Robert Seethaler: Die Straße

Ein Roman im Stil des Pointillismus

Der 1966 geborene österreichisch-deutsche Schriftsteller, Drehbuchautor und Schauspieler Robert Seethaler zeigt in seinen Romanen immer wieder sein Herz für die „kleinen Leute“ und deren Kampf für ein würdevolles Leben mit ein bisschen Glück. Zuletzt gehörte Das Café ohne Namen zu meinen Lieblingsbüchern 2023, genau wie Ein ganzes Leben einige Jahre zuvor.

In seinem neuen Roman Die Straße setzt er deren unspektakulären Bewohnerinnen und Bewohnern ein Denkmal. Die Heidestraße, vermutlich in einer deutschen oder österreichischen Großstadt gelegen, erhielt ihren Namen 1839 und ist Teil eines gewachsenen Arbeiterquartiers. Trotz deutlicher Verfallszeichen ist sie vielen nicht nur Wohnstatt, sondern Heimat. Für Identifikation sorgt Kleingewerbe wie eine Bäckerei, eine Fleischerei, ein Blumenladen, ein neues Antiquariat, eine Kneipe und eine Gastwirtschaft, dazu ein Pflegeheim und das alljährlich im trostlosen November stattfindende Heidestraßenfest der Gewerbetreibenden. Vom Zeitraum zwischen zwei Festen, der genau mit der Lebensdauer des glücklosen Antiquariats zusammenfällt, handelt das Buch.

Ein Buch aus Fragmenten
Allerdings ist Die Straße kein Roman im üblichen Sinn mit linearer Erzählstruktur und klassischem Handlungsstrang. Robert Seethaler wählt stattdessen die Form einer Collage aus Dialogen, inneren Monologen, Gerüchten, Beobachtungen, Andeutungen, Dokumenten, Anordnungen und Briefen, die in ihrer radikalen Umsetzung experimentell anmutet.

Überraschenderweise kann man sich nach einer kurzen Phase der Irritation schnell in den zwischen ein paar Wörtern und wenigen Seiten langen, wie hingetupft wirkenden über 250 Fragmenten zurechtfinden. Selten knüpfen sie direkt aneinander an und fügen sich trotzdem langsam zu einem Gesamtbild.

Mehr als nur die übliche Seethaler-Melancholie
Einziger Wermutstropfen ist für mich, dass die Melancholie, die ich sonst in Robert Seethalers Büchern überaus schätze, dieses Mal etwas zu sehr die Oberhand gewinnt. Eine Bäckerin, die einen Obdachlosen regelmäßig mit Kaffee und Brötchen versorgt, ein aufopferungsvoller, lebenspraktischer Hausarzt und ein Paar mit Kindern, das sich zum Leidwesen der Nachbarschaft allabendlich lautstark miteinander vergnügt, gehören zu den wenigen Lichtpunkten im Meer der Ausweglosigkeit. Es herrscht viel Tristesse, ausgelöst unter anderem durch skrupellose, vom Magistrat unterstützte Immobilienspekulanten, denen jedes Mittel zur Entmietung der Wohnungen recht ist. Es gibt Todesfälle, nicht nur im Pflegeheim, den Suizidversuch einer hoffnungslos Verliebten, einen drogensüchtigen Geistlichen, Rassismus, der selbst vor dem beliebten Arzt nicht haltmacht, üble Nachrede, Korruption, Wut und ganz besonders Einsamkeit. Bei den Festen beklagt die Polizei eine Zunahme von Beleidigungen, Sachbeschädigungen, Diebstählen und sogar Körperverletzungen. Selbst der heilige Jolander, dessen von Maurerlehrlingen in jüngerer Vergangenheit angefertigte Statue den einzigen Schmuck der Heidestraße bildet, ist eine fantasievolle Erfindung eines Gemeindemitglieds und bröckelt.

Robert Seethaler: Die Straße. Foto: © M. Busch. Collage: © B. Busch. Cover: © Ullstein.

Ein Kunstwerk in Sprache und Form
Die Straße
ist für mich zwar nicht Robert Seethalers bestes Buch, aber beeindruckt hat mich das vielstimmige Gewirr, durch das der Autor seine Leserinnen und Leser meisterhaft führt, trotzdem. Typische Merkmale seiner Bücher, wie der Minimalismus, die in jedem Fragment wechselnde Sprache, die feine Beobachtungsgabe, das Fehlen jeglicher Sentimentalität oder Wertung und die ganz eigene Poesie hat der Autor in diesem Roman über das breite Spektrum menschlicher Erfahrungen perfektioniert.

Es wäre sehr bedauerlich, sollte Robert Seethaler seine Ankündigung wahrmachen und seine Schriftstellerkarriere mit Die Straße beenden. „Wer nichts hat“, sagt der junge Antiquar aus der Heidestraße einmal, „kann in Büchern alles finden“ (S. 12). Für die Bücher von Robert Seethaler gilt das unbedingt.

Robert Seethaler: Die Straße. Claassen 2026
www.ullstein.de/verlage/claassen

 

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