Ihrer Zeit voraus

Als die bereits sehr bekannte Schriftstellerin Gabriele Reuter (1859 – 1941) im Jahr 1908 ihren Roman Das Tränenhaus über das Leiden lediger Schwangerer veröffentlichte, war sie seit neun Jahren unverheiratete Mutter einer Tochter. Da sie sich selbst während ihrer Schwangerschaft in ein Haus für ledig Gebärende zurückgezogen hatte, kannte sie das Elend dieser Einrichtungen und deren verzweifelte Klientel. Gleichzeitig wusste sie auch um den Skandal, den sie mit dem tabuisierten Thema „gefallene Mädchen“ im Wilhelminischen Kaiserreich auslösen würde.
Frühes autofiktionales Schreiben
Die Protagonistin Cornelie Reimann ist wie die Autorin eine erfolgreiche, auskömmlich verdienende Schriftstellerin aus gutem Haus und hat aufsehenerregende philosophische Schriften zur Rolle der Frau verfasst, als sie in fortgeschrittenem Alter schwanger wird. Die Kleider für die Hochzeitsreise hängen im Schrank, aber angesichts der enttäuschenden Reaktion des Kindsvaters verzichtet Cornelie auf die Ehe. Zu Beginn des Romans denkt sie voller Hass und Ekel an ihn, der ihr brieflich Freundschaft und Hilfe anbietet. Sie will für sich, ihr Kind und ihre ahnungslose Mutter nach der Geburt ein Heim in abgeschiedener Lage schaffen, unabhängig und einsam, eventuell den Namen wechseln, um Demütigung und Schande auszuweichen.
Angelockt durch einen vielversprechenden Prospekt quartiert sich Cornelie für die Schwangerschaft und Geburt bei einer derben, profitgierigen Hebamme ein, die in Schwaben ein solches Gebärhaus in einer armseligen Hütte abseits des Dorfes Schopfingen führt. Ursula Uffenbacher herrscht mit liebloser, verächtlicher Strenge über die Schwangeren und organisiert Pflegemütter für die meist zurückgelassenen Kinder, soweit diese überleben.
Von Abschottung zu Solidarität
Die in Alter, Bildung, Finanzen und Lebenserfahrung so gar nicht zu den scheuen, stillen jungen Mädchen passende Cornelie schottet sich zunächst ab und gibt sich überlegen. Erst allmählich dämmert ihr, dass im „Tränenhaus“ alle ein ähnliches Schicksal teilen, ausgestoßen aus der von patriarchalen Strukturen und Doppelmoral beherrschten Welt. Der „Uffenbacherin“ will sich die freiheitsliebende Cornelie trotzdem nicht beugen. So kommt es zur Solidarisierung mit den sie bewundernden Mädchen und es entwickelt sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl zum Wohle aller.

Unvergessliche Schicksale und Charaktere
Gleich in mehrfacher Hinsicht hat mich Das Tränenhaus begeistert. Einerseits habe ich mit großer Anteilnahme Cornelies tiefgreifende Veränderung verfolgt, die sich im Laufe der Schwangerschaft von ihrer Verzagtheit, Todessehnsucht, später Gleichgültigkeit und ihrem Hass auf den Kindsvater löst und umdenkt:
Nein – dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. […] Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbsterwählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte. (S. 171)
Andererseits verwendet Gabriele Reuter große Sorgfalt auf die Einzelschicksale und Charaktere im Tränenhaus, die nicht Prototypen, sondern Mädchen aus Fleisch und Blut sind, Opfer frauenfeindlicher Gesellschaftsstrukturen, mit denen ich trotz gelegentlichen Kopfschüttelns gelitten habe.
Zu Unrecht vergessen
Das Tränenhaus ist bereits der zweite, aus dem männerdominierten Literaturkanon verdrängte Roman Gabriele Reuters, der dankenswerterweise in der Reihe Reclams Klassikerinnen mit einem hilfreichen Nachwort von Annette Seemann und einer Zeittafel neu erschien. Die lebhaften, teils dialektgefärbten Dialoge überlagern den zeitgemäß pathetischen Stil und sorgen bisweilen für Komik inmitten der Tragik. Beeindruckend sind Cornelies fortschrittliche Gedanken, ihr mutiges Handeln, ihre Reflektiertheit und ihr Appell an ihre Geschlechtsgenossinnen:
Ich träume oft, wie dieser Fluss geworden ist – solche Macht und Gewalt könnten die Frauen bekommen, wenn sie sich nicht länger um eines Dogmas willen gegenseitig hassen, verachten und verfolgen würden. (S. 116)
Der Roman ist unbedingt lesenswert als Sittenporträt des Kaiserreichs sowie wegen seiner ungebrochenen Aktualität, denn trotz enormer Verbesserungen für ledige Schwangere und Alleinerziehende ist die Geschlechtergerechtigkeit bis heute nicht völlig hergestellt.
Gabriele Reuter: Das Tränenhaus. Mit einem Nachwort von Annette Seemann. Reclam 2026
www.reclam.de