Das Lieblingsbuch der Unabhängigen 2020

Mit der Prämierung Lieblingsbuch der Unabhängigen 2020 endet heute die Woche unabhängiger Buchhandlungen 2020, an der sich über 800 „Indies“ aus allen Teilen Deutschlands beteiligt haben. Sie waren – neben vielen anderen Aktionen – dazu aufgerufen, zwischen dem 21. September und dem 11. Oktober 2020 ihre belletristischen Lieblingstitel zu nominieren. Auf der fünf Bücher umfassenden Shortlist habe ich zu meiner großen Freude drei meiner Lieblingstitel aus dem Jahr 2020 wiedergefunden. Die Wahl wäre mir deshalb ausgesprochen schwergefallen, aber ich freue mich sehr, dass es einer dieser drei Titel geworden ist:                                                                                                                                                                                                                                            

Benjamin Myers: Offene See. Dumont 2020

 

Die weiteren Titel der Shortlist:


Marco Balzano: Ich bleibe hier. Diogenes 2020

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta 2020

 

 

Jasmin Schreiber: Marianengraben. Eichborn 2020

Charlotte McConaghy: Zugvögel. S. Fischer 2020

 

 

 

Rezensionen zu Siegertiteln vergangener Jahre auf diesem Blog:

2015
2016
2017

 

Charles Lewinsky: Der Halbbart

  „Erzählen ist wie Seichen: Wenn man einmal damit angefangen hat, ist es schwer, wieder aufzuhören.“ (S. 184/185)

Einer der Schweizer Gründungsmythen neben Rütli-Schwur und Tell-Sage ist die Schlacht von Morgarten im November 1315. Spätere Chronisten haben dieses Ereignis als großartigen Sieg tapferer Bauern gegen Habsburger Machtansprüche gepriesen. Was sich dort wirklich ereignet hat, ist heute ungewiss, sicher ist, dass die Schwyzer schon vorher Widerstand leisteten. Auslöser war ein Streit um Weideland zwischen dem unter Habsburger Protektorat stehenden Benediktinerkloster Einsiedeln und den Schwyzer Bauern, der sogenannte Marchenstreit, in dessen Verlauf der Konstanzer Bischof einen Kirchenbann verhängte. Der Überfall auf das Kloster mit Plünderung und Schändung der Kirche sowie die Parteinahme der Schwyzer für den Wittelsbacher Ludwig den Bayer gegen den Habsburger Friedrich den Schönen nach der Doppelkönigswahl 1314 taten ein Übriges.

Charles Lewinskys knapp 700 Seiten umfassender Roman Der Halbbart spielt genau vor diesem historischen Hintergrund. Allerdings weiß der Ich-Erzähler, der Bauernbub Eusebius, genannt Sebi, wenig über die große Politik. Er, der nicht zum Bauer, Handwerker, Totengräber, Mönch oder Soldaten taugt und darüber fast zu verzweifeln droht, berichtet von den Geschehnissen rund um sein Dorf. Zunehmend spüren die einfachen Menschen die Auswirkungen des Marchenstreits und des Kirchenbanns, erleben die Rückkehr verrohter Söldner aus Italien und lassen sich zum Überfall auf das Kloster anstacheln. Auch Sebis Familie ist gespalten: Während sein besonnener, herzlicher Bruder Origenes, genannt Geni, der bei Waldarbeiten für das Kloster ein Bein verloren hat, beim Landammann Werner Stauffacher in Schwyz für eine friedliche Beilegung des Konflikts eintritt, ist Polykarp, genannt Poli, ein unüberlegter, kriegslüsterner Hitzkopf.

Mittelalterwoche auf Gotland. © M. Busch

Der Ton macht die Musik
Meine Faszination und durchgängige Lesefreude speisten sich vor allem aus der Figur des Sebis, des „Finöggels“ (Mimöschens), „Ins-Hemd-Scheißers“, und aus seiner munteren Erzählweise. Im Perfekt, manchmal umgangssprachlich Grammatikregeln missachtend, durchsetzt mit Helvetismen, für die man ein – nicht unbedingt notwendiges – Glossar im Internet findet, tut er, was er am besten kann und im Laufe des Romans als seine Bestimmung erkennt: Geschichten erzählen. Sein Vorbild ist das Teufels-Anneli, das im Winter über die Dörfer zieht und Unterhaltung gegen Bewirtung bietet. Auch Sebi weiß als großartiger Beobachter und aufmerksamer Zuhörer viel zu berichten, Wahres und Erfundenes. Mit seinem immer sicherer werdenden Gespür für Recht, Gerechtigkeit, Wahrheit, Lüge, Heuchelei und Vorurteile formuliert er treffsicher, bisweilen humorvoll:

Wenn man einmal mit dem Gehorchen aufgehört hat, fällt einem das Sündigen bei jedem Mal leichter. (S. 180)

Es heißt, dass die Bereitschaft zur Wohltätigkeit mit jedem Schritt von der Kirche weg abnimmt. (S. 295)

Aber die Gerechtigkeit, das habe ich gelernt, ist mehr eine Sache für die Predigten als für die Wirklichkeit. (S. 330)

Auf schmerzliche Art muss er zuletzt aber auch von den Gefahren des Geschichtenerzählens und vom möglichen Missbrauch erfahren.

Ein Fremder mit dunkler und heller Seite
Fehlt noch der titelgebende Halbbart, dessen eine Körper- und Gesichtshälfte verbrannt sind. Sein Auftauchen im Dorf und sein Ende rahmen die 83 Kapitel ein. Er wird zum weisen Ratgeber und Freund Sebis, enthüllt stückweise seine tragische Geschichte, erfindet mit der Hellebarde die gefährlichste Waffe des Mittelalters und erliegt zuletzt seiner Rachgier.

Intelligente Unterhaltung
Mittelalter-Romane mit Wanderhuren meide ich und ein Band aus Ken Folletts Kingsbridge-Reihe (Die Säulen der Erde) war mehr als genug. Der Halbbart hat mir dagegen viel Spaß gemacht. Zurecht stand der intelligent unterhaltende Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 und liegt aktuell noch im Rennen um den Schweizer Buchpreis.

Charles Lewinsky: Der Halbbart. Diogenes 2020
www.diogenes.ch

 

Weitere Rezensionen zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 auf diesem Blog:

     

Christian Berkel: Ada

  „Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“ (S. 334)

Wie seine Schauspielerkollegen Robert Seethaler, Matthias Brandt, Joachim Meyerhoff, Axel Milberg oder Ulrich Tukurs ist inzwischen auch der 1957 geborene Christian Berkel unter die Romanautoren gegangen. Sein Debüt Der Apfelbaum habe ich 2018 leider verpasst. Nun habe ich seinen zweiten Roman gelesen, Ada, ohne zunächst zu wissen, dass er eine Fortsetzung darstellt. Zwar muss man den ersten Teil nicht unbedingt kennen, weil die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben von Adas Eltern und Großeltern kurz angerissen werden, aber hilfreich wäre es trotzdem gewesen. Vor allem aber habe ich den Eindruck gewonnen, dass mich der erste Teil thematisch mehr interessiert hätte. Sala, die Protagonistin in Der Apfelbaum und Mutter von Christian Berkel, war Halbjüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Lager von Gurs nördlich der französischen Pyrenäen interniert, dessen eindrucksvolle Gedenkstätte und jüdischen Friedhof ich im Sommer 2020 besucht habe. Ada, die Tochter, wird im von einem großen Schweigen geprägten Nachkriegsdeutschland groß:

Sie hatten sich ihr Schweigen ebenso hart erarbeitet wie die scheißenden Tauben unseren Dachboden. […] Sie wollten ihre Ruhe. Sie wollten in ihrem Schweigen nicht gestört werden. Nur das interessierte sie.
„Merkt ihr nicht, dass man neben euch erstickt?“ (S. 334)

Während im ersten Teil der geplanten Trilogie mit Christian Berkels Eltern Sala und Otto zwei reale Personen Pate für den Roman standen, ist deren Tochter Ada, die Protagonistin und Ich-Erzählerin im zweiten Band, fiktiv. 1945 in Leipzig geboren und im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter nach Argentinien ausgewandert, kehrte sie 1954 in ein ihr fremdes Land mit fremder Sprache und unbekannter Geschichte zurück.

Ada besteht aus drei Teilen mit den Überschriften „Erinnern“, „Wiederholen“ und „Durcharbeiten“. Der Beginn jedes Teils sowie das Ende des Buches spielen in den Jahren 1989 bis 1993 und handeln insbesondere vom Versuch Adas, ihr Leben mit Hilfe einer Gesprächstherapie zu ordnen. Sie blickt auf ihre von dysfunktionaler Familienkommunikation geprägte Kindheit und Jugend zurück, die sich vor dem Hintergrund von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Mauerbau, Angst um West-Berlin und Aufbegehren der Jugend gegen das Schweigen ab Ende der 1960er-Jahre abspielte. Einerseits teilt Ada damit das Schicksal ihrer Generation, andererseits ist in ihrer Familie das Schweigen noch lauter, denn die Eltern enthalten ihr nicht nur Informationen über den eigenen Leidensweg und ihr Judentum vor, sondern ignorieren auch Adas Zweifel über Ottos Vaterschaft.

Ein zwiespältiger Leseeindruck
So spannend die Thematik des Romans unzweifelhaft ist, hatte ich mit der Umsetzung doch meine Schwierigkeiten. Obwohl Adas Verhalten, ihre innere und äußere Unruhe, ihre Rebellion gegen die mühsam aufgebaute Heile-Welt-Fassade und die Mauer des Schweigens, ihre Identitätssuche, ihre Drogenexperimente und schließlich ihr Bruch mit der Familie erklärlich sind, blieb sie mir doch als Figur sehr fremd. Mit einem auktorialen Erzähler oder wechselnden Erzählperspektiven, deutlichen Kürzungen im zweiten Teil und weniger direkter Rede hätte mir das Buch sicher besser gefallen. Statt alle Stationen der 68er-Bewegung kurz anzureißen und Ada bei der Anti-Schah-Demonstration ausgerechnet auf Benno Ohnesorg treffen zu lassen, hätte ich mir eine Fokussierung mit mehr Tiefgang gewünscht.

Als Fazit bleibt mein Wunsch, den Vorgängerband möglichst bald zu lesen. Auf den Abschlussband der Trilogie werde ich dagegen verzichten.

Christian Berkel: Ada. Ullstein 2020
www.ullstein-buchverlage.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern schreibender Schauspieler auf diesem Blog:

       

Ernst Paul Dörfler: Nestwärme

  Machen wir’s den Vögeln nach…

„Birdwatching“, Neudeutsch für Vogelbeobachtung, wird  nicht nur in Großbritannien und den USA, sondern auch bei uns in Deutschland immer beliebter. In den Zugwiesen meiner Heimatstadt am Neckar findet man inzwischen zu jeder Jahreszeit zahlreiche Vogelliebhaberinnen und -liebhaber. Einen zugleich informativen, unterhaltsamen und in launigem Stil verfassten Beitrag dazu leistet das Sachbuch Nestwärme von Ernst Paul Dörfler. Der 1950 geborene Autor ist promovierter Ökochemiker, gehörte der Umweltbewegung der DDR an, schrieb mit Zurück zur Natur deren Kultbuch, für dessen Veröffentlichung sein Lektor Kopf und Kragen riskierte, und stand jahrelang unter Beobachtung der Staatssicherheit. Vor allem aber ist er Vogelliebhaber durch und durch von Kindesbeinen an, ein Umstand, den man auf jeder der 280 Seiten spürt. Deshalb geht es ihm nicht ausschließlich um Wissensvermittlung und sein Buch ist kein Biologieunterricht auf Papier mit Merkkästen, Tabellen, Hervorhebungen und Literaturverzeichnis. Vielmehr möchte Dörfler ein Bewusstsein schaffen für eine gefährdete Spezies gemäß dem Motto: Nur was man kennt und liebt, das schützt man auch.

Vogelbeobachtung im eigenen Garten: Ein Meisenjunges kurz vor dem Verlassen des Nistkastens. © M. Busch

In 15 Kapiteln, die so fantasievolle, manchmal flapsige Überschriften wie „Was Vögel können (und was nicht)“, „Aufs Marketing kommt’s an“, „Ein Hoch auf den Rollentausch“ oder „Fit, schön und gesund“ tragen, lässt Dörfler uns an seinem unbegrenzt scheinenden Wissensschatz teilhaben. Meistens beginnen die Kapitel oder Unterkapitel mit einer Bestandsaufnahme aus der Welt der Menschen, die für mich manchmal ein wenig zu lang ausfällt, um sodann zu den Vögeln überzuleiten – eine zweifellos originelle Vorgehensweise. Wie steht es mit dem Hörvermögen hier wie dort, wie mit der Rollenverteilung, wie mit der Einvernehmlichkeit des Geschlechtsverkehrs und wie mit dem Schlafbedürfnis? Bekanntes, Neues und absolut Verblüffendes wechseln sich ab, jede These wird mit einer Vielzahl an Beispielen belegt und Streitfragen wie die nach dem Glücks- und Leid-Empfinden werden als solche benannt und diskutiert. Schade, dass man sich bei dieser Informationsfülle sicher vieles nicht merken kann! Dank modernster Technik wie Besenderung und Satelliten-Telemetrie sowie weltweiter Forschungen wissen wir heute sehr viel mehr über die Sinnesleistungen der Vögel, ihre Intelligenz und Persönlichkeit, ihr Sozialleben, ihre Sprache, ihr Schlafverhalten, den Vogelzug und den Überlebenskampf in einer sich dramatisch verändernden Umgebung. Und genau hier setzt Dörflers eindringlicher Appell an:

Der Mensch muss sich erst noch als Teil der Natur begreifen. Die nötige Intelligenz hätte er. Er nutzt sie bisher allerdings mehr für die Ausbeutung der Natur als für deren Bewahrung. Was der Vogel instinktiv richtig macht, macht die moderne menschliche Gesellschaft wissentlich falsch. Bislang überwiegt die Untergrabung der natürlichen Lebensgrundlagen. Es ließe sich ändern, wenn wir uns die Vögel mit ihren Prinzipien zum Vorbild nähmen und unser Eingebettetsein im Haushalt der Natur verinnerlichten und respektierten. (S. 279/80)

Ein Sachbuch für vogelkundlich interessierte Laien und nicht zuletzt dank der entzückenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Ute Bartels auch ein wertiges Geschenk.

Ernst Paul Dörfler: Nestwärme. Hanser 2019
www.hanser-literaturverlage.de

Per Petterson: Pferde stehlen

  Selbst entscheiden, wann es weh tut

 

Zu den Auszeichnungen, auf die ich mich fast blind verlassen kann, gehört neben dem französischen Prix Goncourt der Bokhandlerpris, der Preis der norwegischen Buchhändler für das beste Buch des Jahres. Meine Erwartungen an das 2003 prämierte Buch Pferde stehlen des 1952 geborenen Norwegers Per Petterson waren dementsprechend hoch und haben sich vollständig erfüllt.


Ein Aussteiger
Im Alter von 67 Jahren, drei Jahre nach dem Unfalltod seiner Frau, hat sich der Ich-Erzähler Trond Sander kurz vor der Jahrtausendwende mit seiner Hündin in ein renovierungsbedürftiges Häuschen an einem See in Ostnorwegen zurückgezogen. Es soll seine letzte Station sein. Die Nachrichten interessieren ihn nicht mehr, er hat weder Fernseher noch Telefon und nicht einmal seine Töchter kennen seinen Aufenthaltsort:

Mein ganzes Leben lang habe ich mich danach gesehnt, allein an einem Ort wie diesem zu sein. Auch in schönsten Zeiten, und die waren nicht selten. […] Ich hatte Glück. Doch auch dann, zum Beispiel inmitten einer Umarmung, wenn mir jemand Worte ins Ohr flüsterte, die ich gerne hörte, konnte ich mich plötzlich weit weg sehnen an einen Ort, an dem es einfach nur still war. (S. 11)

Ostnorwegen nahe der schwedischen Grenze. © M. Busch

Konfrontation mit der Vergangenheit
Jäh durchbrochen wird die Ruhe, als er in seinem einzigen Nachbarn Lars Haug wiedererkennt, der ihn an eine längst abgehakt geglaubte Vergangenheit bindet. Mit Lars kommt die Erinnerung an den Sommer 1948 zurück, den Trond mit seinem Vater in einer anderen Hütte in einem anderen Dorf nahe der schwedischen Grenze verbrachte. Er glaubte damals, der Vater, der nach dem Einmarsch der Deutschen immer wieder für Wochen oder gar Monate verschwand und danach jedes Mal mehr verändert zu seiner Familie nach Oslo zurückkehrte, würde den Sommer ihm zuliebe dort verbringen. Erst allmählich begreift er, dass der Vater sich in seiner Abwesenheit von zuhause ein alternatives Leben an eben diesem Ort aufgebaut hatte und welche Rolle die schöne Mutter seines besten Freundes, Lars‘ Bruder Jon, dabei spielte. Am Ende dieses Sommers hatte er beide verloren, den bewunderten Vater genauso wie Jon, und war ein Stück erwachsener geworden.

Spiel und Ernst
Der Titel des Romans ist doppeldeutig gewählt: „Pferde stehlen“ ist nicht nur das gemeinsame Spiel von Jon und Trond, es ist auch das Codewort der Widerstandskämpfer, für die Tronds Vater und Jons Mutter tätig waren. Wie in Vergesst unsere Namen nicht von Simon Stranger und Die Unsichtbaren von Roy Jacobsen, die ich seit dem Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019 gelesen habe, spielt der Nachrichten- und Menschenschmuggel über die norwegisch-schwedische Grenze eine bedeutsame Rolle.

Einmal lesen reicht hier nicht
Pferde stehlen
ist vieles in einem: ein wunderbares Buch über das Leben in der skandinavischen Natur, ein historischer Roman über die Besatzungszeit, eine berührende, diskrete Liebesgeschichte, ein Vater-Sohn-Roman und einer über das Erwachsenwerden. Ohne Pathos und überflüssige Worte – so wie Trond und Lars nach der Versicherung des gegenseitigen Wiedererkennens nie ein Wort über Vergangenes verlieren – vereint Petterson vor dem Hintergrund einer großartigen nordischen Kulisse die großen Themen des Lebens: Schuld, Vertrauen, Enttäuschung, Verlust, Liebe, Einsamkeit, Alter und Tod.

Per Petterson: Pferde stehlen. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Carl Hanser 2006
www.hanser-literaturverlage.de

 

Weitere Rezensionen zu Büchern auf diesem Blog, die mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet wurden:

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2018

 

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

  Zwischen Jules Verne und Wernher von Braun

Es mag an meiner Ferne zur Physik und zur Raketentechnik liegen, dass ich den Name Hermann Oberth bisher nicht kannte. Dank der Romanbiografie Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem und sich daraus ergebender eigener Recherchen weiß ich nun um einiges mehr über diesen Raketenpionier, der sich als Jugendlicher von Jules Verne inspirieren ließ und zum Lehrmeister von Wernher von Braun wurde.

Ein Leben für die Raketenforschung
1894 in Siebenbürgen und damit im Kaiserreich Österreich-Ungarn geboren, begeisterte sich Hermann Oberth bereits als Schüler für Raketen, zum Ärger seines Vaters, eines renommierten Mediziners, der den Sohn in seiner Nachfolge sah. Dieser jedoch träumte von einer Expedition zum Mond, skizzierte und berechnete, experimentierte mit Flüssigbrennstoff, steckte Rückschläge weg und ersann schließlich, als er trotz aller Vorbehalte gegen Volksdeutsche endlich in Göttingen Physik studieren durfte, das zweistufige Konstruktionsprinzip. Seiner Zeit voraus fand er weder in Göttingen noch in Heidelberg einen Doktorvater und konnte seinen Ideen nur mit einer Veröffentlichung auf eigene Kosten Gehör verschaffen. Den Traum einer Mondreise tauschte er früh gegen Pläne für Raketenwaffen. Eine Zwischenstation 1928/29 als Berater bei Fritz Langs Film Die Frau im Mond führte ihn mit dem Studenten Wernher von Braun zusammen, der seinen alten Lehrer 1941 zum Bau der Aggregat 4 (später V2 genannt) in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf Usedom und 1955 zur Vorgängerorganisation der NASA nach Huntsville/Alabama holte.

Struktur und Stil
In elf Kapitel packt Daniel Mellem fast hundert Jahre und zählt von zehn (Kindheit) rückwärts bis null (Start der Apollo 11 vor Oberths Augen). Sachlich und ohne mich als Laien technisch zu überfordern schildert der promovierte Physiker Mellem ein Leben mit weit mehr Tiefen als Höhen, gleichermaßen im privaten wie im beruflichen oder politischen Feld, in dem Oberth nie der Bau der Rakete gelang.

Umgang mit biografischen Fakten
Trotz Oberths unzweifelhafter Bedeutung für die Raketenforschung gibt es bis heute keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie, was Spielräume für die Romanbiografie bot. Auf knapp 300 Seiten erzählt Mellem Oberths Leben in Episoden. Auch wenn mir diese Beschränkung prinzipiell gut gefiel, störten mich zwei Fehlstellen sehr: Die Studiensemester der Medizin vor und nach dem Ersten Weltkrieg und das Staatsexamen an der rumänischen Universität Klausenburg mit der abgelehnten Dissertation als Diplomarbeit wären für mich zum Verständnis von Bedeutung gewesen.

Ein gescheitertes Leben
Verbaute die siebenbürgische Herkunft Oberth viele Wege, die einem Reichsdeutschen offen gestanden hätten? War er schlicht seiner Zeit voraus? Scheiterte er an seiner Unfähigkeit, sich und seine Ideen zu vermarkten? Lag es an seiner Sturheit, seiner Rechthaberei, seiner Alltagsuntauglichkeit, seiner mangelnden Teamfähigkeit, die auch seine lebenskluge Frau Tilla und die vier Kindern belasteten? Mellem bietet all diese Gründe an, überlässt jedoch die Einschätzung – genau wie die Beurteilung seiner NS-Verstrickungen – uns. Mein Mitgefühl mit dieser eigentlich tragischen Figur schlug spätestens mit seiner persönlichen Anbiederung an Hitler um. Mag der Pakt mit den Nazis aus seiner Besessenheit für die Raketentechnik und dem Beharren auf seinem Deutschtum noch erklärlich sein, so ist seine zeitweilige Mitgliedschaft in der NPD in den 1960er-Jahren aus Opposition gegen die Vergangenheitsbewältigung Adenauers und seine Unterstützung der „Stillen Hilfe“, von der auch NS-Täter profitierten, für mich unverzeihlich. Seinem späten Ruhm mit Auszeichnungen und Ehrungen tat das keinen Abbruch, bei mir bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns. dtv 2020
www.dtv.de

Amity Gaige: Unter uns das Meer

  Segeltörn ins Ungewisse

Ich habe mein ganzes Leben lang mit einem Festlandkopf gelebt. Habe Festlandgedanken gedacht. Aber jetzt will ich Meeresgedanken haben. Einen Meereskopf will ich haben. (Michael Partlow, S. 349)

© B. Busch

Unter uns das Meer von Amity Gaige ist bereits die zweite Neuerscheinung des Literaturherbstes 2020 aus dem Eichborn Verlag mit dem Meer in zentraler Rolle. Doch während sich ihm hier ein Paar während eines Segeltörns in der Karibik bewusst aussetzt, müssen die verwaisten Geschwister in Michael Crummeys Die Unschuldigen den Umgang mit dem Meer für ihr tägliches Überleben schmerzvoll erlernen.

Ein ungleiches Paar
Juliet
und Michael Partlow sind um die 40, ihre Kinder Sybil und George sieben und zweieinhalb Jahre alt, als das Ehe-Aus droht. Juliet leidet seit den Geburten unter Depressionen, die sie auf ein Kindheitstrauma zurückführt. Ihre Lyrik-Dissertation hat die einstige Musterstudentin abgebrochen. Michael arbeitet nach einem BWL-Studium bei einer Versicherung. Weder in der Organisation des Familienalltags noch in ihrer politischen Einstellung gibt es Überseinstimmungen. Obwohl sie seit dem Studium ein Paar sind, scheinen sie sich wenig zu kennen. Nachdem ein Ortswechsel nach Connecticut ins eigene Haus mit Garten vor sechs Jahren nicht den gewünschten Erfolg brachte, drängt Michael nun auf eine einjährige gemeinsame Auszeit auf einem Segelboot. Juliet, wie immer skeptisch, willigt nur zögernd ein.

Eine ungewöhnliche Erzählstruktur
Typografisch voneinander abgesetzt, erzählt Juliet ihren Teil der Geschichte rückblickend und sprachlich ausgefeilt, meist aus dem Schrank heraus, in den sie sich den größten Teil des Tages zurückzieht. Michaels Part erfahren wir aus seinem tagebuchartigen Logbuch, das er an Bord der Yacht führte. Einen weiteren, wesentlich geringeren Anteil bilden die Gespräche Sybils mit ihrer Kinderpsychologin in der zweiten Hälfte des Buches. Diese rasch aufeinanderfolgenden, gekonnt montierten Perspektiv- und Zeitwechsel waren zunächst eine Herausforderung, machten jedoch bald den besonderen Reiz des Romans aus.

Viele offene Fragen
Es mag erstaunen, dass der Roman spannend über 350 Seiten bleibt, obwohl der ungute Ausgang der ehrgeizigen Segelexpedition von Beginn an klar ist. Was ist mit Michael geschehen? Welches Kindheitstrauma lässt Juliet nicht los? Was hält das ungleiche Paar eigentlich zusammen? Und welche Auswirkungen hat das Zusammenleben auf einem 14-Meter-Boot auf die Familienstruktur?

© B. Busch

Winsch, Mastnut und Reffleine
Den Roman Herz auf Eis der Weltumseglerin Isabelle Autissier aus dem mareverlag, in dem sich ein junges Paar zu einer Weltumseglung aufmacht, hätte ich 2017 fast nicht gelesen. Ich traute mir damals ein Buch über das Segeln, von dem ich so gar keine Ahnung habe, zunächst nicht zu und hätte beinahe ein Lieblingsbuch verpasst. Bei Unter uns das Meer, einem Roman mit doppeldeutigem Titel, wären diese Zweifel angebrachter gewesen, denn nautisches Vokabular und Wissen wären hier tatsächlich von Vorteil. Gefremdelt habe ich auch mit den Protagonisten: Michael, der aus Freiheitsliebe Trump wählt und sich als traditioneller Familienversorger versteht, Juliet, die sich vergräbt, anstatt anzugehen, was sie krank macht. Ganz anders die Tochter Sybil, die mehr versteht als ihre Eltern und großartig reagiert.

Dass die Katastrophe in Gestalt einer Verkettung unglücklicher Ereignisse ausgerechnet eintritt, als die vier Abenteurer ihre Reise zu genießen beginnen, macht die Tragik ihrer Geschichte aus. Ob ein anderer Ausgang die Eheprobleme gelöst hätte, ist allerdings höchst fraglich.

Amity Gaige: Unter uns das Meer. Aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot. Eichborn 2020
www.luebbe.de/eichborn

Thomas Hettche: Herzfaden

  Ein Herzensbuch – nicht nur dank Urmel & Co.

 „Der Herzfaden?“ fragt Hatü.
„Der wichtigste Faden einer Marionette. Nicht sie wird mit ihm geführt, sondern mit ihm führt sie uns. Der Herzfaden einer Marionette macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ (S. 64)

Ein für mich unwiderstehliches Thema hat Thomas Hettche für seinen neuen Roman Herzfaden gewählt: die Augsburger Puppenkiste. Ich selbst bin mit deren zauberhaften Marionetten und Geschichten aufgewachsen und sehe mit Freude, wie die Geschichten Jung und Alt bis heute begeistern. Urmel, Kater Mikesch, Jim Knopf und die Katze mit Hut sind aus dem Leben meiner Familie jedenfalls nicht wegzudenken. Und wenn die Holzköpfe der Figuren uns zuzublinzeln, zu erröten oder kokett zu lächeln scheinen, weiß ich nun, dass der Herzfaden dafür verantwortlich ist.

© B. Busch

 

Allerdings beschränkt sich Thomas Hettche bei weitem nicht auf die bewegte Geschichte dieses Marionettentheaters. Dass der von Matthias Beckmann wunderschön illustrierte Roman über zwei Handlungsstränge verfügt, wird bereits an den beiden Druckfarben rot und blau deutlich. Während die blauen Abschnitte im Präsens die Geschichte der Puppenschnitzerin und Marionettenspielerin Hannelore Marschall-Oehmichen, genannt Hatü (1931 – 2003), Tochter des Gründers Walter Oehmichen, erzählen, spielen die roten, fantastischen Teile im Jetzt, erzählt in der Vergangenheitsform:

Die Vergangenheit ist die Gegenwart und die Gegenwart die Vergangenheit. Die Zeit löst sich in der Dunkelheit auf. In einer Geschichte setzt sie sich wieder zusammen. (S. 193)

Das Mädchen mit dem iPhone bleibt namenlos. Sie leidet unter der Scheidung der Eltern und der Besuch mit dem Vater im Puppentheater kratzt am Selbstbewusstsein der Zwölfjährigen. Weinend läuft sie davon und landet in dem sehr alten Haus voller geheimer Türen und Treppen auf dem Dachboden bei den Marionetten. Nicht nur, dass die Puppen plötzlich ihre Fäden abstreifen und sie selbst auf deren Größe schrumpft, es taucht auch noch eine riesenhafte Frau auf, die sich als Hatü, Mitbegründerin der Puppenbühne, vorstellt. Während Hatü ihr die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und ihre eigene erzählt, begreift die wieder lebendig gewordene Puppenschnitzerin gleichzeitig allmählich, warum dieses Mädchen zu ihr gefunden hat. Alles hängt zusammen mit der ersten Puppe, die sie während der Kinderlandverschickung geschnitzt hat, dem Kasperl mit dem bösen Gesicht, vor dem sie sich immer gefürchtet hat. Das Mädchen wiederum kann den Dachboden nicht verlassen, bevor es nicht den Kasperl vertrieben und dessen geheimnisvolle Geschichte erfahren hat.

Kunstvoll bettet Thomas Hettche in diese magische Erzählung Hatüs Erinnerungen ein. Von den ersten Puppen, die der Vater, ein Schauspieler und Landesleiter der Reichstheaterkammer, aus dem Krieg mitbringt, über das erste Wohnzimmer-Theater, den Puppenschrein, mit der selbstgebauten Spielbrücke und allen Puppen, die allesamt beim Luftangriff auf Augsburg am 25.02.1944 verbrennen. Nach dem Krieg nimmt die Familie einen neuen Anlauf und am 26.02.1948 lädt die Augsburger Puppenkiste mit „Der gestiefelte Kater“ zur Premiere ein. Allerdings ist dieser Teil des Romans weit mehr als die Chronik von Deutschlands berühmtestem Puppentheater, sondern Kindheit im Krieg und Jugend im Nachkriegsdeutschland, Grauen, aber auch Wiederauferstehung, zu der Walter Oehmichen beitrug:

Wir müssen die Herzen der Jugend erreichen, die von den Nazis verdorben wurden. Und die Fäden, mit denen wir sie wieder an Kultur anknüpfen, das sind die Fäden meiner Marionetten. (S. 128)

Herzfaden ist ein Roman für Jugendliche wie Erwachsene, den man auf verschiedenen Ebenen lesen und verstehen kann. Wie schön, dass er auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020 steht. Ich drücke die Daumen!

Thomas Hettche: Herzfaden. Mit siebenundzwanzig Zeichnungen von Matthias Beckmann. Kiepenheuer & Witsch 2020
www.kiwi-verlag.de

Weitere Rezensionen zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 auf diesem Blog:

   

Iris Wolff und Denis Scheck zu Gast im Literaturhaus Stuttgart

© B. Busch

Am 23.09.2020 war Iris Wolff zu Gast im Literaturhaus Stuttgart zum Gespräch mit Denis Scheck. Der Abend wurde gewohnt souverän und knapp eingeleitet von der Leiterin des Hauses, Frau Dr. Stefanie Stegmann. Für mich war es die erste Lesung nach der Wiedereröffnung, selbstverständlich mit sorgsam umgesetzten Hygienemaßnahmen und reduzierter Zuhörerzahl, dafür aber mit Livestream-Übertragung. Schade nur, dass durch die weit geöffneten Fenster zwar angenehme Abendluft, aber auch Hubschrauber-, Rettungswagen- und Straßenlärm hereinwehte.

Denis Scheck war wie immer zugleich glänzend vorbereitet und doch spontan. Mehrfach leitete er Gesprächsabschnitte mit eigenen Anekdoten ein und überraschte Iris Wolff mit teils originellen Fragen, auf die sie jedoch nach kurzer Bedenkzeit immer eine passende Antwort fand.

Mit ihrem vierten Roman, Die Unschärfe der Welt, wechselte Iris Wolff nicht nur zum Stuttgarter Klett-Cotta Verlag, sondern kam auch zurecht auf mehrere Nominierungslisten. Erfrischend ehrlich gestand sie ihre spontane Enttäuschung darüber, beim Deutschen Buchpreis 2020 „nur“ den Sprung auf die Longlist geschafft zu haben. Ich bedauere diese Entscheidung der Jury ebenfalls, denn der Platz auf der Shortlist wäre sicherlich verdient gewesen.

„Warum schreiben Sie immer über Rumänien?“, wollte Denis Scheck von der 1977 in Hermannstadt/Sibiu geborenen Iris Wolff wissen. Sie begründete dies mit ihrer Sehnsucht nach dem verlorenen Ort ihrer Kindheit und der Möglichkeit, schreibend diese Welt zu betreten, schloss aber zugleich andere Themen für die Zukunft nicht aus. Wer wie sie „ins Blaue hineinschreibt“ und wem plötzlich ein Drache in einen Nicht-Fantasy-Roman hüpft, dem könne schließlich fast alles passieren. Unter allgemeinem Gelächter wies Denis Scheck allerdings die Unterscheidung zwischen Literatur und Fantasy brüsk zurück, zumal durch die Autorin eines Verlags, der mit Tolkien aktuelle Produkte quersubventioniert.

Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf dem Konstruktionsprinzip des Romans, das nicht nur Denis Scheck, sondern auch mich fasziniert hat. Die Hauptfigur, Samuel, wird darin aus der Sicht von sieben anderen Personen geschildert. Diese multiperspektivische Erzählweise setzt Iris Wolff bewusst immer kürzeren Texten bis hin zum Twitter-Format entgegen, die vorgeben, eine zunehmend komplexere Welt erklären zu können. Ihr Fokus liege dabei grundsätzlich auf den Figuren, während die Zeitgeschichte den Hintergrund bilde, sagte Iris Wolff.

© B. Busch

Drei angenehm ruhig vorgetragene Lesungen rundeten den sehr anregenden und gelungenen Abend mit einer äußerst sympathischen Iris Wolff ab, von der ich gerne mehr lesen möchte.

 

Joachim B. Schmidt: Kalmann

  Der Sheriff aus dem hohen Norden

Denn es war noch nie richtig vorwärtsgegangen mit mir. Man vermutete, dass die Räder in meinem Kopf rückwärtslaufen. Kam vor. Oder dass ich auf der Stufe eines Erstklässlers stehengeblieben sei. […] „Run, Forrest, run!“, riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm. (S. 11)

 

Kalmann Óðinnsson ist anders. „Ärztepfusch“ sagt die Mutter, aber dank ihrer und vor allem des Großvaters rührender Fürsorge kann Kalmann heute fast selbständig leben:

 

Großvater übernahm das Denken für mich – wenigstens, als er noch hier in Raufarhöfn [sprich: Reuwarhöbb] lebte. Er passte auf mich auf. (S. 13)

Ein ungewöhnlicher Protagonist
Nun lebt der demente Großvater im Pflegeheim und der 33-jährige Kalmann bewohnt das  Holzhäuschen im äußersten Nordosten Islands alleine. Er ist Jäger, letzter Haifischfänger und stellt den typisch isländischen Gammelhai nach dem Rezept des Großvaters her. Auf Unterbrechungen seiner gewohnten Routine reagiert er mit Unsicherheit, Wut und Aggression. Doch selten gibt es dazu Anlass, denn alle in seinem kleinen Heimatort kennen ihn, akzeptieren sein Anderssein, seine Direktheit, bisweilen Taktlosigkeit, und sein Sheriff-Outfit mit Cowboyhut, Stern und Mauser, Geschenke seines amerikanischen Vaters bei ihrer einzigen Begegnung. Alle wissen um seine Gutmütigkeit, aber auch um seine Lenkbarkeit und die Art, alles wörtlich zu nehmen. Man schenkt ihm Geborgenheit, passt auf ihn auf und nur eine Freundin fehlt zu seinem Glück.

Doch die Ruhe endet schlagartig, als Kalmann bei der Verfolgung einer Polarfuchsspur eine Blutlache entdeckt. Zur gleichen Zeit verschwindet der „Quotenkönig“ und Hotelbesitzer Róbert McKenzie spurlos und im Dorf wimmelt es plötzlich von Suchtrupps, Polizei und Journalisten. Kalmann steht im Mittelpunkt des Geschehens und vermisst seinen Großvater mehr denn je:

Ich wünschte, Großvater wäre bei mir gewesen. Er wusste immer, was zu tun war. Ich stolperte über die endlose Ebene Melrakkaslétta, hungrig, erschöpft, blutverschmiert, und fragte mich, was Großvater getan hätte. (S. 9)

Krimi oder Roman?
Der Diogenes Verlag bezeichnet Kalmann als Roman, obwohl die Krimihandlung sich von der ersten bis fast zur allerletzten Seite zieht. Allerdings steht der Protagonist mit seiner unnachahmlichen Erzählweise so eindeutig im Vordergrund, dass die Entscheidung nachvollziehbar ist. Kalmann ist ein doppelt unzuverlässiger Berichterstatter, der einerseits nicht alles erzählt, was er weiß, andererseits ganz anders denkt, als wir es normalerweise erwarten. Mit kindlicher Naivität geht er manch überraschend philosophischer Überlegung nach und bastelt sich erstaunliche Erklärungen. Hat tatsächlich ein Eisbär den Verschwundenen auf dem Gewissen? In Kalmanns Worten erfahren wir aber auch von der Überfischung der Meere, den Auswirkungen von Fangquoten auf das Dorf, dem Klimawandel, dem verzweifelten Bemühen um Touristen, der Antipathie gegen Zuwanderer und der litauischen Drogenmafia, alles Themen, die der Großvater Kalmann erklärt hat, oder über die er mit erfrischend unverstelltem Blick nachsinnt.

Obwohl der Kriminalfalls nicht im Mittelpunkt steht und der seit 13 Jahren in Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt auf die polizeilichen Ermittlungen weniger Sorgfalt legt, empfand ich den Roman als spannend und sehr gut lesbar. Besonders gut gefallen haben mir die Szenen mit Komik à la Loriot, die wundervollen Landschaftsschilderungen, die Informationen über Island und die spürbare Zuneigung des Autors für seinen Antihelden. Nur die Auflösung hat mir zugesetzt und ich werde sie vermutlich nicht so schnell verdauen.

Joachim B. Schmidt: Kalmann. Diogenes 2020
www.diogenes.ch