Heilung am Meer

Noch ist Corona kaum mehr als eine ferne Bedrohung, als Evan Moore aus Belfast im Frühjahr 2020 im kleinen Dorf Ballybrady an der nordirischen Ostküste ankommt. Seine Ehe steht nach dem Tod seiner Tochter Jessie im Säuglingsalter auf der Kippe, seine Frau Lorna hat ihnen eine Auszeit verordnet und den achtjährigen Sohn Luca bei sich behalten.
Verwundete Seelen
Evan hat sein malerisch geduckt am Rande einer schmalen Bucht gelegenes Airbnb-Cottage erst seit wenigen Tagen bezogen, als der erste Lockdown verhängt wird. Aus der geplanten Woche wird ein Aufenthalt unbestimmter Länge. Viel Zeit für ihn, um über sich, seine Ehe, seine Schuld an Jessies Tod, seinen Job in der Finanzbranche und seinen tauben Sohn, mit dessen Behinderung er nie klarkam, nachzudenken und seiner Trauer nachzugeben. Er lernt die überwiegend kauzigen Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner kennen, besonders seine exzentrische Vermieterin Grace Kielty, und wird von ihnen beobachtet.
Auch die 50-jährige Grace ist eine verwundete Seele, die sich nach traumatischen Londoner Erlebnissen als Jugendliche in ihrem Heimatdorf mit einem hässlichen Hund als einziger Gesellschaft eingeigelt hat. Sie gibt sich schroff, hart und taff, schwimmt rund ums Jahr zu jeder Tages- und Nachtzeit im Meer, angelt und lebt vom Verkauf selbstgenähter Quilts, getrockneten Seetangs und der Vermietung ihres ehemals elterlichen Häuschens an Touristinnen und Touristen:
Sie heißt Grace Kielty. Wohnt allein, da um die Ecke hinter dem Haus, außerhalb vom Dorf. Mag keine Menschen, wie gesagt. Läuft mit den seltsamsten Klamotten rum, sieht aus wie eine Bettlerin, obwohl sie wohl kaum am Hungertuch nagt. (S. 77/78)
Bleierner Covid-Lockdown
Im ersten der drei Teile des 350 Seiten umfassenden Debütromans der Nordirin Roisin Maguire ist die bleierne Atmosphäre der ersten Covid-Lockdowns sehr deutlich spürbar und ruft Erinnerungen wach. Bewegung kommt erst mit der Ankunft des kleinen Luca in die Handlung, der ebenfalls schwer an den Verwundungen seines jungen Lebens trägt.
Die Geschichte um den traumatisierten, selbstmitleidigen Großstadtbewohner, der in der Natur und im Dorfleben Heilung und Freiheit sucht, ist nicht neu und hat mich mit ihren Klischees nur teilweise überzeugt. Die Masse von Problemen fast sämtlicher Figuren war mir insgesamt zu viel und dadurch zu wenig vertieft. Grace und Evan blieben mir in ihrem Handeln oft fremd und in ihren Dialogen hölzern, wohingegen einige der Nebenfiguren, wie die patente Dorfladenangestellte Becky, sehr gelungen sind. Der einfühlsame Umgang der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner mit der Außenseiterin Grace, die sie nicht nur akzeptieren, sondern in ihrer Andersartigkeit beschützen und verteidigen, hat mir gut gefallen. Höhepunkte sind die bildhaften, teils dramatischen Beschreibungen des Meeres in allen denkbaren Stimmungen und der irischen Küstenlandschaft, die mehr als nur den Hintergrund für die Handlung abgeben.

Irland-Sehnsucht garantiert
Wer einen nicht zu spannenden, stimmungsbetonten, ruhigen Unterhaltungsroman sucht, sich an Klischees und bekannten Motiven nicht stört und gerne erfahren will, wie der unglückliche Evan zum Mitternachtsschwimmer wird und Grace‘ harte Schale Risse bekommt, ist bei dem gleichnamigen Roman mit dem wunderschön gestalten und geprägten Cover richtig. Sehnsucht nach einem Irland-Urlaub ist dabei garantiert.
Roisin Maguire: Mitternachtsschwimmer. Aus dem Englischen von Andrea O’Brian. Dumont 2024
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