Eine Familie, eine Firma, eine Insel und das Meer

Yann de Kérambrun, knapp 50-jähriger Ich-Erzähler und Geschichtsprofessor an der Pariser Sorbonne, glaubte lange, seiner Familiengeschichte erfolgreich entkommen zu sein. Er hatte sich früh von der Bretagne, seinem autoritären Vater Charles und dem erfolgreichen Familienunternehmenden losgesagt und war selbst nach dem Unfalltod seines Zwillingsbruders und designierten Unternehmenserben in vierter Generation nicht zurückgekehrt.
Doch nun, zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters, denkt er häufiger als zu seinen Lebzeiten an ihn. Mitten in einem Scheidungskrieg, enttäuscht von seinem Sohn Paul, der sein Studium auf Eis gelegt hat und sein Glück in Deutschland sucht, fühlt Yann sich beruflich wie privat restlos erschöpft. Er ist der Letzte aus seiner Kernfamilie, eine Cousine leitet das in der Herstellung von Fischerbooten und Jachten führende Familienunternehmen, das ihm finanzielle Unabhängigkeit garantiert. So beschließt er, ein Sabbatjahr in der geerbten Familienvilla Les Couërons am Strand von Sillon in St. Malo zu verbringen und endlich eine Geschichte des Handels und der Piraterie im Mittelmeerraum im ersten Jahrhundert vor Christus zu schreiben. Kaum angekommen, findet er im ehemaligen Arbeitszimmer seiner Vorfahren das Familienarchiv: alte Aufzeichnungen privater und geschäftlicher Natur, dazu Briefe, Rechnungen und anderes. Schlagartig erwacht seine Neugier, Erinnerungen stellen sich ein. Erstmals weicht die Bitterkeit und mit dem Handwerkszeug des Historikers gräbt er in der eigenen Familienvergangenheit:
Nach Jahren des inneren Widerstands und des Verdrängens hatte ich das immer stärkere Bedürfnis, mich wieder in diese Geschichte einzuschreiben, in die Geschichte meiner Familie, meines Vaters. (S. 69)
Je näher Yann dem Familiengeheimnis des Firmengründers, visionären und prinzipientreuen Maschinenbauers und Reeders Octave de Kérambrun kommt, desto besessener forscht er und desto überzeugter ist er von den Auswirkungen auf die folgenden Generationen:
Die Vergangenheit verfolgt uns, formt uns, sie quält uns oder erbaut uns; aber wir können sie uns nicht wegdenken – auch das eine Lehre aus meinem Beruf. (S. 479/480)
Dreh- und Angelpunkt: Cézembre
Er kontaktiert Verwandte, Archive, Expertinnen und Experten. Auffällig oft taucht die im französischen Original titelgebende Insel Cézembre in seinen Recherchen auf, die er vom Arbeitszimmer sehen kann und deren Silhouette das Firmenlogo bildet. Gut zwei Seemeilen vor der Küste von St. Malo gelegen, hat sie eine atemberaubende Geschichte: als Korsaren- und Schmugglerversteck, Platz für ein Kloster, Ziel von Betenden, Touristenattraktion, Strafkolonie, Weltkriegsschauplatz mit der höchsten Anzahl von Bomben pro Quadratmeter bei der alliierten Invasion 1944, was zu einer jahrzehntelangen Sperrung führte, und jüngst als Fundort einer rätselhaften Leiche.

Während Yann die Puzzleteile immer neu zusammensetzt, häufen sich die Fragen: Warum veränderte sich der liebevolle Familienvater Octave ganz abrupt? Welche Bewandtnis hat es mit der Lücke im Familienarchiv und dem Verschwinden von Octaves Geschäftspartnern Ambroise de Sainte-Croix und Augustus Minchinton? Was machte seinen Großvater Jules und seinen Vater wortkarg und unerträglich autoritär? Und wie passt die geheimnisvolle Joggerin Rebecca vom Strand von Sillon, die in Yann erstmals wieder Gefühle auslöst, in die Geschichte?
Viel mehr als eine spannende Familiengeschichte
Ich hatte das große Glück, Rückkehr nach St. Malo der 1971 geborenen französischen Autorin und Literaturdozentin Hélène Gestern in der Bretagne zu lesen und die Orte der Handlung währenddessen zu erleben. Ihre atemberaubenden Beschreibungen des Meeres in all seinen Stimmungen, seine heilende Kraft und die klimatischen sowie ökologischen Gefahren für die Küste sind ein herausragendes Beispiel für gelungenes Nature Writing. Die Verbindung aus persönlichem Heilungsprozess und Versöhnung, Familiengeschichte, schwierigen Vater-Sohn-Beziehungen und historischer Recherche zum bretonischen Großbürgertum am Beginn des 20. Jahrhunderts sowie zur Seefahrtsgeschichte zwischen der Bretagne, den Kanalinseln und Großbritannien hat mir sehr gut gefallen, genauso wie die kursiv gedruckten Passagen aus der Sicht früherer Inselansässiger und längst verstorbener Familienmitglieder. Ich mochte den Detailreichtum, das mäßige, Geduld fordernde Erzähltempo und den Figurenreichtum, für den es glücklicherweise im Anhang zwei Stammbäume gibt, und bin der Handlung über 500 Seiten und 146 kurze Kapitel bis zur überraschenden Auflösung mit größtem Gewinn gefolgt.
Hélène Gestern: Rückkehr nach St. Malo. Aus dem Französischen von Brigitte Große u. Patricia Klobusiczky. Rowohlt Kindler 2025
www.rowohlt.de/verlag/kindler