair, noch mehr begeistert als der Kriminalfall. Es macht einfach Spaß, diese unterhaltsamen, eingängigen Krimis zu lesen, die Gegend um Galway vor Augen zu haben und sich in den Urlaub zurück zu träumen. Die deutsche Journalistin und Autorin Hannah O’Brien, die lange in Irland gelebt hat, fängt all das wunderbar ein und bettet es in eine durchdachte Krimihandlung, wobei auch das Privatleben der Protagonisten nicht zu kurz kommt.

Ich freue mich auf den dritten Band, der für das Frühjahr 2017 angekündigt ist. Vielleicht kommen sich Grace und Peter dann ja auch privat endlich näher?

Hannah O’Brien: Irisches Roulette. dtv 2016
www.dtv.de

Rüdiger Bertram: Jacob, der Superkicker

Es geht nichts über gute Freunde

Büchersterne ist die Reihe für Erstleser aus dem Oetinger Verlag, die für Lesespaß in drei Stufen sorgen soll. Der vorliegende Band Jacob, der Superkicker von Rüdiger Bertram gehört zur mittleren Kategorie für die erste und zweite Klasse, ist in großer Fibelschrift und im Flattersatz mit kurzen Zeilen gedruckt, hat kurze Leseabschnitte und ist in fünf Kapitel unterteilt, ist textunterstützend illustriert von Alexander Bux und bietet auf acht Doppelseiten am Ende viele abwechslungsreiche Rätselangebote mit Lösungen.

Jacob klebt das Pech an den Hacken, denn ihm will einfach kein Tor mehr gelingen. Der Trainer wechselt seinen einstigen Superstürmer sogar aus und verordnet ihm eine zweiwöchige Auszeit, denn ein Stürmer, der das Tor nicht mehr trifft, ist so nutzlos wie ein Fahrrad ohne Lenker. Zwei Wochen ohne Fußball – wie soll das gehen? Jacob ist verzweifelt, doch zum Glück hat er Tom und Paul, mit denen er ein Baumhaus bauen kann. Doch als es plötzlich darauf ankommt, weil drei fremde Jungs ihn und seine Freunde zu einem Match um das neue Baumhaus herausfordern, ist der Bann plötzlich gebrochen und Jacobs Torriecher wieder da. Und so kann er nicht nur in sein Team zurückkehren, es wartet auch noch eine faustdicke Überraschung auf ihn…

Das Erstleserbuch für kleine Fußballfans zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt: auf gute Freunde!

Rüdiger Bertram: Jacob, der Superkicker. Oetinger 2016
www.oetinger.de

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe

Selbstbestimmtes Leben und Sterben

Inspiriert von einem Bericht über 250 alte Frauen, die „nach dem Reaktor“, also nach dem Reaktorunfall von 1986 in Tschernobyl, nicht mehr in den ihnen zugeteilten Flüchtlingsunterkünften wohnen wollten, sondern in die verseuchten „Todesdörfer“ zurückkehrten, hat die deutsch-russische Autorin Alina Bronsky ihren kleinen Roman Baba Dunjas letzte Liebe verfasst. 2015 zurecht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis, ist er ein Beitrag zur Diskussion darüber, wie wir altern und sterben wollen und was echte Freiheit ist.

Baba Dunja, die eigentlich Evdokija Anatoljewna heißt, ist nach dem Gau in ihr Dorf Tschernowo zurückkehrt, als erste einer kleinen Zahl von Menschen, die die Hälfte der etwa 30 Häuser bewohnen. Die Regierung duldet sie, ansonsten schlagen sie sich alleine durch, trinken Brunnenwasser und essen, was die fruchtbaren Gärten hervorbringen. Nur selten fährt einer in die nächste, weit entfernte und schlecht zu erreichende Stadt, um die Post zu holen oder Einkäufe zu machen. Zu Besuch kommen gelegentlich Fotografen, Filmleute, Biologen oder eine Krankenschwester, alle im Strahlenschutzanzug.

Die kleine Gruppe empfindet sich nicht als Gemeinschaft, jeder ist um der Ruhe willen gekommen. Die Ich-Erzählerin Baba Dunja, die von den anderen als „Bürgermeisterin“ angesehen wird, sagt von sich, dass sie dort ihre friedlichsten Jahre verbracht hat, losgelöst von allen Verpflichtungen anderen gegenüber, sogar von ihren weit entfernt lebenden Kindern, und vor allem ohne Zeit: „Was ich in Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine.“ Auch Angst kennt Baba Dunja nicht mehr, obwohl sie sich der unsichtbaren Bedrohung durchaus bewusst ist und den Fremden, der mit seiner gesunden kleinen Tochter zu ihnen kommt, keinesfalls im Dorf dulden möchte.

Doch auch Tschernowo ist kein rechtsfreier Raum, und als der Fremde ermordet wird, verhaftet die Miliz kurzerhand alle Dorfbewohner. Baba Dunjas letzte Liebe, ihr Haus, ihr Frieden, ihre Selbstbestimmung stehen auf dem Spiel.

Unwillkürlich habe ich bei der Lektüre begonnen, über mein eigenes Altern und die Freiheit, selbst darüber zu entscheiden, nachgedacht. Die Todeszone muss es nicht sein, aber ein bisschen von Baba Dunjas Unabhängigkeit und Selbstbestimmung wäre schön.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Kiepenheuer & Witsch 2015
www.kiwi-verlag.de

Stefan Ahnhem: Minus 18°

Leider ein bisschen zuviel von allem

Minus 18° war mein erster Krimi des hochgelobten schwedischen Autors Stefan Ahnhem, obwohl es sich dabei schon um Band drei der Fabian-Risk-Serie handelt, und es wäre sicher einfacher gewesen, wenn ich Herzsammler sowie Und morgen du bereits gekannt hätte. Aber auch so war der Einstieg möglich und Andeutungen bzgl. der Vorgängerbände haben meine Neugier auf die Vorgeschichte geweckt.

Alles beginnt in Helsingborg, der Stadt im südschwedischen Schonen, als der Fahrer eines BMW nach einer wilden Verfolgungsjagd mit der Chefin des örtlichen Kommissariats wegen eines abgefahrenen Außenspiegels über die Kaimauer in Norra Hamn rast und zu Tode kommt. Dieser Fall, der eine lange Flaute beim örtlichen Ermittlerteam beendet, wird interessant durch die unglaubliche Feststellung des Rechtsmediziners, dass der Tote auf dem Fahrersitz, der schwerreiche IT-Unternehmer Peter Brise, bereits seit ungefähr zwei Monaten tot und seither tiefgefroren war. Doch was ist mit der Aussage von Zeugen, die ihn zuletzt noch getroffen haben? Was als tragischer Verkehrsunfall begann, wird für das Helsingborger Ermittlungsteam und den sympathischen Fabian Risk nach und nach zu einem Fall nie dagewesenen Ausmaßes, zu einem Alptraum an Brutalität. Nicht nur, dass ein 18 Monate zuvor fälschlicherweise als Selbstmord zu den Akten gelegter Todesfall den oder dem Täter zugeordnet werden muss, steht die Befürchtung im Raum, dass weitere Opfer folgen werden. Und nicht nur sie schweben in Todesgefahr, jeder und jede, die dem oder den Tätern zu nahekommen, wird brutal ermordet, so dass es schnell jede Menge Leichen gibt.

Parallel zur Mordserie in Helsingborg bekommt es auf der anderen Seite des Öresunds im benachbarten Dänemark die zum Streifendienst degradierte Ermittlerin Dunja Hougaard mit einem Fall von „Happy Slapping“ zu tun, bei dem Jugendliche vor laufender Handykamera Obdachlose hinrichten und die Filme anschließend ins Netz stellen.

Minus 18° ist zweifellos ein sehr spannender Krimi, den auch ich kaum aus der Hand legen konnte, doch wirklich überzeugt hat er mich trotzdem nicht. Neben der unglaublichen Gewalt hat Stefan Ahnhem für meinen Geschmack auch viel zu viel in diese 550 Seiten hineingepackt. So hat nicht nur Fabian Risk ein breiten Raum einnehmendes Privatleben mit Problemen, über die man fast schon einen eigenen Roman schreiben könnte, seine Chefin trinkt nach ihrer Scheidung, die dänische Kollegin führt einen Privatkrieg gegen einen ehemaligen Vorgesetzten, ein Kollege nimmt sich anscheinend das Leben und eine ehemalige Kollegin leidet noch immer unter den Folgen eines Einsatzfehlers von Risk. Positiv ist dabei allerdings zu vermerken, dass man als Leser trotz aller Orts- und Perspektivwechsel nie den Faden verliert, was für Ahnhems Können spricht. Das an sich hochspannende, zentrale Thema „Identitätsdiebstahl“ wird allerdings durch die schiere Anzahl der Fälle ebenfalls überstrapaziert und verliert dadurch im Laufe des Krimis immer mehr an Glaubwürdigkeit. Hier wie bei den Nebenhandlungen wäre für mich weniger eindeutig mehr gewesen. Schade, denn die leider aus dem realen Leben stammenden Themen und das überwiegend sympathische Personal hätten mehr Potential gehabt.

Ich werde trotzdem mit Herzsammler noch einen weiteren Versuch machen. Ob ich allerdings den Folgeband lese, muss ich mir trotz des Cliffhangers noch überlegen.

Stefan Ahnhem: Minus 18°. Ullstein 2017
www.ullsteinbuchverlage.de

Philip B. Kerr: Das Akhenaten-Abenteuer

Plötzlich Dschinn

Viele kennen den Briten Philip B. Kerr eher aus dem Krimi- und Thriller-Genre, aber mit der Kinder- und  Jugendbuchreihe Die Kinder des Dschinn hat er sich erfolgreich in den Fantasy-Bereich geschrieben.

Die 12-jährigen Zwillinge John und Philippa aus New York sind ganz normale Teenager bis zum Tag, an dem ihnen operativ die Weisheitszähne entfernt werden. Von nun an ist nichts mehr, wie es war, und während ihrer Ferien bei ihrem Onkel Nimrod in London erfahren sie, dass sie keineswegs normale Kinder, sondern Nachfahren der Dschinn oder Flaschengeister sind und eine Mission zu erfüllen haben. Ihre Aufgabe ist es, 70 verschollene Dschinn zu finden, die einst dem ägyptischen Pharao Echnaton gehört haben, damit sie nicht den bösen Dschinns, den Ifrits, in die Hände fallen. Es gilt, die Menschheit vor dem Bösen zu retten, und dafür müssen John und Philippa um die halbe Welt reisen und zahlreiche Abenteuer bestehen.

Das Akhenaten-Abenteuer bildet den Auftakt zu dieser inzwischen vielbändigen Jugend-Fantasy-Buchreihe. Obwohl mir die Grundidee eigentlich gefallen hat, konnte mich die Umsetzung nicht überzeugen. Die Charaktere sind nach meinem Empfinden zu grob gezeichnet und zu glatt, John und Philippa zu allwissend und clever und das Ende hat mich nicht wirklich überrascht. Aber zehn- bis zwölfjährige Jungen und Mädchen können sich sicher eher für die Abenteuer der Zwillinge begeistern als ich, schließlich sind sie auch die Zielgruppe der Reihe.

Philip B. Kerr: Das Akhenaten-Abenteuer. Rowohlt 2006
www.rowohlt.de

Alexandra Fröhlich: Gestorben wird immer

Wie alles zusammenhängt

Zu Beginn des Romans Gestorben wird immer habe ich einfach nur eine durch und durch schreckliche Familie gesehen, unsympathisch und, wie Enkelin Birte es ausdrückt „jeder mit einem Dachschaden“, ein Alptraum für die, die dazugehören. Agnes Weisgut, 91-jährige Patriarchin und ebenso vermögende wie granitharte Chefin eines florierenden Hamburger Steinmetzbetriebs, ihre zerstrittenen Söhne Karl, eingefleischter Junggeselle, und Klaus, geschieden, die seit 20 Jahren verschwundene Tochter Martha, die als verrückt gilt, und die ihre Kinder Birte und Peter traumatisiert in der Obhut des bisweilen gewalttätigen, trinkenden Vaters und der Großmutter zurückgelassen hat, und Bosse, Klaus‘ Sohn, der mit dem Tod seiner Schwester und der Scheidung seiner Eltern schwer zu kämpfen hat.

Doch wie sind eigentlich alle so geworden, wie sie sind? Agnes Weisgut beauftragt ihre Enkelin Birte, die ihr in ihrer Hartnäckigkeit, Zähigkeit und Zielstrebigkeit am ähnlichsten ist, die Familie noch einmal zu versammeln. Sie möchte reinen Tisch machen, von ihrer Schuld erzählen, für die sie lebenslang büßt, nicht um Vergebung zu erhalten, sondern damit die Familie versteht und von ihrer aller Ursprung erfährt.

Für mich war Gestorben wird immer das erste Buch aus dem 2016 unter dem Dach der Verlagsgruppe Random House gegründeten Penguin Verlag und ich war begeistert von diesem Roman, in dem die Journalistin Alexandra Fröhlich 70 Jahre Zeitgeschichte exemplarisch, klug und unterhaltsam erzählt. Meine anfängliche Befürchtung, es könnte sich um eine seichte Familiengeschichte handeln, löste sich schnell in Luft auf. Je mehr ich über die tragische Lebensgeschichte von Agnes erfuhr, die so vielversprechend mit einer glücklichen Kindheit in Ostpreußen begann und nach dem Abitur eine glänzende Zukunft mit vielen Optionen versprach, desto mehr Verständnis, ja sogar Sympathie konnte ich für sie aufbringen, obwohl ich es angesichts dessen, was sie getan hat, kaum auszusprechen wage.

Am Ende blieb bei mir von der anfänglichen Antipathie gegen die Familie Weisgut jedenfalls nicht mehr viel übrig, empfand ich eher Mitleid und die Hoffnung, dass mit dem Aussprechen der Wahrheit alles besser wird, denn: „So viele Leben, dachte Agnes, so viele Tote. Bald bin ich dran. Aber so war es gut, so konnte es enden.“

Alexandra Fröhlich: Gestorben wird immer. Penguin 2016
www.randomhouse.de