Liebe versetzt Berge

Im Berliner Mauermuseum – Museum Haus am Checkpoint Charlie sind abenteuerliche Fluchten von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern zwischen 1961 und 1989 dokumentiert. Immer einfallsreicher und wagemutiger wurden die Ausreisewilligen und ihre Helferinnen und Helfer angesichts zunehmend perfektionierter DDR-Grenzsicherungssysteme, die sie mittels Tunnels, Rutsche, selbstkonstruierten Fluggeräten, Tauchbooten oder umgebauten Autos und LKWs zu überwinden versuchten.
Ein perfekt durchdachter Plan droht am Zufall zu scheitern
Alle diese Methoden kamen für die Eltern des 1972 geborenen Schweizer Literaturprofessors Thomas Strässle nicht in Frage, da sie das Leben seiner aus der DDR stammenden Mutter gefährdet hätten. Sein Vater, ein 23-jähriger Student aus Zürich, hatte die zwei Jahre jüngere Mutter, eine aus Karl-Marx-Stadt stammende Studentin der Universität Dresden, anlässlich einer Exkursion 1965 im Haus der Roten Armee in Erfurt kennengelernt, wo sich zwei Gruppen Schweizer und Dresdner Studentinnen und Studenten begegneten. Da ein gemeinsames Leben in der DDR für beide nicht in Frage kam und dem Vater bei seinen vielfältigen Erkundigungen niemand Hoffnungen auf eine legale Ausreise der Mutter machen konnte, es sei denn durch Zahlung einer hohen Summe, über die sie nicht verfügten, suchte er bald nach einer illegalen Alternative. Der Plan, den er schließlich durch beharrliche Beobachtungen der Abläufe am Flughafen Prag schließlich ersann, war ebenso innovativ wie genial und zugleich hochriskant: Nicht bei der Ausreise sollte das System überlistet werden, sondern bei der Einreise. Dazu bedurfte es eines Schweizer Passes mit dem Foto der Mutter und eines Duplikats des tschechischen Einreisestempels. Doch als beides mit größter Raffinesse besorgt war und die Mutter alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte, drohte in letzter Minute doch noch alles an einem unkalkulierbaren Zufall zu scheitern.

Eine wahre Familiengeschichte
Thomas Strässle kannte ich bisher als sympathischen, sachkundigen und fairen Kritiker in der Sendung Schweizer Literaturclub des SRF. Fluchtnovelle ist sein literarisches Debüt und schildert die wahren Erlebnisse seiner Eltern. Auf nur etwa 120 Seiten rekonstruiert der Sohn in 27 kurzen Kapiteln nicht nur akribisch die Flucht-Vorbereitungen und die entscheidenden Tage im Juli 1966 in Prag während der Fußball-WM. Um aus der privaten Geschichte eine politische zu machen, reichert Thomas Strässle sie mit interessanten zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen und Gesetzestexten an. Dazu gibt es Kindheitserinnerungen des Sohnes an Reisen zur Großmutter nach Karl-Marx-Stadt und Diskussionen der Eltern über unterschiedliches Erinnern, letztere der einzige Teil des Buches, der mir entbehrlich erschien.
Als Hörbuch bei ARD Sounds
Ich habe mir das Buch ungekürzt bei ARD Sounds in einer Produktion von MDR, NDR und BR vorlesen lassen, unterteilt in 7 Folgen mit insgesamt 183 Minuten, größtenteils gesprochen vom sehr guten Stefan Merki in der Rolle des Erzählers.
Wer eine Liebesgeschichte mit großen Emotionen erwartet, könnte von Fluchtnovelle enttäuscht werden, denn der Sohn Thomas Strässle wahrt mit seinem nüchternen Stil die elterliche Privatsphäre. Als zeitgeschichtliches Dokument mit Krimicharakter, als Erinnerung an die jüngste deutsche Vergangenheit, als Gegengewicht zu nostalgischen DDR-Verklärungen und nicht zuletzt als Beweis dafür, dass die Liebe Berge versetzen kann, hat mich das kleine Buch jedoch gleichermaßen erschüttert und überzeugt.
Thomas Strässle: Fluchtnovelle. Suhrkamp 2024
www.suhrkamp.de
und als Hörbuchproduktion von MDR, NDR und BR bei Ard Sounds.