Steven Price: Der letzte Prinz

Melancholischer Künstlerroman und Abbild einer vergangenen Epoche

Biografische Romane lassen den Verfasserinnen und Verfassern Spielräume beim Umgang mit bekannten Lebensdaten und beim Ergänzen fehlender Details. Selbstverständlich erwarte ich auch hier, dass die große Linie der äußeren Lebensdaten berücksichtigt wird, ich toleriere darüber hinaus aber kleinere Abweichungen und fantasievolle Ausschmückungen. Entscheidend ist, ein stimmiges Gefühl für die Person, ihre Zeit und ihr Umfeld entsteht. Genau dies ist für mich bei Der letzte Prinz, einem Künstlerroman über den sizilianischen Autor Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 – 1957) des kanadischen Lyrikers, Autors und Literaturdozenten Steven Price, gegeben. Bestärkt hat mich in dieser Auffassung, dass Gioacchino Lanza, Tomasis Adoptivsohn, mit der Beschreibung seines Adoptivvaters im Roman einverstanden war.

Ein Mann der Vergangenheit
Fürst Giuseppe Tomasi di Lampedusa entstammte einer der mächtigsten und reichsten Adels- und Großgrundbesitzerfamilien Siziliens. Als letzter Spross seines Geschlechts erlebte er den unaufhaltsamen Niedergang nicht nur seiner Familie, sondern seiner ganzen Welt.

Auf eine als „golden“ empfundene Kindheit folgten traumatische Erfahrungen Tomasis als Soldat im Ersten Weltkrieg und in einem ungarischen Gefangenenlager, wohin ihm die dominante, weltfremde Mutter Pakete schickte:

Im März kam das erste Paket seiner Mutter aus Palermo. Es enthielt zwei Bücher von Stendhal und absurderweise einen Tennisschläger, einen Abendanzug und ein Paar feine Lederschuhe. (S. 193)

Nach seiner Heimkehr reiste er unruhig durch Europa. Die Liaison und schließlich Heirat mit einer deutsch-baltischen Baronesse und Psychoanalytikerin bedeutete das Ende seiner überaus engen Mutter-Sohn-Beziehung. Von Geldsorgen geplagt, bewohnte der Literaturenthusiast mit seiner Frau Alexandra von Wolff-Stomersee einen heruntergekommenen Palazzo in Palermo, nachdem beide 1943 ihre prächtigen Familienwohnsitze verloren hatten, sie durch die Russen in Lettland, er durch amerikanische Bomber in Palermo.

Aristokrat durch und durch
Beim Einsetzen des Romans 1955 ist Tomasi ein 59-jähriger, schwerfällig am Stock gehender, vorzeitig gealterter, korpulenter Kettenraucher, der einer vergangenen Zeit nachhängt:

Giuseppe […] war es gewohnt, dass man stutzte und ihn anders ansah, wenn man von seiner Stellung im Leben erfuhr. Die hatte er viele Jahre lang als natürlich und richtig empfunden, und wenngleich er ihr seit den Nachkriegsjahren und dem Tod seiner Mutter misstraute, sah er sie tief in einem sehr alten Winkel seines Herzens doch als
ihm gebührend an. (S. 102)

© B. Busch

Die Diagnose eines Emphysems konfrontiert Tomasi mit der Einsicht, dass er nichts hinterlassen wird. Charakterlich zu schwach und passiv, um die ärztlichen Ratschläge nach Rauchverzicht und Diät zu befolgen, nimmt er doch in den letzten Lebensjahren zwei Mammutaufgaben in Angriff: Er adoptiert einen jungen Adeligen und schreibt mit Il Gattopardo seinen einzigen Roman. Zwar findet sich zu seinen Lebzeiten kein Verleger, doch ist Der Leopard bis heute der meistverkaufte italienische Roman des 20. Jahrhunderts.

Ein Roman in Episoden
In acht, jeweils mit Zeitangaben versehenen, nicht chronologisch geordneten Kapiteln wirft Price Schlaglichter auf Lampedusas Leben und die Entstehungsgeschichte seines Romans. Das neunte Kapitel von 2003 beinhaltet ein Interview mit dem Adoptivsohn.

Dass sich das Lebensgefühl dieses emotionslos treibenden Mannes so gut überträgt, ist der bewusst altertümlichen Sprache des Romans zu verdanken. Man muss Der Leopard nicht gelesen haben, um den Roman zu mögen, ich vermute allerdings einen größeren Lesegewinn für die, die ihn kennen und nicht nur – wie ich – vor vielen Jahren die Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahr 1963 gesehen haben.

Steven Price: Der letzte Prinz. Aus dem Englischen von Malte Krutzsch. Diogenes 2020
www.diogenes.ch 

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die anlässlich des Gastlandauftritts von Kanada auf den Frankfurter Buchmessen 2020/2021 erscheinen:

      

David Grossman: Was Nina wusste

  Kindsverflucht

Schon lange wollte ich einen Roman des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels von 2010,  David Grossman, lesen. Aufgrund der interessant klingenden Themen „Titos Gulags“ und „transgenerationale Traumatisierung“ fiel meine Wahl nun auf Was Nina wusste. Leider war das Buch für mich überwiegend enttäuschend, denn mit seinem Zuviel von fast allem machte es mir den Zugang zu den Protagonistinnen Vera, Nina und Gili, Großmutter, Tochter und Enkelin, schwer.

Abwesende Mütter
Dreh- und Angelpunkt des Romans ist das Geheimnis der inzwischen 90-jährigen Vera, das Nina, ihre Tochter ahnt, und von dem Gili, ihre Enkelin weiß, seit Vera ihr nach einem Suizidversuch im Nebel der Intensivstation davon erzählt hat. Es ist der Grund für zwei desaströse Mutter-Tochter -Beziehungen, für Ninas Unfähigkeit, sich lieben zu lassen, und für Gilis Horror vor dem Muttersein: 

… aber ich kann nicht, ich kann kein Kind. Bin kindsverflucht. (S. 107)

Vera, geboren 1918 als jüdische Kroatin, verheiratet mit einem Serben, war zusammen mit ihrem Mann als kommunistische Partisanin tätig. Nach Titos Bruch mit Stalin 1948 geriet ihr Mann in den Verdacht sowjetischer Spionage und nahm sich nach seiner Verhaftung 1951 das Leben. Vera entschied sich für die Solidarität zu ihrem übermäßig geliebten toten Mann und gegen die sechseinhalbjährige Tochter, die während Veras fast dreijähriger Gefangenschaft im Gulag auf Goli Otok plötzlich alles verlor.

Eine therapeutische Reise in die Vergangenheit
Zur Feier von Veras 90. Geburtstag in einem israelischen Kibbuz, wo sie seit 1963 lebt, reist Nina, die es nie lange irgendwo ausgehalten hat, aus Norwegen an. Im Gegensatz zu Vera hat sie nirgendwo fußgefasst und die hingebungsvolle Liebe von Rafael, Sohn des zweiten Ehemanns ihrer Mutter, gab ihr keinen Halt. Sie verließ Rafael, als die gemeinsame Tochter Gili drei Jahre alt war. Beide Töchter hassen ihre Mütter für das, was sie ihnen aus unterschiedlichen Motiven angetan haben, Vera wegen der Ideologie, die selbstzerstörerische Nina wegen ihres Traumas.

Während einer Reise der drei Frauen mit Rafael nach Goli Otok möchten Gili und Rafael einen Film drehen, um vor allem der am Beginn einer Demenzerkrankung stehenden Nina endlich Gewissheit zu verschaffen:

… was im Verhörzimmer der UDBA in Belgrad passiert war und was Ninas Leben so verschissen hat und unsere Familie bereits über drei Generationen vergiftet. (S. 103/104)

Mit acht Jahren Abstand verfasst Gili ein Buch.

Hadern mit der fiktionalen Bearbeitung des Stoffes
Die unnötig komplizierte Konstruktion mit der Überdramatisierung eines an sich schon hochdramatischen Konflikts, zu viel Pathos, fehlende Kapitelunterteilung, ein Übermaß an wörtlicher Rede, teils in gebrochenem Deutsch, der Sarkasmus der Ich-Erzählerin, die Filmarbeit, das alles hat mir beim Lesen keinen Spaß gemacht. Dass eine über Jahrzehnte fehlende Weiterentwicklung der Protagonistinnen in ein so versöhnliches Ende umschlägt, klang für mich unglaubhaft. Dagegen hätte ich gerne viel mehr über Veras politische Vergangenheit erfahren. Allerdings spürt man die Betroffenheit und das Engagement David Grossmans, der mit der Gulag-Überlebenden Eva Panić-Nahir (1918 – 2015), Veras realem Vorbild, eng befreundet war. Positiv auch, dass Grossman ein moralisches Urteil den Leserinnen und Lesern überlässt. Nur schießt die fiktionale Bearbeitung des Stoffes eben in meinen Augen leider weit über das Ziel hinaus.

David Grossman: Was Nina wusste. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Carl Hanser 2020
www.hanser-literaturverlage.de

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge

  Der gute Hirte

Wenn ein Fest bevorsteht, machen sich die Menschen dazu bereit, jeder nach seiner Weise. (S. 5)

Benedikt, halb Knecht, halb Kätner, hat seine eigene vorweihnachtliche Tradition. Jahr für Jahr zieht er am ersten Advent ins isländische Hochgebirge und macht sich auf die Suche nach verirrten Schafen, die bei der großen Schafeinsammlung im Herbst dort vergessen wurden. Zum 27. Mal setzt er sein Leben für fremde Schafe aufs Spiel, aus Achtung vor der Kreatur und aus Sorge um diese hilflosen Geschöpfe, denen sonst der sichere Tod droht. Eine Art Jubiläum ist es, denn Benedikt zählt 54 Jahre und hat nun sein halbes Leben diese Tradition gepflegt, die nicht bei allen auf Verständnis stößt.

Auf seinen einsamen Wanderungen durch die menschenfeindliche Gebirgswelt begleiten ihn nur sein Hund Leo und der Leithammel Knorz. Unterwegs kehren sie bei den letzten Höfen ein, lassen sich jedoch von den schlechten Wetterprognosen und dem guten Zureden der Bauern nicht aufhalten. Nichts läuft in diesem Jahr wie geplant: Menschen schließen sich ihnen ungeplant an und bedürfen ihrer Hilfe, der Winter bricht unerwartet früh und heftig herein und der Proviant wird knapp. Das erste Schaf, auf das sie schließlich stoßen, ist tot, und ohne die gute Nase seines Hundes wäre Benedikt vermutlich dieses Mal gar erfroren. Doch Benedikt ist kein Mann der Zweifel:

Dies war sein Leben – hier zu wandern. Und weil nun dies sein Leben geworden war, ist er jetzt für alles gerüstet, für alles, und kann es willkommen heißen. Er hat keine Sorgen mehr – doch eine: er kann sich nicht recht denken, wer nach ihm hier wandern wird. Doch irgendjemand wird wohl kommen. (S. 57)

Originalsprache dänisch
Gunnar Gunnarsson (1889 – 1975) gilt neben dem alles überstrahlenden Literaturnobelpreisträger von 1955 Halldór Laxness (1902 – 1998) als zweiter großer isländischer Autor des 20. Jahrhunderts und war selbst mehrfach für diese höchste Auszeichnung vorgeschlagen. Als armer Bauernsohn ging er im Alter von 18 Jahren nach Dänemark und besuchte dort für zwei Jahre die Volkshochschule. Wegen der größeren Reichweite schrieb er fast alle seine Werke zunächst auf Dänisch, darunter auch die Novelle Advent im Hochgebirge, die 1936, übersetzt von Helmut de Boor, zuerst auf Deutsch, dann 1937 auf Dänisch erschien und erst 1939 ins Isländische übertragen wurde.

Eine stimmungsvolle Vorweihnachtsleküre
Von Jón Kalman Stefánsson, heute einer der bekanntesten Autoren Islands, stammt das 17-seitige informative und persönliche Nachwort zu dieser im kleinen Format nur 80 Seiten umfassenden Erzählung, die auf einer wahren Geschichte beruht. Die unspektakuläre Handlung über eine menschlich-tierische „Dreieinigkeit“ im Kampf gegen die übermächtigen Naturgewalten gefiel mir vor allem wegen ihrer Schlichtheit. Der bisweilen leicht pathetisch-frömmelnde Stil störte mich dagegen in diesem Fall nicht, im Gegenteil empfand ich die Novelle als ebenso herzerwärmend wie ergreifend. Ich verstehe deshalb Jón Kalman Stefánsson  gut, der das Büchlein seit vielen Jahren zu jedem Weihnachtsfest mit großer Freude wieder liest. Die Idee zu dieser Vorweihnachtslektüre verdanke ich übrigens dem Wahl-Isländer und Autor Joachim B. Schmidt, der Advent im Hochgebirge ebenfalls wärmstens empfiehlt.

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge. Übertragung von Helmut de Boor. Reclam 2017
www.reclam.de

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

  Vier Generationen

Mit den verschiedenen Zeitebenen, vielen Personen und Perspektiven sowie wechselnden Orten war der Einstieg in das Hörbuch In Zeiten des abnehmenden Lichts nicht einfach. Auch wenn sich das anfängliche Chaos dank der vorangestellten Jahreszahlen und Daten im Laufe der ersten beiden CDs wohltuend sortierte, ist dies keine Lesung für nebenbei, sondern erfordert volle Aufmerksamkeit. Mit dem Durchdringen der Zusammenhänge hat das Zuhören zunehmend Spaß gemacht, allerdings nicht bei allen Handlungssträngen gleichermaßen.

Eine Familie im abnehmenden Licht des Sozialismus
Sechs der Abschnitte dieser rund 50 Jahre umfassenden DDR-Familiengeschichte betreffen den dramaturgischen Höhepunkt 1. Oktober 1989, an dem der Familienpatriarch seinen 90. (und letzten) Geburtstag begeht. Wilhelm Powileit, ursprünglich Schlosser und aus Hamburg, war Kommunist der ersten Stunde und blieb bis zu seinem Tod Stalinist, war zeitlebens dumm, stur und herrschsüchtig und zuletzt hochdekoriert, dement und lächerlich. Kommunisten wie er ebneten in den 1920er-Jahren den Nationalsozialisten durch ihren Kampf gegen die Sozialdemokraten den Weg. Seine ungleich klügere, oft von ihm genervte Frau Charlotte fand durch ihn zum Kommunismus, den sie als Befreiung und Möglichkeit zum Einsatz ihrer Talente erlebte. Ende der 1930er-Jahre hatten sie das Deutsche Reich verlassen und erst 1952 die ersehnte Rückreisegenehmigung von Mexiko in die DDR erhalten, wo sie Parteikarriere machten. Charlottes Söhne Werner und Kurt Umnitzer waren ab Mitte der 1930er-Jahre in der Sowjetunion und fielen unter Stalin in Ungnade. Werner überlebte das Lager nicht, Kurt kam 1956 nach traumatisierenden Jahren im Lager und in der Verbannung mit seiner russischen Frau Irina nach Neuendorf, wo seine Eltern lebten, promovierte als Historiker und verfasste Bücher zur Arbeiterbewegung. Sein Verhältnis zum Kommunismus war bereits distanzierter, er hoffte auf die Reformierbarkeit des Sozialismus und träumte von mehr Demokratie. Sein Sohn Alexander, genannt Sascha, fand weder bei seinem verhassten Vater noch bei der alkoholabhängigen Mutter Halt, zeigte seine kritische Einstellung zum DDR-Staat immer offener, wechselte die Frauen wie die Hemden, brach das Studium ab. An Wilhelms 90. Geburtstag floh er in den Westen. Er leidet unter einer unerfüllten schmerzhaften Sehnsucht und dem Gefühl, immer betrogen worden zu sein, nie irgendwo dazugehört zu haben. Ähnlich ergeht es Markus, der Sohn, den Markus früh im Stich gelassen hat, vierte und jüngste Generation der Familie, politisch desinteressiert, ziel- und kraftlos.

Die für mich interessanteste Nebenfigur ist Irinas Mutter Nadjeshda Iwanowna, die 1976 nach Neuendorf übersiedelt, aus Heimweh jedoch nach Slawa zurückkehrt. Ihr Schicksal böte Stoff für einen eigenen Roman, den ich sehr gerne lesen oder hören würde.

Schwächer und zu stark gewichtet sind dagegen die fünf Abschnitte über Sascha im Jahr 2001. Nach seiner Krebsdiagnose nimmt er Geld aus dem Wandtresor seines dementen Vaters und reist auf den Spuren Charlottes und Wilhelms nach Mexiko.

Ein guter Roman hervorragend gelesen
Eugen Ruge, geboren 1954 im Ural erhielt für diesen späten, stark autobiografisch geprägten Roman 2011 zurecht den Deutschen Buchpreis. Überragend ist bei dieser ungekürzten, gut zwölf Stunden umfassenden Lesung auf zehn CDs mit leider sehr langen Tracks wie immer der Sprecher Ulrich Noethen. Mit großem Gespür für die Dramaturgie des Romans liest er meist ruhig, langsam und mit gekonnten Pausen zur Spannungssteigerung, wird aber auch laut und schnell, imitiert gekonnt Dialekte und Akzente und bringt vor allem den subtilen Humor sehr gekonnt zur Geltung.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Gelesen von Ulrich Noethen. Argon 2011
www.argon-verlag.de

 

Weitere Rezensionen zu einem Gewinner des Deutschen Buchpreises auf diesem Blog:

2019

Paul Maar: Wie alles kam

  Erinnerungspfützen

Erinnerungen sind keine Tagebücher. Dem Vergleich mit einem Fluss halten sie nicht stand. Eher sind es verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen. (S. 12)

Auch wenn ich für eine Kindheit mit Sams leider zu früh geboren wurde – der erste Band erschien 1973, der bislang letzte 2020 – konnte ich immerhin mit meinen Töchtern nachholen, was ich als Kind verpasst hatte. Im Gegensatz zu vielen hausbackenen, angestaubten Büchern meiner Kinderzeit macht das Sams nicht nur der eigentlichen Zielgruppe, sondern auch den großen Vorlesern und Zuhörern der Lesungen auf langen Autofahrten einen Heidenspaß, wofür ich seinem Erfinder Paul Maar zutiefst dankbar bin. Aber auch Lippels Traum, Herr Bello und das blaue Wunder, Das Tier-ABC und viele andere seiner Bücher gehören für mich zu den unverzichtbaren modernen Klassikern für jedes Kind, nicht nur wegen der kreativen, ebenso nachdenkenswerten wie humorvollen Geschichten und Gedichte, auch wegen Paul Maars pfiffiger Illustrationen.

Von behüteten und schweren Kindheiten
Nun hat Paul Maar, geboren 1937 in Schweinfurt, das Versprechen gebrochen, das er einst seinem Verleger Friedrich Oetinger gab, und hat mit Wie alles kam – Roman meiner Kindheit erstmals für Erwachsene geschrieben. Nicht streng chronologisch erzählt er, wie er wurde, was er ist: einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbuchautoren Deutschlands. In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt soll er einmal gesagt haben, dass Mitglieder seiner Zunft entweder wie Astrid Lindgren von einer wohlbehüteten Kindheit zehren, oder sich später eine Kindheit erfinden, weil ihre schwer war. Warum er selbst zu Letzteren gehört, wird bei der Lektüre schmerzhaft deutlich.

Paradies und Hölle
So schwer Paul Maars Einstieg ins Leben war, denn die Mutter verstarb nur sieben Wochen nach seiner Geburt, so groß war sein Glück mit der Stiefmutter. Auch an den Vater erinnert er sich aus frühester Kindheit als einen fröhlichen, ausgeglichenen Mann. Dass er völlig verändert aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkehrte, gewalttätig, unbeherrscht und unglücklich über den unsportlichen, bücherliebenden Sohn war, der ihn wiederum als Störenfried empfand, war das große Unglück für beide. Das Grübeln darüber, wie aus dem Vater der unerbittliche „Schreckensmann“ wurde, und der lange Schatten, den er bis heute wirft, machen Paul Maar noch im Alter zu schaffen:

In Gesellschaft verhalte ich mich möglichst unauffällig. Das war meine kindliche Strategie gewesen, nicht die Aufmerksamkeit und den Unwillen des Vaters auf mich zu lenken. Mäuschenstill in einer Zimmerecke mit der Tapete zu verschmelzen. […] Gewöhnlich widerspreche ich nicht, wenn ich anderer Meinung bin als ein Gesprächspartner. Denn das hätte mir in meiner Kindheit leicht eine Ohrfeige einbringen können. (S. 50/51)

Unbeschwerten Jahren bei den Großeltern im fränkischen Dorf Obertheres, wohin die Mutter vor den Bomben mit ihm floh, folgten umso schwerere in Schweinfurt. Erst als er in der Mittelstufe eine Klasse wiederholen musste, fand er die richtigen Freunde. Zum Rettungsanker wurde seine Jugendliebe und heutige Frau Nele aus einer Künstlerfamilie, über die er Zugang zum Theater fand.

Paul Maar auf der Frankfurter Buchmesse 2018. © B. Busch

Eine durch und durch sympathische Autobiografie
So einfach und bescheiden Paul Maar erzählt, so tief hat mich das Buch berührt. Heitere wie schwere Erinnerungen an Kindheit und Jugend bis etwa zum Abitur reihen sich wie Miniaturen aneinander, eingeflochten sind ebenso bewegende Passagen zum gegenwärtigen Alltag mit seiner an Alzheimer erkrankten Frau in Bamberg, die einer Liebeserklärung gleichkommen.

Paul Maar: Wie alles kam. S. Fischer 2020
www.fischerverlage.de

Amanda Sthers: Lettre d’amour sans le dire

  Geschichte eines Erwachens

© B. Busch

Obwohl ich nie ohne gut gefüllten Bücherkoffer verreise, komme ich meist vor Ort doch nicht an Buchhandlungen vorbei. Im Sommer 2020 wäre es beinahe anders gekommen, denn in den Pyrenäen und im Béarn sind Buchhandlungen erschreckend selten. Erst ein Tagesausflug nach Biarritz brachte die Erlösung und prompt einen Treffer: An Amanda Sthers‘ verführerisch im Schaufenster präsentiertem neuen Roman Lettre d’amour sans le dire führte kein Weg vorbei. Amanda Sthers, geboren 1978 in Paris, Theater-, Drehbuch sowie Romanautorin und einige Jahre mit dem französischen Sänger Patrick Bruel verheiratet, liebe ich vor allem für ihr 2005 auf Französisch, 2006 auf Deutsch erschienenes Buch Die Geisterstraße, das zu den Geheimtipps meines Bücherregals zählt.

Chers monsieur,
Je vous écris cette lettre car nous n’avons jamais pu nous dire les choses avec des mots. Je ne parlais pas votre langue et maintenant que j’en ai appris les rudiments, vous avez quitté la ville. (S. 9)

© B. Busch

So beginnt Alice Cendres Brief an einen Japaner, dem sie zunächst durch Zufall und dann, während eines alles verändernden Jahres, immer wieder begegnete. Nie kam es zu einer Unterhaltung mit Worten, denn als ihre neu erworbenen Japanisch-Kenntnisse dies erlaubt hätten, hatte er Paris verlassen. Ihr Brief ist ein Liebesbrief und doch wieder nicht, denn im Japanischen gibt es kein „Je t’aime“, nur ein „Il y a de l’amour“, „Liebe liegt in der Luft“. Schreibend enthüllt sie ihm ihr Leben, Schrecken, Schmerz und Geheimnisse, und die Veränderung, die mit ihrer Begegnung begann.

Ein glückloses Dasein
Alice Cendres ist um die 50, ehemalige Französischlehrerin aus dem nordfranzösischen Cambrai und lebt seit drei Jahren auf Betreiben ihrer Tochter in Paris. Einer Kindheit voller Schrecken folgten eine Teenagerschwangerschaft und von Gewalt, Erniedrigung und Lieblosigkeit geprägte Männerbeziehungen:

Les hommes ont disposé de moi. Jamais je n’ai connu de gestes bienveillants. (S. 70)

Geprägt haben sie Langeweile, Einsamkeit, Lieblosigkeit, Missverständnisse, Passivität, Ängste und eine früh erlernte Verleugnung ihres Körpers. Die Tochter ging ihr nach deren Heirat an die wohlhabende Schwiegerfamilie verloren, für die neugeborene Enkelin hegt Alice keine Gefühle und Paris bleibt ihr fremd.

Ein folgenreicher Irrtum
Als sie an einem verregneten Oktobernachmittag einen Teesalon betritt, hält man sie für eine Kundin des Masseurs, ein Missverständnis, das sie nicht aufklärt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren berührt ein Mann ihren Körper. Die Begegnung mit Akifumi, dem japanischen Masseur, die Sanftheit seiner Hände und die ihn umgebende Melancholie wecken Alice aus ihrer Lethargie. Sie kehrt immer wieder in den Salon zurück und verliebt sich nicht nur in ihn, sondern auch in die Sprache, die Kultur und die Literatur seines Landes.

140 Seiten Poesie
Alices Brief ist zugleich Zeugnis unendlicher Traurigkeit und neuerwachter Hoffnung. Er ist voller sinnlicher Poesie und Sprachmelodie, die sich – auch wenn ich nicht jedes Wort verstand – beim Lesen wunderbar übertrug. Thematisch erinnert der kurze Briefroman an Stefan Zweigs Novelle Brief einer Unbekannten, atmosphärisch an Seule Venise der von mir ebenso geschätzten französischen Autorin Claudie Gallay.

Ich hoffe sehr, dass Lettre d’amour sans le dire bald ins Deutsche übertragen wird und Amanda Sthers endlich auch im deutschen Sprachraum die Aufmerksamkeit bekommt, die sie in Frankreich längst besitzt.

Amanda Sthers: Lettre d’amour sans le dire. Grasset 2020
www.grasset.fr

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Amanda Sthers auf diesem Blog:

Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben

  Das Ende des Schweigens

Der Roman Bella Ciao von Raffaella Romagnolo über zwei mutige Frauen und ihre Familien während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte 2019 zu meinen Lieblingsbüchern. Nun hat der Verlag Diogenes nachträglich einen Titel der Autorin aus dem Jahr 2013 veröffentlicht. Obwohl wieder aus weiblicher Perspektive erzählt wird und vorwiegend Frauen im Mittelpunkt stehen, ist er thematisch wie stilistisch vollkommen anders. Dieses ganze Leben spielt in der Gegenwart und umfasst nur drei Monate, in denen das Leben der 16-jährigen Ich-Erzählerin Paola di Giorgi und ihrer Familie komplett auf den Kopf gestellt wird:

Irgendwann in den nächsten Tagen, denke ich, werden wir uns […] darüber austauschen, wie es sich anfühlt, wenn man erkennt, dass das, was man hat, was man ist oder zu sein glaubte, auf einer Lüge beruht. (S. 229)

Probleme überall
Obwohl finanziell auf der Sonnenseite des Lebens geboren, empfindet Paola ihr Leben als Katastrophe. Einerseits sind es die üblichen Teenagerprobleme, Übergewicht, krumme Beine ein „Pferdegesicht“, Außenseitertum und Mobbing in der Schule. Andererseits findet sie auch in ihrer Familie, in der das Schweigen Programm ist, kaum Halt: Die „titelblattreife“ Mutter kann weder mit Poalas Körpermaßen noch und mit der Behinderung des Sohnes umgehen, die Großmutter leidet auch nach über 50 Jahren noch unter einer verpassten Jugendliebe und der Vater ist mehr in seiner Baufirma als zuhause. Was für die Mutter Bromazepam und für die Großmutter ihre Mastercard ist, sind für Paola Bücher und Filme, die imaginäre Freundin Carmen und die enge Beziehung zu ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Richi. Bei den zur Verbrennung überschüssiger Kalorien angeordneten täglichen Spaziergängen mit ihm im Rollstuhl überqueren die Geschwister die Grenze zwischen ihrem Luxus-Viertel und der von der familieneigenen Baufirma errichteten, von der Mutter panisch gemiedenen, sozial schwächeren Margeriten-Siedlung. Dort lernt Paola den zwei Jahre älteren Antonio kennen, der sie aufrichtig zu mögen scheint. Doch fehlendes Selbstwertgefühl und tief verwurzeltes Misstrauen taugen nicht als Basis für Freundschaft und Liebe, und um diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen, braucht es ein gewaltiges innerfamiliäres Beben.

Eine starke Erzählstimme
Die Besonderheit dieses Romans liegt für mich im radikalen, kompromisslosen und lakonischen Erzählstil der jugendlichen Protagonistin. Alterstypisch gibt es für Paola nur hopp oder top, sie schweift gern ab und obwohl sie ihre Ehrlichkeit beteuert, ist ihr Bericht gefärbt – von pechschwarz zu Beginn bis später fast rosarot. Gut gefallen hat mir die spürbare Entwicklung Paolas, die mit abnehmender Wut die Menschen ihrer Umgebung milder und differenzierter betrachten lernt. Obwohl ihre Einlassungen zur Literatur nicht immer altersgemäß wirken, ist die Perspektive insgesamt gelungen. Nicht unbedingt gebraucht hätte es die Thriller-Elemente auf den letzten Seiten, dagegen gefällt mir, dass nicht alles auserzählt wird.

Ein bunter Themenstrauß
Auch wenn der 265-Seiten-Roman aufgrund der großen Themenvielfalt – Pubertät, Eltern-Kind-Beziehung, dysfunktionale Familienstruktur, Patriarchat, Essstörung, Außenseitertum, Mobbing, Umgang mit Behinderung und Umwelt- und Sozialpolitik, um nur die wichtigsten zu nennen, – notgedrungen vieles verkürzt, empfehle ich ihn gern.

Raffaella Romagnolo: Dieses ganze Leben. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezension zu einem Roman von Raffaella Romagnolo auf diesem Blog:

Das Lieblingsbuch der Unabhängigen 2020

Mit der Prämierung Lieblingsbuch der Unabhängigen 2020 endet heute die Woche unabhängiger Buchhandlungen 2020, an der sich über 800 „Indies“ aus allen Teilen Deutschlands beteiligt haben. Sie waren – neben vielen anderen Aktionen – dazu aufgerufen, zwischen dem 21. September und dem 11. Oktober 2020 ihre belletristischen Lieblingstitel zu nominieren. Auf der fünf Bücher umfassenden Shortlist habe ich zu meiner großen Freude drei meiner Lieblingstitel aus dem Jahr 2020 wiedergefunden. Die Wahl wäre mir deshalb ausgesprochen schwergefallen, aber ich freue mich sehr, dass es einer dieser drei Titel geworden ist:                                                                                                                                                                                                                                            

Benjamin Myers: Offene See. Dumont 2020

 

Die weiteren Titel der Shortlist:


Marco Balzano: Ich bleibe hier. Diogenes 2020

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta 2020

 

 

Jasmin Schreiber: Marianengraben. Eichborn 2020

Charlotte McConaghy: Zugvögel. S. Fischer 2020

 

 

 

Rezensionen zu Siegertiteln vergangener Jahre auf diesem Blog:

2015
2016
2017

 

Charles Lewinsky: Der Halbbart

  „Erzählen ist wie Seichen: Wenn man einmal damit angefangen hat, ist es schwer, wieder aufzuhören.“ (S. 184/185)

Einer der Schweizer Gründungsmythen neben Rütli-Schwur und Tell-Sage ist die Schlacht von Morgarten im November 1315. Spätere Chronisten haben dieses Ereignis als großartigen Sieg tapferer Bauern gegen Habsburger Machtansprüche gepriesen. Was sich dort wirklich ereignet hat, ist heute ungewiss, sicher ist, dass die Schwyzer schon vorher Widerstand leisteten. Auslöser war ein Streit um Weideland zwischen dem unter Habsburger Protektorat stehenden Benediktinerkloster Einsiedeln und den Schwyzer Bauern, der sogenannte Marchenstreit, in dessen Verlauf der Konstanzer Bischof einen Kirchenbann verhängte. Der Überfall auf das Kloster mit Plünderung und Schändung der Kirche sowie die Parteinahme der Schwyzer für den Wittelsbacher Ludwig den Bayer gegen den Habsburger Friedrich den Schönen nach der Doppelkönigswahl 1314 taten ein Übriges.

Charles Lewinskys knapp 700 Seiten umfassender Roman Der Halbbart spielt genau vor diesem historischen Hintergrund. Allerdings weiß der Ich-Erzähler, der Bauernbub Eusebius, genannt Sebi, wenig über die große Politik. Er, der nicht zum Bauer, Handwerker, Totengräber, Mönch oder Soldaten taugt und darüber fast zu verzweifeln droht, berichtet von den Geschehnissen rund um sein Dorf. Zunehmend spüren die einfachen Menschen die Auswirkungen des Marchenstreits und des Kirchenbanns, erleben die Rückkehr verrohter Söldner aus Italien und lassen sich zum Überfall auf das Kloster anstacheln. Auch Sebis Familie ist gespalten: Während sein besonnener, herzlicher Bruder Origenes, genannt Geni, der bei Waldarbeiten für das Kloster ein Bein verloren hat, beim Landammann Werner Stauffacher in Schwyz für eine friedliche Beilegung des Konflikts eintritt, ist Polykarp, genannt Poli, ein unüberlegter, kriegslüsterner Hitzkopf.

Mittelalterwoche auf Gotland. © M. Busch

Der Ton macht die Musik
Meine Faszination und durchgängige Lesefreude speisten sich vor allem aus der Figur des Sebis, des „Finöggels“ (Mimöschens), „Ins-Hemd-Scheißers“, und aus seiner munteren Erzählweise. Im Perfekt, manchmal umgangssprachlich Grammatikregeln missachtend, durchsetzt mit Helvetismen, für die man ein – nicht unbedingt notwendiges – Glossar im Internet findet, tut er, was er am besten kann und im Laufe des Romans als seine Bestimmung erkennt: Geschichten erzählen. Sein Vorbild ist das Teufels-Anneli, das im Winter über die Dörfer zieht und Unterhaltung gegen Bewirtung bietet. Auch Sebi weiß als großartiger Beobachter und aufmerksamer Zuhörer viel zu berichten, Wahres und Erfundenes. Mit seinem immer sicherer werdenden Gespür für Recht, Gerechtigkeit, Wahrheit, Lüge, Heuchelei und Vorurteile formuliert er treffsicher, bisweilen humorvoll:

Wenn man einmal mit dem Gehorchen aufgehört hat, fällt einem das Sündigen bei jedem Mal leichter. (S. 180)

Es heißt, dass die Bereitschaft zur Wohltätigkeit mit jedem Schritt von der Kirche weg abnimmt. (S. 295)

Aber die Gerechtigkeit, das habe ich gelernt, ist mehr eine Sache für die Predigten als für die Wirklichkeit. (S. 330)

Auf schmerzliche Art muss er zuletzt aber auch von den Gefahren des Geschichtenerzählens und vom möglichen Missbrauch erfahren.

Ein Fremder mit dunkler und heller Seite
Fehlt noch der titelgebende Halbbart, dessen eine Körper- und Gesichtshälfte verbrannt sind. Sein Auftauchen im Dorf und sein Ende rahmen die 83 Kapitel ein. Er wird zum weisen Ratgeber und Freund Sebis, enthüllt stückweise seine tragische Geschichte, erfindet mit der Hellebarde die gefährlichste Waffe des Mittelalters und erliegt zuletzt seiner Rachgier.

Intelligente Unterhaltung
Mittelalter-Romane mit Wanderhuren meide ich und ein Band aus Ken Folletts Kingsbridge-Reihe (Die Säulen der Erde) war mehr als genug. Der Halbbart hat mir dagegen viel Spaß gemacht. Zurecht stand der intelligent unterhaltende Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 und liegt aktuell noch im Rennen um den Schweizer Buchpreis.

Charles Lewinsky: Der Halbbart. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezensionen zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 auf diesem Blog:

     

Christian Berkel: Ada

  „Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“ (S. 334)

Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. Sein Debüt Der Apfelbaum habe ich 2018 leider verpasst. Nun habe ich seinen zweiten Roman gelesen, Ada, ohne zunächst zu wissen, dass er eine Fortsetzung darstellt. Zwar muss man den ersten Teil nicht unbedingt kennen, weil die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben von Adas Eltern und Großeltern kurz angerissen werden, aber hilfreich wäre es trotzdem gewesen. Vor allem aber habe ich den Eindruck gewonnen, dass mich der erste Teil thematisch mehr interessiert hätte. Sala, die Protagonistin in Der Apfelbaum und Mutter von Christian Berkel, war Halbjüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Lager von Gurs nördlich der französischen Pyrenäen interniert, dessen eindrucksvolle Gedenkstätte und jüdischen Friedhof ich im Sommer 2020 besucht habe. Ada, die Tochter, wird im von einem großen Schweigen geprägten Nachkriegsdeutschland groß:

Sie hatten sich ihr Schweigen ebenso hart erarbeitet wie die scheißenden Tauben unseren Dachboden. […] Sie wollten ihre Ruhe. Sie wollten in ihrem Schweigen nicht gestört werden. Nur das interessierte sie.
„Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“ (S. 334)

Während im ersten Teil der geplanten Trilogie mit Christian Berkels Eltern Sala und Otto zwei reale Personen Pate für den Roman standen, ist deren Tochter Ada, die Protagonistin und Ich-Erzählerin im zweiten Band, fiktiv. 1945 in Leipzig geboren und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Argentinien ausgewandert, kehrte sie 1954 in ein ihr fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannter Geschichte zurück.

Ada besteht aus drei Teilen mit den Überschriften „Erinnern“, „Wiederholen“ und „Durcharbeiten“. Der Beginn jedes Teils sowie das Ende des Buches spielen in den Jahren 1989 bis 1993 und handeln insbesondere vom Versuch Adas, ihr Leben mit Hilfe einer Gesprächstherapie zu ordnen. Sie blickt auf ihre von dysfunktionaler Familienkommunikation geprägte Kindheit und Jugend zurück, die sich vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Mauerbau, Angst um West-Berlin und Aufbegehren der Jugend gegen das Schweigen ab Ende der 1960er-Jahre abspielte. Einerseits teilt Ada damit das Schicksal ihrer Generation, andererseits ist in ihrer Familie das Schweigen noch lauter, denn die Eltern enthalten ihr nicht nur Informationen über den eigenen Leidensweg und ihr Judentum vor, sondern ignorieren auch Adas Zweifel über Ottos Vaterschaft.

Ein zwiespältiger Leseeindruck
So spannend die Thematik des Romans unzweifelhaft ist, hatte ich mit der Umsetzung doch meine Schwierigkeiten. Obwohl Adas Verhalten, ihre innere und äußere Unruhe, ihre Rebellion gegen die mühsam aufgebaute Heile-Welt-Fassade und die Mauer des Schweigens, ihre Identitätssuche, ihre Drogenexperimente und schließlich ihr Bruch mit der Familie erklärlich sind, blieb sie mir doch als Figur sehr fremd. Mit einem auktorialen Erzähler oder wechselnden Erzählperspektiven, deutlichen Kürzungen im zweiten Teil und weniger direkter Rede hätte mir das Buch sicher besser gefallen. Statt alle Stationen der 68er-Bewegung kurz anzureißen und Ada bei der Anti-Schah-Demonstration ausgerechnet auf Benno Ohnesorg treffen zu lassen, hätte ich mir eine Fokussierung mit mehr Tiefgang gewünscht.

Als Fazit bleibt mein Wunsch, den Vorgängerband möglichst bald zu lesen. Auf den Abschlussband der Trilogie werde ich dagegen verzichten.

Christian Berkel: Ada. Ullstein 2020
www.ullstein-buchverlage.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern schreibender Schauspieler auf diesem Blog: