Was Menschen zu glauben imstande sind

Als Eugen Ruge, geboren 1954 im Ural, 2011 seinen im gleichen Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten, von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Debütroman In Zeiten des abnehmenden Lichts veröffentlichte, blieb die Vorgeschichte seiner kommunistischen Großmutter Charlotte und ihres zweiten Ehemanns Wilhelm für die Zeit zwischen 1936 und 1938 im Dunkeln.
Metropol schloss 2019 diese Lücke. Bei Recherchen im Russischen Staatsarchiv fand er die Kaderakte seiner Großmutter, die das Geheimnis um ihre russische Vergangenheit mit ins Grab genommen hatte:
Von der Sowjetunion aber, wo du, deutsche Kommunistin, nach der Machtergreifung der Nazis immerhin viereinhalb Jahre gelebt hast, kein Wort. (S. 10/11)
In Sichtweite der Lubjanka
Charlotte verließ 1928 ihren ersten Mann Erwin Umnitzer und ihre halbwüchsigen Söhne Kurt und Werner für den Kommunisten Wilhelm, mit dem sie im September 1933 in die Sowjetunion floh. Bis zum August 1936 arbeiteten beide im „Punkt 2“, der Abteilung für Internationale Verbindungen des Nachrichtendienstes der Komintern nahe Moskau. Ihre Bekanntschaft mit dem in einem von Stalins Schauprozessen angeklagten und hingerichteten Alexander Emel führte zu ihrer Suspendierung und Einweisung ins Moskauer Hotel Metropol. Während immer mehr Parteiangehörige mit aberwitzigen Anklagen wegen sowjetfeindlicher, trotzkistischer Umtriebe zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, lebte das Paar zwischen Oktober 1936 und Februar 1938 477 Tage und Nächte in Ungewissheit und Angst in ihrem Jugendstil-Luxusgefängnis gegenüber des Bolschoi-Theaters, nahe des Kremls und in Sichtweite des berüchtigten Geheimdienst-Kerkers Lubjanka. Sie sahen ehemalige OMS-Mitarbeitende kommen und gehen und lebten einige Zeit Tür an Tür mit dem Erfolgsautor und Antifaschisten Lion Feuchtwanger (1884 – 1958), der als unkritischer Prozessbeobachter der durchsichtigen Propaganda auf den Leim ging oder gehen wollte. Im Metropol lebte außerdem der Vorsitzende des Militärkollegiums des Obersten Gerichts Wassili Wassljewitsch Ulrich, Lette und Nicht-Juristen, der 30.000 Todesurteile unterzeichnete und kaum weniger Angst hatte als seine Opfer.
Die große Angst
Zunehmend panisch verfolgten die zur Untätigkeit verdammten „Gäste“ des Hotels die Höllenmaschinerie, der auch Wilhelms erste Frau Hilde Tal zum Opfer fiel, Revolutionärin der ersten Stunde, Stalinverehrerin und Denunziantin. Allnächtliche Verhaftungen im Metropol verstärkten die Paranoia.
Aus den drei Erzählperspektiven von Charlotte, Wassili Wassiljewitsch Ulrich und Hilde Tal wird der Roman erzählt. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum ausgerechnet Charlotte und Wilhelm den Großen Terror überlebten. Warum allerdings die Betroffenen so erstaunlich wenig zweifelten und weder die Mangelwirtschaft in ihrem Gastland noch den Terror erkannten, meint Eugen Ruge zu ahnen, weshalb sein Roman „eine Geschichte darüber ist, was Menschen zu glauben bereit, zu glauben imstande sind. (S. 404)

Fest steht, dass alle ihre Heimat für den Glauben an den Kommunismus aufgegeben hatten, eine Rückkehr lebensgefährlich und Bleiben damit alternativlos war. Kaum zu begreifen jedoch, dass Charlotte und Wilhelm lebenslang dem Kommunismus verhaftet blieben und Aufbauarbeit in der DDR leisteten.
Fakten und Fiktion
Ich habe Metropol sogar mit noch mehr Gewinn gelesen als In Zeiten des abnehmenden Lichts, einerseits wegen der hervorragend recherchierten, anschaulich dargestellten Zeitgeschichte, andererseits weil Eugen Ruges zurückhaltende Erzählstimme die klaustrophobische, paranoide Atmosphäre fantastisch einfängt. Bleiern und spannend, obwohl Charlottes und Wilhelms Überleben von Beginn an feststeht, sind die beiden Adjektive, die diese Mischung aus Fakten, teils als Originaldokumente, und Fiktion für mich bestens charakterisieren. Fiktional wird der Roman überall dort, wo er in die Köpfe der Figuren blickt:
Ich weiß nicht, was meine Großmutter wirklich gedacht hat. Ich erfinde, ich unterstelle, ich probiere aus, denn nichts anderes heißt Erzählen: ausprobieren, ob es tatsächlich so gewesen sein könnte. (Epilog S. 415)
Gut vorstellbar, dass es so war!
Eugen Ruge: Metropol. Rowohlt 2019
www.rowohlt.de
Weitere Rezension zu einem Roman von Eugen Ruge auf diesem Blog:
