Lukas Bärfuss: Königin der Nacht

  Ein Kind als „Betriebsunfall“

Über seine Mutter, die keine war, schreibt der 1971 geborenen, mehrfach preisgekrönten Schweizer Autor Lukas Bärfuss in seinem autobiografischen literarischen Bericht Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter. Mit ihrem Tod 2018 in der Dominikanischen Republik und dem Fund ihres letzten Kontoauszugs über beschämende 60 Franken beginnt der Text, in dem der Sohn in drei Kapiteln schlaglichtartig ihrer beider Leben beleuchtet und sie in den größeren Zusammenhang des Umgangs der Schweiz mit ihren Armen stellt.

Lebensnotwendige Distanz
In den Jahren vor dem Tod der Mutter bestand kein Kontakt, zu wenig interessierte sie sich für ihren Sohn und dessen Familie und zu riskant war für Lukas Bärfuss eine engere Verbindung:

Sie war keine Mutter. Sie war gefährlich. (S. 12)

Seine Mutter, „unerträglich“, „unberechenbar“, „vulgär“ (S. 13) stellte ihre Freiheit und Unabhängigkeit über das Muttersein, Kinder galten ihr als Betriebsunfällen. Sie stammte aus prekären Verhältnissen, war ohne Bildung und Ausbildung und blieb stets in unterbezahlten, ungesicherten Hilfsjobs. Das erste Kind wurde ihr weggenommen, das zweite zog sie nach ihrer Scheidung von einem arbeitsscheuen Gauner allein groß. Sie arbeitete, solange ihr Äußeres es zuließ, „als Bardame im Dunstkreis der Prostitution“ (S. 102), „Gewalt, Gesetzlosigkeit und rohe Brutalität zogen sie an“ (S. 19), Mutterliebe war ihr fremd:

An eine zärtliche Geste dieser Königin kann ich mich nicht erinnern, auch an keine Fürsorge, an keine Berührung, an keinen Moment, den sie mir schenkte, in dem ich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit hatte. (S. 124)

Lukas Bärfuss: Königin der Nacht. Collage: © B. Busch. Cover: © Rowohlt.

Dass auch der Sohn keine Mutterliebe empfand, sie im Alter nicht unterstützte, als ihr nur ein Leben als Armutsflüchtling unter ebenso Schiffbrüchigen fernab der Schweiz blieb, erfüllt ihn nach ihrem Tod mit Scham. Zwar hatte sie ihn um seine Kindheit betrogen und immer wieder verraten, ihn trotz seiner Begabung, Bücherliebe und Wissenssehnsucht nach der Primarschule als Hilfsknecht an einen Bauern verkauft und mit 15 Jahren zum Leben auf der Straße verdammt, wo seine Zukunft einige Jahre auf der Kippe stand, gleichzeitig meint er, dieser negativen Erziehung seine Stärke und seinen Erfolg zu verdanken.

Über den Tod hinaus
Lukas Bärfuss‘ autobiografischer Bericht reiht sich ein in mehr oder weniger romanhafte Werke von Autorinnen und Autoren wie Annie Ernaux, Édouard Louis, Didier Eribon, Arno Frank, Vigdis Hjorth oder Alex Schulman. Zum Mutterbuch Vergiss mich des Schweden über seine zwar nicht prekäre, emotional jedoch ähnlich dramatisch verlaufene Kindheit gibt es interessante Unterschiede. Während Schulman nie aufhörte, um die Liebe seiner Mutter zu ringen, stets hoffte und ihre Nähe suchte, sicherte Bärfuss sein Überleben durch Distanz und wollte ihre Liebe nicht. Für die von Schulman beschriebenen Therapien sah Bärfuss keinen Anlass, kamen für ihn doch die Zuschreibungen seiner Beschädigung nur von außen. Er sah und sieht sich eher als Glückskind denn als Opfer, auch wenn „Er, der Sohn, der Schriftsteller, ich“ (S. 29) anerkennt, dass die fehlende Mutterliebe und der ausbleibende Kummer darüber durchaus Indizien für eine doppelte Schädigung sein könnten.

Der dritte und grundlegendste Unterschied liegt in der Ursachenforschung für das mütterliche Verhalten, bei Schulman im Privaten verortet, während Bärfuss vehement politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingungen anprangert:

Wie wird man zum reichsten Land der Welt? Durch Fleiß, schmutzige Geschäfte und den Krieg gegen die Armen innerhalb der eigenen Grenzen. (S. 119)

Eines allerdings gilt für beide:

Die Mutter ist, was man nicht loswird.
Auch nicht mit dem Tod. (S. 28/29)

Ein stilistisch wie inhaltlich äußerst empfehlenswertes, minimalistisches Buch, sehr bewegend und mit reichlich Stoff für kontroverse Diskussionen.

Lukas Bärfuss: Königin der Nacht. Rowohlt 2026
www.rowohlt.de

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