Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter

   Erbstücke

Von materiellem und immateriellem Familienerbe handelt der autofiktionale Debütroman Unerwünschte Töchter der 1967 geborenen deutsch-nigerianischen Arte-Redakteurin und Autorin Miriam Carbe. Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund ab dem Deutschen Kaiserreich erzählt sie von ihrer um 1880 geborenen Urgroßmutter Margarethe, ihrer 1914 geborenen Großmutter Marianne, ihrer Mutter Monika, geborenen 1945, und deren Einflüssen auf ihr eigenes Leben. Die chronologische Struktur in zeitlich angepasster, personaler Erzählweise wechselt von einer Frau zur nächsten und wird bisweilen unterbrochen durch kurze Kapitel, in denen die Autorin in der Ich-Form die Außenperspektive ergänzt, Verhaltensmuster und familiäre Prägungen reflektiert. Keine der Frauen ist ohne die vorhergehenden denkbar, vergleichbar den Perlen der Kette auf dem Cover.

Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter. Collage: © B. Busch. Cover: © Hanser.

Urgroßmutter Margarethe wuchs in einem großbürgerlichen Haushalt in Dresden auf, verehrte Goethe und legte trotz ihres kontinuierlichen gesellschaftlichen Abstiegs den durch ihre Herkunft genährten Hochmut nie ab. Sie war die erste der unerwünschten Töchter, weil die Eltern lieber einen Sohn gehabt hätten. Den ersten Heiratskandidaten wiesen sie zurück, denn ein – wenn auch zum Protestantismus konvertierter – Jude war undenkbar.

Falsches Geschlecht, falscher Zeitpunkt, falsche Hautfarbe
Waren es bei Margarethe das Geschlecht und ihr ungestümes Temperament, die nicht passten, so kam ihre Tochter Marianne zum falschen Zeitpunkt unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur Welt. Wenige Monate später war Margarethe Kriegerwitwe.

Margarethe erlaubten die gesellschaftlichen Konventionen nach der mühsam durchgesetzten Ausbildung zur Kindergärtnerin lediglich eine ehrenamtliche Tätigkeit, Marianne musste aus wirtschaftlichen Gründen ihre Träume vom Abitur und der Kunstakademie begraben. Früh übernahm Marianne die Ideologie der Nationalsozialisten und reflektierte sie zeitlebens kaum. Wie bei ihrer Mutter scheiterten mehrere Beziehungen. Schließlich ging sie ein Verhältnis mit einem Leutnant und unerbittlichen Militärrichter ein und wurde schwanger. Auch ihre Tochter Monika kam zur falschen Zeit, geboren nach dem Tod ihres Vaters, von ihm jedoch im letzten Moment legitimiert.

Monika erlebte eine schwierige Kindheit mit vielen Ortswechseln, lehnte sich als Jugendliche auf, hatte kaum Selbstbewusstsein und litt unter psychotischen Schüben. Als sie von einem nigerianischen Studenten schwanger wurde, konnte Marianne trotz aller Bemühungen die Geburt des Kindes mit der „falschen“ Hautfarbe nicht verhindern. Margarethe verschwieg sie die unpassende Urenkelin Miriam drei Jahre lang.

Ein Schrank und sein Inhalt
Neben dem immateriellen Erbe wie Intelligenz, Liebe zur Literatur und zum Schreiben, unerfüllte Träume, Kampfeswillen, Scheitern an gesellschaftlichen Strukturen, männliche Abwesenheit, Sprachlosigkeit und Übernahme von Vorurteilen existiert als materielles Erbe ein 1912 von Margarethe in Auftrag gegebener, von Mutter zu Tochter vererbter Schrank aus dunklem Kirschholz. Je nach Besitzerin enthielt er mehr Goethe oder mehr Nippes und dient Miriam Carbe heute zur Aufbewahrung der wichtigsten Vermächtnisse:

Als ich den Schrank meiner Urgroßmutter geerbt habe, erbte ich auch Regalmeter voller Notizbücher mit Tagebucheinträgen und Erinnerungsskizzen, das älteste von 1908. Die meisten Tagebücher hat meine Mutter geschrieben, aber es gibt auch sehr viele von meiner Großmutter und ein paar von meiner Urgroßmutter. Sie schrieben, um sich ihr Leben von außen anschauen zu können, um besser zu begreifen, und so schrieben sie auch oft über einander oder über mich. (S. 55)

Um fiktionale Bestandteile und eigene Erinnerungen ergänzt bilden sie die Grundlage für diesen knapp 600 Seiten umfassenden Roman, der weder beschönigt noch anklagt, nicht romantisiert und die Frauen mit all ihren Ambivalenzen und ihrer Unzuverlässigkeit in der Selbstdarstellung zu Wort kommen lässt.

Einzelschicksale und Zeitgeschichte
Was diesen Roman außerdem über eine gewöhnliche Familiengeschichte hinaushebt, ist die fantastisch gelungene Einbindung der Biografien in den zeitgeschichtlichen Kontext, sei es das Großbürgertum des Kaiserreich, die Kolonialgeschichte, der aufstrebende Nationalsozialismus, die beiden Weltkriege, die mangelnde Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und das Fortbestehen rassistischer und antisemitischer Vorurteile, das Wirtschaftswunder, von dem nicht alle profitierten, die Massenübersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik vor dem Mauerbau oder die Studentenunruhen.

Ein perfekt komponierter, höchst lesenswerter Roman.

Miriam Carbe: Unerwünschte Töchter. Hanser 2026
www.hanser-literaturverlage.de

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